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Die Zäsur des Mauerbaus im Kalten Krieg und in der deutsch-deutschen Geschichte

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Die Zäsur des Mauerbaus im Kalten Krieg und in der deutsch-deutschen Geschichte

Hermann Wentker

/ 25 Minuten zu lesen

Welchen Stellenwert besaß der Mauerbau für die deutsche-deutsche Geschichte, für die Entwicklung der Bundesrepublik und für die der DDR wirklich? Im Vergleich mit der Kubakrise wird zudem deutlich, welche Bedeutung dem 13. August 1961 für den Verlauf des Kalten Krieges tatsächlich zukommt.

Der Bau der Mauer ...


Der Bau der Berliner Mauer lässt sich in den verschiedensten Kontexten betrachten. Besonders viel Wirbel hat der Versuch der Ko-Vorsitzenden der Linkspartei Gesine Lötzsch verursacht, den Mauerbau in den Gesamtzusammenhang der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts einzuordnen. Im Jahr 2011, so Lötzsch gegenüber der "Saarbrücker Zeitung" am 10. August, gebe es zwei Jahrestage, "die eng miteinander verbunden sind" – der 70. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion und der 50. Jahrestag des Mauerbaus. Und sie fuhr fort: "Die Teilung Deutschlands war ein Ergebnis des Zweiten Weltkriegs." Aber auch ein apologetischen Neigungen völlig unverdächtiger Historiker, Klaus-Dietmar Henke, schrieb, "dass es den 13. August 1961 ohne die Machtübergabe an Adolf Hitler in der Reichshauptstadt am 30. Januar 1933 nicht gegeben hätte." Die Kontexte waren zwar grundverschieden: Lötzsch beließ es bei dieser Einordnung, ohne weitere Verantwortlichkeiten zu nennen, während Henke hervorhob, dass die Mauer gebaut wurde, "um den diktatorischen Sozialismus in Europa auf Dauer zu sichern". Dennoch liegt beiden Äußerungen das gleiche Missverständnis zugrunde: Der Kalte Krieg folgte zwar auf den Zweiten Weltkrieg, er war aber nicht dessen zwingendes Ergebnis. Ereignisketten sind nicht notwendigerweise Kausalketten.

Unbestritten ist freilich, dass der Mauerbau in dem dreifachen Kontext des Kalten Krieges und der daraus resultierenden Geschichte des geteilten Deutschland und des geteilten Berlin zu verorten ist. In den folgenden Ausführungen wird nach dem Ort des Mauerbaus nur in den ersten beiden Zusammenhängen gefragt und der engere Berliner Kontext nicht weiter thematisiert. Die Mauer, so heißt es vor allem im Jubiläumsjahr, war das wichtigste Symbol des Kalten Krieges – doch welche Rolle spielte deren Errichtung für den Gesamtverlauf dieser säkularen Auseinandersetzung der beiden Supermächte USA und Sowjetunion? Handelte es sich um einen Wendepunkt oder eine Zäsur innerhalb dieses Kontexts? Und wenn ja, von welcher Qualität war diese Zäsur? Auch für die deutsch-deutsche Geschichte hatte der Mauerbau eine elementare Bedeutung. Doch was hieß das für das deutsch-deutsche Verhältnis, was für den Gang der westdeutschen und was für den Gang der ostdeutschen Geschichte?

I. Der Ort des Mauerbaus im Kalten Krieg


Soldaten der Volkspolizei (dunkle Uniform) und Nationalen Volksarmee (NVA) überwachen den Bau der Mauer am Potsdamer Platz, 13. August 1961. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00007085)

Der Mauerbau bildete den Höhepunkt, aber nicht den Abschluss der im November 1958 mit dem bekannten Ultimatum Nikita Chruschtschows an die Westalliierten ausgelösten Zweiten Berlinkrise. Binnen sechs Monaten, so Chruschtschow, sollten diese ihre Truppen aus Berlin abziehen und die Umwandlung West-Berlins in eine Freie Stadt zulassen; wenn dies nicht geschehe, werde die Sowjetunion ihre Hoheitsrechte in Berlin und an den Zugängen zu Berlin der DDR-Regierung übertragen und einen separaten Friedensvertrag mit der DDR unterzeichnen. Damit versuchte Chruschtschow an einem neuralgischen Punkt des Kalten Krieges eine Entscheidung zu seinen Gunsten zu erzwingen: Er suchte geradezu die Konfrontation mit der anderen Supermacht und war davon überzeugt, sich durchsetzen zu können. Die Berlinkrise war indes nur eine von vielen Krisen, die in den Jahren von 1958 bis 1963 die Welt erschütterten; will man den Stellenwert des Mauerbaus im Kalten Krieg bestimmen, müssen die weltpolitischen Krisen dieser Jahre insgesamt in den Blick genommen werden, die alle im Kontext des Kalten Krieges wahrgenommen wurden.

Das galt bereits für die Nahostkrise des Jahres 1958, die mit einem Putsch gegen den irakischen König Faisal begann und mit einer Intervention Großbritanniens und der USA im Libanon sowie einer Interventionsdrohung Moskaus ihre Fortsetzung fand. Die Beschießung der zu Taiwan gehörenden Inseln Quemoy und Matsu durch die Volksrepublik China im August 1958 löste Befürchtungen aus, dass der kriegerische Konflikt zwischen Rot- und Nationalchina erneut aufflammen könnte, sodass der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower Peking mit dem Einsatz von Atomwaffen drohte. Auch die Kongokrise der Jahre 1960/61 infolge des belgischen Rückzugs aus dem riesigen, rohstoffreichen mittelafrikanischen Land war nicht nur ein regionales Ereignis. Indem die Sowjetunion den ersten Ministerpräsidenten Patrice Lumumba und die USA dessen Widersacher Oberst Joseph Mobutu unterstützten, erhielten auch diese innerstaatlichen Vorgänge Relevanz für die weltpolitische Auseinandersetzung zwischen Washington und Moskau. Gleichwohl ragen aus diesen und anderen Krisen jener Jahre zwei deutlich heraus: die Zweite Berlinkrise und die Kubakrise von 1962.

Berlinkrise und Kubakrise

Denn in beiden Krisen waren als Akteure die beiden Supermächte direkt involviert, und es ging um einen möglichen Einsatz von Nuklearwaffen – kurzum: In beiden Fällen drohte, aus dem Kalten ein heißer Krieg zu werden. Lässt sich daher von einer Doppelkrise sprechen? Bestand ein innerer Zusammenhang zwischen den Ereignissen in Berlin und Kuba? Beiden Krisen gemeinsam war ihre Auslösung durch den Ersten Sekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, aus zwar verwandten, insgesamt aber unterschiedlichen Motiven. Diese lassen sich, soweit das angesichts der bisherigen Forschungen möglich ist, wie folgt zusammenfassen.

