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Berichte politischer Häftlinge aus vier Jahrzehnten von SBZ- und DDR-Geschichte

Deutschland Archiv Neu im DA Schwerpunkte Zeitenwende? Der Ukrainekrieg und die Folgen. 42 Analysen & Essays. Was riskieren wir? Ein Sommer der Unentschlossenheit Sieben Monate Krieg Die Waffen nieder? Ungleiche Fluchten? Schwerter allein sind zu wenig „Russland wird sich nach Putin ändern“ Die be(un)ruhigende Alltäglichkeit des Totalitären Vergessene Bomben aus Deutschland Putins Mimikry Schon einmal Vernichtungskrieg Verhandeln, aber wie? Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer Was lief schief seit dem Ende des Kalten Krieges? „Sie haben die Zukunft zerbrochen“ Vertreibung ist auch eine Waffe "Wie ich Putin traf und er mich das Fürchten lehrte" "Wir bewundern sie und sie verschwinden" Mehr Willkommensklassen! Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Die sozialpsychologische Seite der Zukunft Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wiedervereinigt auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen? Film ohne Auftrag - Perspektiven, die ausgegrenzt und unterschlagen wurden Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten Vier Ansichten über ein Buch, das es nicht gibt "Es war ein Tanz auf dem Vulkan" Föderalismus und Subsidiarität „Nur sagen kann man es nicht“ Wenn Gedenkreden verklingen Zeitenwenden Geschichtsklitterungen „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Der Friedensnobelpreis 2022 für Memorial Rückfall Russlands in finsterste Zeiten Memorial - Diffamiert als "ausländische Agenten" Die Verteidigung des Erinnerns Russlands Attacken auf "Memorial" Der Fall Schalck-Golodkowski Ende des NSU vor zehn Jahren 7. Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? 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Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück Das Bild Walther Rathenaus in der DDR und der Bundesrepublik Alles nach Plan? Drei Gedanken über Werner Schulz 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit Der Weg zum 9. November 1989 „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? Geht's noch? Es gibt keine wirkliche Ostdebatte Die. Wir. Ossi. Wessi? Wie man zum Ossi wird - Nachwendekinder zwischen Klischee und Stillschweigen 2 plus 4: "Ihr könnt mitmachen, aber nichts ändern“ Blick zurück nach vorn Wem gehört die Revolution? Die erste und letzte freie DDR-Volkskammerwahl Mythos 1989 Joseph Beuys über die DDR Der 9. Oktober 1989 in Leipzig Egon Krenz über den 9. November Die deutsche Regierung beschleunigt zu stark Projekte für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig Deutsch-deutsche Begegnungen. Die Städtepartnerschaften am Tag der Deutschen Einheit Mit Abstand betrachtet - Erinnerungen, Fragen, Thesen. Die frohe Botschaft des Widerstands Mauerfall mit Migrationshintergrund "Wer kann das, alltäglich ein Held sein?" "Es geht um Selbstbefreiung und Selbstdemokratisierung" Kann man den Deutschen vertrauen? 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Die "Auskunftspersonen" der Stasi – Der Fall Saalfeld Geschlossene Venerologische Stationen und das MfS Jugendhilfe und Heimerziehung in der DDR Fraenkels "Doppelstaat" und die Aufarbeitung des SED-Unrechts Alltag und Gesellschaft Fußball mit und ohne Seele München 1972: Olympia-Streit um das „wahre Freundesland“ Afrikas Das religiöse Feld in Ostdeutschland Repräsentation Ostdeutschlands nach Wahl 2021 Die Transformation der DDR-Presse 1989/90 Das Elitendilemma im Osten "Affirmative Action" im Osten Ostdeutsche in den Eliten als Problem und Aufgabe Ostdeutsche Eliten und die Friedliche Revolution in der Diskussion Die Bundestagswahl 2021 in Ostdeutschland Deutsch-deutsche Umweltverhandlungen 1970–1990 Der Plan einer Rentnerkartei in der DDR "Es ist an der Zeit, zwei deutsche Mannschaften zu bilden" Deutsch-ausländische Ehen in der Bundesrepublik Verhandelte Grenzüberschreitungen Verpasste Chancen in der Umweltpolitik Der dritte Weg aus der DDR: Heirat ins Ausland Und nach Corona? 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Antisemitismus in der DDR Teil I Antisemitismus in der DDR Teil II Als ob wir nichts zu lernen hätten von den linken Juden der DDR ... Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR? Die Shoah und die DDR Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil I Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II Israel im Schwarzen Kanal Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, I Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, II Das Israelbild der DDR und dessen Folgen Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Macht-Räume in der DDR Wirtschaftspläne im Politbüro 1989 "Macht-Räume in der DDR" Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft Die "Eigenverantwortung" der örtlichen Organe der DDR Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur Staatliche Einstufungspraxis bei Punk- und New-Wave-Bands Kommunalpolitische Kontroversen in der DDR (1965-1973) Schwarzwohnen 1968 – Ost und West Der Aufstand des 17. Juni 1953 Interview mit Roland Jahn Der 17. Juni 1953 und Europa Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni 17. 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Berichte politischer Häftlinge aus vier Jahrzehnten von SBZ- und DDR-Geschichte

Thomas Ammer

/ 7 Minuten zu lesen

Von etlichen der ca. 250.000 politischen Häftlinge der SBZ und DDR liegen inzwischen Zeitzeugenberichte vor. Drei Neuerscheinungen.

