Beleuchteter Reichstag

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12.1.2012 | Von:
Helmut Müller-Enbergs

Minderjährige IM – ein Forschungsstand

Operative Schwerpunkte minderjähriger IM

Das von der Frankfurter Bezirksverwaltung für Staatssicherheit überlieferte Datenmaterial gibt auch Aufschluss über die operativen Schwerpunkte, die den Schülern zugedacht waren. Es handelt sich überwiegend um Fragestellungen der Linie XX, die unter anderem auch mit der inoffiziellen Arbeit unter Jugendlichen befasst war.[18] Das steht im Einklang mit den internen Vorgaben des MfS. Nach dem grundlegenden Befehl 1/66[19] wies der Minister seinen Apparat an, "politisch-operative Maßnahmen" zu "jugendlichen Personenkreisen" einzuleiten, machte darin aber keine Altersangaben. Innerhalb des MfS war die Hauptabteilung XX bei der Koordinierung dieser Maßnahmen und dem "Zusammenwirken der verschiedenen operativen Linien federführend". In den Bezirksverwaltungen wurden dazu Arbeitsgruppen gebildet, für deren Aufgaben Führungsoffiziere verschiedener Linien zu berufen waren. Die Leitung dieser Arbeitsgruppen kam jeweils dem zuständigen Mitarbeiter der Linie XX zu. Halbjährlich waren die Erkenntnisse der verschiedenen Arbeitsgruppen von der Hauptabteilung XX in einer Ausarbeitung zur "politisch-operativen Situation unter jugendlichen Personenkreisen" zusammenzufassen.[20]

In den Bestimmungen des MfS ist die Rede von Jugendlichen, also den 16- und 17-Jährigen, während die Volljährigen regelmäßig als Jungerwachsene gelten. Das bestärkt, was sich wiederholt bei der Sichtung von Akten zeigte: Der überwiegende Anteil minderjähriger IM war 17 Jahre alt (schon deutlich seltener 16 oder jünger), eine Personengruppe, die regelmäßig im Vorfeld des Wehrdienstes vom MfS angesprochen wurde, damit nicht erst Rekruten während ihres Dienstes verpflichtet werden mussten, was innerhalb der Kasernen mitunter dekonspirierend sein konnte.[21]

Es gibt jedoch seltene Ausnahmen. Der jüngste bislang ermittelte IM war zwölf Jahre alt und ihm wurde der Deckname "Jüngling" zugewiesen. "Jüngling" besuchte eine
Annette Baumeister: "Stasi auf dem Schulhof" (2012), Werbeprospekt.Annette Baumeister: "Stasi auf dem Schulhof" (2012), Werbeprospekt. (© ARD)
Polytechnische Oberschule in Bad Salzungen. Das Scheidungskind sollte "mit negativen Schülern und Jugendlichen an der POS Kontakt halten bzw. mit diesen engen Umfang pflegen." Er wurde im Pionierkabinett seiner Schule mit Handschlag geworben. Anlass dafür gab eine strafbare Handlung. Über ihn heißt es 1980: "Da der IM in seiner Persönlichkeitsentwicklung noch nicht abgeschlossen ist, kommt es darauf an, in der ersten Etappe der Zusammenarbeit den IM so zu beeinflussen, damit Momente der Spontaneität und der Schwankungen weitgehend abgebaut werden und ihm ein klares Feindbild anerzogen werden kann. Des weitern kommt es darauf an, dass Vertrauensverhältnis systematisch so zu vertiefen, um ihn an unser Organ zu binden." Das scheint nicht recht geklappt zu haben, denn sieben Jahre später heißt es über "Jüngling": "In der Folgezeit der Zusammenarbeit stellte sich heraus, dass der IM vom Intellekt her nicht in der Lage war, die an ihn gestellten Aufgaben zu erfüllen. Er ist ängstlich, unehrlich und nicht bereit, Jugendliche, Freunde und Bekannte zu belasten. Der IM hat für eine Zusammenarbeit mit unserem Organ keine Perspektive."[22]

Die beschriebene Konstellation deutet bereits daraufhin, dass parteilich angepasste Minderjährige entweder in Vorbereitung auf eine hauptamtliche Tätigkeit beim MfS – die Kadersichtung setzte bereits mit dem 14. Lebensjahr ein – oder eben in Vorbereitung auf den Wehrdienst rekrutiert wurden, um für die MfS-Hauptabteilung I in den Kasernen Informationen zu beschaffen. Andererseits zeigt bereits am Befehl 1/66, dass die Massenorganisation der Jugendlichen schlechthin, die Freie Deutsche Jugend (FDJ) oder – mit Abstrichen – die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) nicht ausreichend Jugendliche absorbierte. Eine latente bis latent kritische Distanz gab es zu den Vorgaben des Staates unter Jugendlichen durchaus, auch bei jenen, die sich nicht kirchlich gebunden fühlten. Diese Gruppe operativ zu kontrollieren war genuines Anliegen des MfS, aber nicht allein Aufgabe von minderjährigen IM, sondern von grundsätzlich mit Jugendlichen operativ befassten IM. Aber den besten Zugang hatten freilich eben Gleichaltrige, mithin minderjährige IM. Demnach ist wesentlich von zwei Typen minderjähriger IM auszugehen: Der angepasste – und der unangepasste Minderjährige. Dies soll an zwei Beispielen illustriert werden.


Fußnoten

18.
Vgl. ebd.
19.
Vgl. Befehl 11/66 v. 15.5.1966; BStU, MfS, Dok-Stelle 100483.
20.
Vgl. ebd., S. 2f u. 5.
21.
Vgl. Helmut Müller-Enbergs, Über Ja-Sager und Nein-Sager, in: Marco Hecht/Gerald Praschl, Ich habe Nein gesagt, Berlin 2002, S. 147–166, hier 152.
22.
Vgl. BStU, MfS, BV Suhl, KD Bad Salzungen, AIM 389/87.

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