Beleuchteter Reichstag

8.2.2011 | Von:
Bogdan Musial

Die westdeutsche Ostpolitik und der Zerfall der Sowjetunion

Stalinistisches "Wirtschaftswunder" und Stagnation


Im Januar 1945 überschritten die Verbände der Roten Armee die deutschen Grenzen von 1938, eroberten bald Berlin und hielten erst an der Elbe an. In den besetzten Gebieten raubten und demontierten die sowjetischen Beutekommandos ganze Industriegebiete: Werke und Fabriken, Industrieanlagen und Infrastruktur. Alle diese Anlagen und Maschinen verfrachteten sie in die Sowjetunion und installierten sie in alten oder neu erbauten Betrieben und Werken. Darüber hinaus beuteten die Sowjets die "befreiten" Länder Ost- und Mitteleuropas gnadenlos aus, insbesondere die spätere DDR und Polen. Die enorme Kriegsbeute und Ausbeutung der unterworfenen Länder bescherte der UdSSR einen Modernisierungs- und Wachstumsschub, den sie aus eigenen Kräften niemals erreicht hätte. All dies ebnete der Sowjetunion den Weg zur Supermacht.[1]

Zu Beginn der 1950er-Jahre begann jedoch das sowjetische "Wirtschafswunder" seine Dynamik zu verlieren. Die geraubten Maschinen und Anlagen waren bald abgenutzt und veraltet, zudem wurde es schwieriger, die unterworfenen Länder auszubeuten. Die Sowjets hatten nämlich diesen Ländern ihr eigenes Wirtschafsystem aufgezwungen – mit ähnlichen Folgen wie in der UdSSR: chronische Krisen, Missstände und Engpässe, Verschwendung von Arbeitskräften und Ressourcen, technologische Rückständigkeit. Folglich war auch dort immer weniger herauszuholen. Die Sowjets schlachteten die Kuh, die sie melken wollten.

Es verwundert daher nicht, dass das sowjetische "Wirtschaftswunder" bald in Stagnation und dann in einen fortschreitenden wirtschaftlichen Niedergang mündete. Es begann die Suche nach neuen Auswegen. Die sowjetischen Herrscher witterten bald in gigantischen Öl- und Gasvorräten die Chance, ihr Imperium vor dem wirtschaftlichen und politischen Untergang zu bewahren.

Schon in den 1930er-Jahren hatte man zwischen Wolga und Ural große Erdölfelder entdeckt, das "zweite Baku". Die dortigen Ölvorräte übertrafen die seit Jahrzehnten bekannten am Kaspischen Meer. In den 1950er-Jahren übertraf die Ölförderung im "zweiten Baku" die in der gesamten übrigen Sowjetunion. Die Gesamtförderung an sowjetischem Öl stieg von 53 Millionen Tonnen im Jahre 1953 auf 113 Millionen fünf Jahre später und 224 Millionen Tonnen im Jahre 1964. 1965 wurden in Westsibirien weitere, noch größere Öl- und Gasfelder entdeckt, die man zu erschließen begann. Im Jahre 1970 betrug die Ölförderung in der UdSSR 353 und fünf Jahre später 491 Millionen Tonnen und übertraf zum ersten Mal die Förderung in den USA. In den nächsten Jahren wuchs dieser Vorsprung.[2]

Die Erschließung der Lagerstätten, die sich in unwegsamen und unwirtlichen Gebieten befanden, erforderte jedoch enorme Mittel und Investitionen. Man setzte dabei auf den Bau eines großen Pipelinenetzes, das mit der Zeit zum Hauptbeförderungsmittel von Erdöl und -gas wurde. Dafür wurden Großrohre, Maschinen und Anlagen sowie spezielle Ausrüstungen benötigte, welche die Sowjetunion jedoch aus dem Westen importieren musste. Über die modernste Technologie für die Förderung von Öl und Gas verfügten die USA, die diese aber nicht an die UdSSR verkauften. Das Exportverbot für moderne Technologien an die Sowjetunion und deren Vasallen war ein wichtiges Element der US-Politik, um die Ausbreitung des Kommunismus einzudämmen. Die übrigen westlichen Länder verpflichteten sich im Jahre 1949, diese Vorgaben der Exportkontrolle (CoCom) zu beachten.

Jedoch spätestens ab der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre begannen die westeuropäischen Länder bzw. einzelne Konzern, das Exportverbot zu brechen. Zu ihnen gehörte der Krupp-Konzern, der gegen Ende des Jahrzehnt zwei chemische Werke in die Sowjetunion verkaufte, wie Nikita Chruschtschow gegenüber Walter Ulbricht im August 1961 frohlockte. Die Konzernführung hatte den Kreml im Geheimen lediglich darum gebeten, so Chruschtschow, "dass wir mit ihnen schimpfen, sonst werden die Amerikaner sie unter Druck setzen".[3]

Krupp war nicht der einzige deutsche Konzern, der moderne Ausrüstungen und Anlagen in die Sowjetunion lieferte. Die Schlüsselrolle spielten dabei Anlagen und Materialien zum Ausbau der Öl- und später auch der Gasindustrie. So begannen im Jahre 1958 die Konzerne Mannesmann, Phoenix-Rheinrohr und Hoesch, Großrohre für den Bau von Pipelines in die Sowjetunion zu exportieren. Sie verkauften im selben Jahr etwa 3.200 Tonnen Rohre, ein Jahr später 150.500 und 1961 207.500 Tonnen.[4]

