Zwischenkriegszeit (1919-1941): Die New Yorker Teenagerin Loretta fühlte sich in erster Linie als Amerikanerin. Ihrer jüdischen Herkunft schenkte sie wenig Beachtung, zumal sie meinte, dass man sie ihr nicht ansah: „Niemand würde darauf kommen und darüber nachdenken.“ Die Leute waren nett zu ihr, aber fast jeden Tag hörte sie Sprüche wie: „Ja, aber er ist Jude, wissen Sie“ oder „Es war eine angenehme Wohngegend, aber durch die Juden ist sie jetzt unmöglich geworden“. Solche Sätze trafen sie „leicht wie Federbälle; doch die Federbälle machten Kratzer beim Auftreffen, als hätten sie Dornen“. Manchmal hieß es sogar: „In einer Hinsicht hatte Hitler schon recht.“ Dann war Loretta hilflos und stumm. Sie dachte, wenn die Leute wüssten, dass sie Jüdin war, würden sie solche Sätze aus Höflichkeit nicht aussprechen. Mit fünfzehn versuchte sie – mit wenig Erfolg –, diese Denkweisen mit der Bemerkung zu beeinflussen, dass Juden doch Menschen wie alle anderen seien. Ihr erster Verlobter verließ sie, weil seine Mutter von der Verbindung mit einer Jüdin abriet. Als Erwachsene fühlte sich Loretta „ausgesprochen als Jüdin“ und wies Freunde und Arbeitskolleg/-innen sofort darauf hin. Als ihr jemand vorhielt, dass sie sich nicht als Jüdin sehen könne, weil sie Atheistin sei und nicht an den Mythos des Blutes glaube, erwiderte sie: „Ich glaube, ich bin jüdisch, weil so großes Gewicht darauf gelegt wird, ich glaube, weil ich einen Stich empfinde, wenn einer ‚Jude‘ sagt (…) und wegen der Gaskammern.“ Dort sei umgekommen, wer als Jude geboren worden war.
„Loretta“ ist die erste publizierte literarische Arbeit von Edith Anderson (1915–1999), zweifellos autobiografisch, wie die meisten ihrer künftigen Werke. Sie erschien 1949 im Ost-Berliner Aufbau-Verlag, den ihr Mann, Max Schroeder, leitete. Er hatte die Erzählung auch übersetzt.
Die DDR als neue Heimat?
Wie kam es, dass Anderson 1947 ausgerechnet in Deutschland landete? Wo sie zunächst jeden ihr auf der Straße begegnenden Passanten beargwöhnte, ob er mitschuldig am Judenmord war? Dass es Liebe gewesen sei, stimme nur teilweise, erklärte sie. „Gewiß, ich hatte einen deutschen Kommunisten geheiratet, doch ich war selbst Kommunistin. Ein Kommunist vermag seine persönlichen Gründe niemals ganz von seinen politischen zu trennen.“ Sie war schon als Lehramtsstudentin für Englisch am New College der Columbia-Universität Mitglied der Communist Party USA (CPUSA) und hatte 1942 als Kulturredakteurin des Daily Worker gearbeitet, bis man ihre Stelle wegen unbotmäßig erfolgreicher Arbeit 1943 wieder einem Mann zuschlug. Damals lernte sie den Exilanten Max Schroeder kennen. Er verkörperte für sie „all jene unbeugsamen Deutschen, denen ihr Leben weniger wert war als die Zerschlagung des Nazismus“. Er war „mager und halb verhungert. (…) Er besaß einen Weitblick, der zugleich politisch und poetisch war. Er war Internationalist. Er liebte, was in meiner Heimat gut und schön war. Er wusste (…), wie schwer es mir fiel, sie zu verlassen.“
Obwohl Schroeder als Leiter des bedeutendsten ostdeutschen Verlags privilegiert war, konnte er ihr anfangs nur prekäre Lebensbedingungen bieten – eine zugige Bruchbude im amerikanischen Sektor Berlins. Aber er hielt sein Versprechen, die Entwicklung ihres literarischen Talents zu fördern, indem er unter anderem für eine Haushalthilfe sorgte. In der Zeit, als „Loretta“ entstand, freute sich das Paar 1948 auch über die Geburt ihrer Tochter Cornelia.
1951 bezog die Familie eines der für prominente Remigranten errichteten komfortablen Häuser in Berlin-Grünau. In dieser Intellektuellenkolonie galt Anderson als kratzbürstig und streitlustig. Obwohl sie eine begeisterte Mutter war und zu schreiben begonnen hatte, zog sie sich nicht in Grünau zurück. Sie suchte und fand eigenständige Arbeitskontakte in der DDR-Sektion der Internationalen Demokratischen Frauenföderation, wo sie als Übersetzerin und Redakteurin tätig war.
