BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
Beleuchteter Reichstag

9.3.2011 | Von:

Sozialistische Landwirtschaft

Industrialisierung der DDR-Landwirtschaft
und Wandel des ländlichen Lebens


Heinz: Von Mähdreschern und MusterdörfernHeinz: Von Mähdreschern und Musterdörfern (© Metropol Verlag)
Ein Buch über die Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR hat Michael Heinz vorgelegt und damit eine Forschungslücke geschlossen. Denn bisher hatten die meisten Autoren sich fast ausschließlich der Landwirtschaft von 1945 bis 1960 in der SBZ/DDR oder nur ausgewählten Teilaspekten gewidmet. Heinz hingegen untersucht in drei Kapiteln deren Entwicklung seit dem VI. Parteitag der SED 1963 bis zum Ende der DDR 1990, bis zur Umwandlung der LPG in Betriebsformen bürgerlichen Rechts.

Der Verfasser betrachtet die Entwicklung unter dem Blickwinkel der von der SED geplanten vollständig sozialisierten und industrialisierten Landwirtschaft in der DDR. Dabei stützt er sich auf drei Säulen: die allmähliche weitere Umwandlung der nach 1963 bestehenden LPG aller drei Typen; die Umwandlungsprozesse zur Schaffung von Betriebsformen, welche auf eine voll-ständige Industrialisierung der DDR-Landwirtschaft und letztlich, schleichend, auf eine Proletarisierung des Bauernstandes abzielten; und die Ergebnisse des gesamten Sozialisierungsprozesses mit Blick auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in den Dörfern.

Auf dem VI. SED-Parteitag stand die Einführung industrieähnlicher bzw. -mäßiger Produktionsmethoden noch nicht vordergründig zur Debatte. Allerdings bescherte die beschlossene Wirtschaftsreform, das "Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft" (NÖSPL), der sozialistischen Landwirtschaft eine vorübergehende Konsolidierung. Kaum aber hatte die SED die letztlich fehlgeschlagene Reform unauffällig ausklingen lassen, trug sie Kooperationswellen zur Durchsetzung von "Konzentration und Spezialisierung der Produktion" als Voraussetzung für die geplante Industrialisierung unter Druck in die kaum gefestigten LPG hinein.

Die Kooperation erfolgte in zwei prinzipiell verschiedenen Phasen, deren zweite spätestens nach dem VIII. Parteitag der SED 1971 zu ökonomisch und juristisch selbstständigen Betriebseinheiten führte. Erst damit hatte sich die SED-Agrarpolitik eine Basis geschaffen, die sozialistische Landwirtschaft zu Großinvestitionen für industriemäßige Anlagen zu veranlassen. Überhaupt nahm der VIII. Parteitag eine Schlüsselrolle bei der Verdrängung der bisherigen, in Teilen noch bäuerlich betriebenen "Warenhausproduktion", der Absage an die Groß-LPG und beim Kurs auf den "Gigantismus" in der Landwirtschaft. Die bereits vor dem existierenden einfachen Pflanzenkooperationsverbünde mutierten nach 1971 zu selbstständigen Pflanzenproduktionseinheiten (KAP). Zwangsläufig verblieben nicht mehr bodengebundene "Rumpf-LPG", die sich zu Großbetrieben der Tierproduktion entwickelten. Diese Zäsur hätte Heinz noch etwas klarer herausarbeiten können. Die gleichzeitige Entmachtung des Parteichefs Walter Ulbricht öffnete seinem Widersacher Gerhard Grüneberg als ZK-Sekretär für Landwirtschaftspolitik bei der weiteren Umgestaltung des Agrarwesens Tür und Tor.

Mit der eindeutigen Definition der KAP und ihrer Zweckbestimmung war der erste Schritt zu der bald einsetzenden Trennung des einheitlichen Produktions- und Reproduktionsprozesses getan. Die ab 1977 einsetzende große Gründungswelle der LPG der Pflanzenproduktion, LPG (P), bzw. Tierproduktion, LPG (T), schuf die Voraussetzungen, industriemäßige, überdimensionierte Produktionsanlagen in ebensolchen Produktions- und Betriebseinheiten errichten zu können. Die Bauern und Beschäftigten, inzwischen als Arbeitskräfte (Ak) bezeichnet, bildeten eine Schicht, das Agrarproletariat, welches die Identifikation mit dem Land und dem Betrieb verlor.

