Beleuchteter Reichstag

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12.1.2012 | Von:
Helmut Müller-Enbergs

Minderjährige IM – ein Forschungsstand

"Igel"

Feldwebel Katrin Schollmeyer arbeitete als operativ-technische Mitarbeiterin für die Abteilung XX/2 der MfS-Bezirksverwaltung Groß-Berlin und suchte jemanden, der sich in der Fußball begeisterten Skinhead-Szene Ost-Berlins auskennt. Der 17-jährige Kellnerlehrling "Igel" erschien dafür wie geschaffen, weshalb Schollmeyer einen IM-Vorlauf anlegte. Bereits in der 9. Klasse, so erfuhr sie, war "Igel" im "Zusammenhang mit faschistischen Tendenzen" aufgefallen, als im Wehrerziehungslager Mitschüler als Juden "beschimpft und drangsaliert" worden waren. "Igel" galt als Initiator, zumal sein Äußeres dazu passte: Springerstiefel, Jeanshosen, Bomberjacke mit dem Aufnäher "Skinhead Power Deutschland", dazu die "extrem kurzen" Haare. Bei einer Weihnachtsfeier an seiner Polytechnischen Oberschule "urinierte" er in den Saal, warf Gegenstände aus dem Fenster und gehört zu jenen, die gelegentlich mit "erhobenem Arm (Hitlergruß)" gesehen wurden.[30] Während einer polizeilichen Vernehmung nennt "Igel" zehn Mitglieder seiner Gruppe, berichtet von den Besuchen bei den Spielen des 1. FC Union und von den wöchentlichen Treffen im Pfarrhaus.

Bei der Kontaktaufnahme Schollmeyers mit "Igel" am 23. Oktober 1984 spricht er über "einzelne Personen".[31] Sie bleiben im Gespräch, treffen sich aber aus konspirativen Gründen bei Vorladungen in der Volkspolizei-Inspektion Köpenick, so am 30. April 1985, als "Igel" Urlaub hat. Parallel dazu konsultiert der Führungsoffizier "Igels" Berufsschullehrerin, die sich wohlwollend über ihn äußert und die spannungsreiche Familiensituation für sein Verhalten als ursächlich empfindet.[32] Obgleich "Igel" Auskünfte gibt und mündlich belehrt wird, über das Gespräch "Stillschweigen zu wahren, einschließlich gegenüber seinen Eltern", signalisiert "Igel" bereits, "am liebsten 'in Ruhe' gelassen zu werden". Doch der Gewinnungsprozess, resümiert das MfS, ist fortzusetzen.[33] Schollmeyer beginnt mit dem Erziehungsprozess: "Unterzeichner stellte fest, daß er seine Bekannten recht unkritisch auswählt", vermerkt sie. "'Igel' argumentierte, dass er seinen Freundes- und Bekanntenkreis in charakterlicher und moralischer Hinsicht einschätzen kann und nicht vorhat, diesen zu wechseln." Schollmeyer bedrängt ihn, seine Geburtstagsfeier mit 50 Skinheads, die das MfS stört, abzusagen, und "Igel" signalisiert seine Bereitschaft, "seinen Beitrag zur Verhinderung" zu leisten.[34] Tatsächlich aber findet die Feier statt.

Es gab keine schriftliche Verpflichtung von "Igel", jedoch Gespräche, in denen er bereit war, Informationen zu geben; er verweigerte sich nicht. Im September 1985, nach einem Jahr Kontakt, schließt Schollmeyer die Akte, weil "Igel" "subjektiv nicht geeignet ist, mit dem MfS inoffiziell zusammenzuarbeiten. Es ist keine Bereitschaft vorhanden, konkrete Aufträge zu interessierenden Personen und Personenkreisen zu übernehmen." Fortan wird "Igel" in dem Vorgang "Seife" selbst zur beobachteten Person des MfS, die im Januar 1988 einen Ausreiseantrag aus der DDR stellt, dessen Genehmigung sich am 7. November 1989 abzeichnet, als das MfS die "kurzfristige" Übersiedlung vorsieht.[35] Mit "Igel" war es zu keiner langfristigen Kooperation gekommen, was in anderen Fällen durchaus gelang. So etwa bei "Shenja", die als 16-jährige Schülern im März 1981 zur inoffiziellen Arbeit verpflichtet wurde und nach anfänglichen Schwierigkeiten bis November 1986, dann schon als Studentin, die Kooperation aufrecht erhielt.[36]


Fußnoten

30.
Vgl. BStU, MfS, BV Berlin, AIM-V 1613/87, Bl. 26f. Zit. nach dem Fallbeispiel von Karin Rohrlack, Vom Fußballfan zum Staatsfeind, in: Christoph Hamann/Axel Janowitz (Hg.), Feindliche Jugend? Verfolgung und Disziplinierung Jugendlicher durch das Ministerium für Staatssicherheit. Unterrichtseinheiten zu ausgewählten Fällen, Berlin 2007, S. 47–73, hier 58f.
31.
Vgl. BStU, MfS, BV Berlin, AIM-V 1613/87, Bl. 27; Rohrlack (Anm. 30), S. 58.
32.
Vgl. ebd., Bl. 36f; Rohrlack (Anm. 30), S. 61.
33.
Vgl. ebd., Bl. 32f; Rohrlack (Anm. 30), S. 62.
34.
Vgl. ebd., Bl. 34f; Rohrlack (Anm. 30), S. 63.
35.
Vgl. BStU, MfS, BV Berlin, AOPK 5411/91, Bd. 1, Bl. 2–10, Bd. 2, Bl. 82 u. 127; Rohrlack (Anm. 30), S. 64–73.
36.
Vgl. BStU, MfS, BV Gera, AIM 687/87, Teil I, Bl. 39–41 passim; zit.: Jugendliche Inoffizielle Mitarbeiter. IM "Shenja", Hg. BStU, Berlin 2009, o. S.

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