Ein früher Blick auf die Geschlechterungerechtigkeit
Schon bevor 1949 Simone de Beauvoirs Buch „Das andere Geschlecht“ erschien, hatte Anderson nicht nur als Jüdin, sondern auch als Frau konstatiert, dass Identitäten ein Gefängnis fremder Zuschreibungen sein können. Früh begann sie, ihre Herkunft und Verfasstheit mit eigenen Werten zu vertreten. Dass Emanzipation auch durch gesellschaftliche Bedingungen gehemmt oder gefördert wird, gab ihr 1956 erschienener Roman „Gelbes Licht“ wieder, den Schroeder und ein professioneller Übersetzer ins Deutsche brachten und den der Aufbau-Verlag 2024 neu übertrug und unter dem Titel „A Man‘s Job“ publizierte. Erzählt wird von jenen vier Jahren, in denen Anderson bei der Pennsylvania Railroad in einer Frauengruppe als Schaffnerin gearbeitet hatte. Im Krieg nahmen auch in den USA Frauen Arbeitsplätze ein, die bislang Männern vorbehalten waren. Da Industriebetriebe darauf schlecht vorbereitet waren, liest sich der Roman heute wie eine Satire auf die Unsicherheit und Grobheit, mit der die zum Anlernen der Frauen beauftragten Bahnangestellten mit ihnen kommunizierten. In dieser sexistischen Arbeitswelt bewegten sich die „Mädchen“ unsicher und linkisch. Sie standen einer Männerfront gegenüber, die entschlossen war, sie dauerhaft auf die unterste Stufe der Hierarchie zu drücken.
Die Frauen strapazierten ihre Kräfte auch selbst durch weibliches Konkurrenzverhalten. Anderson geht im Buch häufig auf Garderobe, Frisuren und Make-up ein – Äußerlichkeiten, die im Konkurrenzkampf der Arbeitswelt heute womöglich noch mehr zählen. Den politisch bewusstesten Frauen gelang es mit der Zeit, bei den Schaffnerinnen einen Korpsgeist zu erzeugen. Sie erkämpften sich einen eigenen Aufenthaltsraum für die Leerstunden und schließlich sogar die Aufnahme in die Eisenbahnergewerkschaft, um sich „Senioritätsrechte“ zu sichern. Das bedeutete, nicht nur die anstrengendsten und am schlechtesten bezahlten Strecken zugewiesen zu bekommen – und, das hofften viele, bei Kriegsende nicht entlassen zu werden. Genau das aber geschah.
Durch ausführliche Beschreibungen der Arbeitswelt der Pennsylvania Railroad reihte sich „Gelbes Licht“ in die damals vom sozialistischen Realismus privilegierten Produktionsromane ein. Während die meisten von dem aus der Sowjetliteratur importierten prüden Geschlechterverhältnis geprägt waren, entfaltete sich in Andersons Roman die sexuelle Emanzipation berufstätiger Amerikanerinnen. Die Wünsche der Schaffnerinnen zielten nicht mehr auf die Ehe um jeden Preis und setzten sich so umso schärfer von den archaischen Anzüglichkeiten der Eisenbahnerwelt ab. Schon hier machte Anderson deutlich, dass die Konflikte der Geschlechter nicht durch Jammern und Anklagen zu lösen sind, sondern durch Selbstermächtigung der Frauen. Eine „sexpositive“ Position bleibt ihr Markenzeichen – im Leben und als Autorin.
Die Skepsis der DDR-Führung gegenüber Rückerkehrenden und Eingewanderten aus dem Westen Durch Schroeders Funktion kannte sie die abgründigen kulturpolitischen Diskurse um den sozialistischen Realismus und auch den faktischen Zwang, sich da irgendwie einzuordnen. Mit dem wichtigsten Verleger der DDR an der Seite konnte sie die Stellen der Doktrin finden, an denen sie dehnbar war: Kritisches oder Neues musste wenigstens in Bezug zur sozialistischen Utopie stehen. An der hielt sie fest, wie Schroeder selbst – auch nach den Drangsalierungen durch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED), denen antisemitische Anrüchigkeit anhaftete, gerade gegenüber „Westemigranten“. Ihr Mann sei „zuversichtlich“ geblieben, „daß sich zwischen der marxistischen politischen Ökonomie und Lenins beschworener Partei neuen Typus zu guter Letzt alles richten“ werde. In den Auseinandersetzungen habe er gewusst, „wie er mit seinen Kräften haushalten musste“. Dazu gehörte auch, „seiner leicht erregbaren Frau nicht allzu viel zu erzählen“.