Die Phasen der Steuerung durch die SED beschreibt Heinz sehr ausführlich, intensiv recherchiert, detailreich und tiefgründig. Allerdings wäre eine Periodisierung der Jahre 1963 – 1989/90 hilfreich gewesen, um die skizzierten Ereignisse bestimmten Entwicklungsphasen zuordnen zu können. Das wäre anhand der Parteitage und staatlich inszenierten Bauernkongresse gut möglich gewesen. Interessant ist dabei, welch abwechslungsreiches Spiel in der zentralen Agrarpolitik und zwischen den Hauptprotagonisten in verschiedenen Entwicklungsphasen stattfand. Wer nicht dem engeren Führungszirkel von SED oder staatlicher Leitung nahestand, dem blieben die internen Grabenkämpfe verschlossen: die zwischen Ulbricht und Grüneberg ebenso wie die zwischen anderen Spitzenfunktionären in der SED und des Staatsapparates. Letztlich ging es der SED-Spitze nur um die Durchsetzung der marxistisch-leninistischen Theorien und nicht um die Sache oder gar den Menschen.

Der Autor skizziert aber nicht nur die zunehmend sozialisierte und industrialisierte Landwirtschaft anhand der zentralen SED-Agrarpolitik, sondern blendet immer wieder auf die Vorgänge in den drei Nord-Bezirken der DDR (Rostock, Schwerin, Neubrandenburg) zurück, wobei sich keine prinzipiellen, sondern lediglich regionale oder temporäre Unterschiede abzeichnen. Grafiken hätten einige erläuternde Texte sparen und ein Vergleich mit einem repräsentativen Süd-Bezirk die Spezifik des agrarisch betonten Nordens besser aufzeigen können.

Agrarfachlichen Tatbeständen hat Heinz sich in sehr kundiger Weise zugewandt, sodass er sich zu den produktionsbegleitenden Faktoren fachlich korrekt zu äußern vermag. Das gilt ebenfalls für seine Ausführungen zum Leben und Arbeiten im ländlichen Raum und in den Agrarbetrieben der Nord-Bezirke, die schonungslose Erwähnung des Alkoholproblems oder des Freizeitverhaltens in der sozialistischen Landwirtschaft und seine stete Warnung vor Pauschalisierungen. Das Klischee vom saturierten "Genossenschaftsbauern" allerdings hätte Heinz mit wenigen Sätzen und Zahlen beseitigen können.

Leider streift er nur die Irrlehre vom "Leninschen Genossenschaftsplan". Ebenso sollte in so einem detailgenauen Abriss der sozialistischen Landwirtschaft diese auch so nennen, ohne sie zu apostrophieren, und der juristische Status von LPG geklärt werden.

Michael Heinz hat eine bemerkenswerte Arbeit geleistet, die sich von vielen Veröffentlichungen abhebt. Mit seinem empfehlenswerten Buch beantwortet er zudem die Frage, warum trotz aller Bemühungen des Staates weder die "sozialistische Menschengemeinschaft" auf dem Dorfe entstanden war noch die Unterschiede zwischen Stadt und Land beseitigt werden konnten. Lediglich die bis zum Ende der Sechzigerjahre noch nachweisbare Dorfgemeinschaft begann sich auseinanderzuleben.


Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Themenseite

60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


Mehr lesen

NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

Mehr lesen

Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 19. September 1965
    Wahlen zum 5.Bundestag: Demoskopische Umfragen hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostiziert, doch gewinnt die CDU/CSU die Wahlen erneut deutlich vor der SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Willy Brandt. Die FDP verliert beträchtlich an Stimmen. Weiter
  • 19. September 1989
    Als vierte Mission muss die Botschaft der BRD in Warschau den Publikumsverkehr wegen des Zustroms ausreisewilliger DDR-Bürger vorläufig einstellen. Die nicht kommunistische Regierung Mazowiecki sagt zu, dass die Flüchtlinge nicht in die DDR abgeschoben... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen