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Was ist Z-Faschismus? Die Philosophin Eva Redecker im Interview mit Moritz Rudolph

Eva von Redecker

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Was verführt zur Z-Ideologie Putins? Welche Logik steckt hinter dem russischem Angriffskrieg? Und warum wird er so brutal geführt? Ein Gespräch mit der Philosophin Eva von Redecker über Russlands neue Faschismusvariante und "petro-patriarchale Sachherrschaft". Das Gespräch führte Moritz Rudolph aus der Redaktion des "Philosophie Magazin".

Das russische Propaganda-Z an der Fassade des Oleg Tabakov Theaters am Moskauer Malaja-Sucharewskaja-Platz. (© picture-alliance/dpa, TASS | Valery Sharifuli)

Frau von Redecker, beginnen wir ganz grundsätzlich: Was ist „Z-Faschismus“?

Der Begriff ist ein Versuch, das politische Projekt von Putins Russland zu erfassen. Der Buchstabe „Z“ ist in der ersten Woche des Krieges vom Militärkennzeichen – vermutlich als Abkürzung für Zapad, das die Fahrzeuge der westlichen Division markierte – zum Symbol der Kriegsbefürwortung geworden. In einer Art Marketingkampagne wird das „Z“ auf Werbetafeln angebracht und von Teilen der Bevölkerung im Alltag zur Schau gestellt, etwa auf Autos oder Kleidungsstücken. Die extremsten Beispiele sind Schulkinder, die in Z-Formationen aufgereiht werden. Solche Mobilisierung allein macht aber keinen Faschismus aus, die Frage ist, wofür da Stimmung gemacht wird. Und das ist eben nicht „nur“ ein nationalistischer Krieg, und auch nicht „nur“ ein geostrategischer Imperialismus. Sicher, man kann nüchtern machtpolitisch unterstellen, dass die russischen Interessen sich hauptsächlich auf den Grenzverlauf zur Nato und die Erdgasfelder im Donbass bezögen. Aber selbst, wenn dem so wäre, sind diese Interessen nun auf eine fatale Weise politisiert, die nicht mehr so schnell aus der Welt geht.

Wo geht der Z-Faschismus über das übliche geopolitische Kalkül großer Staaten hinaus?

Die russische Staatsräson hat sich in ein historisches Totalprojekt verkehrt, für das die Eliminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen zentral ist. Dieses Projekt basiert auf der „eurasischen Ideologie“. Einer ihrer Architekten ist Alexander Dugin, der an der Moskauer Universität Soziologie gelehrt hat, bis er 2014 seinen Job verlor, weil er zu öffentlich geäußert hatte, dass die Lösung des Ukrainekonflikts „Töten, töten, töten“ laute. Damals war das zumindest noch nicht die offizielle Linie. Im Kern besagt die eurasische Idee, dass es eine eigenständige russische Zivilisation gäbe, die sich vom atlantischen, seefahrenden, Handel treibenden Westen unterscheide. Die russische Zivilisation sei landsässig und beruhe auf sogenannten traditionellen Werten. Diese gelte es, um jeden Preis gegen westlichen Einfluss zu behaupten. Und wie auch viele andere Mitglieder der globalen Rechten setzt Dugin den Westen mit Liberalismus gleich und definiert den Liberalismus als gescheitert, weil er zu individualistischen Auflösungserscheinungen führe. LGBTIQ-Rechten nämlich. Es ist nicht einfach nur eine alberne Pose, dass Putin sein Land mit J.K. Rowling, die als transphob kritisiert wird, vergleicht. Und auch kein nachträglicher Propagandatrick unter anderen. Das Z beruht gewissermaßen auf der Elimination des Gendersternchens. Die patriarchale Phantasie traditioneller Werte schafft das kollektive Subjekt, dem angeblich die territoriale Hoheit – auch und gerade über die Ukraine – zusteht. Putin kann den Krieg nicht Krieg nennen, weil er aus eurasischer Sicht gar nicht gegen ein anderes Land vorgeht, sondern eine ur-russische Bevölkerung vom westlichen Einfluss reinigt. Nun, wo die ukrainische Bevölkerung aber ihren Wunsch nach Selbstbestimmung behauptet, muss sie als äußerer Feind ebenso ausgelöscht werden wie die inneren.

Ist der Faschismus männlich?

Nun, männlich ist in einer patriarchal geprägten Welt ja vieles... Faschismus ist nicht einfach männlich, sondern maskulinistisch. Der Neo-Faschismus greift Männlichkeit in einer spezifischen Weise auf, nicht primär als Natur oder Autorität, sondern als verabsolutierten und zugleich bedrohten Besitzanspruch.

