Beleuchteter Reichstag

counter
6.1.2012 | Von:
Michael Westdickenberg

Das Loch in der Mauer

Ein Werkstattbericht über den innerdeutschen Literaturaustausch

Auch nach dem Mauerbau bestand ein innerdeutscher Literaturaustausch fort. Ein Kolloquium in Leipzig befasste sich mit der Mauer in der Literatur, mit Ablegern gleicher Verlage in Ost und West und der Beobachtung von Literaturkontakten durch die Staatssicherheit.

Ein Loch in der Mauer: Blick nach Ost-Berlin, Februar 1990.Ein Loch in der Mauer: Blick nach Ost-Berlin, Februar 1990. (© Michael Westdickenberg)
Zwei Jugendliche finden eine Möglichkeit, von Osten her die Mauer zu überwinden und erkunden 14-mal West-Berlin, bis sie entdeckt und verhaftet werden. Die Pointe der Erzählung "Mein Richard" von Stefan Heym[1] besteht darin, dass der Verteidiger den Staatsanwalt nach der Verurteilung anspricht, er an dessen Stelle hätte einen Orden für die Jungen beantragt, weil sie immer wieder zurückgekommen seien. Die Literaturzensurbehörde der DDR, die "Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel" (HV), verhinderte allerdings das Erscheinen dieser und zwei weiterer Erzählungen in Heyms 1976 erschienenem Erzählungsband. Über die Editionsgeschichte von Heyms Erzählband, der 1976 im Verlag Der Morgen erschien, berichtete Jan König (Leipzig) auf dem Kolloquium "Das Loch in der Mauer – reloaded. Neues zum innerdeutschen Literaturaustausch".

"Reloaded" war der Untertitel dieses Workshops, da bereits 1996 eine Tagung zum selben Thema, ebenfalls in Leipzig, stattgefunden hatte.[2] Der Zeitpunkt war mit dem 12. und dem 13. August, dem 50. Jahrestag des Mauerbaus, von dem Leipziger Buchwissenschaftler Siegfried Lokatis und der veranstaltenden Gesellschaft der Freunde und Förderer der Leipziger Buchwissenschaft nicht zufällig gewählt worden. Die Referenten waren überwiegend junge Buchforscher, Literaturwissenschaftler und Verlagshistoriker, die ihre Forschungsprojekte und Archivfunde präsentierten.

Die Mauer war für die Literaturzensurbehörde der DDR, sofern man ihre Existenz nicht als "Antifaschistischen Schutzwall" rechtfertigte, ein Tabubegriff. So veränderte Volker Braun 1972 bei der Erstveröffentlichung seines Gedichtes "Die Mauer" in der DDR den Titel und nannte es "Die Grenze", wie Hannah Schepers (Bonn) in ihrem Beitrag über Brauns schriftstellerische Reaktion auf den Bau der Mauer referierte. In diesem erstmals 1964 erschienenen Gedicht rechtfertigte Braun die Existenz der Mauer mit der Notwendigkeit, Krieg zu verhindern und die Abwanderung gen Westen zu stoppen. Gleichzeitig missbilligte er die Gewalt und plädierte dafür, andere Mittel zu benutzen, um die Menschen zum Bleiben zu veranlassen: "Schwer / Aus den Gewehren fallen die Schüsse: / Auf die, die es anders besser / Halten könnte."[3] Der sich als Internationalist verstehende Braun veröffentlichte "Die Mauer" zuerst in der Bundesrepublik und reichte das Manuskript zum Lyrikband "Wir und nicht sie", mit dem Gedicht, beim Suhrkamp Verlag (Frankfurt am Main) ohne die Genehmigung der HV ein. Man bestrafte ihn dafür mit einem zweijährigen Verbot von Westreisen und verwehrte ihm 1971 den Johannes-R.-Becher-Preis. In den 1970er-Jahren revidierte Braun seine Haltung zur Mauer und zieh sich rückblickend der Naivität. 1988 bezeichnete er die Mauer als "negativen mythos"[4], womit er die Realitätsferne der SED-Politik verurteilte.