In Berlin ging es Chruschtschow vor allem darum, mittels eines geänderten Status von West-Berlin die DDR zu stabilisieren, die aufgrund der massenhaften Abwanderung von gut ausgebildeten, leistungsfähigen Menschen in die Bundesrepublik einem ständigen Aderlass und einem erheblichen Legitimationsdefizit ausgesetzt war. Hinzu kamen Sorgen angesichts der damals diskutierten Frage, ob die Bundesregierung im Rahmen des westlichen Bündnisses auch über Kernwaffen verfügen sollte. Bei all dem sah Chruschtschow in seinen Berlin-Forderungen einen Hebel, mit dem die Westmächte an den Verhandlungstisch zurückgebracht werden sollten, wo er der Lösung der deutschen Frage von einer Position der Stärke aus näher kommen wollte. Und schließlich wollte er insbesondere seinen Kritikern demonstrieren, dass sein Kurs "friedlicher Koexistenz" nicht mit Schwäche zu verwechseln war. Das galt besonders für die chinesische Führung, die er noch im September von einer Besetzung von Quemoy und Matsu abgehalten hatte: Das Berlin-Ultimatum sollte also auch der Festigung des sowjetisch-chinesischen Zusammenhalts dienen.

In der Karibik ging es Chruschtschow zuallererst um die Sicherheit Kubas, dessen "Revolution" durch die USA bedroht war. Nuklearraketen sollten Washington von Militäraktionen wie der vom April 1961 abhalten und notfalls zur Verteidigung eingesetzt werden. Hätte Chruschtschow mit seinem Coup auf Kuba Erfolg gehabt, wäre, zweitens, die sowjetische weltpolitische Position deutlich verbessert worden: Sowjetische Mittelstreckenraketen, die amerikanische Städte bedrohten, konnten die sowjetische Unterlegenheit bei den Interkontinentalwaffen ansatzweise ausgleichen. Insgesamt hoffte Chruschtschow auf eine Verschiebung auch der politischen und psychologischen Balance zu seinen Gunsten. Drittens wäre ein solcher Erfolg mit Blick auf China von doppelter Bedeutung gewesen: Denn zum einen konnte Chruschtschow auch damit demonstrieren, dass er gegenüber den USA zu einer Politik der Stärke bereit war und zum anderen die Kubaner von einer drohenden Anlehnung an China abbringen. Und viertens implizierte die stärkere Nuklearisierung der sowjetischen Rüstung die Möglichkeit zur Abrüstung konventioneller Waffen und zur Truppenreduzierung, sodass Mittel für Investitionen in Infrastruktur und Wirtschaft in der Sowjetunion frei würden.

Insgesamt standen die beiden sowjetischen Vorstöße nicht in einem inneren Zusammenhang. Sie waren demzufolge nicht Teil einer durchdachten Strategie oder eines "grand design", was bei einem so sprunghaften Charakter wie Chruschtschow auch erstaunlich gewesen wäre. US-Präsident John F. Kennedy sah das anders: Er vermutete, Chruschtschow stationiere Nuklearraketen auf Kuba, um dadurch die Amerikaner in Berlin zum Nachgeben zu bewegen. Ein Zusammenhang bestand freilich weniger in der Auslösung der Krisen als in deren Beendigung: Erst als die Kubakrise Ende 1962 beigelegt worden war, kam es auch zu einer schrittweisen Deeskalation der Berlinkrise. Die Sowjetunion rückte nun in den Berlin-Gesprächen mit den USA mehr und mehr von ihren Positionen ab, bevor diese im Oktober 1963 unter stillschweigender Akzeptanz des Status quo beendet wurden.

Gleichwohl handelte es sich nicht um eine Doppelkrise, sondern um zwei separate Krisen mit unterschiedlichen Ausgangs- und Endphasen. Eine separate Behandlung und ein Vergleich der Krisen ist also nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar geboten, wenn es um die Bewertung des Mauerbaus in seiner Bedeutung für den Kalten Krieg geht.

Im Mittelpunkt dieser vergleichenden Überlegungen steht die nukleare Dimension, die beide Krisen zweifellos besaßen, die aber von unterschiedlicher Bedeutung war. Zu Beginn der 1960er-Jahre bestand ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen der Sowjetunion und den USA bei den einsatzfähigen Nuklearwaffen, also bei Atombomben oder -sprengköpfen, die mittels Raketen ins Ziel gebracht werden konnten. Wenn aus der Berlinkrise ein Krieg um Berlin geworden wäre, hätte folglich die Gefahr bestanden, dass die USA angesichts ihrer konventionellen Unterlegenheit in Mitteleuropa Nuklearwaffen eingesetzt hätten. Chruschtschow hatte zur Unterstützung seines ersten Berlin-Ultimatums vom November 1958 lediglich eine mit atomaren Mittelstreckenraketen bewaffnete Brigade in die DDR entsandt; über Interkontinentalraketen verfügte er jedoch nicht. Bis Anfang 1962 hatte sich diese Situation nur leicht verändert: Nun waren fünf Startanlagen für die sowjetischen Interkontinentalraketen vom Typ R-7 fertig; hinzu kam ein Dutzend Fernbomber. Die USA hingegen verfügten damals über 229 Interkontinentalraketen. Wenn Chruschtschow daher im Verlauf der Berlinkrise mit dem Einsatz von Nuklearwaffen drohte, war dies ein Bluff – ein Bluff, den er allerdings wirkungsvoll mit überirdischen Atomwaffentests unterstützte: Anfang September 1961 ließ er 15 solcher Tests durchführen, am 30. Oktober folgte der Test einer Superbombe mit einer Sprengkraft von 50 Megatonnen über Nowaja Semlja. Doch es ging Chruschtschow nicht nur um Bluff: Während der Berlinkrise wurden von ihm umfangreiche Rüstungsprogramme aufgelegt, gerade im strategischen Bereich; jetzt begann die sowjetische Aufrüstung bei den Interkontinentalwaffen. Hinzu kam, dass sowohl für die westlichen als auch für die östlichen Krisenszenarien nun Nuklearwaffen zentrale Bedeutung erhielten. Die Kommandostabsübung "Burja" des Warschauer Pakts vom Herbst 1961 belegt für die sowjetische Militärdoktrin diesen Strategiewechsel von der Verteidigung zur Offensive, unter massivem Einsatz von Nuklearraketen. Gleichwohl war sich Chruschtschow der eigenen nuklearen Unterlegenheit bewusst, sodass er sein im Juni 1961 erneuertes Ultimatum am 27. Oktober öffentlich zurücknahm.

