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15.12.2011 | Von:
Christian Halbrock

Die unabhängigen Umweltgruppen der DDR

Forschungsstand und Überblick

Die unabhängigen Umweltgruppen in der DDR werden oft unter "politisch abweichendes Verhalten" oder "Opposition gegen die Verhältnisse im SED-Staat" subsumiert. Zu Recht, denn ihr Engagement zielte keineswegs nur auf Umweltprobleme im engeren Sinne, sondern schloss Friedens- und Menschenrechtsfragen mit ein. Ein Forschungsbericht.

Relevanz des Untersuchungsgegenstandes

In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten entstanden mehrere Arbeiten zu den Umweltgruppen, die einen Einblick in die Gesamtthematik sowie in einzelne Umweltaktivitäten vermitteln. Das Engagement der Umweltgruppen, die häufig keineswegs nur Umweltgruppen im engeren Sinne waren, sondern deren thematische Beschäftigung Friedens- und Menschenrechtsfragen mit einschloss, wird in der Forschung mehrheitlich subsumiert unter Begriffen wie "politisch abweichendes Verhalten" bis "Opposition gegen die Verhältnisse im SED-Staat". Die staatsunabhängigen Umwelt- bzw. Ökogruppen innerhalb wie außerhalb der Kirche finden sich ihrer Zuordnung entsprechend in den Betrachtungen wieder im Kanon mit den ihnen in den Ursprüngen, im Anliegen und Erscheinungsbild weitgehend verwandten Friedens- und Menschenrechtsgruppen, mitunter auch zusammen mit den "Dritte Welt"-Gruppen.

Deutlich wird die Bedeutung, die den Umweltgruppen, ihren Aktionen und Einrichtungen im Rückblick auf die DDR zukommt, an einem Ereignis, dass sich in fast allen DDR-Chroniken als Markstein von Widerstand und
Titelblatt einer Ausgabe der "Umweltblätter".Titelblatt einer Ausgabe der "Umweltblätter". (© Umweltbibliothek Berlin)
Opposition etabliert hat: In der Nacht vom 24. zum 25. November 1987 "durchsuchten" – so Hermann Weber – "Staatssicherheit und Staatsanwaltschaft ... Räume der evangelischen Zionsgemeinde in Ost-Berlin", die Räume der Umweltbibliothek im Keller des Pfarrhauses, "und verhafteten mehrere Mitglieder eines kirchlichen Friedens- und Umweltkreises".[1] Für Klaus Schroeder ist bereits die "Eröffnung der 'Berliner Umweltbibliothek'" im September 1986, die eine neue Qualität in der Arbeit der Umweltgruppen signalisierte, ein ebenso wichtiges Datum der DDR-(Oppositions-) Geschichte.[2]

Chroniken zur DDR-Kirchengeschichte verweisen – der Schwerpunktsetzung entsprechend – neben der Gründung und der "MfS-Aktion" gegen die "Zions-Umweltbibliothek" auf weitere Ereignisse mit Bezug zu den Umweltgruppen. So führt Rudolf Mau die Mahnwache und Fürbittengottesdienste nach der Durchsuchung der Umwelt-Bibliothek im November 1987 sowie die "Ökumenische Versammlung (I) 'Gerechtigkeit, Frieden u(nd) Bewahrung d(er) Schöpfung'" vom 12. bis 15. Februar 1988 in Dresden mit an.[3] Diese Daten legt auch Peter Maser in seiner kirchengeschichtlichen Chronik zugrunde, ergänzt jene aber um zwei weitere: Zum einen durch die fünfte Friedensdekade, die im November 1984 "die Themen Frieden und Umwelt miteinander" verband, sowie – zum anderen – die "Gründung des Grünen Netzwerkes 'Arche' zur 'Koordinierung der Umweltaktivitäten im Umfeld der Kirchen'" am 10. Januar 1988.[4]

Bedingt durch diese Ereignisse und die Bedeutung, die ihnen zugeschrieben werden kann, wird den unabhängigen Umweltgruppen der DDR in den Gesamtdarstellungen zur DDR zumeist ein gesonderter Platz eingeräumt.
Logo der Ökumenischen Versammlung für "Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung".Logo der Ökumenischen Versammlung für "Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung".
Tatsache ist aber auch, dass nach wie vor viele Fragen offen bleiben. Immer noch gibt es eine Reihe von Gruppen und verschiedene Umweltaktionen, die nach wie vor unerwähnt sind. So blieben nicht wenige Aktivisten, von denen einige ihr Engagement mit einschneidenden Repressalien wie Ordnungsstrafen und Haft bezahlten, bei der Aufarbeitung der DDR-Oppositionsgeschichte unerwähnt. Aufarbeitung erweist sich hier, wie in anderen Bereichen auch, als stark auf die Großstädte Berlin und Leipzig fokussiertes Unterfangen. So erfuhr zum Beispiel die Babelsberger Umweltgruppe in Potsdam um Jes Albert Möller, Christian Grauer, Frank Ortmann und später um Oliver Groppler bislang kaum eine Würdigung. (Mittlerweile ist die Abteilung Bildung und Forschung der BStU damit beschäftigt, auf der Grundlage des gegen die Potsdamer Umweltaktivisten vom Ministerium für Staatssicherheit geführten Operativvorganges, dem OV "Ökologie", Unterrichtsmaterial für die Schulen zu erarbeiten.)

Ähnlich verhält es sich mit anderen Umweltaktivitäten in der DDR wie zum Beispiel den für den Selbstfindungsprozess innerhalb der Umweltgruppen wichtigen Protesten 1983 gegen den Autobahnbau nach Wismar. Auch dass in der Hansestadt Wismar eine Umweltgruppe ihr Wirkungsfeld hatte und sich hier ebenfalls eine Umweltbibliothek im Aufbau befand, ist bis heute zumeist nur Insidern bekannt.

Auffällig ist bei alledem ferner, dass ein nicht geringer Teil der mittlerweile vorliegenden Veröffentlichungen aus der Feder von Personen stammt, die sich damals in den Gruppen engagierten. Dies beeinträchtigt den Wert der Abhandlungen keineswegs. In den zurückliegenden eineinhalb Jahrzehnten bildete sich in den Reihen der einstmals von dieser Form der Betätigung Ausgegrenzten durch Studium und Promotion ein hohes Maß an Fachkompetenz heraus.


Fußnoten

1.
Hermann Weber, Kleine Geschichte der DDR, 2. Aufl., Köln 1988, S. 182; ders., DDR. Grundriß der Geschichte 1945–1990, Neuaufl., Hannover 1991, S. 339. Hingegen weder in der Chronik noch im Text enthalten in: ders., Die DDR 1945–1990, 4. Aufl. München 2006, S. 335. Enthalten ist hier auch kein Verweis auf die unabhängigen Umweltgruppen.
2.
Klaus Schroeder, Der SED-Staat. Partei, Staat und Gesellschaft 1949–1990, München 1998, S. 281, 283.
3.
Rudolf Mau, Der Protestantismus im Osten Deutschlands (1945–1990), Leipzig 2005, S. 230.
4.
Peter Maser, Die Kirchen in der DDR, Bonn 2000, S. 162f.

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