Beleuchteter Reichstag

9.3.2011 | Von:
Mario Janello

Sozialistische Landwirtschaft

Wurden bisher zumeist die Verhältnisse in den Dörfern von der Bodenreform bis zur Zwangskollektivierung beleuchtet, so liegen nun Studien vor, die die Entwicklung der Landwirtschaft auch nach dem "sozialistischen Frühling auf dem Lande" bis zum Zusammenbruch der DDR 1989/90 analysieren.

Die Zwangskollektivierung und ihre Folgen


Michael Beleites, Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringsdorf, Robert Grünbaum (Hg.): Klassenkampf gegen die Bauern. Die Zwangskollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft und ihre Folgen bis heute, Berlin: Metropol 2010, 167 S., € 16,–, ISBN 9783940938961.

Erhard Runnwerth: Entwicklung der bäuerlichen Landwirtschaft in der DDR bis zur Vollkollektivierung im sozialistischen Frühling 1960, Norderstedt: Books on Demand 2010, 188 S., € 15,–, ISBN 9783839175798.

Michael Heinz: Von Mähdreschern und Musterdörfern. Industrialisierung der DDR-Landwirtschaft und die Wandlung des ländlichen Lebens, Berlin: Metropol 2011, 500 S., € 29,90, ISBN 9783940938909.


Klassenkampf gegen die Bauern

Beleites u.a.: Klassenkampf gegen die BauernBeleites u.a.: Klassenkampf gegen die Bauern (© Metropol Verlag)
Zum 50. Jahrestag der offiziellen Verlautbarung zum Abschluss der vollständigen Kollektivierung der Bauern in der DDR fand in Berlin am 19. April 2010 eine Fachtagung statt, die sich der Vorgeschichte des "sozialistischen Frühlings auf dem Lande" und seinen Nebenwirkungen widmete. Die Veranstalter, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur und der Konferenz der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, die geladenen Experten und anwesenden Praktiker ließen einen ungeschönten Meinungsaustausch zu der brisanten Thematik erwarten, der auch stattfand.

Gleichwohl hat seit 1990 die Dramatik, die Ungeheuerlichkeit und Nachhaltigkeit der 1960 abgeschlossenen "Vollgenossenschaftlichkeit" eines Teiles des deutschen Bauernstandes in Bevölkerung und Politik bisher nicht den angemessenen Widerhall gefunden. Insofern ist es wichtig, dass die Beiträge der Tagung nun veröffentlicht worden sind.

Die Autoren reflektieren die Vorgänge um die Zwangskollektivierung aus verschiedenen Perspektiven und betrachten schonungslos die Nachwirkungen der Durchsetzung des kollektivwirtschaftlichen Modells, die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), in den ländlichen Räumen der neuen Bundesländer.

Hinsichtlich der "sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft" der DDR gehen einige Autoren von einer "Zwei-Stufen-Strategie" der SED aus, die auf dem leninschen Konzept beruhte. Die erste Stufe (Bodenreform) beinhaltete demzufolge die Enteignung von Mittel- und Großbauern sowie die Schaffung eines breiten, aber ineffektiven Kleinbauerntums. Mit der zweiten Stufe (Kollektivierung) überführten SED und Staatsmacht diese nivellierte, aber immer noch einzelbäuerlich wirtschaftende Schicht in kollektivwirtschaftliche, staatlich gelenkte Betriebe. Diese Strategie folgte dem sowjetischen Beispiel und verhalf vordergründig der Durchsetzung der marxistisch-leninistischen Ideologie.

