Beleuchteter Reichstag

26.1.2011 | Von:
Manfred Wilke

Erinnern für die Zukunft

Die Gedenkstätte Berliner Mauer im Kontext des Gedenkstättenkonzeptes des Bundes

II. Gedenkstätte von nationaler Bedeutung


Die Jahre zwischen 1990 und 2005 standen in Berlin im Zeichen des Mauervergessens. Ein zähes Ringen, um eine Gedenkstätte als Kristallisationspunkt für die Erinnerung an die Teilung der Stadt begann. Nach dem Mauerfall war die Frage für die Stadt und ihre Politiker, wie viel Mauer zur Erinnerung für die Nachgeborenen bewahrt werden solle?

Die Denkmalschützer als Anwälte dieser Erinnerung erlitten in der allgemeinen Abrissfreude von 1990 eine Niederlage. Sie stellten zwar die Mauer in der Bernauer Straße unter Denkmalschutz als nationales Monument, konnten ihn aber gegen die Stimmung der Berliner und die Politik der von Eberhard Diepgen geführten großen Koalition aus Christ- und Sozialdemokraten nicht durchsetzen.

Der 30. Jahrestag des Mauerbaus 1991 führte immerhin zu einem Beschluss des Berliner Senats, in der weitgehend geschleiften Bernauer Straße eine "Erinnerungs- und Gedenkstätte Berliner Mauer" zu errichten. Mit dem Bund einigte sich das Land, die Bernauer Straße zum zentralen Ort "des Gedenkens an die Berliner Mauer zu machen"[6]; acht Jahre vergingen, bis das Dokumentationszentrum zur Gedenkstätte 1999 eröffnet wurde. All diesen Bemühungen der Berliner Politik, der Erinnerung an die Mauer einen Ort zu geben, haftete etwas Halbherziges an. Ein Hauptgrund hierfür lag sicher an den gespalteten Ost-West-Erinnerungen an die Teilung der Stadt.

Weitere sechs Jahre vergingen, bis Öffentlichkeit und Politik in Berlin durch eine gelungene Provokation die Lücke gezeigt wurde: In der Stadt gab es keinen Ort mehr, der an die schmerzhafte Teilung erinnerte. Das Museum "Haus am Checkpoint Charlie" hatte auf einem gepachteten Grundstück an der Berliner Friedrichstraße ein privates Mahnmal für die Toten an der Mauer und der innerdeutschen Grenze errichtet. Es bestand aus einem 144 Meter langen Stück rekonstruierter Grenzmauer und 1.065 Holzkreuzen für namentlich bekannte Tote der innerdeutschen Grenze. Während der von Klaus Wowereit geführte Senat und die SPD-PDS-Koalition diese "Aktionskunst" verurteilten, brachten Besucher und Vertreter der Opferverbände ihre Erleichterung zum Ausdruck, dass endlich mitten in der City demonstrativ auch der Toten an der Mauer gedacht wurde.

Die Provokation wirkte: Abgeordnete des Deutschen Bundestages aus FDP, Bündnis90/Die Grünen, CDU und SPD sorgten im Parlament für einen Beschluss, in dem gefordert wurde, die Gedenkstätte Bernauer Straße auszubauen. Die Bundesregierung und das Land Berlin sollten bis zum 13. August 2005 ein Rahmenkonzept vorlegen.

Der Druck des Bundestages wirkte, im April 2005 legte der Senator für Kultur- und Wissenschaft, Thomas Flierl (PDS), den ersten Entwurf für das "Gedenkkonzept Berliner Mauer" vor. Der Entwurf hatte auffällige Lücken: Die politische Verantwortung der SED für den Mauerbau und der Auftrag der Staatspartei an die Grenztruppen zu schießen, um Fluchtversuche zu verhindern, waren ausgeblendet. Gleichwohl war der Entwurf ein entscheidender Schritt nach vorn. Der Senat beabsichtigte, den "Schnitt durch eine ganze Stadt"[7] zu zeigen. Der Ausbau der Gedenkstätte in der Bernauer Straße konnte in Angriff genommen werden, auch weil sich Berlin sicher war, der Bund werde sich an der Finanzierung beteiligen.