Der Schriftsteller Erwin Strittmatter hatte den Bau der Mauer öffentlich gerechtfertigt, woraufhin sein bereits ausgedruckter Roman "Der Wundertäter" vom S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) makuliert wurde. Konstantin Ulmer (Hamburg) erinnerte an die Versuche des Schriftstellers Peter Jokostra, der aus der DDR in die Bundesrepublik geflüchtet war, auch die Veröffentlichung von Anna Seghers' Roman "Das siebte Kreuz" nach dem Mauerbau im Luchterhand Verlag (Neuwied) zu verhindern, und die sich anschließende Kontroverse in der Bundesrepublik über den Umgang mit Werken von Autoren aus der DDR. Jokostra und andere Schriftsteller, Publizisten und Buchhändler lehnten deren Veröffentlichung ab, weil sie dies als Anerkennung des "Ulbricht-Regimes" und dessen Literaturdoktrin empfanden. Marcel Reich-Ranicki sprach sich für die Publikation von Seghers' erstmals 1942 in Mexiko veröffentlichtem Roman aus, da er ihn nicht als DDR-Literatur betrachtete, sondern als Text gegen die nationalsozialistische Herrschaft. Reich-Ranicki lehnte einen "literarischen Schutzwall" gegen die DDR aber auch grundsätzlich ab, um nicht "die Niederlage der dortigen Literatur zu tarnen". Im Gegensatz zu Strittmatters "Wundertäter" erschien Seghers' Roman 1962 im Luchterhand Verlag, der später wegen seines Schwerpunktes mit Titeln aus der DDR schon mal "VEB Luchterhand" genannt wurde. Der Umstand, dass eine nicht unbedeutende Anzahl von Autoren aus der DDR den Bau der Mauer befürwortete, da sie sich davon größere Freiheiten im eigenen Land erhofften, thematisierte leider keiner der Vortragenden. Diese Erwartungshaltung erwies sich bekanntlich spätestens mit dem 11. Plenum des SED-Zentralkomitees vom Dezember 1965 als Illusion.

Der Verleger Christoph Links (Berlin) berichtete in seinem Vortrag über Besuche westdeutscher Autoren bei ostdeutschen Kollegen und Verlegern über eine ganz anders geartete Intervention eines Schriftstellers aus dem Westen. Als Links' Vater Roland, der Lektor im Verlag Volk und Welt war und später Leiter der Verlagsgruppe Kiepenheuer Leipzig, als Autor eines Buches über Alfred Döblin eine Einladung zu einem literaturwissenschaftlichen Kongress in die USA erhielt, fehlten ihm die notwendigen Devisen, um sie annehmen zu können. Der Schweizer Autor Max Frisch, mit Links auch freundschaftlich verbunden, versuchte, diesem mit einem Scheck über 1.000 Dollar die Reise zu ermöglichen. Mit dem Argument, die DDR solle im Ausland nicht als Bittsteller erscheinen, wurde Links die Reise trotzdem versagt. Christoph Links bezog sich daneben vor allem auf den von Bernd Jentzsch und Günter Grass initiierten lockeren Autorenkreis, der zwischen 1973 und 1978 regelmäßig, vier- bis fünfmal im Jahr, in Ost-Berlin zu einem Austausch über die eigene literarische Produktion zusammenkam.[5] Als weiteres Beispiel führte Links den West-Berliner Autor Friedrich Christian Delius an, der in den 1960er- und 70er-Jahren in seiner Funktion als Redakteur der Zeitschrift "alternative" sowie als Lektor für den Verleger Klaus Wagenbach und später den Rotbuch Verlag intensiven Kontakt unter anderem zu Wolf Biermann, Thomas Brasch, Günter Kunert, Karl Mickel und Heiner Müller hatte. Dass sich daraus mehr als reine Arbeitsbeziehungen entwickelten, ist an dem Umstand zu erkennen, dass Delius einen im Westen erhaltenen Förderpreis mit Ost-Berliner Freunden und einigen Flaschen Whisky feierte. Im Unterschied zu Grass mied Delius jedoch Zusammenkünfte mit mehreren Personen, da er die Anwesenheit von Stasispitzeln befürchtete, die seine Lektoratsarbeit hätten gefährden können.


Fußnoten

1.
In: Stefan Heym, Gesammelte Erzählungen, München 1998, S. 331–348.
2.
Vgl. Mark Lehmstedt/Siegfried Lokatis (Hg.), Das Loch in der Mauer. Der innerdeutsche Literaturaustauch, Wiesbaden 1997.
3.
Volker Braun, Die Mauer, in: Ders., Texte in zeitlicher Folge, Bd. 2, Halle/S. 1990, S. 82–85.
4.
Volker Braun, Werktage 1. Arbeitsbuch, Frankfurt a. M. 2009, S. 877.
5.
Vgl. Roland Berbig (Hg.), Stille Post. Inoffizielle Schriftstellerkontakte zwischen West und Ost, Berlin 2005.

