Beleuchteter Reichstag

15.3.2011 | Von:
Sabine Moller

Diktatur und Familiengedächtnis

Anmerkungen zu Widersprüchen im Geschichtsbewusstsein von Schülern

Der Widerspruch von Diktatur und Familiengedächtnis in historischer Perspektive


Auch vor 1989 wurde das Geschichtsbewusstsein von Jugendlichen in der DDR untersucht, weil man sich hiervon, wie es damals hieß, "Aufschluss über die Wirksamkeit geschichtsideologischer Bemühungen" versprach. So wurde etwa 1988 vom Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig eine Studie durchgeführt, die im Wesentlichen auf anonymen Befragungen beruhte. Sie galt – nicht zuletzt aufgrund ihres für die DDR-Führung deprimierenden Ergebnisses – zu DDR-Zeiten als "vertrauliche Verschlusssache". Die zum Thema "Faschismus" befragten Jugendlichen zeigten zwar überwiegend großes Interesse an der neueren Geschichte, das staatliche Informationsangebot schien jedoch an den Bedürfnissen der Jugendlichen vorbeizugehen. Die Studie konstatierte, dass das geringe Vertrauen der Jugendlichen in die offizielle Geschichtsdarstellung "bei der Aufnahme ideologierelevanter Informationen" wie ein "Filter" wirke.[17] Einer der Autoren der Jugendstudie, Wilfried Schubarth, hat als Ergebnis festgehalten, dass zum Zeitpunkt der Erhebung Ende der Achtzigerjahre die "Weitergabe von Geschichte durch Eltern, Großeltern und Bekannte", die alltäglichen Erfahrungen "des 'realen Sozialismus'", aber auch die "Medien der alten BRD" zu zunehmend wichtigeren Quellen des Geschichtsbewusstseins von DDR-Jugendlichen geworden waren.[18]

Richtet man den Blick aus dem Jahr 1988 wieder auf die Debatte über das Geschichtsbewusstsein ostdeutscher Jugendlicher 20 Jahre später dann fällt auf, dass im Wesentlichen die gleichen Quellen für mangelndes Geschichtsbewusstsein verantwortlich gemacht werden: Familienüberlieferungen und Medien lassen den Geschichtsunterricht auch jetzt immer noch blass aussehen.

Hervorgehoben sei hier allerdings – in Hinblick auf die NS-Vergangenheit – ein anderer Punkt. Den Widerspruch zwischen öffentlichem Diktaturgedächtnis und Familiengedächtnis gibt es in Ost- wie Westdeutschland, es hat ihn schon früher gegeben und es gibt ihn auch heute noch.[19] Die Aussage "Der Sieger schreibt die Geschichte" hat in der ehemaligen DDR allerdings eine andere Bedeutung als in Westdeutschland. Die DDR-Staatsführung hat sich 40 Jahre lang als "Sieger der Geschichte" stilisiert. Die "Sieger der Geschichte" sind 1989 zu den "Verlierern der Geschichte" geworden. Diese Niederlage war auf geschichtskultureller Ebene unübersehbar und symbolisch. Denkmäler wurden demontiert, Museen und Gedenkstätten umgestaltet oder geschlossen, Schulbücher in den Schulen ausgetauscht. Diese Neujustierung der öffentlichen Geschichte in Ostdeutschland ist auch mit einer an vielen Indikatoren ablesbaren Aufwertung von Familienerinnerungen einhergegangen.[20] Das, wofür es vor 1989 aus systembedingten Gründen im öffentlichen Diskurs keinen Raum gegeben hatte, was nur privat erinnert worden war, konnte nun öffentlich neu erinnert werden. Seit dem politischen Umbruch in der DDR standen und stehen in den Neuen Bundesländern deshalb andere historische Ereignisse im Mittelpunkt als in den Alten.[21]

Diese Perspektive wird in der Debatte über das Geschichtsbewusstsein in den Neuen Ländern nicht hinreichend berücksichtigt. Diktatur- und Politikgeschichte, Sozial- oder Alltagsgeschichte sind wichtige Zugänge zur DDR-Geschichte, aber die DDR ist mehr: Sie ist auch eine Erinnerungsgeschichte. Diese Erkenntnis ist hier weniger aus postmodernen Überzeugungen gespeist als aus der Realität einer vielfach gebrochenen Vergangenheitsdeutung, die sich auch in den Äußerungen von Schülern widerspiegelt, die erst nach der Wiedervereinigung (oder der "Rückkehr der Geschichte") geboren wurden. In ihren Äußerungen zeigt sich nicht nur die alltagsweltliche Tradierung von DDR-Geschichte, sondern eben auch die Tradierung biografischer Zäsurerfahrungen, gepaart mit Spuren des geschichtskulturellen Umbruchs nach 1989.

Geschichtskulturelle Entwicklungen und Umbrüche aufzugreifen und für pädagogische Bemühungen fruchtbar zu machen, ist keine leicht zu bewältigende Herausforderung und im knapp bemessenen Geschichtsunterricht in der Regel sicherlich schwer realisierbar. Wie notwendig und sinnvoll es allerdings sein kann, sich dieser Aufgabe zu stellen, zeigt die Gedenkstätte Buchenwald. Dort wurde den zwei realgeschichtlichen Ausstellungen zum Konzentrations- und Speziallager eine über die Geschichte der Erinnerung an das Konzentrationslager Buchenwald an die Seite gestellt.


Fußnoten

17.
Wilfried Schubarth, Zum Geschichtsbewusstsein von Jugendlichen der DDR, unveröff. Ms., Leipzig 1989, BArch, DC 4/305.
18.
Wilfried Schubarth, Forschungen zum Geschichtsbewusstsein, in: Walter Friedrich u.a. (Hg.), Das Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig 1966–1990. Geschichte, Methoden, Erkenntnisse, Berlin 1999, S. 206–224, hier 212.
19.
Dieses Spannungsverhältnis lässt sich natürlich auch noch grundsätzlicher fassen, denn das "konkurrierende Nebeneinander radikalisiert im Grunde nur das Problem der Vereinbarkeit von Makro- und Mikroerzählungen, von gesellschaftlichen Normen (und Normbrüchen) und Erfahrungen, denen sich jede beteiligungsorientierte politische Bildung ausgesetzt sieht.": Heidi Behrens u.a., Historisch-politisches Lernen in der außerschulischen Bildung. Voraussetzungen, Praxis, Desiderate, in: dies. (Hg.), Lernfeld DDR-Geschichte. Ein Handbuch für die politisch Jugend- und Erwachsenenbildung, Schwalbach/Ts. 2009, S. 15–42, hier 19.
20.
Vgl. Sabine Moller, Vielfache Vergangenheit. Öffentliche Erinnerungskulturen und Familienerinnerungen an die NS-Zeit in Ostdeutschland, Tübingen 2003.
21.
Elisabeth Noelle-Neumann/Renate Köcher (Hg.), Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1993–1997, München 1997, S. 505ff.

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