  • Dirk von Nayhauß, Maggie Riepl: Der dunkle Ort. 25 Schicksale aus dem DDR-Frauengefängnis Hoheneck, Berlin: be.bra 2012, 142 S., € 19,95, ISBN: 9783937233994.

  • Harald Beer: Schreien hilft dir nicht … Ein Augenzeugenbericht mit Dokumentenanhang, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2011, 249 S., € 24,–, ISBN: 9783865835710.

  • André Baganz: Endstation Bautzen II. Zehn Jahre lebenslänglich, Halle (S.): Mitteldeutscher Verlag 2011, 328 S., € 16,90, ISBN: 9783898127639.

Die Zahl der politischen Häftlinge in der DDR und vorher der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wird auf etwa 250.000 geschätzt. Auch wenn nur ein kleiner Teil dieser Verfolgten schriftlich über ihr Schicksal und über die Hafterlebnisse berichtet hat, liegt inzwischen eine für Außenstehende kaum überschaubare Menge solcher Zeitzeugenberichte vor. Im Archiv der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten hat man mittlerweile mehrere Hundert dieser Erinnerungen gesammelt, teils Interviews, teils von den Zeitzeugen selbst niedergeschriebene Texte. Die im Aufbau befindliche Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus besitzt über 100 Erinnerungen politischer Gefangener in Buchform, darunter zehn von Frauen, die in Cottbus in Haft waren.

Der dunkle Ort

Dirk von Nayhauß/Maggie Riepl, Der dunkle Ort (© be.bra)

Das Gefängnis Hoheneck bei Stollberg (Erzgebirge) ist als zentrale Haftanstalt für Frauen eines der weithin bekannten DDR-Gefängnisse wie etwa Bautzen I und II, Brandenburg-Görden, Cottbus und andere. Hier waren von 1950 bis 1989 Tausende Frauen inhaftiert, darunter zeitweilig mindestens zur Hälfte politische Gefangene. Der 1991 entstandene Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen e.V. hat für einen Bericht über Hoheneck 25 Zeitzeuginnen vermittelt, deren Schicksale in dem Sammelband "Der dunkle Ort" vorgestellt werden. Nach einer kurzen historischen Einleitung folgt eine Chronik über das jeweilige Schicksal, dann ein Zeitzeugenbericht über die Hafterlebnisse und insbesondere über die Haftbedingungen. Ein wesentlicher Teil der Berichte ist stets die Anklage der politischen Verfolgung in der DDR.

Von den vorgestellten 25 politischen Gefangenen sind 15 wegen missglückter Fluchtversuche aus der DDR verurteilt worden, fünf weitere wegen Handlungen im Zusammenhang mit Fluchtversuchen, die übrigen wegen anderer politischer "Delikte", zum Beispiel der Zugehörigkeit zu Widerstandsgruppen. Zu ihnen gehört Uta Franke, die Mitte der 70er-Jahre einem Diskussions- und Widerstandskreis an der Universität Leipzig angehörte, der wesentlich von dem Altkommunisten Heinrich Saar beeinflusst war. Dieser war schon einmal 1958 wegen revisionistischer Aktivitäten zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden. Helga Müller war ebenfalls an einem Diskussionskreis von Studenten beteiligt, der in Berlin mit der Verbreitung von regimekritischen Flugblättern nach dem 13. August 1961 zu einer Widerstandsgruppe wurde, in der aber auch Vorbereitungen einer Flucht nach West-Berlin immer eine Rolle spielten. Zu einem Widerstandskreis, bei dem Ausreisewünsche ebenfalls im Hintergrund standen, gehörte Ute Bohnstedt. Nach dem Anschreiben regimekritischer Mauerparolen 1985 kommt sie 1986 in Haft und wird 1987 freigekauft. Birgit Schlicke hatte sich zusammen mit ihrem Vater einer Gruppe von Ausreiseantragstellern angeschlossen, die 1986 mit Schweigemärschen ihrem Wunsch Nachdruck verleihen wollte. Schlickes Vater bat außerdem die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt am Main um Hilfe, weshalb er und seine Tochter 1988 wegen "landesverräterischer Nachrichtenübermittlung" zu viereinhalb bzw. zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurden.