Wenngleich also die Berlinkrise eine nukleare Dimension besaß, stand diese nicht im Mittelpunkt des Geschehens – es ging vielmehr um die Präsenz der drei Westmächte in der geteilten Stadt. Ganz anders die Kubakrise, bei der die Atomraketenstationierung zu einem Mittel der sowjetischen Politik wurde:

Die Luftaufnahme des US-Verteidungsministeriums zeigt das Entladen sowjetischer Raketen im Hafen von Mariel auf Kuba, 5. November 1962. (© AP)

Hier ging es zum einen um die Atomraketen, die am 14. Oktober 1962 von einem U-2-Beobachtungsflugzeug auf Kuba entdeckt worden waren, und zum anderen um die Waffen, die auf sowjetischen Schiffen noch dorthin verbracht werden sollten. Da mit diesen Raketen Städte in den USA direkt bedroht werden konnten, hätten sich dadurch für die Sowjetunion ganz andere Erpressungs-möglichkeiten als im Hinblick auf Berlin ergeben. Hinzu kam, dass die Berlinkrise sich in einem vergleichsweise langen Zeitraum abspielte, in dem sich Spannungs- und Entspannungsphasen abwechselten, während sich die US-Führung durch die sowjetischen Atomraketen vor der eigenen Haustür zu einem raschen Handeln genötigt sah. Dies und die Unberechenbarkeit der sowjetischen Reaktion erhöhten die Gefahr eines Kriegsausbruchs erheblich. Kurzum: Die Kubakrise war weitaus gefährlicher als die Berlin-Krise. Gerade deshalb ließ es Chruschtschow nicht zum Äußersten kommen: Am 24. Oktober hielten die sowjetischen Schiffe, die weitere Raketen an Bord hatten, kurz vor der Quarantäne-Linie an und respektierten damit die Blockade, die Kennedy über Kuba verhängt hatte.

Mauerbau und Raketenabzug

Welche Bedeutung hatte vor diesem Hintergrund nun der Bau der Berliner Mauer und die Beendigung der Kubakrise? Der Mauerbau war, wie bereits erwähnt, nicht das Ende der Berlinkrise. Er bedeutete aber ein Eingeständnis der sowjetischen Seite, ihre im Berlin-Ultimatum formulierten Ziele nicht erreicht zu haben, obwohl Chruschtschow gegenüber Ho Chi Minh das Ganze als Voraussetzung für einen großen Sieg des ganzen sozialistischen Lagers bezeichnete. In der Tat hoffte Chruschtschow weiterhin, seine Ziele mittels Drohungen und Verhandlungen erreichen zu können. Gleichwohl führte der Mauerbau zu einer Beruhigung der Lage in Berlin, da der Westen mit dieser Situation gut leben konnte. Kennedys Bewertung lautete bekanntermaßen: "It's not a very nice solution, but a wall is a hell of a lot better than a war."

Der US-Zerstörer "Barry" und ein US-Patrouillenflugzeug versuchen den sowjetischen Frachter "Anosov" im Atlantischen Ozean an seiner Fahrt nach Kuba zu hindern. Auf dem Frachter vermuten die US-Amerikaner Mittelstreckenraketen für den Karibikstaat. 10. November 1962. (© AP)

Am Ende der Kubakrise stand eine amerikanisch-sowjetische Übereinkunft, derzufolge die sowjetischen Atomraketen aus Kuba abgezogen wurden und die USA sich gleichzeitig verpflichteten, Kuba nicht anzugreifen. Hinzu kam die geheime Zusage Washingtons, die in der Türkei stationierten Mittelstreckenraketen abzuziehen. Angesichts der Ausgangssituation auf beiden Seiten waren das bemerkenswerte Zugeständnisse: Kennedy verzichtete auf einen Umsturz der Verhältnisse auf der Karibikinsel vor der amerikanischen Küste und stimmte ebenfalls zu, einem an die Sowjetunion grenzenden NATO-Partner den Schutz durch US-Raketen zu entziehen. Chruschtschows Konzessionen waren noch größer. Er verzichtete nicht nur auf seine weitreichenden Stationierungspläne in Kuba, sondern nahm das Odium einer öffentlichen Niederlage in Kauf: Nicht Prestigegewinn, sondern ein erheblicher Prestigeverlust stand für ihn am Ende der Kubakrise. Die einzige Erklärung für diese Abkehr von einer risikofreudigen, ja leichtsinnigen Politik hart am Rande eines Nuklearkriegs ist, dass beide Staatsmänner in den Abgrund eines solchen Krieges geschaut hatten. Die Kubakrise, so John Lewis Gaddis, "brachte allen Beteiligten – möglicherweise mit Ausnahme [Fidel] Castros [...] – zu Bewusstsein, dass die während des Kalten Krieges beiderseits des Eisernen Vorhangs entwickelten Waffen eine größere Gefahr für beide Seiten darstellten als die USA und die Sowjetunion füreinander." Daher führte nicht der Mauerbau, sondern die Übereinkunft nach der Kubakrise zu einem länger andauernden Waffenstillstand zwischen den beiden Supermächten.

Damit ist bereits die langfristige Bedeutung des Mauerbaus und der Kubakrise angesprochen. Was den Mauerbau betrifft, so ist die These vertreten worden, dass mit diesem Ereignis die Konflikte zwischen Ost und West in die Dritte Welt verlagert worden seien. Auf den ersten Blick erscheint dies plausibel: Nachdem beide Supermächte erkannt hatten, dass in Europa die Machtsphären endgültig abgesteckt waren, konzentrierten sie ihre Energien auf Asien, Afrika und Lateinamerika, wo sich in der Tat die Konflikte nach 1960/61 intensivierten. Doch dieser Eindruck hält einer näheren Überprüfung nicht stand. Eine Ausdehnung des Kalten Krieges auf die Dritte Welt fand bereits in den 1950er-Jahren mit dem beginnenden Vietnam-Engagement der USA und dem sowjetischen Ausgreifen in den Nahen Osten statt. Verstärkt wurde dies durch Chruschtschow, der sich in einer viel beachteten Rede am 6. Januar 1961 – also noch vor dem Mauerbau – zu einer Unterstützung der nationalen Befreiungskriege in der Dritten Welt bekannte. Deren Hintergrund war die Entkolonialisierung, die ab 1960 insbesondere in Afrika in Riesenschritten vorankam. Da sich die USA den sowjetischen Vorstößen in die Dritte Welt entgegengestellten, wurde letztere mehr und mehr in den Kalten Krieg hineingezogen. Die langfristigen Folgen des Mauerbaus beziehen sich sehr viel mehr auf die Rolle, die Berlin und die Deutsche Frage für den Kalten Krieg spielten. Da sich die von Chruschtschow als provisorisch gedachte Lösung als dauerhaft erwies, wurde der Krisenherd Berlin durch den Mauerbau stillgelegt. Berlin stand damit – genau wie die Deutsche Frage – nicht länger im Brennpunkt der Weltpolitik.

