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2.2.2012 | Von:
Franziska Kuschel

"Keine NATO-Sender mehr dulden"

Westmedien in der DDR der Sechzigerjahre

Die SED führte nach dem Mauerbau vehement die Auseinandersetzung mit "geistigen Grenzgängern". Mit politischem Druck, administrativen, technischen und juristischen Mitteln wollte sie die Nutzung westlicher Rundfunk- und Fernsehsendungen verhindern. Die Mehrheit der Bevölkerung aber beharrte auf ihr Recht auf Unterhaltung.

"Blitz kontra NATO-Sender"

Aufruf zur FDJ-Aktion "Blitz kontra NATO-Sender" in der Zeitung "Junge Welt", 4. September 1961.Aufruf zur FDJ-Aktion "Blitz kontra NATO-Sender" in der Zeitung "Junge Welt", 4. September 1961.
Die DDR war ein Staat der Grenzen.[1] Es gab sichtbare und unsichtbare. Die sichtbarste Grenze ließ die SED ab dem 13. August 1961 errichten. Die Mauer stoppte den Flüchtlingsstrom gen Westen. Sie sollte aber auch die Menschen von den Gefahren abschotten, welche die sogenannte Schund- und Schmutzliteratur oder die Filme in den Grenzkinos im Westteil Berlins mit sich brachten. Doch was bei Printmedien und Kinos gelang, konnte bei Radio und Fernsehen nicht funktionieren. Gegen Funkwellen hilft keine Mauer. ARD, RIAS, NDR und Co. waren in weiten Teilen der DDR zu empfangen. Viele DDR-Bürger überschritten Abend für Abend virtuell die Grenze in die Bundesrepublik. Sie waren begierig auf Informationen, die die eigenen Medien nicht boten, vor allem aber suchten sie Unterhaltung.[2] Die Fernsehzuschauer und Radiohörer überschritten Grenzen aber auch in anderer Hinsicht: Sie pochten auf ihr Recht, frei wählen zu können, was sie sahen und hörten. Sie übertraten die Grenzen dessen, was die SED erlaubte und duldete.


Mit Handzetteln sollten die Menschen überzeugt werden, auf das "Gift aus dem Äther" zu verzichten – womit auf diesem Flugblatt aus Leipzig der RIAS gemeint ist.Mit Handzetteln sollten die Menschen überzeugt werden, auf das "Gift aus dem Äther" zu verzichten – womit auf diesem Flugblatt aus Leipzig der RIAS gemeint ist. (© Privatsammlung Konrad Balzer)
Nach dem Mauerbau wollte die SED-Führung dieses "geistige Grenzgängertum" – wie sie es nannte – nicht weiter hinnehmen. Da man im Äther keine Mauern bauen kann, versuchten die Kommunisten es mit anderen Mitteln. Bereits kurz nach dem Mauerbau planten sie eine Aktion gegen die Nutzer westlicher Rundfunk- und Fernsehprogramme. Die Initiative ging vom Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (FDJ) aus. Unter dem Namen "Blitz kontra NATO-Sender" war für die Woche vom 5. bis 9. September 1961 eine "umfassende Diskussion mit der Bevölkerung"[3] geplant, besonders in den Betrieben und in den Haushalten. Das Ergebnis der Diskussion war bereits im Aktionsplan Ende August festgelegt worden: Niemand sollte mehr Westsendungen hören oder sehen. Es blieb aber nicht bei Diskussionen. Der Machtanspruch der Führung darauf, was empfangen werden durfte, wurde auch in der Tat demonstriert. FDJ-Aktivisten drehten Antennen bei Unbelehrbaren auf DDR-Sender oder bauten sie ab.

Erfahrungen damit hatte die FDJ schon fünf Tage nach dem Mauerbau gesammelt, als sie in Kreisen des Bezirks Leipzig sogenannte Ochsenköpfe von den Dächern holte. Das waren Antennen, die auf die westlichen Sendeanlagen auf dem Gipfel des Ochsenkopfbergs im Fichtelgebirge gerichtet waren. Oft verrieten bereits die Konstruktion und die Ausrichtung der Dachantenne den Nutzer westlicher Programme. Außerdem bauten die FDJler die Kanalstreifen in den Fernsehgeräten aus, die einen Westempfang ermöglichten. Unbelehrbare wurden an den Pranger gestellt: Plakate mit ihren Namen geklebt, Tafeln mit Fotos vor dem Betriebsgelände errichtet oder gar die abgesägte Antenne samt Bild des "Übeltäters" auf dem Marktplatz gezeigt.[4]