Im Jahre 1961 schlugen die Sowjets ihren westdeutschen Partnern folgendes Geschäft vor: Die sowjetische Seite sollte Rohstahl liefern und die deutschen Betriebe daraus Rohre herstellen, um sie anschließend in die Sowjetunion auszuführen. Auf diese Art beabsichtigten die Sowjets, die Kosten zu senken, denn sie hätten nur für Transport und Verarbeitung bezahlen müssen. Die deutschen Konzerne gingen darauf ein, und der Rohrexport in die Sowjetunion schnellte im Jahre 1962 auf 255.400 Tonnen hoch.[5]

Gerade diese Lieferungen ermöglichten den im Jahre 1959 begonnenen Bau der Pipeline "DruÏba/ Freundschaft". Bis 1964 wurden für diese Pipeline rund 730.000 Tonnen Rohre verlegt. In den nächsten Jahren wurde sie weiter ausgebaut, die bestehenden Leitungen wurden verlängert und neue verlegt.[6]

Diese florierende Zusammenarbeit rief die USRegierung auf den Plan, die im November 1962 die Adenauer-Regierung dazu veranlasste, ein Embargo auf den Export von Großrohren in die Sowjetunion zu verhängen. Damit wurde die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit bei der Erschließung der sibirischen Öl- und Gasfelder vorerst gestoppt. Die bereits unterzeichneten Verträge für das Jahr 1963 wurden annulliert. und die westdeutschen Konzerne waren gezwungen, den Verkauf von Großrohren in die Sowjetunion einzustellen, ähnlich wie britische und italienische Firmen.[7] Das Embargo blockierte für mehrere Jahre die wachsende wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der BRD und der UdSSR bei der Erschließung sowjetischer Energierohstoffe.

1965 wurden in Westsibirien weitere gigantische Erdöl- und Gasfelder entdeckt. Ende der 1960er-Jahre schätzte man, dass die UdSSR etwa über 40 Prozent aller Gasvorräte der Welt verfüge, jedoch vorwiegend in fernen und schwer zugänglichen Gebieten. Ihre Erschließung überstieg die finanziellen und technischen Möglichkeiten der UdSSR und ihrer Satelliten, sie war nur mit westlicher Hilfe möglich. Der Kreml setzte dabei erneut auf westdeutsche Konzerne und Politiker und wurde diesmal nicht enttäuscht – zumal das politische Klima in Westeuropa sich Ende der 1960er-Jahre geändert hatte und das Embargo auf den Export von Großrohren in die Sowjetunion 1969 aufgehoben wurde.[8]

Fußnoten

1.
Ausführlich: Bogdan Musial, Stalins Beutezug. Die Plünderung Deutschlands und der Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht, Berlin 2010, S. 247–269. – Das Folgende ebd.
2.
V. M. Kudrov, Ekonomika Rossii v mirovom kontekste [Russlands Wirtschaft im globalen Kontext], Sankt Peterburg 2007, S. 415 (Tab. 8); E. D. Safonov/A. D. Fadeev, Pervye šagi osvoenija "Vtorogo Baku" [Erste Schritte bei der Erschließung des "Zweiten Baku"], in: Voprosy istorii, 4/1970; W. L. Nekrasov, Dolgosročnaja kompleksnaja programma razvitija Zapadno­Sobirskogo neftogasovogo kompleksa [Langfristiges umfassendes Entwicklungsprogramm der westsibirischen Öl­ und Gaslagerstätte]: Istoričeskij aspekt, http://history.nsc.ru/publ/1/html/nekrasov.htm; Nadja Kampaner, Evropejskaja energobezopasnost i uroki istorii [Europäische Energiesicherheit und Lehren der Geschichte], in: Rossija v globalnoj politike, 6/2007, http://www.globalaffairs.ru/numbers/29/8831.html (14.10.2010).
3.
Protokoll des Gesprächs zwischen Chruschtschow und Ulbricht am 1.8.1961, Russ. Staatsarchiv f. Neueste Geschichte (RGANI), f. 52, op. 1, d. 557, Bl. 129–147, hier 138 u. 140.
4.
Osthandel. Rohrkrepierer, in: Der Spiegel, 1–2/1963, S. 16–18; Das Röhrengeschäft, in: Der Spiegel, 13/1963, S. 29; Angela Stent, Wandel durch Handel? Die politisch-wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion, Köln 1983, S. 91f.
5.
Das Röhrengeschäft, in: Der Spiegel, 13/1963, S. 29.
6.
A. M. Šammazov u.a., Truboprovodnyj Transport Rosii [Pipeline­Transport Russlands] (1946–1991), in: Truboprovodnyj transport nefti, 2/2001.
7.
A. M. Šammazov u.a., Truboprovodnyj Transport Rosii [Pipeline­Transport Russlands] (1946–1991), in: Truboprovodnyj transport nefti, 2/2001; Röhren­Embargo. Hat gut gegangen, in: Der Spiegel, 13/1963, S. 25f; Karsten Rudolph, Wirtschaftsdiplomatie im Kalten Krieg. Die Ostpolitik der westdeutschen Großindustrie 1945–1991, Frankfurt a.M. 2004, S. 155–194.
8.
Nadja Kampaner, Evropejskaja energobezopasnost i uroki istorii [Europäische Energiesicherheit und Lehren der Geschichte], in: Rossija v globalnoj politike, 6/2007, http://www.globalaffairs.ru/numbers/29/8831.html (14.10.2010).

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