Beleuchteter Reichstag

8.2.2011 | Von:
Jens Hüttmann

Den Anderen wirklich sehen?

Die innerdeutschen Städtepartnerschaften
vor und nach 1989

Innerdeutsche Städtepartnerschaften waren zunächst von keiner Seite gewollt. Zeigte Bonn zunehmend Interesse daran, so verharrte Ost-Berlin in seiner ablehnenden Haltung und ließ erst Mitte der 1980er-Jahre Städtepartnerschaften zu. Einige davon bestehen bis heute fort.

Deutsch-deutsche Entfremdungen


Unterzeichnung der ersten deutsch-deutschen Städtepartnerschaft von Saarlouis und Eisenhüttenstadt 1986. v.l.: Reinhard Klimmt, Dr. Christa Bettae, Werner Viertel (sitzend), Oskar Lafontaine (dahinter), Günter Käseberg, Albrecht Herold, Manfred Henrich, Heinz Blatter und Peter Gabges.Deutsch-deutsche Städtepartnerschaft (© picture-alliance/dpa)
Unterzeichnung der ersten deutsch-deutschen Städtepartnerschaft von Saarlouis und Eisenhüttenstadt 1986. v.l.: Reinhard Klimmt, Dr. Christa Bettae, Werner Viertel (sitzend), Oskar Lafontaine (dahinter), Günter Käseberg, Albrecht Herold, Manfred Henrich, Heinz Blatter und Peter Gabges.

Im Einheitsjahr 1990 wurden Schüler der Klasse 3a der Ernst-Thälmann-Schule aus Schwerin dazu angeregt, sich im Unterricht mit ihren Vorstellungen vom Schulalltag ihrer Altersgenossen in Wuppertal zu beschäftigen. Beide Städte unterhalten seit 1986 – nach Saarlouis und Eisenhüttenstadt – die zweitälteste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft. Die ostdeutschen Schüler stellten Fragen: Nutzen die westdeutschen Schüler andere Tafeln in der Schule? Schreiben sie anders? Besitzen sie womöglich Interesse an Briefpartnerschaften?[1]

Etwa zeitgleich bereiteten sich die Schüler einer achten Klasse einer Wuppertaler Hauptschule auf eine Reise in die Partnerstadt Schwerin vor. Sie wurden gefragt, worauf sie neugierig seien. Ihre Antworten lauteten: "Hier in Deutschland ist ja alles anders als in der DDR, dann können wir mal erfahren, wie das so ist, also, dass sie solange mit den Autos warten müssen, 14 Jahre, ist ja auch unvorstellbar." Oder: "Ich möchte mal erfahren, ob das wirklich so ist, wie immer berichtet wird, oder ob das nur Übertreibung ist: dass die Geschäfte, also wenn dann mal zufällig irgendwelche Lebensmittel kommen, dass die dann sofort gekauft werden und dass nicht alles vorrätig da ist."[2]

Deutsch-deutsche Begegnungen wie diese waren ab Ende 1989 nicht nur für Schüler möglich, sondern auch notwendig, wie die Zitate der Dritt- und Achtklässler zeigen. In begrenztem Umfang waren solche Begegnungen trotz des Systemunterschieds – auf der einen Seite eine parlamentarisch-pluralistische Konkurrenzdemokratie und auf der anderen Seite die Parteidiktatur der SED – bereits vor der Überwindung der deutschen Teilung möglich. Ein Beispiel hierfür ist die Geschichte der deutsch-deutschen Städtepartnerschaften. Wie war es zu dieser Form wechselseitiger Beziehungen beider deutscher Staaten vor 1989 gekommen? Wer ergriff die Initiative, worin lagen die Motivationen der Akteure? Was passierte im Rahmen einer Partnerschaft von zwei Städten?