Luftbild der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße: vorn links das Besucherzentrum, rechts Abschnitt A mit Nachzeichnung des Mauerverlaufs, Infosäulen, Fundamentresten und dem Fenster des Gedenkens, dahinter Abschnitt B – das Denkmal – und die Abschnitte C und D, zum Zeitpunkt der Aufnahme im Bau, Juni 2010.Luftbild (© Stiftung Berliner Mauer)
Luftbild der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße: vorn links das Besucherzentrum, rechts Abschnitt A mit Nachzeichnung des Mauerverlaufs, Infosäulen, Fundamentresten und dem Fenster des Gedenkens, dahinter Abschnitt B – das Denkmal – und die Abschnitte C und D, zum Zeitpunkt der Aufnahme im Bau, Juni 2010.

Die Teilung der Stadt stand aber nicht im Mittelpunkt der konzeptionellen Debatte um das Gedenkstättenkonzept. Der öffentliche Diskurs reflektierte die Mauer vornehmlich in dem "Opfer-Täter-Schema", das für die Tat- und Leidensorte aus beiden deutschen Diktaturen typisch ist. Die Mauer wurde überwiegend als ein weiteres Repressionsinstrument der SED-Diktatur gegen die Bevölkerung der DDR wahrgenommen. Damit besaß die Erinnerung an ihre Opfer Priorität für die Gedenkstätte in der Gestaltung ihrer Ausstellung. Die weltpolitischen Zusammenhänge von Mauerbau und -fall bildeten nur den Rahmen für die Schilderung der Ereignisse an der Mauer. Der "Eiserne Vorhang" als Grenze europäischer Einflusszonen, der Deutschland nach Hitlers Krieg geteilt hatte, wurde lange Jahre reduziert auf die Willkür des Grenzregimes der kommunistischen Diktatur. Diese Wahrnehmung der Mauer, die nicht zuletzt auf das Täter-Opfer-Schema der deutschen Erinnerungskultur an die Diktaturen zurückzuführen ist, blendet andere Dimensionen ihrer Existenz außerhalb der DDR aus. Das betrifft die Auswirkungen auf West-Berlin ebenso wie die kulturelle Auseinandersetzung mit der Mauer und die Folgen ihrer Existenz für die Deutschlandpolitik der Bundesregierungen und des Berliner Senats vor 1989. Vor allem aber verstellt sie den Blick auf die Teilung der Stadt und des Landes. Die Grenzziehungen, zu denen die Mauer zählt, lagen nicht in der Verantwortung der SED, die Befestigung der innerdeutschen Demarkationslinie ordnete im Frühjahr 1952 Stalin an, 1961 konnte Walter Ulbricht die Stadt erst durch Stacheldraht teilen, nachdem Nikita Chruschtschow dies entschieden hatte. Die Berliner Mauer wäre in ihrer Bedeutung verkürzt, würde sie auf ein nationales Monument der Deutschen reduziert; sie ist ein internationales Symbol für den kalten Krieg.

Dieser Ambivalenz und die nationale und internationale Bedeutung der Mauer soll die Gedenkstätte in der geplanten Ausstellung bewusst Rechnung tragen: "Das Gedenkensemble thematisiert lokale, nationale und internationale Dimensionen der Berliner Mauer gleichermaßen." Wesentliche Aspekte sind, die Schrecken des an der Mauer herrschenden Grenzregimes mit seinem Todesstreifen; die Versuche von Menschen, der Diktatur zu entkommen und in die Freiheit zu gelangen; der Ort, "der den Opfern Raum gibt und an dem das individuelle und nationale Gedenken an die Opfer von Mauer und Teilung seine würdige Form finden"; die Gedenkstätte, in der "auch die sehr stark divergierenden Ost- und West- Erfahrungen der Mauer gerade in Bezug auf den Alltag der Stadtbewohner sichtbar gemacht und zueinander in Beziehung gesetzt werden"; und "die Freude über den Fall der Mauer und die friedliche Überwindung des SED-Regimes wie auch der deutschen Teilung."[8]


Fußnoten

6.
Thomas Flierl, Gedenkkonzept Berliner Mauer, 18.4.2005, S. 7.
7.
Thomas Flierl, Gedenkkonzept Berliner Mauer, 18.4.2005, S. 8.
8.
Axel Klausmeier, Ein Memorialort neuer Prägung. Die Erweiterung der »Gedenkstätte Berliner Mauer« an der Bernauer Straße, in: DA 42 (2009) 5, S. 892–900, hier 897f.

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