30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Beleuchteter Reichstag

15.3.2011 | Von:
Sabine Moller

Diktatur und Familiengedächtnis

Anmerkungen zu Widersprüchen im Geschichtsbewusstsein von Schülern

Ein Interview-Beispiel


Dennis gehört zu den ältesten Schülern im Sample. 2006 besuchte er die 12. Klasse eines Gymnasiums und war ebenso wie die meisten seiner Mitschülerinnen und Mitschüler ein "89er" – geboren also in jenem Jahr, als die Mauer fiel. Die ausgewählte Sequenz zeigt etwas, das für die interviewten ostdeutschen Schüler und ihren Blick auf die DDR-Vergangenheit typisch zu sein scheint: nämlich dass sie sich intensiver mit dem Spannungsverhältnis von Geschichte und Gedächtnis beschäftigen, als dies bei westdeutschen Schülern der Fall ist. Das gilt vor allem für ostdeutsche Gymnasiasten ab der 10. Klasse, die auf eine große Bandbreite von Medien der Erinnerung zurückgreifen und die für alltagskulturelle Relikte der DDR-Vergangenheit ein besonders großes Interesse aufbringen.[13]

Doch nun zu dem, was Dennis im Gespräch sagt, bevor er zu dem Fazit kommt, dass "der Sieger die Geschichte schreibt". An jener Stelle der Gruppendiskussion berichten die Schüler davon, was sie durch Fernsehen und Kino über die DDR erfahren haben, und Dennis führt aus:

Ja auch die ganzen Diktatoren hatten sie ja gerade erst beim ZDF glaube ich, und dann jetzt auch über die Stasi und also irgendwelche Stasidokumentationen und über die/ irgendwelche ist ja egal, die machen ja generell viel oder also gehen immer von der Thematik aus, wobei ich die manchmal auch persönlich etwas einseitig dargestellt finde. Ich meine, ich kann's natürlich niemals so historisch nachempfinden oder auch gar nicht recherchieren. Ich hab wie gesagt, da auch nicht gelebt und bin auch ein '89er-Jahrgang, hab noch nichts mitbekommen. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass dann, wenn dann immer, wenn dann immer die Meinung von einzelnen Leuten gehört wird, die dann logischerweise oppositionell tätig waren, die eben auch schlechte Erfahrungen mitgemacht haben, dass es jetzt nicht ganz das richtige Bild wirklich wiedergibt, wie man dort gelebt hat. [...] Das ist ja nicht so, genauso wie bei "Das Leben der Anderen", dass man jetzt davon ausgeht, dass ein Großteil der Bevölkerung überwacht wurde. Das kann man ja generell bei Historien sehen. Auch bei der Nazizeit war es ja nicht so, dass/ auch wenn natürlich da die Verbrechen noch viel größer waren, dass da auch automatisch die ganze Bevölkerung drunter zu leiden hatte. Das muss man ja schon mal so sagen. Also na im Zuge des Zweiten Weltkrieges dann logischerweise schon. Aber jetzt unter dem Regime selber? [...] Wenn man auch seine Großeltern fragt: Wie ging's dir selber? – unabhängig von irgendwelchen Bespitzelungen oder von irgendwelcher politischen Tätigkeit. Das ist ja immer die Frage, wie man sich da stellen sollte, und dann denke ich, dass es dann meistens, dass die Antworten dann besser ausfallen würden, als sie in den Medien immer dargestellt werden. Weil der Sieger schreibt die Geschichte. Ist nun mal so.[14]

Die Ausführungen von Dennis sind nicht einfach. In ihnen widerspiegelt sich jene Herausforderung, die die Auseinandersetzung mit der deutschen Zeitgeschichte unweigerlich mit sich bringt: Die DDR ist nicht zu trennen von der doppelten deutschen Diktaturgeschichte, die überkomplex und schwierig ist.

Um die Bedeutung dieser Interviewsequenz zu erschließen, sei sie zunächst im Rahmen meines Gesamtprojekts verortet.

Dennis beginnt mit Fernseh-Dokumentationen zur DDR-Geschichte, sogenannte "Stasidokumentationen". Einzelne Dokumentationen kann er – wie die meisten seiner Mitschüler – nicht benennen. Meik Zülsdorf-Kersting hat dieses Phänomen in seiner Studie zur geschichtskulturellen Sozialisation von Jugendlichen herausgearbeitet. TV-Dokumentationen werden in der Regel "gezappt", und in Gesprächen mit Jugendlichen lässt sich meist wenig über die besagten Dokumentationen herausfinden.[15]