Gelegentlich wird geklagt, das wissenschaftliche Feld der deutschen Teilungsgeschichte sei bereits überforscht. Bei der Sichtung der Literaturlage zum Thema Städtepartnerschaft wird klar, dass noch weiße Flecken existieren.[3] Der aktuellste Überblick zum Thema ist 16 Jahre alt.[4] Die vor der Öffnung der ostdeutschen Archive verfasste und 1990 erschienene Dissertation von Beatrice von Weizsäcker ist das Standardwerk und konzentriert sich auf den rechtlichen Rahmen, in denen die Partnerschaften gegründet wurden.[5] Eine weitere Dissertation informiert über die Städtepartnerschaft Erlangen–Jena.[6] Bislang lässt sich nicht zweifelsfrei klären, wie viele Städtepartnerschaften es etwa im März 1989 oder im Herbst 1989 tatsächlich gab.[7] Wenig bekannt ist auch – um eine weitere Forschungslücke zu nennen – über das Wirken der ostdeutschen Geheimpolizei. Ist es der Staatssicherheit – und wenn ja, inwiefern – mitunter gelungen, auf dieses deutsch-deutsche Beziehungsprojekt zu Zeiten der Teilung einzuwirken? Georg Herbstritt hat kürzlich über die Westarbeit der Staatssicherheit erste wichtige Hinweise gegeben.[8]

Fußnoten

1.
Der Text beruht auf einem Vortrag bei der Geschichtsmesse in Suhl, 24.2.2010. Vgl. Elke Kimmel, 20 Jahre Deutsche Einheit in Europa. 3. Geschichtsmesse in Suhl, in: DA 43 (2010) 2, S. 326–328.
2.
Alle Zitate aus dem anregenden Feature von Siv Stippekohl (Red./Moderation), Erinnerungen für die Zukunft. Partnerstadt, Parteilichkeit und Partnerschaft ..., NDR 1/Radio MV, 3.10.2006, http://www.ndr.de/land_leute/norddeutsche_geschichte/erinnerungen/leben_in_der_ddr/nmv1890.html (16.10.2010).
3.
Umso mehr ist es deshalb zu begrüßen, dass jüngst zwei wissenschaftsfundierte Projekte (eine Ausstellung des Landes Bremen und eine Veranstaltungsreihe inkl. eines Forschungsberichts des BMI) durchgeführt wurden. Vgl. Im Blick: Deutsch-deutsche Städtepartnerschaften. Der Beitrag der Kommunen im Einheitsprozess, Hg. Freie Hansestadt Bremen, Bremen 2010. – Nicht behandelt werden hier die deutsch-deutschen Kontakte zwischen Kirchengemeinden; vgl. dazu z.B.: Karoline Rittberger-Kaas, Kirchenpartnerschaften im geteilten Deutschland. Am Beispiel der Landeskirchen Württemberg und Thüringen, Göttingen 2006, u. Siv Stippekohl (Red./Moderation), Erinnerungen für die Zukunft. Partnerstadt, Parteilichkeit und Partnerschaft ..., NDR 1/Radio MV, 3.10.2006, http://www.ndr.de/land_leute/norddeutsche_geschichte/erinnerungen/leben_in_der_ddr/nmv1890.html (16.10.2010).
4.
Manfred Klaus, Städtepartnerschaften zwischen ost- und westdeutschen Kommunen. Ein Medium des Bürgerdialogs, interkommunaler Solidarität und verwaltungspolitischer Integration, Berlin 1994.
5.
Beatrice von Weizsäcker, Verschwisterung im Bruderland. Städtepartnerschaften in Deutschland, Bonn 1990.
6.
Gabriel Lisiecki, Deutsch-deutsche Städtepartnerschaften. Ihre historische Entwicklung und Bedeutung – dargestellt unter besonderer Berücksichtigung der Städtepartnerschaft Erlangen-Jena, Diss. Jena 1996. Vgl. auch Erlangen 1945–1949 und Jena 1989–1990. Politischer Neuanfang nach Jahren der Diktatur, in: Zeitgeschichte nach 1945. Handreichung für den Geschichtsunterricht in der Jahrgangsstufe 10 des Gymnasiums, Hg. Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung München, S. 187–224.
7.
Vgl. Die innerdeutschen Städtepartnerschaften, Hg. Deutscher Städtetag, Köln 1992, S. 20ff, u. Gabriela B. Christmann u.a., Deutsch-deutsche Partnerschaften. Städte, Landkreise und Gemeinden als Gestalter der Einheit, in: Im Blick: Deutsch-deutsche Städtepartnerschaften. Der Beitrag der Kommunen im Einheitsprozess, Hg. Freie Hansestadt Bremen, Bremen 2010, S. 65–80. Mit 58 niedriger die Zahl bei Beatrice von Weizsäcker, Verschwisterung im Bruderland. Städtepartnerschaften in Deutschland, Bonn 1990, S. 44ff.
8.
Georg Herbstritt, Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage. Eine analytische Studie, Göttingen 2007, S. 238–241.

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