Das wiederum hing mit den langfristigen Folgen der Kubakrise eng zusammen. Bereits am 30. Oktober 1962 schlug Chruschtschow Kennedy ein Teststoppabkommen sowie einen Nichtangriffspakt zwischen NATO und Warschauer Pakt vor. In den folgenden Monaten kam er in seinen Briefen an den Präsidenten immer wieder auf diese Gedanken zurück, stieß damit jedoch zunächst auf Missachtung: Wie sollte Kennedy auch jemandem trauen, der vor der amerikanischen Entdeckung der Raketenabschussrampen auf Kuba deren Existenz geleugnet hatte? Doch à la longue ließ sich der Präsident, der sich in der stärkeren Position befand, auf eine positive Reaktion ein. Am 10. Juni 1963 hielt er in der American University eine Rede, in der er das gemeinsame Interesse der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sowie ihrer jeweiligen Verbündeten an einem gerechten und wirklichen Frieden hervorhob. Beide Atommächte müssten, so Kennedy, "bei gleichzeitiger Wahrung ihrer eigenen Lebensinteressen, solche Konfrontationen vermeiden, die einem Gegner nur die Wahl zwischen einem demütigen Rückzug oder einem Atomkrieg lassen." Als erste Maßnahmen nannte er einen direkten Draht zwischen Moskau und Washington, Bemühungen zur Rüstungskontrolle und den Abschluss eines Abkommens über die Einstellung von Kernwaffenversuchen. Das war die entscheidende Wende von der Konfrontation zur Détente. Die Kubakrise entpuppte sich also im Nachhinein als "Katalysator der Entspannungspolitik". Weil die ungelöste Berlin- und Deutschlandfrage diesem Umschwung der Weltpolitik entgegenstanden, war den Supermächten sehr daran gelegen, dass sich an dem mit der Berliner Mauer zementierten Status quo auch nichts änderte.

All dies bedeutete freilich nicht das Ende des Kalten Krieges. Das atomare Wettrüsten wurde fortgesetzt: Die Sowjetunion zog aus ihrer nuklearen Unterlegenheit die Konsequenz, nun massiv aufzurüsten, gerade bei den Interkontinentalraketen, bis sie gegen Ende der 1960er-Jahre mit den USA ungefähr gleichgezogen hatte. Die Stellvertreterkriege in der Dritten Welt gingen ebenfalls weiter, denn keine Seite gab diese Auseinandersetzung auf, die zu Recht von George Bush sen. als "ein Kampf um die Seele der Menschheit" bezeichnet worden ist. Eingeleitet wurde damals allerdings eine Formverwandlung dieser Auseinandersetzung: "Der Kalte Krieg als Détente" – so hat Klaus Hildebrand beides in einer Formel zusammengebracht.

II. Der Ort des Mauerbaus
in der deutsch-deutschen Geschichte


Ein genauerer Blick auf die spannungsgeladenen Krisenjahre der Weltpolitik zwischen 1958 und 1963 zeigt also, dass der Mauerbau als sekundäre Zäsur im Kalten Krieg angesehen werden muss. Wie verhält es sich nun mit dessen Bedeutung für die deutsch-deutsche Geschichte? Es handelte sich zunächst um ein Ereignis von starker Symbolkraft, vermittelt durch eindrückliche Bilder. Eine Mauer mitten durch die ehemalige deutsche Hauptstadt, die unmittelbar westlich des Brandenburger Tores den Zugang zu "den Linden" versperrte, die den bis dahin freien Verkehr der Menschen innerhalb Berlins von heute auf morgen unterbrach – das vermittelte das Gefühl endgültiger Trennung, und das nicht nur im Hinblick auf Berlin, sondern im Hinblick auf ganz Deutschland. Gleichwohl bedarf es auch hier einer differenzierteren Sichtweise, zu der man nur gelangt, wenn präziser gefragt wird. Ich unterscheide zwischen den Auswirkungen auf das deutsch-deutsche Verhältnis, auf die Bundesrepublik und auf die DDR.

Das deutsch-deutsche Verhältnis

Zwei Frauen aus Ost und West im Gespräch an der Mauer, 18. August 1961. (© Bundesarchiv, B 145 Bild-P060484)

Das deutsch-deutsche Verhältnis hatte zahlreiche Facetten, von denen einige hier kurz beleuchtet werden sollen. Auf gesellschaftlicher Ebene sind hier an erster Stelle die Bewegungen der Menschen zwischen beiden deutschen Staaten zu nennen. Deren wichtigste, die Fluchtbewegung aus der DDR, wurde bekanntlich mit dem Mauerbau schlagartig beendet. Damit wurde letztlich eine der wichtigsten gesamtdeutschen Klammern zerstört, die nicht nur nach außen die Zusammengehörigkeit der Deutschen verdeutlicht hatte. Überdies – so Peter Graf Kielmansegg – "knüpfte jeder, der die Grenze überschritt, einen Faden zwischen den beiden Teilen Deutschlands neu. Denn er brachte ja seine Vergangenheit mit in den Westen, die Erinnerung an seine Heimat, und ließ zugleich Verwandte und Freunde zurück, so dass das Netz der Familienbeziehungen, das die innerdeutsche Grenze überspannte, sich unaufhörlich erneuerte." Des Weiteren wurde mit dem Mauerbau das Reisen zwischen den beiden deutschen Staaten und den beiden Teilen Berlins erheblich erschwert: Berliner durften weder von Ost nach West noch in umgekehrter Richtung reisen; nur Inhaber eines westdeutschen Personalausweises durften noch in den Ostteil der Stadt; der deutsch-deutsche Reiseverkehr, den die DDR 1957 bereits drastisch eingeschränkt hatte, ging weiter zurück und wurde 1964 durch die Einführung eines Mindestumtauschs von zunächst 5,– DM weiter in Grenzen gehalten.

