Beleuchteter Reichstag

8.2.2011 | Von:
Bogdan Musial

Die westdeutsche Ostpolitik und der Zerfall der Sowjetunion

Der Beginn der Neuen Ostpolitik


Willy Brandt (2.v.l.) und Egon Bahr (l.) bei der Verabschiedung von Leonid Breschnew (2.v.r.) am 18.9.1971. Bahrs inoffizielle Kontakte mit Vertretern der UdSSR im Jahr zuvor hatten die Gesprächsgrundlage geschaffen.Willy Brandt (2.v.l.) und Egon Bahr (l.) bei der Verabschiedung von Leonid Breschnew (2.v.r.) am 18.9.1971. Bahrs inoffizielle Kontakte mit Vertretern der UdSSR im Jahr zuvor hatten die Gesprächsgrundlage geschaffen. (© Ludwig Wegmann / Bundesregierung, B 145 Bild-00085281)
Am 24. Dezember 1969 nahm der Kreml über einen einflussreichen sowjetischen "Journalisten" inoffiziellen Kontakt mit Egon Bahr auf, dem Kanzleramtsminister von Willy Brandt. Einen Monat später, am 28. Januar 1970, flog Bahr nach Moskau, um inoffizielle Gespräche zu führen. Bereits zwei Tage später wurde er von Andrej Gromyko, dem sowjetischen Außenminister, empfangen. In den nächsten Tagen führte Bahr weitere Gespräche, darunter mit Aleksej Kossygin, dem Vorsitzenden des Ministerrates der UdSSR.[9] Und gerade diese Gespräche brachten den Durchbruch und die Wende in der bundesdeutschen Ostpolitik.

Es ist jedoch kein Zufall, dass zeitgleich, am 1. Februar 1970, die Konzerne Ruhrgas und Mannesmann sowie die Deutsche Bank mit sowjetischen Regierungsvertretern ein Milliardengeschäft unterzeichneten. Der Vertrag sah die Lieferung von 1,2 Millionen Tonnen Großrohren durch die Mannesmannröhren-Werke an die Sowjets bis Dezember 1972 für eine Gaspipeline von 2.000 Kilometer Länge vor. Die Deutsche Bank finanzierte gemeinsam mit anderen deutschen Geldhäusern dieses Geschäft mit einem Kredit von 1,2 Milliarden DM zu Konditionen, die drei Prozentpunkte unter den damals üblichen Zinsen lagen. Die sowjetische Seite verpflichtete sich im Gegenzug, vom 1. Oktober 1972 bis 1992 52 Milliarden Kubikmeter Gas im Wert von 2,5 Milliarden DM zu liefern. Damit war auch der Kredit zu tilgen. Die Ruhrgas AG hatte dagegen den Auftrag, das sowjetische Gas in der BRD zu verkaufen. Obwohl diese für die sowjetische Seite sehr vorteilhaften Bedingungen geheim gehalten wurden, sickerten Informationen darüber in die Medien durch.[10]

Die Verhandlungen für dieses Großgeschäft hatten bereits im Mai 1969 begonnen und am 4. Dezember 1969 einigten sich die Mannesmannwerke mit der sowjetischen Seite auf die Lieferung von Großrohren. Die Deutsche Bank weigerte sich jedoch, Kredite zur Finanzierung dieses Geschäftes zu gewähren. Und dies erklärt wohl die Aufnahme der informellen Kontakte mit der Regierung Brandt über Bahr am 24. Dezember 1969 und dessen Reise nach Moskau einen Monat später. Tatsächlich soll erst die Intervention der Bundesregierung die Deutsche Bank zur Gewährung des günstigen Kredits an die Sowjets überzeugt haben.

Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller musste sich wegen dieses Deals vor den französischen Verbündeten rechtfertigen und behauptete, es handele sich um einen Einzelfall. Indes waren Folgeprojekte bereits geplant, und zwar die Lieferung von Verdichtungsstationen für Gaspipelines sowie weitere 250 – 300.000 Tonnen Großrohre. Darin lagen also aus sowjetischer Sicht Genese und Sinn der neuen westdeutschen Ostpolitik begründet. Egon Bahr behauptet hingegen – nicht zu Unrecht –, dass sie auf seine und Willy Brandts Initiative zurückgehe, verschweigt allerdings gänzlich den wirtschaftlichen Aspekt.[11]

Dank der westdeutschen Lieferungen und Kredite konnte die Sowjetunion ihre enormen neu entdeckten Erdöl- und Gasfelder in Westsibirien erschließen. Der Ausbau der Pipelines erreichte in den Jahren 1971–1975 das größte Ausmaß. Ende 1965 betrug ihre Gesamtlänge 28 500 Kilometer, bis Ende 1970 verlegte man weitere 10.000 Kilometer, in den fünf Folgejahren nochmals 19.000 Kilometer.[12] Dementsprechend stiegen die Fördermengen dieser strategischen Rohstoffe sehr schnell. Im Jahre 1965 förderte die Sowjetunion 128 Milliarden Kubikmeter Gas, 1970 197 Milliarden Kubikmeter, 1975 289 Milliarden und 1980 435 Milliarden Kubikmeter.[13]

Einen bedeutenden Teil des Öls und Gases exportierten die Sowjets in die westlichen Länder. Seit 1945 hatten die Sowjets Erdöl in die Länder des Ostblocks ausgeführt, in den Westen hingegen erst ab 1957, als sie begannen, es in Italien zu Dumpingpreisen zu verkaufen. Seit den 60er-Jahren stieg der Ölausfuhr in die westlichen Länder allmählich. 1965 exportierte die Sowjetunion 76 Millionen Tonnen Erdöl, davon 37 Millionen in die kapitalistischen Länder, 1970 und 1975 jeweils 150 Millionen Tonnen, davon 40 Millionen in die kapitalistischen Länder und 1980 182 Millionen Tonnen, davon 64 Millionen in die kapitalistischen Länder. Noch schneller wuchs der Gasexport, von drei Milliarden Kubikmeter im Jahre 1970 über 19 und 54 Milliarden Kubikmeter in den Jahren 1975 und 1980 auf 110 Milliarden Kubikmeter im Jahre 1990.[14]

Fußnoten

9.
Egon Bahr, Zu meiner Zeit, München 1998, S. 282–338; "Alles begann mit einem Weihnachtsbaum". Interview mit Egon Bahr, in: Saldo. Finanzen und Business in Russland, 3/2009, S. 20–23.
10.
Röhren­Kredit. Salto am Trapez, in: Der Spiegel, 7/1970, S. 34; Karsten Rudolph, Wirtschaftsdiplomatie im Kalten Krieg. Die Ostpolitik der westdeutschen Großindustrie 1945–1991, Frankfurt a.M. 2004, S. 293–296.
11.
Röhren­Kredit. Salto am Trapez, in: Der Spiegel, 7/1970, S. 34; Egon Bahr, Zu meiner Zeit, München 1998, S. 282–338.
12.
A. M. Šammazov u.a., Truboprovodnyj Transport Rosii [Pipeline­Transport Russlands] (1946–1991), in: Truboprovodnyj transport nefti, 2/2001.
13.
V. M. Kudrov, Ekonomika Rossii v mirovom kontekste [Russlands Wirtschaft im globalen Kontext], Sankt Peterburg 2007, S. 415, 417.
14.
Nadja Kampaner, Evropejskaja energobezopasnost i uroki istorii [Europäische Energiesicherheit und Lehren der Geschichte], in: Rossija v globalnoj politike, 6/2007, http://www.globalaffairs.ru/numbers/29/8831.html (14.10.2010).

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