Beleuchteter Reichstag

10.2.2011 | Von:
Christian Booß

Von der Stasi-Erstürmung zur Aktenöffnung

Konflikte und Kompromisse im Vorfeld der Deutschen Einheit

Revolutionäres Aufbäumen


Zutreffend ist: Die ostdeutsche und westdeutsche Seite trugen vor der Vereinigung einen Konflikt aus, bis sie sich kurz vor Ultimo arrangierten. Kurz vor dem 3. Oktober gab es ein revolutionäres Aufbäumen gegen den Einigungsprozess, in dem sich eine Koalition, ähnlich derer, die im Herbst 1989 die SED gestürzt hatte, zusammenfand:

21 Mitglieder von Bürgerkomitees und Bürgerrechtler besetzten Anfang September einen Teil der Stasi-Zentrale in Berlin, dabei Bärbel Bohley. Prominente wie Wolf Biermann beteiligten sich mit einem Hungerstreik. Mahnwachen wurden organisiert. Abgeordnete der erstmals frei gewählten Volkskammer, zunächst skeptisch wegen der rechtsstaatswidrigen Aktionsform, solidarisierten sich zunehmend. Ganze Regionen, etwa in Gestalt der Bezirksbevollmächtigten von Dresden und Rostock, stellten sich mit Eingaben an die Regierung hinter das wichtigste Ziel der Besetzer. Sie forderten, den Entwurf des Einigungsvertrages im Sinne des Stasi-Unterlagengesetzes der Volkskammer zu ändern.[4]

Dieser Konflikt ist erklärungsbedürftig, hatte sich doch die Mehrheit der DDR-Bevölkerung anlässlich der Parlamentswahl vom 18. März faktisch für die deutsche Vereinigung ausgesprochen. Noch rätselhafter ist diese Eruption aus der Perspektive der Jahreswende 1989/90, als die Interessen von Ost und West in der Stasi-Frage noch geradezu identisch schienen. Die Auflösung des "Mielke-Konzerns" (Jens Gieseke) begleitete die Öffentlichkeit in Ost wie West gleichermaßen mit Sympathie. Auch in Fragen des Datenschutzes unterschieden sich die Auffassungen zunächst kaum.

Fußnoten

4.
Michael Richter, Die Staatssicherheit im letzten Jahr der DDR, Weimar u.a. 1996, S. 243ff; Silke Schumann, Vernichten oder Offenlegen? Zur Entstehung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes, Berlin 1997.

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