Auch eine weitere dieser "Klammern" war durch den Mauerbau in ihrer gesamtdeutschen Existenz gefährdet: die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Nach dem Mauerbau behinderte die DDR gezielt die innerdeutschen Kirchenkontakte: Bischof Kurt Scharf von Berlin-Brandenburg erhielt keine Einreiseerlaubnis in den Ostteil seiner Landeskirche, EKD-Ratsmitglieder und Synodale durften nicht mehr frei zwischen Ost und West verkehren, kirchliche Kontakte wurden auf allen Ebenen behindert. Unmittelbar nach 1961 hielt die EKD zwar noch trotzig an ihrer Einheit fest; jedoch urteilte bereits im Dezember 1961 ein leitender Mitarbeiter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland (VELKD), "dass die lebendige Verbindung mit den Kirchen in der DDR z. Zt. auf ein dünnes Rinnsal reduziert worden ist". Endgültig zerbrach die Kircheneinheit 1969 mit der Gründung des Bundes Evangelischer Kirchen in der DDR (BEK), wenngleich dieser sich zur "besonderen Gemeinschaft der ganzen evangelischen Christenheit in Deutschland" bekannte.

Unter dem Eindruck der massiven Beeinträchtigung der deutsch-deutschen Verbindungen veränderte sich langfristig auch die Einstellung der Deutschen zur deutschen Einheit. Valide Aussagen lassen sich zwar nur für die Bundesrepublik treffen, es ist jedoch zu vermuten, dass ein ähnlicher Trend auch im Hinblick auf die Mentalitäten in der DDR ausgemacht werden kann. Infolge des Mauerbaus stieg in den Umfragen kurzfristig der Stellenwert der Überwindung der deutschen Teilung, nach Beendigung der Mauerkrise wurden die Menschen indes pessimistischer hinsichtlich der Realisierbarkeit der Wiedervereinigung. Die Westdeutschen – und wohl auch die Ostdeutschen – gewöhnten sich an die Teilung, und der Wunsch nach Wiedervereinigung verlor, zumindest im Westen, an Dringlichkeit.

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden deutschen Staaten wurden nur kurzzeitig während der Berlin-Krise durch die zeitweilige Kündigung des Berliner Abkommens durch die Bundesregierung beeinträchtigt. Sie normalisierten sich danach jedoch wieder, weil sich letztlich an den primär politischen Motiven Bonns, über den Handel auch die Verbindungen zu den Ostdeutschen zu wahren, ebenso wenig geändert hatte wie an dem ökonomischen Interesse der DDR, die für manche Produkte regelrecht auf die Bundesrepublik angewiesen war.

Der innerdeutsche Austausch im Sport wurde ebenfalls durch den Mauerbau erheblich beeinträchtigt. Der DDR-Sport hatte sich schon seit 1957 zunehmend aus dem innerdeutschen Sportverkehr zurückgezogen, und 1960 versuchte Ost-Berlin mit der Verordnung über das Tragen des DDR-Emblems bei gesamtdeutschen Sportveranstaltungen Bonn zu dessen Abbruch zu provozieren. Nachdem im Oktober 1960 der Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB) Willi Daume dem (ost-)Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) mitgeteilt hatte, dass Sportler mit DDR-Emblem in der Bundesrepublik keine Starterlaubnis mehr erhalten würden, ruderte letzterer jedoch zurück, sodass wieder mehr innerdeutsche Sportbegegnungen stattfinden konnten. Drei Tage nach dem Mauerbau verabschiedeten jedoch der DSB und das westdeutsche Nationale Olympische Komitee die Düsseldorfer Beschlüsse, die den sofortigen Abbruch der Sportbeziehungen festlegten. Erst nach deren Aufhebung 1965 kamen diese langsam wieder in Gang. Wenngleich der Mauerbau hier eine eindeutige Zäsur darstellte, galt dies nicht für die Olympiamannschaft. Diese trat noch 1964 gemeinsam an; erst bei den Spielen von 1968 konkurrierten zwei deutsche Mannschaften miteinander.

Bundesrepublik

Welche Rückwirkungen hatte der Mauerbau, zweitens, auf die Bundesrepublik? Für deren Geschichte waren die Ereignisse des Jahres 1961 sehr viel weniger einschneidend als für die der DDR. Eine Zäsur bilden sie allenfalls für die Außen- und Deutschlandpolitik. Insgesamt stellte 1961 jedoch keinen Einschnitt der westdeutschen Nachkriegsgeschichte dar. Hier gibt es die unterschiedlichsten Angebote: Das Ende der Nachkriegszeit, der Ära Adenauer, wird entweder "irgendwo in den 60er Jahren verortet" oder etwa 1959/60, als "die zweite formative Phase" der Bundesrepublik begann, geprägt "durch einen viele gesellschaftliche Bereiche durchgreifenden Wandel". Der Mauerbau und damit das Verhältnis zur DDR spielten für die Bundesrepublik keine konstitutive Rolle; das asymmetrische Verhältnis zwischen beiden Staaten kommt letztlich auch in dem grundsätzlich unterschiedlichen Gewicht, das der Mauerbau für beide spielte, zum Ausdruck.