"Das Leben der Anderen" – Filmheft der Bundeszentrale für politische Bildung."Das Leben der Anderen" – Filmheft der Bundeszentrale für politische Bildung. (© Bundeszentrale für politische Bildung)
Oft ist das anders, wenn es um Spielfilme geht. Auch das zeigen die Ausführungen von Dennis. Den Spielfilm "Das Leben der Anderen" kann er klar benennen, ebenso wie seine Mitschüler in Ost wie West "Good Bye Lenin!", "Sonnenallee", "Der Tunnel", "NVA" und andere Filme anführen können. Interessant dabei ist, dass Dennis den Film "Das Leben der Anderen" als Beleg für seine Sicht auf die DDR in Anspruch nimmt. Es war nicht so, dass die ganze Bevölkerung überwacht wurde, "es war genauso wie bei 'Das Leben der Anderen'", dass ganz spezifische "Andere" überwacht wurden.

Anders als Geschichtsspielfilme wird der Schulunterricht selbst von den Schülern in der Regel nicht ausdrücklich als Kontrasthorizont herangezogen. Er bleibt in den Schülerdiskussionen oft merkwürdig blass – das gilt allerdings für die von mir befragten ost- wie westdeutschen Schüler gleichermaßen. Auch verzichten die Schüler bei ihren Ausführungen in der Regel auf Daten und andere Zahlen. Das kann ein Indiz dafür sein, dass sie kaum weitergehende politikgeschichtliche Kenntnisse haben. Dennis allerdings liefert an einer anderen Stelle des Interviews eine relativ ausführliche Erzählung über den Aufstand in der DDR 1953, dessen mediale Darstellung er als undifferenziert und einseitig einordnet. Als Beleg für seine eigene Sicht der Dinge verweist er auf kritische Leserbriefe in einer Tageszeitung, die er aufmerksam verfolgt hat.

Die einseitige Darstellung der DDR in den Medien ist sein Hauptthema, und man hat den Eindruck, dass er in seinem Alltag nach Indizien sucht, die diese Sicht der Dinge belegen. Dabei bezieht er eine große Bandbreite von persönlichen und medialen Erfahrungen in seine Argumentation mit ein. Und der von nicht wenigen Historikern, Politologen und Pädagogen als langerwartete kritische DDR-Darstellung apostrophierte Film "Das Leben der Anderen" wird hier in einer ganz anderen Art und Weise gesehen und gedeutet als gemeinhin angenommen.[16]

Sehr deutlich wird an Dennis' Äußerungen allerdings auch, an welchem übergeordneten Rahmen er seine Vorstellungen von der DDR-Vergangenheit orientiert. Es sind gegenläufige Familienerzählungen und -erinnerungen, die dazu führen, dass er die Vermittlung von Zeitgeschichte in erster Linie als Widerspruch empfindet, ein Widerspruch, der in seiner Familie – mit Blick auf die NS-Vergangenheit – eine Tradition hat.


Fußnoten

13.
Ausführlicher hierzu Sabine Moller, Die DDR als Spielfilm und als Familiengeschichte. Wie ost- und westdeutsche Schüler die DDR sehen, in: Saskia Handro/Bernd Schönemann (Hg.), Orte historischen Lernens, Berlin 2008, S. 89–98.
14.
Gymnasium Berlin, Klasse 12ek, 18.12.2006, Zeile 263–301.
15.
Meik Zülsdorf-Kersting, Sechzig Jahre danach: Jugendliche und Holocaust. Eine Studie zur geschichtskulturellen Sozialisation, Berlin u.a. 2007, S. 302–304.
16.
In dieser Hinsicht wird "Das Leben der Anderen" in der Regel als kritische Darstellung gewürdigt, der die "verklärenden" Komödien "Sonnenallee" und "Good Bye Lenin" gegenübergestellt werden. Ein Beispiel hierfür bei: Dorothea Höcke/Jürgen Reifrath, DDR-Geschichte in der politischen Bildung mit Jugendlichen, in: Heidi Behrens u.a.(Hg.), Lernfeld DDR-Geschichte. Ein Handbuch für die politisch Jugend- und Erwachsenenbildung, Schwalbach/Ts. 2009, S. 43–60 (insb. 45).

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

NEU: Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausstellung + Film

Die Mauer. Sie steht wieder!

