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2.2.2012 | Von:
Michaela S. Ast

Flucht und Vertreibung im bundesdeutschen Spielfilm der 1950er-Jahre

Wissenschaftlich und journalistisch sind Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem historischen deutschen Osten ausführlich aufgearbeitet worden. Doch wie sieht der seltene Umgang mit den Thema im Spielfilm aus? Filme der 1950er- und 2000er-Jahre zeigen erhebliche Unterschiede.

1. Einleitung

Ein Ereignis der deutschen Geschichte rückte in den letzten Jahren verstärkt in die öffentliche Aufmerksamkeit:
Flüchtlingstreck auf dem Krebsmarkt in Danzig, 21. Februar 1945.Flüchtlingstreck auf dem Krebsmarkt in Danzig, 21. Februar 1945. (© Bundesarchiv, Bild 146-1996-028-29A / Fotograf: Brigitte Höber)
die Flucht und Vertreibung von ca. 15 Millionen Deutschen aus den ehemals deutschen Staats- und Siedlungsgebieten östlich von Oder und Neiße. Das im vergangenen Jahrzehnt verstärkt auftretende gesellschaftliche Bedürfnis, sich ausführlich über diesen Themenkomplex zu informieren, führte zu einer langen Reihe verschiedener Veröffentlichungen. Es entstanden neben vielbeachteten Sachbüchern, wie Andreas Kosserts "Kalte Heimat" (2008)[1], Romanen, wie Tatjana Gräfin Dönhoffs und Gabriela Sperls "Die Flucht" (2007), auch Dokumentationen und Spielfilme, die den Gegenstand anders darstellten als in den Jahrzehnten zuvor üblich.
Der Bedarf an Informationen über diesen so einschneidenden Abschnitt der deutschen Geschichte ist wahrscheinlich darin begründet, dass große Teile der deutschen Bevölkerung heute kaum noch Kenntnisse darüber haben. Nicht nur im Schulunterricht wurde das Thema seit Jahrzehnten nicht mehr aufgegriffen[2], auch in den Familien wurde aus verschiedenen Gründen oft nicht über den eigenen Flucht- oder Vertreibungshintergrund gesprochen. Problematisch für die Weitergabe des Wissens von Flucht und Vertreibung war zum Beispiel, dass Nachbarschafts- und Familienstrukturen auseinanderbrachen, weil die Betroffenen auf ganz Westdeutschland und die DDR verteilt wurden. Zwar übernahm im Westen jeweils ein Bundesland die Patenschaft für eine bestimmte Region – zum Beispiel Niedersachsen für Schlesien, da hier vor allem Schlesier angesiedelt wurden –, doch war es unmöglich, die gewachsenen sozialen Gemeinschaften wieder herzustellen. Ehemalige Nachbarn, Bekannte, Freunde und sogar Familienmitglieder wiederzufinden, war oft sehr schwierig. Darüber hinaus wurde das Selbstbewusstsein der Betroffenen dadurch geschwächt, dass sie in der Anfangszeit oft unter unwürdigen Bedingungen untergebracht wurden und bei Diskriminierungen durch die einheimische Bevölkerung erst ihre Position im Sozialgefüge der neuen Wohnorte und am Arbeitsplatz erkämpfen und erarbeiten mussten. Die Aufarbeitung eigener Flucht- und Vertreibungserlebnisse musste angesichts der drängenden Probleme des Moments verschoben werden.

Nicht zuletzt die psychischen Deformationen, die traumatisierende und lebensbedrohliche Situationen bei Geflüchteten und Vertriebenen hervorgerufen hatten, verhinderten Aufarbeitung und Weitergabe des Erlebten.

Gleichzeitig übernahmen die geflüchteten und vertriebenen Ost- und Siedlungsdeutschen eine wichtige Rolle im Wirtschaftsboom der 1950er-Jahre, weswegen man sie auch die "ersten Gastarbeiter" oder "Vorhut der Gastarbeiter" nennen könnte. Mit ihrer Arbeitskraft und ihrem aus den zum Teil stark industrialisierten oder landwirtschaftlich ertragreichen Herkunftsgebieten mitgebrachten Wissen und Können stellten sie ein großes Wirtschaftspotential dar. Zudem war es für sie zwingend notwendig, sich wieder zu etablieren, da ein konkreter Zeitpunkt für die immer wieder von Politikern prognostizierte Rückkehr niemals in Aussicht stand. Auch das führte unter Verdrängung des Erlebten und Erlittenen zu einer Konzentration auf alltagsbezogene Fragen und die Absicherung der eigenen Zukunft in den neuen Wohnorten.


Fußnoten

1.
Besonders aufschlussreich und repräsentativ für das gesellschaftliche Bedürfnis, Flucht und Vertreibung aufzuarbeiten, ist die große Aufmerksamkeit für Kosserts auflagenstarkes Sachbuch, obwohl es nur in der historischen Forschung bereits bekannte Fakten zusammenfasst.
2.
Bis in die 1970er-Jahre war die "Ostkunde" und damit die Geschichte von Flucht und Vertreibung sowie der Vertreibungsgebiete im Unterricht verbindlich, seitdem ist das Thema nicht mehr verpflichtend vorgeschrieben und war jahrzehntelang völlig verschwunden. Seit einigen Jahren veröffentlichen immer mehr Bundesländer Lehrerhandreichungen, z.B. NRW "Flucht und Vertreibung. Handreichung für den Unterricht" (2010) (www.politische-bildung.nrw.de/imperia/md/content/pdf-publikationen/28.pdf), Baden-Württemberg "Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem. Ein europäischer Irrweg" (erstmals 2002) und Hessen "Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem" (2005).

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