Das ist nicht falsch, aber nicht vollständig. Offensichtlich sind den Autoren die Hintergründe des sogenannten "Leninschen Genossenschaftsplans"[1] nicht bekannt. Mit seinen "fünf Prinzipien" zielte dieses Konzept (russisch "plan") auf noch mehr als auf die Proletarisierung der ländlichen Bevölkerung und die Liquidierung der Bauern als eigenständiger "Klasse". Allerdings wurde der "Leninsche Genossenschaftsplan" weder von Lenin noch im Lande Lenins erfunden, sondern in der DDR und erst zum Zeitpunkt des Kollektivierungsabschlusses als Legitimationsstrategie gebraucht. Dieses Kuriosum ist immer noch nicht aufgedeckt worden. Die auf sowjetischem Beispiel und den "Klassikern" der kommunistischen Weltanschauung beruhende Agrarpolitik der DDR beinhaltete aber noch mehr: die Lösung der Agrarfrage. Die SED stand – wie ganz Europa – vor dem Problem der Ernährungssicherung und des Ausgleichs der Verhältnisse von "Stadt und Land".

Dass Ideologie als Grundlage auch weiterer Entwicklungsetappen der sozialistischen Landwirtschaft diente, wird im Sammelband im Kontext der Einführung "industriemäßiger Produktionsmethoden" klargestellt. Ebenso verhielt es sich generell bei allen agrarpolitischen Entscheidungen, wie der Bildung von kooperativen Verbünden oder der unglücklichen Trennung des einheitlichen Produktions- und Reproduktionsprozesses der Landwirtschaft, was hier aber nicht behandelt worden ist.

Überhaupt stellt sich die Frage, warum kritische Praktiker der DDR Agrarwirtschaft das Feld der jüngeren und agrarfachfremden Generation von Historikern überlassen. Die spricht dann auch mal davon, dass 1948 eine "anfangs freiwillige Kollektivierung" begonnen habe (Hans Dieter Knapp). Ähnlich Uwe Bastian, demzufolge LPG-Mitglieder angeblich "nicht wussten, woran sie eigentlich sind", und nur die Nomenklatur-Kader über buchhalterische Daten Bescheid wussten. Zwar interessierten viele LPG Beschäftigte sich für den Wert der Arbeitseinheiten, nicht aber für betriebswirtschaftliche Kennzahlen.

Der Rückblick Manfred Probsts auf das Jahr 1960 bildet eine Ausnahme. Der erfahrene Landwirt berichtet prägnant über die persönliche Tragik der "Vollkollektivierung" und die Auswirkungen der Unvollkommenheit der gesamtdeutschen Agrarpolitik nach 1990. Zu Recht bezeichnet er die deutsche Anerkennung der sowjetischen Enteignungen von 1945 bis 1949 als Landraub.

Psychologisch interessant und lesenswert sind die Untersuchungen von Udo Grashoff über Suizide von Bauern während der Zwangskollektivierung. Sie erreichten ein derartiges Ausmaß, dass sich das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) damit beschäftigen musste. Dem ging es aber nicht um objektive Ursachenforschung, sondern um die "Entlarvung des Klassengegners". Dennoch seien die Berichte des MfS über die Zwangskollektivierung zum Teil wertvoller als die von SED-Dienststellen oder staatlichen Landwirtschaftsbehörden, worauf Daniela Münkel hinweist.

Der Sammelband endet mit mehreren Beiträgen über die Auswirkungen der Kollektivierung auf die heutige Agrarstruktur in den ländlichen Räumen der östlichen Bundesländer. Diese Aufsätze hinterlassen beim Leser einen gewissen Fatalismus, sind doch erkleckliche landwirtschaftliche Nutzflächen in die Hände von ehemaligen Nomenklaturkadern geraten, wie Uwe Bastian darlegt. Dies führte eine Tagungsteilnehmerin während der Abschlussdiskussion zu der Feststellung: "Wir bekommen wieder den Sozialismus".

Fußnoten

1.
Vgl. "Über die Naturalsteuer", in: [Wladimir I.] Lenin, Werke, Berlin (O.) 1962, Pkt. 5 u. 9; Walter Ulbricht, Reden während der 8. Tagung des Zentralkomitees der SED, 30.3. – 2.4.1960, in: Neues Deutschland, 1.4.1960, S. 3A.

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