Russischer Z-Propagandist bei einer Trauerfeier für die bei einem Anschlag getötete Journalistin Darya Dugina, Tochter des russischen Philosophen Alexander Dugin, der Wladimir Putin maßgeblich beeinflusst. (© picture-alliance/dpa, TASS | Mikhail Tereshchenko)

Um noch einmal Dugin heranzuziehen: er teilt die konstruktivistischen Annahmen der aktuellen Geschlechterforschung, aber mit umgekehrter Wertung. Liberalismus führe dazu, dass am Ende jede:r sein individuelles Geschlecht haben wolle, das zerstöre die Reproduktion der Gesellschaft, also müsse man kollektivistisch die traditionellen Rollen durchsetzen. Das ist dann aber eben genau keine Tradition mehr, keine organische Überlieferung, sondern das Abstecken einer zwangsbewehrten Sphäre, in der die Geschlechtergrenzen extern festgelegt sind und Männer bestimmte Verfügungsrechte über Frauen haben – was ich häufig „Phantombesitz“ nenne. Viele autoritäre und rechtspopulistische Bestrebungen mobilisieren in den letzten Jahren mit der Verteidigung solchen Phantombesitzes. Es geht darum, diese Infrastruktur der Aneignung intakt zu halten – manchmal „nur“ auf der symbolischen Ebene, also im Sprachgebrauch, aber dann oft auch auf der Ebene der körperlichen Selbstbestimmung, also in Bezug auf Abtreibungs- und Personenstandsrecht sowie das männliche Zugriffsrecht auf weibliche Körper und Lebenszeit. Die Grenze zum Faschismus ist in meinen Augen überschritten, wenn der Phantombesitz nicht nur verteidigt und hochgehalten wird, sondern liquidiert. Wenn also die, die sich wehren oder den männlichen Besitzanspruch stören, vernichtet werden sollen. So funktioniert der rechte Terror, der auch gerade Deutschland unsicher macht, so funktioniert der Diskurs des „Incel-Faschismus“, der angeblich von weiblicher Aufmerksamkeit unterversorgte Männer aktiv zu Vergewaltigungen ermutigt. Und das Z steht seinerseits dafür, dass die Ukrainer:innen nicht mehr nur unterworfen, sondern ausgelöscht werden sollten.

Wie unterscheidet sich der Z-Faschismus von anderen Faschismen in der Geschichte – etwa dem italienischen oder deutschen?

Im Kontrast zum italienischen Faschismus ist das russische Projekt der „traditionellen Werte“ sehr viel vergangenheitsorientierter – auch wenn es eine imaginierte, homogenisierte Vergangenheit ist. Wir sehen hier keinen Faschismus aus dem Geist des Futurismus, wie es der Mussolinische war. Der Hindutva-Nationalismus ist da vielleicht verwandter. Und dieser „historistische“ Faschismus, der Vergangenheit als Phantombesitz mit Gewalt bewehrt, unterscheidet sich zweitens vom nationalsozialistischen Projekt des Rassenwahns. Er entwirft kein durchweg biologistisches Weltbild. Und der Antisemitismus bildet nicht die zentrale Verschwörungserzählung, sondern steht neben einer Reihe anderer Feindbilder. Aber ich muss Ihnen sagen, dass mir die historischen Vergleiche viel Unbehagen bereiten. Ein Maßstab aus der Hölle ist eine zweifelhafte Analysekategorie. Ich will mich nicht damit beruhigen, dass Putin noch keine Vernichtungslager gebaut hat. Aber andererseits folgt – zumindest für mich – aus der Beunruhigung, die es bedeutet, eine Regierung als faschistisch einzustufen, nicht automatisch die gebotene Gegenstrategie. Hitler hatte 1938 keine Atomwaffen.

Der Ukrainekrieg gilt oft als Putins Krieg. Sie scheinen aber eher eine gesellschaftliche Logik dahinter zu vermuten. Welche ist das?

Es ist natürlich Putins Krieg. Aber auch hinter Putin steht eine gesellschaftliche Logik. Die Muster, die die eurasische Doktrin in eine faschistische Ideologie zusammenschweißt, sind tief in unsere Lebensform eingelassen. Die Sachherrschaft, also das Recht auf Missbrauch und totale Verfügung im Kern des Eigentums, strukturiert die Art und Weise, wie wir uns im Kapitalismus – und auch im Staatskapitalismus des real existierenden Sozialismus – auf Kosten anderen Lebens versorgen. Es gab schon immer Gewaltexzesse im Zuge dieser Akkumulation. Neu ist, dass wir jetzt unweigerlich wissen, dass die Aufrechterhaltung unseres ganz normalen Alltags die Zerstörung der Lebensgrundlage in der Zukunft zum Preis hat. Angesichts dieses Wissens kommt Putins Petro-Patriarchat zumindest eine gewisse Stringenz zu. Es erklärt die Gewalt für alternativlos, und geht dann auch gleich von der extraktivistischen Ressourcennutzung zur faschistischen Bevölkerungspolitik über.

Wie erklären Sie sich die Brutalisierung des Krieges?