Ausstellung + Film

Die Mauer. Sie steht wieder!

Was wäre, wenn die Mauer Berlin erneut halbieren würde? 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert das Deutschland Archiv der bpb mit 30 Bildmontagen und einem Film von Alexander Kupsch an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

NEU: Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei, Betriebskampfgruppen und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen, Demokratie und Reisefreiheit eintraten - und sich mit Kerzen, Worten und Zivilcourage gegen die Staatsmacht durchsetzten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Cover APuZ 35-37/2019

Das letzte Jahr der DDR

In der tradierten Erfolgsgeschichte von "1989" wird kaum abgebildet, dass der Ausgang der friedliche...

Wer wir sind

Wer wir sind

Der Umbruch war gewaltig, und er hat mehr und tiefere Spuren hinterlassen, als manche wahrhaben woll...

Coverbild Die Einheit

Die Einheit

Wie wurde die Einheit Deutschlands vertraglich vorbereitet? 170 Dokumente aus dem Auswärtigen Amt d...

Coverbild falter Geschichte der DDR

Geschichte der DDR

Von der Staatsgründung über den Mauerbau bis zur Wiedervereinigung: Die Zeitleiste macht die Gesch...

Herbst ´89 in der DDR

Herbst ´89 in der DDR

Kaum ein Ereignis in der deutschen Nachkriegsgeschichte hat so viele Emotionen ausgelöst wie der "M...

Coverbild Geteilte Ansichten

Geteilte Ansichten

Jungen Menschen ist oft nicht (mehr) bewusst, dass Deutschland von 1961 bis 1989 geteilt war. Zuglei...

Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989

Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989

327 Männer, Frauen und Kinder aus Ost und West fielen während der deutschen Teilung dem DDR-Grenzr...

Coverbild 3. Oktober: Tag der Deutschen Einheit

3. Oktober: Tag der Deutschen Einheit

Im Herbst 1990 wurde die DDR Teil der Bundesrepublik Deutschland. Doch was wuchs da zusammen? Warum ...

Stasi auf dem Schulhof

Stasi auf dem Schulhof

Die Bespitzelung der DDR-Gesellschaft durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) machte auch ...

Deutschland Archiv 2018

Deutschland Archiv 2018

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2018 erschienen sind.

Deutschland Archiv 2017

Deutschland Archiv 2017

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2017 erschienen sind.

Deutschland Archiv 2016

Deutschland Archiv 2016

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2016 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1664 "Deutschland Archiv 2015": Cover

Deutschland Archiv 2015

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2015 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1544 "Deutschland Archiv 2014": Cover

Deutschland Archiv 2014

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2014 erschienen sind.

Coverbild Deutschland Archiv 2013

Deutschland Archiv 2013

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2013 erschienen sind.

Zum Shop

Deutschlandarchiv bei Twitter

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Der Tag in der Geschichte

  • 28. Januar 1956
    Der Politische Beratende Ausschuss beschließt in Prag, die Nationale Volksarmee (NVA) in die Streitkräfte der »Warschauer Vertragsorganisation« (WVO) zu integrieren und - auch in Friedenszeiten - dem Vereinten Oberkommando zu unterstellen. Weiter
  • 28. Januar 1972
    »Extremistenbeschluss«: Bundeskanzler Brandt und die Ministerpräsidenten der Länder vereinbaren, dass Bewerber für den öffentlichen Dienst und Beamte die Gewähr dafür bieten müssen, jederzeit für die freiheitlich-demokratische Grundordnung im Sinne des... Weiter
  • 28. Januar 1974
    3. Jugendgesetz der DDR: Nach dem Gesetz über die Teilnahme der Jugend an der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft sollen sich Jugendliche, d. h. Bürger bis zum vollendeten 25. Lebensjahr, zu »sozialistischen Persönlichkeiten« entwickeln.... Weiter
  • 28. Januar 1987
    Das SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« veröffentlicht Gorbatschows Rede über »Die Umgestaltung und die Kaderpolitik« in der Zusammenfassung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS - doch ohne die Kritik an seinen Vorgängern. Michail S. Gorbatschow, seit... Weiter
  • 28. Januar 1990
    Entschärfte Regierungskrise: Modrow vereinbart mit den Repräsentanten des Runden Tisches ein Vierpunkteprogramm: 1. Die Volkskammerwahl wird vom 6. 5. auf den 18. 3. 1990 vorverlegt. 2. Die Kommunalwahlen folgen wie geplant am 6. 5. 1990. 3. Bis zur... Weiter