Nach der Haftentlassung sind 14 dieser "Hoheneckerinnen" geschieden worden – ein Indiz für die schwerwiegenden psychischen Nachwirkungen von Behördenschikanen, Verfolgung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und die DDR-Justiz sowie der Haft in Hoheneck. Die 25 Haftberichte mit zahlreichen Abbildungen und Dokumenten geben einen guten Überblick über die Zustände in Hoheneck über fast 40 Jahre, einschließlich der Häftlingsarbeit (deren Produkte nicht zuletzt in den Westen exportiert wurden), und über die Bürokratie im Zusammenhang mit Ausreiseanträgen.

Schreien hilft dir nicht …

Harald Beer, Schreien hilft dir nicht … (© Leipziger Universitätsverlag)

Harald Beer geriet einmal 1946 in der SBZ in die Mühlen der sowjetischen Militärjustiz und nochmals 1961 in die der DDR-Justiz bzw. des MfS – in beiden Fällen in Zusammenhang mit Fluchtversuchen. Er durchlief "NKWD-Keller" in Wismar, Schwerin und Magdeburg und nach dem Urteil eines Sowjetischen Militärtribunals (SMT) das Speziallager Sachsenhausen. Verurteilt wurde er 1947 zu der damals ungewöhnlich niedrigen Strafe von fünf Jahren Zwangsarbeit wegen Beihilfe zum illegalen Überschreiten der Zonengrenze in Richtung Westen. Mit Auflösung der Speziallager wurde er im Februar 1950 freigelassen und ließ sich in West-Berlin nieder. Knapp zwölf Jahre später, wenige Wochen nach dem 13. August 1961, wird er an der thüringisch-bayerischen Grenze am Autobahnkontrollpunkt festgenommen, weil er von einem Autobahnparkplatz in der DDR eine Frau im Kofferraum seines Kleinwagens über die Grenze zu bringen versucht hatte. Beer kommt in die MfS-Untersuchungshaftanstalt Gera und wird sechs Wochen später vom Bezirksgericht Gera wegen "Menschenhandels" zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er verbringt die Haftzeit in den Gefängnissen Schloss Osterstein bei Zwickau und Untermaßfeld. Am 23. Mai 1963 wird er an der Glienicker Brücke in Berlin gegen einen in der Bundesrepublik wegen Verbreitung von KPD-Propagandamaterial inhaftierten Eisenbahner ausgetauscht.

In den beiden Hauptteilen des Buches berichtet er über die Verhaftungen, die Strafprozesse sowie die Untersuchungs- und Haftzeiten. Die Dokumente umfassen etwa 100 Druckseiten. Während das Strafverfahren vor dem SMT und die Haft im Speziallager Sachsenhausen den Erlebnissen Hunderter bis 1950 in der SBZ verhafteter Deutscher ähneln, stellen das Strafverfahren 1961 und vor allem der Austausch an der Glienicker Brücke 1963 Sonderfälle dar, wie sie bis zum Beginn der 60er-Jahre selten vorkamen. Dazu gehört, dass er von Rechtsanwalt Wolfgang Vogel verteidigt wurde, der auch, wenngleich erfolglos, Berufung einlegte. Ungewöhnlich ist der Austausch eines für das MfS letztlich wenig interessanten Bundesdeutschen gegen einen DDR-Bürger, der ebenfalls für das SED-Regime nicht besonders wichtig gewesen sein dürfte.

Auch noch etwa 50 Jahre nach seinen Erlebnissen schildert Beer eine Fülle von Einzelheiten in den Untersuchungsverfahren, aus den Strafprozessen und aus der Haft. Dazu gehören Berichte über zahlreiche Mitgefangene, zum Beispiel über den Strafrechtsdozenten der Juristischen Fakultät der Universität Jena Harry Patzer, der wegen kritischer Bemerkungen in seinen Lehrveranstaltungen in die Mühlen der DDR-Justiz geraten war und zu acht Jahren Haft verurteilt worden sein soll. Harald Beers Schilderungen sind nüchtern, wenngleich nicht ohne Emotionen, und gelegentlich selbstkritisch; er informiert auch über Verbesserungen der Haftbedingungen im Speziallager ab 1948. Die Dokumente, zum Teil ergänzt durch erläuternde Texte des Autors, beziehen sich zu jeweils etwa der Hälfte auf die sowjetische Repression bis 1950 und auf das MfS und die DDR-Justiz.