Ich denke, dass es, seit im Ersten Weltkrieg die gesamtgesellschaftliche Mobilisierung erprobt wurde, keine Hoffnung auf nicht-brutale Kriege mehr gibt. Aber ein gewichtiger weiterer Faktor ist natürlich, dass die Invasion auf russischer Seite nicht als Krieg, sondern als „Spezialeinsatz“ betrachtet wird. Es ist also kein symmetrischer Kampf mit einem Gegner, in dem bestimmte Regeln gelten, sondern die Verfolgung von jemand Kriminellem, den es – im relativ rechtsfreien Raum – zu richten gilt. Gewissermaßen die Bestrafung der Ukrainer:innen als Dieb:innen ihrer selbst. Es ist also eine Brutalität, die wir aus Kolonialkriegen und Konterrevolution des späten 19. Jahrhunderts kennen, aus der deutschen Niederschlagung der Pariser Kommune und dem Genozid an den Herero und Nama.

Das militärische Symbol Z des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine an einer Uniform bei der Siegesparade am 9.5.2022 in Moskau in Erinnerung an den Sieg über Hitlerdeutschland vor 77 Jahren. (© picture-alliance/dpa, TASS | Vladimir Gerdo)

Patriarchaler Autoritarismus, Phantombesitz an der Ukraine, Ressourcenvernutzung, um einen Krieg zu finanzieren, Zerstörungslust, kurzum: brutale Ausbeutung von Mensch und Natur – Putins Russland steigert vieles ins Extreme, was Sie an der spätkapitalistischen Gegenwart kritisieren. Hält er uns damit nicht auch einen Spiegel vor?

Nein, denn das Bild des Spiegels ist nicht nur zu symmetrisch, sondern würde ja auch bedeuten, dass es auf der russischen Seite überhaupt keine eigene Kontur und Handlungsfähigkeit gäbe. Nichtsdestotrotz würde ich daran festhalten, in der Grundstruktur der Gewalt gewisse Entsprechungen auszumachen. Unsere Sachherrschaft über Ressourcen – die eurasische Sachherrschaft über Territorium und Geschlechterordnung. Hinzu kommen Entsprechungen zwischen rechtsradikalen Diskursen im Westen und der russischen Ideologie – Phantombesitz hüben wie drüben. Aber es macht eben einen Unterschied, ob diese Haltungen zur Staatsdoktrin werden oder nicht – Letzteres ist ja auch Trump, u.a. dank des relativ schwerfälligen institutionellen Gefüges der USA und auch durch den massiven Widerstand der Black Lives Matter-Bewegung, nicht gelungen. Aber wie gesagt, ich glaube, es ist aufschlussreicher, nach echten Verkettungen zu fahnden und nicht nur nach Ähnlichkeiten. Und das ist einmal unsere fortgesetzte Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, die auch sozialdemokratische Kräfte Putin – oder eben anderen autoritären Regimen – gegenüber gefügig macht. Und zum anderen die finanzielle und logistische Unterstützung, die hiesige faschistischen Kräfte aus Russland erhalten, etwa Marine Le Pens Wahlkampfgelder oder die von Dugins Moskauer Kollegen gegründete Vernetzungsplattform der globalen Rechten, den „World Congress of Families“.

Wie kann man den Krieg beenden?

Ich hoffe, wie sehr viele, dass er sich bald und mit möglichst gutem Ausgang für die Ukrainer:innen einfrieren lässt. Aber beenden? Wirklich beenden? Erst, wenn wir die petro-patriarchale Sachherrschaft in Gänze überwunden hätten.

Wie kann man verhindern, dass ein neuer ausbricht? Welche gesellschaftlichen Veränderungen sind in Ihren Augen notwendig?

Der sofortige Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe ist schon lange notwendig. Es hätte mir ein etwas mulmiges Gefühl gegeben, wenn er durch den Krieg eingetreten wäre, quasi vermittelt über die Putin-Feindschaft. Genau wie es mich frappiert hätte, wenn es hierzulande erst 100 000 Opfer der Pandemie bedurft hätte, damit das Gesundheitssystem ausgehend von den Forderungen und Expertisen der Beschäftigten massiv ausgebaut worden wäre. Trotzdem wären das wirksame Schritte gewesen, um globalen und gesellschaftlichen Frieden zu begründen. Aber sehen Sie, das wirklich schwer fassbare, den Skandal an jeder Vernunft, den ich nicht zynisch zum Erwartbaren nivellieren will, macht doch Folgendes aus: dass das Zukunftssichernde auch jetzt nicht passiert. Dass Gewohnheit und Phantombesitz die Oberhand behalten. Das ist wirklich der Untergang des westlichen Liberalismus und nicht, wie Putin und etliche hiesige Platzhirsche denken, das Gendersternchen.

Zitierweise: Eva von Redecker, interviewt von Moritz Rudolph: „Was ist Z-Faschismus?“, in: Deutschland Archiv, 30.10.2022, Link: www.bpb.de/513092. Die Erstveröffentlichung erfolgte am 13.6.2022 unter dem Link https://www.philomag.de/artikel/was-ist-z-faschismus-frau-von-redecker und im Philosophie Magazin 05/2022. Veröffentlichte Texte im Deutschland Archiv sind Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar.

Externer Link: Zeitenwende? 40 weitere Stimmen zum Ukrainekrieg im Deutschland Archiv.

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