Beleuchteter Reichstag

16.2.2011 | Von:
Marcus Böick
Angela Siebold

Die Jüngste als Sorgenkind?

Plädoyer für eine jüngste Zeitgeschichte als Varianz- und Kontextgeschichte von Übergängen

4. Ausblick


Die jüngste Zeitgeschichtsforschung steht einigen anspruchsvollen Herausforderungen gegenüber. Zwar hat die "Aufarbeitung der Aufarbeitung" inzwischen begonnen.[30] Doch obwohl diese selbstreflexive Debatte durchaus zu begrüßen ist, greift sie zu kurz und droht, im Retrospektiven zu verharren und damit eine weitere Schleife des geschichtspolitischen Aufrechnens zu vollführen. HistorikerInnen sollten die sich aus der unmittelbaren Vergangenheit ergebenden, gegenwärtig drängenden Fragen weder resignierend an andere Disziplinen delegieren noch schlicht darauf warten, dass eine Historisierung in ferner Zukunft möglich wird, wenn die Vergangenheit emotional erkaltet und tagespolitisch steril geworden ist. Stattdessen könnten sie ihre eigenen Kompetenzen in puncto "Quellenkritik, Standpunktreflexion und Forschung als Prozess"[31] bei der Erkundung der gegenwartsnahen Vergangenheiten selbstbewusst zur Geltung bringen.

Die hier als Varianz- und Kontextgeschichte von Übergängen skizzierten Diskussionsanregungen könnten der jüngsten Zeitgeschichte Anschlussmöglichkeiten an die intensiv geführte Debatte um eine Geschichte "nach dem Boom" bieten. Zwar mag offen bleiben, ob das Ende des europäischen Kommunismus eine bloße "Begleiterscheinung" tiefgreifender, genuin "politökonomisch" zu fassender struktureller Wandlungsprozesse im Westen war.[32] Einigkeit dürfte allerdings hinsichtlich der katalysierenden Wirkungen herrschen: Durch den Untergang des Realsozialismus eröffneten sich in den europäischen Gesellschaften völlig neue Möglichkeits- und Handlungsräume. Ideen, Konzeptionen und Semantiken, deren "Anbahnungsphase" Lutz Raphael und Anselm Doering-Manteuffel in den 1970er- und 1980er-Jahren verorten, gelangten nun, in den frühen 1990er-Jahren, vielerorts zum gesellschaftlichen Durchbruch. Philipp Ther schlug hierfür die griffige Formel eines "neoliberalen Geistes der Transformationsepoche" vor, für die "Sozialstaatsabbau, Liberalisierung und Privatisierung der Wirtschaft und ein apolitischer Reformdiskurs"[33] prägend gewesen seien. Übernationale Makro-Prozesse verschränkten sich dabei mit regionalen gesellschaftlichen Entwicklungen, produzierten allerdings gleichsam beträchtliche Gegenkräfte und Widerstände.

Gerade in diesem langfristig zu fassenden Querschnittsfeld könnte die jüngste Zeitgeschichte wertvolle empirische Beiträge zu aktuellen Debatten liefern, wenn sie sich nur konsequent auf ihre disziplinären Vorzüge besinnt: ZeithistorikerInnen wären hier als "Experten für Heterogenität, Kontingenz, Partikularität und Ambivalenz"[34] auch und gerade bei der konsequenten Kontextualisierung vielfältiger Aspekte der jüngsten Vergangenheit und ihrer Einordnung in größere zeitliche wie thematische Spannungsbögen gefragt.


Fußnoten

30.
Thomas Schubert, Von der Epoché des Zeithistorikers. Bemerkungen zur "Aufarbeitung der Aufarbeitung", in: DA 43 (2010) 5, S. 889–896.
31.
Hans Günter Hockerts, Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: APuZ, 28/2001, S. 15–30, hier 26.
32.
Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael. Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, 2. Aufl., Göttingen 2010 v.a. S. 11ff.
33.
Philipp Ther, Das "neue Europa" seit 1989. Überlegungen zu einer Geschichte der Transformationszeit, in: Zeithistorische Forschungen 6 (2009) 1, S. 2.
34.
Rüdiger Graf/Kim Christian Priemel, Was Historiker können, können nur Historiker? Legitimität und Originalität zeithistorischer Forschung zwischen Politik-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, unveröff. Ms., S. 35.

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