Beleuchteter Reichstag

counter
12.1.2012 | Von:
Helmut Müller-Enbergs

Minderjährige IM – ein Forschungsstand

"Schwalbe"

Eine Woche vor seinem 18. Geburtstag verpflichtete sich ein Schüler der Erweiterten Oberschule "Walther Rathenau" in Senftenberg "zum Schutze der Deutschen Demokratischen Republik und des Aufbaus des Sozialismus inoffiziell" zur Kooperation mit dem MfS. Er wählte sich in der von ihm geschriebenen handschriftlichen Verpflichtung den Decknamen "Schwalbe". "Mir ist bewusst", heißt es in seinem letzten Satz vor der Unterschrift, "dass ich, wenn ich die Schweigeverpflichtung breche, strafrechtlich belangt werden kann". Das war am 5. Juni 1970.[23] Juristisch gesehen eine hohle Aussage, für die Welt eines Jugendlichen aber keine zu unterschätzende Bürde. Das Bündnis geht "Schwalbe" freiwillig ein, wahrscheinlich in der Hoffnung, hauptamtlich in den Dienst der Staatssicherheit zu gelangen, beflügelt von der Vision, so einer wie Richard Sorge zu werden. Insoweit handelt es sich hierbei um ein Engagement, das er gern eingegangen sein wird.

Sein Gesprächspartner, Unterleutnant Rüdiger Fach, erwartet von ihm Ausführungen zu den Jugendlichen im Flugclub Schwarzheide und zu den "Grenzern" an seiner Schule. "Schwalbe" bemüht sich redlich. Sein Bericht zu den Grenzkadern an der Schule kommt gut an, bei den Segelfliegern will er ein "umfassendes Bild erarbeiten".[24] "Schwalbe" zeigt revolutionäre Wachsamkeit, zumal er tatsächlich gern Mitarbeiter der Staatssicherheit werden möchte. Das MfS bittet er, alsbald zu entscheiden, ob er den Studienplatz in Leipzig annehmen soll oder sich Hoffnungen machen kann, in den Dienst einzutreten.[25] MfS-intern ist bereits klar, dass er wegen einer angeblichen Sehschwäche nicht zum Wachregiment Feliks Dzerzinski eingezogen werden wird. Den abschlägigen Bescheid will das MfS ihm aber erst im November mitteilen.

Bis dahin berichtet "Schwalbe" "über Jugendliche, die negativ in Erscheinung treten", in dem sie "hetzten", als ein Funktionär anlässlich des Tages des Bergmannes vom Blatt abliest: "Dass die Funktionäre bei uns nicht von der Sache überzeugt seien, da sie nicht einmal frei sprechen könnten. Anders wäre das bei Goebbels gewesen". Und als die Nationalhymne abgespielt wird, explodiert ein Knaller. Das MfS reagiert und bittet ihren IM um Feststellungen, ob es sich "um eine Gruppierung handelt".[26] Kaum 18-jährig, vermerkt er über einen Mitschüler: "schlank, blond, etwa 1,75 m groß, lange Haare, gepflegtes Aussehen, höfliches Auftreten, Fußballer, besuchte mit mir gemeinsam die 7. Klasse". "Schwalbe" ist folglich aussagefähig und bringt weitere Details: Dieser Mitschüler "erhielt eine Verbandsstrafe wegen unmöglicher Führung beim Klassenfest [...] (westliche Musik sollte gespielt werden)"[27] Ähnlich fallen auch die späteren Berichte aus. Das MfS ist mit ihm zufrieden. "Schwalbe" war "sehr pünktlich und sehr gut vorbereitet. Konspiration wurde gewahrt". Ein Auftrag folgte dem nächsten. Am 18. November 1970 heißt es, er solle über die politische Situation an der Schule, die Rolle der Partei und "negative Kräfte", über Diskussionen zu Versorgungsschwierigkeiten bei Kaffee, Butter und Kohle berichten. Bei dieser Gelegenheit teilt "Schwalbe" dem MfS mit: "Ich rechne damit, dass ... demnächst mit mir eine Aussprache führen wird, um mich für das MfS zu gewinnen. Es ist mein Wunsch, Mitarbeiter des MfS zu werden. [...] Ich wäre auch bereit, in der Wache der Kreisdienststelle MfS meinen Wehrdienst abzuleisten, wenn ich für das Wachregiment nicht geeignet bin. Besteht die Möglichkeit, dass ich Mitarbeiter des MfS werde? Wie soll ich mich bei einer eventuellen Aussprache [...] verhalten?"[28] Sein Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen.

Das MfS ist mit "Schwalbe" zufrieden. Im Dezember 1970 wird seine "große Einsatzbereitschaft" belohnt, auch seine Erledigung von "Sonderaufträgen", weshalb er mit kaum 18 Jahren dem inoffiziellen Netz des Führungs-IM "Scholz" zugewiesen wird.[29] Aus der Karriere beim MfS wird nichts, im November 1971 geht er für drei Jahre zu den Grenztruppen und sichert die Westgrenze. "Schwalbe" setzt die Kooperation mit dem MfS fort, berichtet fleißig über seine Kollegen, die inoffizielle Kooperation endet erst nach 1975.


Fußnoten

23.
Vgl. BStU, MfS, BV Cottbus, KD Senftenberg, Bl. 14.
24.
Vgl. ebd., Bl. 4.
25.
Ebd., Bl. 47. Das Folgende ebd., Bl. 48.
26.
Ebd., Bl. 5.
27.
Ebd., Bl. 7.
28.
Ebd., Bl. 51.
29.
Ebd., Bl. 96.

Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Themenseite

60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


Mehr lesen

NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

Mehr lesen

Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 17. Januar 1957
    Nach dem Gesetz über die örtlichen Organe der Staatsmacht delegiert die einheitliche staatliche Zentralgewalt partikulare Kompetenzen an lokale Volksvertretungen (z. B. Bezirkstage, Stadtverordnetenversammlungen, Kreistage, Gemeindevertretungen) und ihre... Weiter
  • 17. Januar 1979
    Die Bundesregierung beschließt, ab 1. 4. auf die Regelanfrage bei Bewerbern im öffentlichen Dienst zu verzichten. Sie werden nur noch im Einzelfall vom Verfassungsschutz überprüft, sofern konkrete Anhaltspunkte für Zweifel an der Verfassungstreue vorliegen.... Weiter
  • 17. Januar 1988
    Demonstranten aus unabhängigen Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtsgruppen wollen sich in Ost-Berlin der offiziellen SED-Kampfkundgebung zum Gedenken an die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts (15. 1. 1919) anschließen; sie werden deshalb... Weiter
  • 17. Januar 1991
    Der Bundestag wählt Helmut Kohl (CDU) mit 378 gegen 257 Stimmen und 9 Enthaltungen zum ersten gesamtdeutschen Bundeskanzler (Mehrheit der Mitglieder 332). - Die FDP hatte ursprünglich die Kanzlerwahl von einem Niedrigsteuergebiet in der ehemaligen DDR... Weiter
  • 17. Januar - 28. Februar 1991
    Golfkrieg um Kuwait: Kampfflugzeuge der multinationalen Streitmacht aus den Staaten USA, Großbritannien, Saudi-Arabien und Kuwait beginnen mit High-Tech-Bombardements im Irak und im besetzten Kuwait, da der irakische Präsident Saddam Hussein ein UN-Ultimatum... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen