Beleuchteter Reichstag

16.2.2011 | Von:
Marcus Böick
Angela Siebold

Die Jüngste als Sorgenkind?

Plädoyer für eine jüngste Zeitgeschichte als Varianz- und Kontextgeschichte von Übergängen

1. Vorbehalte gegenüber einer gegenwartsnahen Zeitgeschichtsforschung


1.1 Außerhalb des Geheimarchivs: Empirische Herausforderungen

Neue Horizonte und offene Möglichkeitsräume für HistorikerInnen – East Side Gallery, Kasra Alavi "Flucht" (Mitte).Neue Horizonte und offene Möglichkeitsräume für HistorikerInnen – East Side Gallery, Kasra Alavi "Flucht" (Mitte). (© Joachim F. Thurn / Bundesregierung, B 145 Bild-F088804-0025)
Die spezifische und häufig diskutierte empirische Grundlage der jüngsten Zeitgeschichte bringt fünf Herausforderungen mit sich: Ins Auge sticht – erstens – der eklatante Mangel an staatlich-archivalischen Quellen, welcher der Archivgesetzgebung geschuldet ist. Demgegenüber droht – zweitens – eine regelrechte Überflutung durch bereits veröffentlichte Dokumente, vor allem in Gestalt von medialen Erzeugnissen in audiovisueller und digitaler Form, Material nicht-staatlicher Provenienz oder Zeitzeugenaussagen. Drittens sind beträchtliche Unterschiede bei der Überlieferung und Erschließung solcher Quellengattungen, etwa in Fernseh- oder Rundfunkarchiven, eine beständige Herausforderung. Viertens stellt die angedeutete Quellenvielfalt interpretative Anforderungen, denen die Zeitgeschichte nur bedingt mit ihrem klassisch-philologischen Instrumentarium der Quellenkritik beikommen kann. Fünftens fordert die empirisch fassbare "Verwissenschaftlichung des Sozialen"[8] ZeithistorikerInnen auf neuartige Weise: Wie zu zeigen sein wird, gilt es hier, die zahlreichen zeitgenössischen Befunde der gegenwartsorientierten Nachbardisziplinen in ihrer "wirklichkeitskonstituierende[n] Wirkung" zu reflektieren.[9]

Doch nicht nur Vielfalt, Verfügbarkeit und Interpretation der Quellen, sondern auch die Fragen, die an sie gestellt werden, haben sich mit der Entwicklung neuer Forschungsansätze, methodischer Zugänge und digitalisierter Arbeitstechniken gewandelt. So haben "klassische" archivalische Quellen aus dem politischen Arkanum in jenem Maße an Bedeutung eingebüßt, wie auch die politische Geschichte der "Großen Kabinette" nicht mehr den Kristallisationskern historischer Forschungen bildet. So man den Vorschlag annimmt, Zeitgeschichte als "Problemgeschichte der Gegenwart"[10] zu begreifen, dürfte eine Archivrecherche "in den Handakten des Staatssekretärs" nicht mehr ausreichen, um heute noch "historische Orientierung" zu bieten, wie Ulrich Herbert betont.[11] Dahinter verbergen sich auch perspektivische Verschiebungen des zeithistoriografischen Blicks auf die vielgestaltige Empirie, die Anselm Doering-Manteuffel als fließende Verwandlung des "historischen Horizont[s]" beschrieben hat: "Wo er jeweils zu suchen ist und mit welchen Konturen er sich dem Auge des Betrachters darbietet, hängt davon ab, was gefragt wird und welcher methodische Zugriff auf den Gegenstand gewählt wird."[12] Gleichermaßen ist auch der Erkenntniswert der verfügbaren Quellenarten variabel, je nachdem, welche methodischen und perspektivischen Aspekte zum Tragen kommen.


1.2 Sogwirkungen der Gegenwart:
Biografische Nähe und Geschichtspolitik


Bereits Hans Rothfels musste sich in den 1950er-Jahren an grundlegenden disziplinären Herausforderungen abarbeiten, um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der erst wenige Jahre zuvor beendeten NS-Diktatur gegen allerlei Vorbehalte zu rechtfertigen; das Problem der zeitlich-biografischen Nähe zum historischen Untersuchungsfeld ist also mitnichten neu, stellt sich aber seit dem Ende des Kalten Krieges mit verstärkter Intensivität. Zwar hat diese Nähe durchaus Vorteile, bringt sie doch eine Fülle von Detailkenntnissen mit sich; andererseits erschwert gerade das implizite (Vor-)Wissen wissenschaftliche Verfremdungs- und Abstraktionsbemühungen, die für das Aufspüren neuer Perspektiven bedeutsam sind. Dieses Spannungsverhältnis bleibt daher auch für die jüngste Zeitgeschichtsforschung aktuell. Denn im Kontext vergangenheitsnaher Debattenlandschaften und im Rhythmus medial verstärkter Gedenkstafetten, Podiumsdiskussionen und Publikationswellen werden oftmals die Primärerfahrung der Zeitzeugen, geschichtspolitische Erwägungen und wissenschaftliche Analyse bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermengt; "Erlebnishorizont des Zeitzeugen" und "Erklärungshorizont des Zeithistorikers" verschmelzen miteinander.[13] Der häufig diskutierte Rollengegensatz von Historikern, (Geschichts-)Politikern und Zeitzeugen büßt mit abnehmender zeitlicher Distanz an Bedeutung ein: Je näher die Geschichte rückt, desto zahlreicher werden HistorikerInnen gleichsam zu Zeitzeugen; je nach Situation können sie zwischen ihren verschiedenen Rollen mit entsprechender Autorität changieren und sich als Wissenschaftler, Zeitzeuge oder "Mitakteur" äußern.