Ochsenkopf-Antenne. Die Fernsehantennen waren auf die Sendeanlagen des Ochsenkopfes, einem Berg im bayrischen Fichtelgebirge, ausgerichtet.Ochsenkopf-Antenne. Die Fernsehantennen waren auf die Sendeanlagen des Ochsenkopfes, einem Berg im bayrischen Fichtelgebirge, ausgerichtet. (© einestages.de, Günter Möstl)
Die Aktionen in den Bezirken unterschieden sich stark. Vor allem im Bezirk Leipzig und in den Grenzkreisen erfolgten im September und Oktober 1961 Zwangsmaßnahmen gegen die "Unbelehrbaren". Die Berichte aus den Bezirken stellten den FDJ-Zentralrat allerdings nicht zufrieden. Besonders kritisierte er, dass die Medien die Aktion propagandistisch nicht ausreichend begleiteten. Sogar das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" und das DDR-Fernsehen hätten die Aktion unterschätzt und kaum unterstützt. So blieb nur die FDJ-Tageszeitung "Junge Welt", die täglich ausführlich berichtete.[5]

In der Bevölkerung fand sich jede Form der Zustimmung oder Ablehnung. Einige demontierten im vorauseilenden Gehorsam die eigenen Antennen. In Schulen und Betrieben verlangte die Führung kollektive Zustimmungserklärungen nach dem Muster: "Wir verpflichten uns, keine NATO-Sender mehr einzustellen oder zu dulden". Diese Loyalitätsbekundungen erlaubten keine Aussage darüber, was privat gesehen oder gehört wurde. Die FDJ-Führung meldete Erfolge, die beweisen sollten, dass ihre Maßnahmen dem Mehrheitswillen entsprachen. Sie suggerierte einen Konsens, den es nicht gab. Auch darüber war zumindest der Zentralrat genau informiert. FDJ-Bezirksleitungen schilderten in zahlreichen Berichten nach Ost-Berlin die meist deutliche Kritik an den Zwangsmaßnahmen. Der Widerspruch kam aus vielen Teilen der Bevölkerung – von Eltern, Lehrern und sogar von Funktionären. Bürger sahen nicht ein, warum sie Fußball oder Quizsendungen des Westens nicht mehr sehen durften. Sie hielten ihr Bedürfnis nach Unterhaltung für berechtigt. Und das zu einer Zeit, als der Staat mit Härte und enormem Aufwand durchzusetzen versuchte, was unter "richtigem" Mediengebrauch zu verstehen war. Die Bürger wollten aber selbstbewusst alle Medien nutzen und sich "nach allen Seiten orientieren". Der Bürger beanspruchte, sein Programm selbst zu wählen und sich selbst ein Urteil zu bilden. Funktionäre vor Ort hörten oft, die Maßnahmen schränkten die persönliche Freiheit ein. Grundsätzlicher Art waren auch Einwände wie: "Ihr habt dazu kein Recht", oder: "Macht doch ein Gesetz". Die Aktionen verletzten das Rechtsverständnis vieler Bürger. Und manche sprachen von "Nazi-Methoden".[6]

Andere widersprachen nicht, nahmen aber die Demontage der Antenne oder den Ausbau des Westkanalstreifens nicht hin. Sie installierten stillschweigend eine Antenne unter dem Dach. Nach der "Blitzaktion" im September schwächte sich die Intensität der Auseinandersetzung ab. Die Aktion hatte aber ein Nachspiel. Einige Bürger wehrten sich sogar tätlich dagegen, dass Funktionäre ihre Antennen entfernten. Manche griffen Instrukteure mit Fäusten an, andere warfen Steine auf sie.


Fußnoten

1.
Überarbeitete Fassung eines Vortrags auf der Konferenz "Nach dem Mauerbau: Geteilte Entwicklungen – bleibende Verbindungen", veranstaltet vom Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) und dem Institut für Zeitgeschichte (IfZ), Berlin 30.9.2011. Der Text präsentiert vorläufige Ergebnisse aus dem Dissertationsprojekt d. Vf. "Schwarzhörer, Schwarzseher und heimliche Leser. Die DDR und die Westmedien".
2.
Vgl. Michael Meyen, Denver Clan und Neues Deutschland. Mediennutzung in der DDR, Berlin 2003.
3.
Zentralrat d. FDJ, Abt. Agit/Prop., Plan zur Führung der Aktion "Blitz-contra-NATO-Sender" 5.–9.9.1961, Berlin 31.8.1961, BArch, DY 24/512.
4.
Vgl. FDJ-Bezirksleitung Leipzig, Fernschreiben Nr. 293 an den Zentralrat der FDJ, 1.9.1961, BArch, DY 24/512.
5.
Vgl. Zentralrat der FDJ, Abt. Agit./Prop., Einschätzung über die Aktion "Blitz kontra NATO-Sender" v. 11.9.1961, BArch, DY 24/3753.
6.
Vgl. u.a. FDJ-Bezirksleitung Berlin, Einschätzung über die "Aktion Blitz – kontra Nato-Sender", Berlin 10.9.1961; dies., Abschließende Zusammenstellung der Argumente in der Blitzaktion kontra NATO-Sender [...], Berlin 11.9.1961, BArch, DY 24/512.

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