Beleuchteter Reichstag

26.1.2011 | Von:
Manfred Wilke

Erinnern für die Zukunft

Die Gedenkstätte Berliner Mauer im Kontext des Gedenkstättenkonzeptes des Bundes

I. Die Berliner Mauer als internationales Denkmal


Berliner Mauer entlang der Bernauer Straße nach der Grenzöffnung, November 1989.Berliner Mauer entlang der Bernauer Straße nach der Grenzöffnung, November 1989. (© Stiftung Berliner Mauer)
Es sind vor allem die weltweit verbreiteten Bilder der Freude über die Öffnung der Mauer 1989 – der Befreiung durch ein Volksfest –, die im kollektiven Gedächtnis haften geblieben sind. Sie standen im krassen Kontrast zu den Bildern, die um die Welt gingen, als die Mauer gebaut wurde und als Sperranlage funktionierte, etwa die Fernsehbilder vom öffentlichen Sterben Peter Fechters 1962 an dieser tödlichen Grenze: Die Mauer als befestigte Grenze richtete sich gegen die Bevölkerung der DDR, um die Flucht nach West-Berlin zu verhindern. Im SED-Staat war die "Republikflucht" ein Straftatbestand. Die Mauer teilte nicht nur Berlin, sie war zugleich Teil der innerdeutschen Grenze und eine Außengrenze des sowjetischen Imperiums zu den westlichen Demokratien Europas.

Die Besucherzahlen der Gedenkstätte Berliner Mauer sind heute Ausdruck von Tourismus und historischer Spurensuche. Als die Mauer fiel, war ihre Symbolik ein politischer Faktor für die weltweite, mediale Rezeption der friedlichen Revolution in der DDR und erleichterte der Regierung von Helmut Kohl die Durchsetzung der deutschen Einheit.

Gerald Kleinfeld, langjähriger Direktor der German Studies Association (GSA), sprach im Mai 1989 über die Symbolik der Mauer für die Deutschlandpolitik der USA: "Für die Amerikaner ist die Mauer ein Symbol des Unrechts, der Menschenverachtung, der fortgesetzten Verletzung der Menschenrechte, vielleicht wichtiger als für manchen Westdeutschen und West-Berliner. Die USA sind hier aus nationalen Interessen, aber auch, weil es um politische Ideale geht. Dies ist genau der Punkt. Jede amerikanische Regierung tritt für das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes ein. Und die öffentliche Unterstützung dafür ist breit und tief. Als die Mauer 25 Jahre alt wurde, berichteten in den USA selbst Provinzzeitungen umfassend über Geschichte und Bedeutung dieses Monumentes."[3] Kleinfeld betonte damals, dass die amerikanische Deutschlandpolitik auf dem Bündnis mit der Bundesrepublik beruhte und die Beziehungen der Vereinigten Staaten zur DDR davon abgeleitet sind. Seine Einschätzung der Bedeutung der Mauer in der amerikanischen Öffentlichkeit sollte sich ein halbes Jahr später als richtig erweisen. Tatsächlich war es die US-Politik, die am entschiedensten das deutsche Recht auf Selbstbestimmung unterstützte.

28 Jahre lang war die Mauer Sinnbild der deutschen Teilung. Als die Berliner am 9. November 1989 die Mauer selbst öffneten, verwandelte sich auch deren Symbolik: Sie wurde zum Symbol für einen Sieg der Freiheit und für die deutsche Wiedervereinigung. Dieser deutsche Bastillesturm trug entscheidend dazu bei, dass der Eiserne Vorhang fiel und Stalin den Raum verließ. So umschrieb der Schriftsteller Stefan Heym das Zerbrechen des mit Gewalt errichteten Sowjetimperiums.

Die Symbolik der Mauer verbindet somit zwei Zäsuren der deutschen Teilungsgeschichte nach 1945: 1961 war ihr Bau die Befestigung der deutschen Teilung und zugleich der Anfang der Entspannungspolitik – und 1989 das Ende der DDR und der Anfang der Wiedervereinigung Deutschlands. Sieht man auf das Ende der Mauer, überstrahlt heute die Symbolik der Befreiung die der Repression und des Schreckens, die die Wahrnehmung einer ganzen Generation beherrschte.

Bernauer, Ecke Eberswalder Straße nach dem Mauerbau, September 1961.Bernauer, Ecke Eberswalder Straße nach dem Mauerbau, September 1961. (© Stiftung Berliner Mauer)
Ungezählte Geschichten und Bilder sind mit der Berliner Mauer verbunden. Sie beginnen mit dem unerhörten Gewaltakt, mit dem der SED-Staat im Einvernehmen mit der Sowjetunion Berlin für 28 Jahre teilte. Prägend für ihre Geschichte sind die unzähligen, menschlichen Tragödien, die von dem Grenzregime verursacht wurden. Dabei geht es nicht allein um das Schicksal der 136 Toten[4], sondern auch um die Menschen, deren Fluchtabsicht entdeckt wurde und die für diesen Versuch in die Gefängnisse gingen. Die durch das Bauwerk zerrissenen Berliner Familien hat ohnehin niemand gezählt. Die Geschichte der Mauer ist primär eine Opfer- und Leidensgeschichte vieler Berliner.
Kontrastiert wird diese repressive Seite der Mauer durch den Mut zum Widerstand gegen die Grenze des SED-Staates, die das Machtmonopol der kommunistischen Partei sicherte: die Fluchthelfer der ersten Stunde aus West-Berlin, die Tunnel gruben und Flüchtlinge ausschleusten. Der Protest gegen das Bauwerk innerhalb und außerhalb der DDR verstummte nie. Robert Havemann forderte 1976 in der DDR: "Schrittweiser Abbau der Mauer durch schrittweise Senkung der Altersgrenze für Westreisen" und "Generalamnestie für alle politischen Gefangenen einschließlich der Grenzverletzer".[5] Die Verweigerung in den Grenztruppen wird symbolisiert durch das Bild von Conrad Schumann, dem Unteroffizier der Grenzpolizei, der am 15. August 1961 über den Stacheldraht sprang und sich damit dem Grenzdienst entzog.


Fußnoten

3.
Gerald R. Kleinfeld, Beitrag zur Diskussion um »Die Zukunft Deutschland in einer sich wandelnden Welt«, in: Ilse Spittmann-Rühle/Gisela Helwig (Hg.), Von Weimar nach Bonn. Freiheit und Einheit als Aufgabe, Köln 1989, S. 92.
4.
Vgl. Hans-Hermann Hertle/Maria Nooke, Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989. Ergebnisse eines Forschungsprojektes, in: DA 43 (2010) 4, S. 672–681.
5.
Robert Havemann, Acht Vorschläge zur Demokratisierung des realen Sozialismus in der DDR, in: ders., Berliner Schriften, München 1977, S. 161f.

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