Was wäre, wenn die Mauer Berlin erneut halbieren würde? 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert das Deutschland Archiv der bpb mit 30 Bildmontagen und einem Film von Alexander Kupsch an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 1. Oktober 1950
    Die neue Berlin-Verfassung tritt in Kraft. Art. 1 Abs. 2 und 3, wonach Berlin ein Land der BRD ist und Grundgesetz und Gesetze der BRD bindend sind, werden wegen westlicher Vorbehalte vom 29. 8. 1950 zeitweilig suspendiert. Das Abgeordnetenhaus ersetzt die... Weiter
  • 1. Oktober 1952
    Kasernierte Volkspolizei (KVP) und Grenzpolizei erhalten militärische Dienstgrade und olivbraune Uniformen. Zuvor waren Armeekorps als »Territoriale Verwaltungen« geschaffen worden. Weiter
  • 1. Oktober 1959
    Neue Staatsflagge: Hammer und Zirkel im Ährenkranz werden als Emblem der Arbeiter-und-Bauern-Macht Hoheitszeichen der schwarzrotgoldenen Fahne. Sie soll die staatliche Eigenständigkeit der DDR symbolisieren und sie von der BRD mit ihrer... Weiter
  • 1. Oktober 1959
    Richterwahlgesetz: Die Richter der Bezirks- und Kreisgerichte werden nicht mehr vom Justizministerium ernannt, sondern von den örtlichen Volksvertretungen auf drei Jahre befristet gewählt. Bei »Pflichtverletzungen« können sie abberufen werden. Weiter
  • 1. Oktober 1959
    Die Volkskammer beschließt den Siebenjahrplan 1959 - 1965, der an die Stelle des abgebrochenen 2. Fünfjahrplans 1956 - 1960 (9. 1. 1958) tritt. Hauptziele: 1. die »sozialistische Rekonstruktion« als Modernisierung von Technologien und Maschinen, ihre... Weiter
  • 1. Oktober 1973
    Die Bundeswehrhochschulen beginnen ihren Studienbetrieb in Hamburg und München. Sie regeln ihre akademischen Angelegenheiten selbstständig im Sinne des Hochschulrahmengesetzes vom 26. 1. 1976. Das in der Regel dreijährige berufsbezogene Studium soll Offiziere... Weiter
  • 1. Oktober 1982
    Erstes erfolgreiches konstruktives Misstrauensvotum gegen einen Bundeskanzler: Der Bundestag stürzt Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) und wählt Helmut Kohl (CDU) zu seinem Nachfolger als Regierungschef (495 abgegebene gültige Stimmen: Ja 256, Nein 235,... Weiter
  • 1. Oktober 1986
    Der Zustrom von Asylbewerbern, die über den Flughafen Schönefeld nach West-Berlin weiterreisen, wird eingedämmt. Ausländer müssen daher im Transitverkehr mit der DDR über ein Anschlussvisum verfügen. Weiter
  • 1./ 2. Oktober 1989
    In Ost-Berlin entsteht die neue Oppositionsgruppe Demokratischer Aufbruch mit sozialen und ökologischen Zielsetzungen (»Dritter Weg«). Der DA konstituiert sich landesweit am 30. 10. vorläufig, am 16./17. 12. 1989 endgültig als erste oppositionelle Partei. Sie... Weiter
  • 1. Oktober 1989
    Erste Ausreisewelle aus Prag (ca. 6 000 Flüchtlinge) und Warschau (ca. 800 Flüchtlinge) mit Sonderzügen über DDR-Gebiet. Ausreisewillige Bürger versuchen dort auf die Züge aufzuspringen. Nach Ansicht der Ost-Berliner Nachrichtenagentur ADN haben die... Weiter
  • 1./ 2. Oktober 1990
    Auf dem Vereinigungsparteitag in Hamburg schließen sich die CDU in der BRD und in der DDR zur gesamtdeutschen CDU zusammen. Zum Vorsitzenden wird Bundeskanzler Helmut Kohl fast einstimmig gewählt, zu seinem einzigen Stellvertreter Ministerpräsident Lothar de... Weiter
  • 1. Oktober 1990
    2+4-Suspendierungserklärung: Wie schon am 12. 9. 1990 verabredet, erklären die Vier Mächte in New York, dass sie ihre alliierten Vorbehaltsrechte und Verantwortlichkeiten vom 3. 10. 1990 bis zum In-Kraft-Treten des 2+4-Abschlussdokuments aussetzen und damit... Weiter
  • 1. Oktober 1991
    In den fünf neuen Bundesländern steigen die Mieten, Heiz- und sonstigen Betriebskosten. Soziale Härten soll ein neu eingeführtes höheres Sonderwohngeld Ost auffangen. Die Mieten waren in der ehemaligen DDR »eingefroren« gewesen. Sie hatten die anfallenden... Weiter
  • Februar / Oktober 1968
    Zum ersten Mal treten bei Olympischen Spielen (Grenoble vom 6. 2. - 18. 2. und Mexiko vom 12. - 27. 10. 1968) zwei deutsche Mannschaften auf. Bislang hatte die BRD ihren Alleinvertretungsanspruch auch im Sport behaupten können. Das Internationale Olympische... Weiter