Endstation Bautzen II

André Baganz, Endstation Bautzen (© Mitteldeutscher Verlag)

Die "Sonderhaftanstalt" Bautzen II diente seit 1956 der Isolierung von Gefangenen, die als besonders gefährliche "Staatsfeinde" galten oder zur "Nomenklatura" von Partei und Staat gehört hatten und wegen krimineller Delikte in Haft waren. Das Wachpersonal bestand zwar aus Angehörigen des dem Ministerium des Innern unterstellten Strafvollzugsdienstes, im Übrigen hatte jedoch das MfS die vollständige Kontrolle und unbeschränkte Zuständigkeit für alle Entscheidungen über den lediglich technischen Bereich hinaus. In Bautzen II waren viele bekannte Persönlichkeiten inhaftiert, unter ihnen der erste DDR-Außenminister Georg Dertinger, der Arzt und Pharmakologe Adolf-Henning Frucht, der Schriftsteller Erich Loest und der Journalist Karl Wilhelm Fricke. Von ihnen stammen zahlreiche veröffentlichte Haftberichte, beispielsweise von Fricke, Loest und Frucht. Außerdem gibt es eine genaue wissenschaftliche Darstellung von Silke Klewin und Karl Wilhelm Fricke. Dennoch vermittelt der Haftbericht von André Baganz interessante Informationen aus den 80er-Jahren, da er in Bautzen II von 1981 bis 1991 einsaß und über fünf Jahre einem besonders strengen Isolationsregime unterworfen war.

Baganz kann nicht ohne Weiteres als politischer Gefangener betrachtet werden, weil er an einem Ausbruchsversuch aus einer Untersuchungshaftanstalt der Volkspolizei mit Geiselnahme beteiligt war, der scheiterte und bei dem ein Volkspolizist ums Leben kam. In die Untersuchungshaft geraten war Baganz allerdings wegen eines missglückten Fluchtversuchs aus der DDR, jedoch aus nicht ersichtlichen Gründen in die U-Haft der Volkspolizei und nicht in die des MfS. Motive für seine mehrfachen Fluchtversuche waren mehr oder weniger offene rassistische Diskriminierungen (sein Vater war Schwarzer). In seinem Bericht stellt Baganz die Vorgänge aus seiner eigenen Sicht und aus der seiner Mutter dar. Wie subjektiv solche Berichte von Gefangenen ausfallen können, vor allem wenn von Angehörigen des Wachpersonals die Rede ist, wird deutlich, wenn Baganz einen Volkspolizei-Offizier als weitgehend human und korrekt beschreibt, derselbe Offizier (Spitzname "Bobby") aber in der Monografie von Fricke und Klewin als einziger aus dem Wachpersonal von Bautzen II erscheint, der 1994 wegen Körperverletzung verurteilt wurde (zu zwei Jahren Haft auf Bewährung).

Baganz schildert auch eine mysteriöse Erkrankung, die jedes Mal kurz nach Treffen mit MfS-Offizieren ausbrach, die ihn mehrmals zu belanglosen Gesprächen mit großzügiger Bewirtung mit Kaffee und Kuchen oder warmen Gerichten in ihre Diensträume geholt hatten. Die Krankheitserscheinungen (Kreislaufschwäche, Krämpfe, Erbrechen) traten nicht auf, als Baganz, misstrauisch geworden, bei einem der Treffen jegliche Bewirtung abgelehnt hatte. Bei dem vorletzten Treffen langte Baganz dagegen besonders kräftig zu und erkrankte unmittelbar danach so schwer, dass er mehrere Wochen im Haftkrankenhaus Leipzig-Meusdorf behandelt werden musste. Dieser Vorgang lässt daran denken, dass es sich hier um Tests des MfS an einem ohnehin verhassten Gefangenen handelte, um Methoden zu entwickeln, wie man mit verdeckt beigebrachten Medikamenten eine Person handlungsunfähig machen kann.

Baganz hat die knapp zehnjährige Haft in Bautzen II anscheinend gesund überstanden, kam aber erst im Juni 1991 in Freiheit. Die Verurteilung zu lebenslanger Haft war vom damaligen Bezirksgericht Frankfurt (Oder) auf zehn Jahre Jugendstrafe nach DDR-Recht herabgesetzt worden.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Günter Morsch, Vorwort, in: Harald Beer, Schreien hilft dir nicht ….

  2. Tomas Kittan, Frauen im Männerzuchthaus Cottbus, in: der stacheldraht, 1/2012, S. 6f.

  3. Zu den Aktivitäten dieser Widerstandsgruppe vgl. Uta Franke, Sand im Getriebe. Die Geschichte der Leipziger Oppositionsgruppe um Heinrich Saar 1977 bis 1983, Leipzig 2007.

  4. Karl Wilhelm Fricke/Silke Klewin, Bautzen II. Sonderhaftanstalt unter MfS-Kontrolle 1956 bis 1989, 3. Aufl., Dresden 2007.

Zeithistoriker, Euskirchen.