In der Bundesrepublik kam unter dem Eindruck des Mauerbaus und der weltpolitischen Entspannung freilich eine heftige deutschlandpolitische Debatte in Gang, in deren Verlauf der deutschlandpolitische Konsens aller Parteien zerbrach. Über das Ziel der Wiedervereinigung bestand dabei Einigkeit, nicht aber über den Weg, der eingeschlagen werden müsste, um dieses Ziel zu erreichen. Neue deutschlandpolitische Ansätze wurden vor allem vom Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, und seinem Beraterstab, vor allem seinem Pressechef Egon Bahr, diskutiert. Freilich veranlasste nicht erst der Mauerbau Brandt, nach neuen Wegen in der Deutschlandpolitik zu suchen. Wie Wolfgang Schmidt gezeigt hat, entwickelte er bereits in den 1950er-Jahren eine Strategie, in deren Rahmen, erstens, eine Normalisierung des Verhältnisses zur Sowjetunion, zweitens, menschliche Erleichterungen im innerdeutschen Verhältnis bei Nicht-Anerkennung der DDR und, drittens, eine Normalisierung der Beziehungen zu den osteuropäischen Staaten angestrebt werden sollten. Die gängige ältere Auffassung, derzufolge erst infolge des Mauerbaus führende Berliner Sozialdemokraten ein neues deutschlandpolitisches Konzept ausarbeiteten, ist daher zu relativieren. Auf der anderen Seite spielte die Zäsur des Mauerbaus durchaus eine Rolle für die Formulierung und öffentliche Präsentation der neuen Gedanken. Denn gerade Willy Brandt war nach dem Mauerbau klar geworden, dass Washington nicht länger eine aktive Wiedervereinigungspolitik betreiben werde. Man müsse daher, so Brandt, nach neuen Wegen suchen, um "einem Auseinanderleben der beiden Teile des deutschen Volkes zu begegnen". Für die Konzeption einer neuen Deutschlandpolitik in diesen Jahren war neben dem Mauerbau der Entspannungskurs, den die USA nach der Kubakrise eingeschlagen hatten, mindestens genauso wichtig. Denn in seinem berühmten Tutzinger Vortrag vom 15. Juni 1963 stellte Egon Bahr zunächst fest, dass die deutsche Frage nur mit der Sowjetunion und im Einklang mit der von Kennedy fünf Tage zuvor verkündeten "Strategie des Friedens" zu lösen sei. Die von ihm geprägte Formel "Wandel durch Annäherung" bezeichnete in diesem Zusammenhang eine Strategie, derzufolge der Status quo zunächst anerkannt werden musste, um so ein Klima zu schaffen, in dem dieser schrittweise in Richtung Wiedervereinigung geändert werden konnte.

Dabei war dies zunächst nur eine von mehreren Stimmen der deutschlandpolitischen Debatte in der Bundesrepublik, auf die hier nicht weiter eingegangen werden kann. Der Weg vom Mauerbau zur Neuen Ostpolitik war also alles andere als geradlinig. Erwähnt sei jedoch, dass im Verlauf der 1960er-Jahre, sicher auch infolge des Mauerbaus, die politischen Kontakte zwischen Bundesrepublik und DDR, die in den 1950er-Jahren noch vehement abgelehnt worden waren, zunahmen: Dies zeigen etwa die Passierscheinverhandlungen in Berlin, die Verhandlungen über einen Redneraustausch zwischen SPD und SED sowie Kontakte zwischen FDP- und LDPD-Mitgliedern zwischen 1963 und 1966. Doch je mehr die westdeutsche Seite bereit war, auf die DDR zuzugehen, um menschliche Erleichterungen zu erreichen, desto stärker wurden deren Abgrenzungsversuche: Ost-Berlin wollte die mit dem Mauerbau erzielte Abschottung nicht in Frage stellen.

DDR

Wie wirkte sich, drittens, der Bau der Berliner Mauer auf die DDR aus? Der 13. August 1961 ist zu Recht von Dietrich Staritz als "heimliche[r] Gründungstag der DDR" bezeichnet worden. Doch was bedeutete das konkret? Die Fundamente der DDR waren in den 1940er- und 50er-Jahren längst gelegt worden – grundlegende Änderungen am System wurden in den 1960er-Jahren und danach nicht mehr vorgenommen. Und doch wandelte sich das Lebensgefühl der Menschen nach dem Bau der Mauer in entscheidender Hinsicht. Kein anderer als der Schriftsteller Günter de Bruyn hat dies besser auf den Punkt gebracht: "Man lebte ruhiger in ihrem Schatten. Man war der Entscheidung, zu fliehen oder zu bleiben, enthoben; das Provisorische hatte feste Konturen bekommen; das Vorläufige sah, verstärkt durch die Haltung des Westens, der unter Protesten alles hatte geschehen lassen, plötzlich nach Dauer aus." Die DDR-Bürger sahen sich also sehr viel stärker als vor 1961 zum Arrangement mit ihrem Staat genötigt. Doch rissen die Verbindungen nach Westdeutschland allen Absperrungsbemühungen zum Trotz nie ab; die politischen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen der Westdeutschen blieben der Maßstab für die "Errungenschaften der DDR". Mit anderen Worten: Auch die durch den Mauerbau erzielte Stabilisierung änderte nichts an dem strukturellen Problem der DDR, den Sozialismus in einem halben Land aufbauen und erhalten zu müssen.

Die ostdeutsche Planwirtschaft hatte überdies nach der Abriegelung der Grenze in Berlin einen Unsicherheitsfaktor weniger: Die zuvor so oft beklagte massenhafte Abwanderung von Arbeitskräften war gestoppt und das Grenzgängerproblem in Berlin beseitigt worden. Es gab mithin auf diesem Teilgebiet der Wirtschaftslenkung Planungssicherheit. Überdies musste die DDR-Führung nun nicht mehr befürchten, dass Ostdeutsche nicht für die eigenen wirtschaftlichen Bedürfnisse, sondern für den westdeutschen Arbeitsmarkt ausgebildet wurden. Das waren nicht unwesentliche Folgen für die DDR-Wirtschaft. Der Versuch, ab 1962/63 das Wirtschaftssystem zu reformieren, indem man die Planung einschränkte und auf selektive Leistungsanreize in den Betrieben sowie bei den Individuen setzte, das sogenannte "Neue Ökonomische System der Planung und Leitung", war hingegen nur sehr indirekt auf den Mauerbau zurückzuführen: Es war vor allem der Versuch, die systemimmanenten Probleme der Planwirtschaft zu bewältigen, und ging erst in zweiter Linie darauf zurück, dass die Sowjetunion sich weigerte, die DDR-Wirtschaft in dem von Ost-Berlin erhofften Ausmaß zu subventionieren. Für diese sowjetische Entscheidung waren vor allem die eigenen wirtschaftlichen Probleme ausschlaggebend; eine gewisse Rolle wird dabei aber auch gespielt haben, dass die DDR nicht mehr, wie noch vor dem Mauerbau, vom Zusammenbruch bedroht schien.

