Beleuchteter Reichstag

7.3.2011 | Von:
Dietrich Miller

Zur Wert und Kostentheorie
des realen Sozialismus
und ihrer Praxis in der Wirtschaft der DDR

Widerstand auf marxistischer Grundlage


Es ergibt sich die Frage, ob und inwieweit in der DDR Bemühungen wirksam wurden, angesichts der aus dem stalinistischen Plan- und Kommandowirtschaftssystem erwachsenen Fehlschläge in der Wirtschaft die Funktionen der Leitung und Planung mit einer effektiveren Ausnutzung der Kategorien des Wertes und der Kosten, der Gesetze der Warenproduktion generell, zu verbinden. Eine in diesem Sinne konzipierte Neuregulierung waren Reformbestrebungen, die sich begrifflich an die Einführung des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft (NÖS) knüpften. Hervorragendster Initiator dieser Reformbestrebungen war Erich Apel, zu Beginn der 60er-Jahre Vorsitzender der Wirtschaftskommission des Politbüros des SED-Zentralkomitees. Für das unter seiner Regie ausgearbeitete NÖS wurde im Ergebnis einer Wirtschaftskonferenz des ZK und des Ministerrates 1963 die Realisierung beschlossen.

Das NÖS hatte zum Ziel, den Kombinaten und Betrieben einen höheren Grad von wirtschaftlicher Selbständigkeit und Eigenverantwortung zu übertragen und damit die staatliche Administration auf diesem Gebiet einzuschränken, die zentrale Planung rationeller, flexibler zu gestalten und mit einer konsequenten Nutzung des Geldes, Preises, der Kosten und des Gewinns zu verbinden. Die Wirtschaftseinheiten sollten auf diesem Wege in verstärktem Maße auf die Erfordernisse der Liquidität und Rentabilität orientiert werden. Die Kategorien des Wertes und der Kosten sollten dabei als ökonomische Hebel zur Aufwandsenkung und Beschleunigung der wirtschaftlichen Abläufe wirken, von ihnen wurde also eine die Wirtschaft voranbringende Stimulierung erwartet. Es sollten dazu den Wirtschaftseinheiten langfristige Normative der Eigenerwirtschaftung der finanziellen Mittel vorgegeben werden.

Das NÖS aber blieb Konzeption. Es traf nämlich, je klarer seine Ziele formuliert wurden, desto mehr auf Gegnerschaft innerhalb von Parteispitze und Regierung. Man musste in diesen Kreisen zunehmend die Überzeugung gewinnen, dass das NÖS zutiefst dem Machtanspruch der Partei und ihrer zentralistischen Leitung zuwiderlief. Deshalb gerieten das NÖS und seine Autoren immer mehr in die Kritik der staatstragenden Kräfte in der DDR. Es blieb den Initiatoren des NÖS bald kaum noch ein Spielraum für das Bemühen um die praktische Umsetzung ihrer Gedanken. Fortwährenden und verstärkten Schwierigkeiten und Angriffen ausgesetzt, nahm Erich Apel sich am 3. Dezember 1965 das Leben. Einzelne nach seinem Tod unterschwellig weitergeführte Reformbestrebungen verliefen zwangsläufig ergebnislos. Dabei wären die entsprechenden Bemühungen durchaus vielversprechend für die Entwicklung der Wirtschaft gewesen und in technischer Hinsicht hatte noch zu Beginn der 60er-Jahre – der Zeit der Konzipierung des NÖS, aber auch der Zeit der gewaltsamen Selbstabgrenzung der DDR durch den Bau der Berliner Mauer – etwa ein Gleichstand mit den entwickelten kapitalistischen Länder bestanden.

Offiziell wurde das Kapital NÖS mit dem VIII. Parteitag der SED 1971 abgeschlossen. Die stalinistische Planungspraxis blieb dominierend und verfestigte sich noch. Als volkswirtschaftliches und gesellschaftliches Ziel wurde die Strategie der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" und später als entscheidender Weg dazu die umfassende Intensivierung der Volkswirtschaft propagiert. Doch diese konnte folgerichtig nicht bewältigt werden.

Die Zielstellungen des NÖS lebten jedoch am Ende der 80er-Jahre wieder auf mit den durch inneren und äußeren Druck erzwungenen Maßnahmen der politischen Führung der DDR, die Eigenverantwortung der Kombinate und Betriebe für ihren Reproduktionsprozess zu erhöhen, um damit eine höhere Effektivität in der Wirtschaft zu erreichen. Zu dieser Zeit aber war in den westlichen Industrieländern die technische Entwicklung weit vorausgeeilt und ein entscheidender Vorsprung in der Produktivität der Arbeit, dem Gradmesser der Wirtschaftsentwicklung, erreicht. Der Realsozialismus dagegen hatte – gemäß der Formulierung seiner eigenen gesellschaftlichen Theorie – nicht die notwendigen Veränderungen in den Produktionsverhältnissen zur Durchsetzung von Warenproduktion und Wertgesetz geschaffen, die den genügenden Raum für die Entwicklung der Produktivkräfte, also der Gesamtheit der subjektiven und gegenständlichen Faktoren des Reproduktionsprozesses, boten. Das Scheitern der Intensivierung der Wirtschaft, ihrer Stabilisierung war somit folgerichtig.


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