Hierbei wäre die immense Sogwirkung staatlicher Geschichtspolitiken auf die Zeitgeschichtswissenschaft kritisch zu reflektieren, wenn letztere sich ihrerseits nicht zum bereitwilligen wie funktionalen Mythenspender (zurück) entwickeln will. Lutz Niethammer hält deshalb fest, dass sich die "Wertbildung in einer Gesellschaft" mit ihrer ausdifferenzierten Medienlandschaft und deren pluralen Deutungsangeboten nicht mehr "durch den traditionellen Transfer von Normalität und Teleologie unter Beihilfe historischer Geschichtenerzähler" vollziehen könne; viel eher gelte es, eine offene "Auseinandersetzung zwischen vielen Geschichten"[14] zu suchen. Gerade HistorikerInnen der jüngeren Generationen könnten mit dazu beitragen, die Geschichten der jüngsten Vergangenheit jenseits "altbekannte(r) Fragen"[15], eingeschliffener Dichotomien und liebgewonnener Erklärungsmuster neu zu erkunden.


1.3 Narrativimporte:
Deutungen unabgeschlossener Vergangenheiten


Zeithistorische Orientierungssuche für die Zeit "nach den Katastrophen" des 20. Jahrhunderts, East Side Gallery.Zeithistorische Orientierungssuche für die Zeit "nach den Katastrophen" des 20. Jahrhunderts, East Side Gallery. (© Joachim F. Thurn / Bundesregierung, B 145 Bild-F088803-0010)
Aus der Unabgeschlossenheit jüngster Vergangenheiten heraus resultiert ein weiteres drängendes Problem: Mangels ausreichender zeithistorischer Forschungen und bedingt durch die breite sozialwissenschaftliche Quellen- und Literaturlage droht die Gefahr einer unreflektierten Übernahme von Narrativen und Deutungsmustern aus den gegenwartsorientierten Nachbardisziplinen: So werden bestehende Themenhierarchien, Perspektiven, Semantiken und Deutungen aus den zeitgenössischen Sozial-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften als tragende Säulen in die historischen Erzählungen eingearbeitet. Eingedenk dieser Tendenz zur voreiligen Adaption zeitgenössischer Narrative erscheint die Frage berechtigt, welchen Eigenwert zeithistoriografische Annäherungen anzubieten haben.[16] Die jüngste Zeitgeschichtsforschung muss also in der Lage sein, sich sowohl von politisch und medial propagierten Meistererzählungen als auch von etablierten gegenwartswissenschaftlichen Narrativkomplexen zu emanzipieren, und diese letztlich selbst zum Gegenstand kontextualisierender Analysen machen.


Fußnoten

8.
Lutz Raphael, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996) 2, S. 165–193.
9.
Rüdiger Graf/Kim Christian Priemel, Was Historiker können, können nur Historiker? Legitimität und Originalität zeithistorischer Forschung zwischen Politik-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, unveröff. Ms.
10.
Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael. Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, 2. Aufl., Göttingen 2010, S. 25.
11.
Ulrich Herbert, Jenseits der Katastrophen. Zum Stand der deutschen Zeitgeschichtsforschung, in: Ann-Kathrin Schröder (Hg.), Geistesgegenwart und Geisteszukunft. Aufgaben und Möglichkeiten der Geisteswissenschaften, Essen 2007, S. 26–45, hier 41.
12.
Anselm Doering-Manteuffel, Zeitgeschichte nach der Wende 1989/90 aus der Sicht eines Historikers, in: Joachim Mehlhausen (Hg.), ... und über Barmen hinaus. Studien zur kirchlichen Zeitgeschichte, Göttingen 1995, S. 613–625, hier 620f.
13.
Hans Günter Hockerts, Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: APuZ, 28/2001, S. 15–30, hier 16 u. 20.
14.
Lutz Niethammer, Methodische Überlegungen zur deutschen Nachkriegsgeschichte. Doppelgeschichte, Nationalgeschichte oder asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte?, in: Christoph Kleßmann u.a. (Hg.). Deutsche Vergangenheiten – eine gemeinsame Herausforderung. Der schwierige Umgang mit der doppelten Nachkriegsgeschichte, Berlin 1999, S. 307–327, hier 321.
15.
Hans-Peter Schwarz, Die neueste Zeitgeschichte, in: VfZ 51 (2003) 1, S. 5–28, hier 7.
16.
Rüdiger Graf/Kim Christian Priemel, Was Historiker können, können nur Historiker? Legitimität und Originalität zeithistorischer Forschung zwischen Politik-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, unveröff. Ms.

Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

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60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


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NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

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Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

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Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

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30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

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Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

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Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

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Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

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Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

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Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

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13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

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Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

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Der Tag in der Geschichte

  • 24. Januar 1962
    Das Wehrpflichtgesetz führt die allgemeine Wehrpflicht für männliche DDR-Bürger zwischen dem 18. und 50. Lebensjahr ein. Der Grundwehrdienst dauert 18 Monate. Im Verteidigungsfall übernimmt der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates den Oberbefehl über... Weiter
  • 24. Januar 1991
    Große Senatskoalition: Wahlsieger Eberhard Diepgen (CDU) wird zum ersten Regierenden Bürgermeister Gesamt-Berlins gewählt; er war 1984 - 1989 bereits Regierungschef im Westteil der Stadt. Gemäß der Koalitionsvereinbarung vom 23. 1. 1991 bildet Diepgen einen... Weiter

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Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

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