Doch wie entwickelte sich nach dem Mauerbau das Verhältnis des DDR-Regimes zu "seinen" Bürgern? Günter Kunert, der am Abend des 13. August 1961 von einem linientreuen Schriftsteller zu einer Versammlung von Standesgenossen abgeholt wurde, hat die beiden unterschiedlichen Erwartungen in diesem Zusammenhang wie folgt beschrieben: "Mein bisheriger Reisebegleiter [also der Schriftstellerkollege] hatte mir bereits im Auto glückstrahlend erklärt, jetzt endlich, da der Klassenfeind nicht mehr eindringen und wühlen könne, würden wir uns eine größere Offenheit leisten dürfen. [...] Ich hatte vordem nie geahnt, mit was für Narren ich es einmal zu tun haben könnte. Mir war doch von den ersten Minuten an klar gewesen, dass gerade jetzt, da wir alle in der Falle saßen, der Dompteur die Dressurakte ausweiten und steigern würde, ohne noch Rücksicht nehmen zu müssen. Der Käfig als Instrument der Disziplinierung." Wer hatte recht? Der ungenannte linientreue Schriftsteller oder Kunert? Belege lassen sich für beide Sichtweisen finden. So zog der Staat unmittelbar nach dem Mauerbau die Zügel in der Wirtschaft an – Stichwort "Produktionsaufgebot" –, ging massiv gegen Widerstände gegen die Mauererrichtung vor und führte die allgemeine Wehrpflicht ein. Während genuin politische Opposition auch weiterhin mit aller Macht unterdrückt wurde, war das Regime indes langfristig darauf bedacht, Arbeitskonflikte nicht aufkommen zu lassen bzw. möglichst rasch zu beheben. Als einziges Ostblockland bot die DDR die Möglichkeit eines waffenlosen Wehrdienstes, indem in der Nationalen Volksarmee (NVA) 1964 der Bausoldatendienst eingeführt wurde, um auf Wehrdienstverweigerungen nicht nur mit Inhaftierungen sowie Frei- und Rückstellungen reagieren zu müssen. Eine leichte Öffnung ließ sich auch ab 1963 in der Jugend- und Kulturpolitik beobachten – jedoch währte diese Phase nur bis 1965. Der Staat blieb im Kern repressiv; nonkonformes Verhalten wurde auch weiterhin meistens als gegen die staatliche und gesellschaftliche Ordnung gerichtet verstanden. Insgesamt ging das brachiale Vorgehen gegen Abweichler tendenziell zurück; ein Stück weit, weil zu neuen, eher verdeckten Repressionsmethoden gegriffen wurde, ein Stück weit aber auch, weil der Staat auf bestimmten Feldern kapitulierte. Letzteres galt etwa für die "Beat"-Bewegung, gegen die ab 1965 massiv vorgegangen, die ab 1968/69 jedoch wieder toleriert wurde. Der westliche Lebensstil, der unkontrolliert über die Westsender ins Land kam, ließ sich eben nicht komplett unterdrücken. Und dieses Eingeständnis fiel der DDR-Führung im Schatten der Mauer vermutlich leichter als zuvor.

Fazit


Die Bedeutung des Mauerbaus sowohl für den Kalten Krieg als auch für die deutsch-deutsche Geschichte ist zu relativieren, freilich mehr im ersteren als im letzteren Zusammenhang. So sorgte der Mauerbau 1961 zwar für eine Beruhigung der Lage in Berlin; er markiert allerdings lediglich eine Zwischenetappe auf dem Weg zum Ende der Krisenjahre des internationalen Systems zwischen 1958 und 1963. Die ursprünglich von Chruschtschow wohl nur als provisorische Lösung gedachte Abriegelung West-Berlins erwies sich freilich infolge der Kubakrise als dauerhaft: Der Krisenherd Berlin war dadurch erst einmal entschärft und störte nicht mehr die auf Entspannung ausgerichtete Politik der Supermächte in Europa.

Im deutsch-deutschen Zusammenhang kommt dem Mauerbau hingegen ein sehr viel größeres Gewicht zu: Er zerstörte letzte gesamtdeutsche Klammern sowie Illusionen hinsichtlich einer raschen Wiedervereinigung und stabilisierte die DDR. Freilich sollte man seine Wirkungen auch hier nicht überschätzen: In der Entwicklung der Bundesrepublik spielte der Mauerbau keine große Rolle, er war lediglich für die Neuausrichtung der Deutschlandpolitik von einiger Bedeutung. Und auch in seiner Auswirkung auf die DDR-Entwicklung war der Mauerbau alles andere als eindeutig.

Die Bedeutung des Mauerbaus variiert folglich, abhängig von dem Blickwinkel, aus dem man ihn betrachtet. Das gilt interessanterweise nicht für den Mauerfall 28 Jahre später, der für alle hier betrachteten Zusammenhänge zu einem Schlüsselereignis wurde: Der Mauerfall war nicht nur der Anfang vom Ende der DDR und damit der deutschen Zweistaatlichkeit, sondern auch der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Auflösung des Ostblocks und zur Beendigung des Kalten Krieges. Denn der Mauerfall ist nur im Zusammenhang mit zwei miteinander eng verbundenen Revolutionen zu verstehen: einer friedlichen Revolution in der DDR und in den anderen Ostblockstaaten sowie einer Revolution der Staatenwelt.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Linken-Parteichefin führt Mauerbau auf 2. Weltkrieg zurück, in: Saarbrücker Zeitung, 10.8.2011.

  2. Klaus-Dietmar Henke, Metapher, Mahnmal, Mythos, in: FAZ, 13.8.2011.

  3. Das Berlin-Ultimatum war in einer Note der UdSSR an die Westmächte v. 27.11.1958 enthalten; dok.: Dokumente zur Deutschlandpolitik (DzD), Bd. IV/1, Frankfurt a. M./Berlin 1971, S. 163–177.

  4. Vgl. Georges-Henri Soutou, La guerre de Cinquante Ans. Le conflit Est-Ouest 1943–1990, Paris 2001, S. 358–360, 367f.

  5. Vgl. Hope M. Harrison, Driving the Soviets up the Wall. Soviet-East German Relations 1953–1961, Princeton 2003, S. 114–116; Vladislav Zubok, Khrushchev and the Berlin Crisis (1958–62), 1993 (CWIHP, Working Papers; 6) S. 2–6; Gerhard Wettig, Chruschtschows Berlin-Krise. Drohpolitik und Mauerbau, München 2006, S. 13f.

  6. Vgl. James J. Hershberg, The Cuban Missile Crisis, in: Melvyn P. Leffler/Odd Arne Westad (eds.), The Cambridge History of the Cold War, Bd. 2, Cambridge 2010, S. 69f.

  7. Vgl. James J. Hershberg, The Cuban Missile Crisis, in: Melvyn P. Leffler/Odd Arne Westad (eds.), The Cambridge History of the Cold War, Bd. 2, Cambridge 2010, S. 69f.

  8. Vgl. Gerhard Wettig, Chruschtschows Berlin-Krise. Drohpolitik und Mauerbau, München 2006, S. 273f.

  9. Vgl. Matthias Uhl, Krieg um Berlin? Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlin-Krise 1958 bis 1962, München 2008, S. 1f.

  10. Vgl. Matthias Uhl, Krieg um Berlin? Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlin-Krise 1958 bis 1962, München 2008, S. 155–181, 234–237.

  11. Zit.: Robert J. MacMahon, The Cold War. A Very Short Introduction, Oxford 2003, S. 85.

  12. John Lewis Gaddis, Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte, 2. Aufl., München 2009, S. 102.

  13. So Bernd Stöver, Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947–1991, München 2007, S. 130, 144.

  14. Auszüge aus der Rede in: Jussi Hanhimäki/Odd Arne Westad (eds.), The Cold War. A History in Documents and Eyewitness Accounts, Oxford 2003, S. 358–360.

  15. Vgl. Melvyn P. Leffler, For the Soul of Mankind. The United States, the Soviet Union, and the Cold War, New York 2007, S. 158–182.

  16. Die Rede in deutscher Übersetzung in: DzD, Bd. IV/9, Frankfurt a. M. 1978, S. 382–388, zit. 385.

  17. So Hermann-Josef Rupieper, Auswirkungen der Berlin- und Kubakrise auf die Strategie der UdSSR und der USA in der weiteren Blockkonfrontation, in: Dimitrij N. Filippovych/Matthias Uhl (Hg.), Vor dem Abgrund. Die Streitkräfte der USA und der UdSSR sowie ihrer deutschen Bündnispartner in der Kubakrise, München 2005, S. 128.

  18. Zit.: Melvyn P. Leffler, For the Soul of Mankind. The United States, the Soviet Union, and the Cold War, New York 2007, S. 3.

  19. Klaus Hildebrand, Der Kalte Krieg als Détente. Die Phänomenologie der Staatenwelt während der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, in: Karl Dietrich Bracher u.a. (Hg.), Politik, Geschichte und Kultur. Wissenschaft und Verantwortung für die res publica, Bonn 2009, S. 111–125.

  20. Peter Graf Kielmansegg, Nach der Katastrophe. Eine Geschichte des geteilten Deutschland, Berlin 2000, S. 505.

  21. Vgl. Kurt Plück, Innerdeutsche Beziehungen auf kommunaler und Verwaltungsebene, in Wissenschaft, Kultur und Sport und ihre Rückwirkungen auf die Menschen im geteilten Deutschland, in: Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland", Hg. Deutscher Bundestag, Baden-Baden/Frankfurt a. M. 1995, Bd. 5, S. 2024, 2026.

  22. Erwin Wilkens, Kirche und theologische Situation in der DDR nach dem 13. August 1961 (Stand vom 1. Dezember 1961), in Auszügen dok.: Mitteilungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte 5 (2011), S. 129–158, hier 147.

  23. Zu diesem Prozess vgl. u.a. Claudia Lepp, Tabu der Einheit? Die Ost-West-Gemeinschaft der evangelischen Christen und die deutsche Teilung (1945–1969), Göttingen 2005, S. 790–927.

  24. Vgl. Manuela Glaab, Deutschlandpolitik in der öffentlichen Meinung. Einstellungen und Regierungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1990, Opladen 1999, S. 143f.

  25. Vgl. Peter E. Fäßler, Durch den "Eisernen Vorhang". Die deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen 1949–1969, Köln u.a. 2006, S. 198–255.

  26. Vgl. Uta Andrea Balbier, Instrument oder Freiraum? Innerdeutscher Sportverkehr 1952–1965, in: Hans Joachim Teichler (Hg.), Sport in der DDR. Eigensinn, Konflikte, Trends, Köln 2003, S. 38–58; Thomas Raithel, 1974 – Das Sparwasser-Tor. Entwicklung und Bedeutung des Sports in beiden deutschen Staaten, Berlin 2008, S. 269.

  27. Axel Schildt, Nachkriegszeit. Möglichkeiten und Probleme einer Periodisierung der westdeutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg und ihrer Einordnung in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, in: GWU 44 (1993), S. 571.

  28. Edgar Wolfrum, Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006, S. 187.

  29. Vgl. Wolfgang Schmidt, Kalter Krieg, Koexistenz und kleine Schritte. Willy Brandt und die Deutschlandpolitik 1948–1963, Wiesbaden 2001, passim, zum letzteren S. 460.

  30. Vgl. Siegfried Heilmann, Einleitung, in: Willy Brandt, Berliner Ausgabe, Bd. 3, Bonn 2004, S. 55f.

  31. Der Vortrag Bahrs in: DzD, Bd. IV/9, S. 572–575, zit. 575.

  32. Dietrich Staritz, Geschichte der DDR 1949–1990, Frankfurt a. M. 1996, S. 196.

  33. Günter de Bruyn, Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht, Frankfurt a. M. 1996, S. 110.

  34. Vgl. André Steiner, Die DDR-Wirtschaftsreform der sechziger Jahre. Konflikt zwischen Effizienz- und Machtkalkül, Berlin 1999; zu letzterem insb. S. 46–55.

  35. Günter Kunert. Das Jahr 1961. Im Rückspiegel, in: FAZ, 3.1.2011.

  36. Vgl. Elke Stadelmann-Wenz, Widerständiges Verhalten und Herrschaftspraxis in der DDR. Vom Mauerbau bis zum Ende der Ulbricht-Ära, Paderborn u.a. 2009, S. 39–58, 75–89, 115–128.

  37. Vgl. Bernd Eisenfeld/Peter Schicketanz, Bausoldaten in der DDR. Die "Zusammenführung feindlich-negativer Kräfte in der NVA, Berlin 2011.

  38. Vgl. Marc-Dietrich Ohse, Jugend nach dem Mauerbau. Anpassung, Protest und Eigensinn (DDR 1961–1974), Berlin 2003, S. 64–137; Günter Agde (Hg.), Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente, 2. Aufl., Berlin 2000.

  39. Vgl. Elke Stadelmann-Wenz, Widerständiges Verhalten und Herrschaftspraxis in der DDR. Vom Mauerbau bis zum Ende der Ulbricht-Ära, Paderborn u.a. 2009, S. 238.

  40. Vgl. Michael Rauhut, Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972, Berlin 1993, S. 209–298.

Prof. Dr., Leiter der Außenstelle Berlin des Institutes für Zeitgeschichte (IfZ) München, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Leipzig.