Den politischen Skandalprozess gegen seinen Nachfolger Walter Janka nahm Schroeder nur noch abgeschirmt im Krankenbett wahr. 1958 starb er. Von nun an musste sich Anderson selbstständig mit politischen Tücken und Schwankungen des Lebens in der DDR auseinandersetzen, insbesondere auch auf kulturellem Gebiet. Diesen Spagat bewältigte sie mit gleichermaßen geistreichen wie humorvollen Novellen und auch mit originellen Kinderbüchern. „Der verlorene Schuh“ etwa handelt von einem kleinen Jungen, der sich neue Schuhe verdient, indem er eine Schuhfabrik besucht und die vielen Arbeitsschritte ihrer Herstellung kennenlernt. Dass der Kinderbuchverlag im Frontispiz „den Werktätigen der Schuhfabrik VEB Goldpunkt für ihre fachliche Beratung“ dankte, verrät, dass Anderson im Sinne des noch nicht offizialisierten „Bitterfelder Weges“
In der DDR bleiben oder das Land verlassen?
Nach Schroeders Tod stellte sich für sie die Frage nach einer Rückkehr.
Als Cornelia 1967 ein Studium in der DDR aufnahm, wagte Edith Anderson einen neuen Versuch der Rückkehr. Sie gab sich ein Jahr in New York, um sich aus eigener Kraft eine berufliche Existenz zu schaffen. Schnell musste sie dort Arbeit finden, da ihr väterliches Erbe nur für wenige Monate reichte. Der Einstieg in den Lehrerberuf kam nicht mehr infrage. Sie ging Annoncen von Verlagen nach, die eine in Deutsch und Französisch bewanderte Lektorin oder Redakteurin suchten, ergatterte aber nur Anstellungen in Verlagen, die Bücher zweifelhaften Niveaus publizierten und schlecht bezahlten. Das hätte sich mit der Zeit ändern können. Schwerer wog, dass sich das linke Milieu, in dem sie als junge Frau engagiert war, verändert hatte. Ihre alten Freunde lebten resigniert im Abseits oder hatten sich mit den Verhältnissen arrangiert. Auch deren Geschlechterbeziehungen, die von Konflikten zwischen Freizügigkeit und finanziellen Abhängigkeiten geprägt waren, irritierten sie. Anderson registrierte die sich anbahnende 68er-Bewegung, fand aber – allein schon wegen ihrer Arbeitsbelastung – kaum Zugang zu diesen viel jüngeren Kreisen. Schließlich kehrte sie nach Ost-Berlin zurück, weil sie meinte, mit ihrer guten Witwenrente in Berlin als freischaffende Publizistin ein kreativeres Leben führen zu können. Die um Briefe ergänzten Aufzeichnungen aus dem amerikanischen Jahr wurden 1972 veröffentlicht. Der über ein Foto von Wolkenkratzern gesetzte Titel „Der Beobachter sieht nichts“ verwies auf trügerische Bilder, die man sich in der DDR von New York machte: Für viele war es ein Sehnsuchtsort unbegrenzter Möglichkeiten, während es die Propaganda zum dekadenten Zentrum des absterbenden Kapitalismus machte. Da das brillant geschriebene, auch selbstironische Buch nicht nur Andersons Stolpern durch eine triviale Verlagswelt schildert, sondern auch faszinierende Seiten von New York zeigt, war sein Druck nicht leicht durchzusetzen. Schließlich erlebte es sogar eine zweite Auflage.
Wachsender Erfolg als Schriftstellerin und Übersetzerin
Ähnlich geschickt behandelte das 1978 erschienene Kinderbuch „Der Klappwald“ das in der DDR unter den Tisch gekehrte Thema der Umweltverschmutzung – allerdings anhand eines Smogereignisses in den USA.
Als Korrespondentin linker Medien in den USA konnte sich Anderson ein kleines Zubrot in Devisen verdienen. Bedeutsamer war jedoch ihre Rolle als Kulturvermittlerin in die andere Richtung. In der DDR gab es ab 1975 eine Botschaft der USA, aber kein Kulturinstitut, weil die Kulturbürokratie einen mal mehr, mal weniger scharfen Feldzug gegen „die amerikanische Unkultur“ führte. Ausgerechnet als die Bürgerrechtsbewegung und die Proteste gegen den Vietnamkrieg in den USA anschwollen, wollten Partei und Staat das Englische ganz aus dem Kulturbetrieb der DDR verbannen. Höhepunkt dieser Kampagne war ein Artikel im Neuen Deutschland, der sich gegen das Singen von „We shall overcome“ in der DDR wandte, weil das Lied Probleme anspreche, die mit dem Aufbau des Sozialismus nichts zu tun hätten. Andersons Biografin Sibylle Klemm betont, dass diese unablässig gegen die Propaganda auftrat und sich für die Protestkulturen in den USA engagierte.
Austausch mit Feministinnen aus den USA
Klemm schreibt, dass Anderson oft von feministischen Forscherinnen aus den USA besucht wurde, die sich für die Frauenpolitik der DDR und ihre Wirkung im Alltag interessierten. So blieb sie mit dem amerikanischen Feminismus in Kontakt, der eher bei den privaten Geschlechterverhältnissen ansetzte. Durch ihre bikulturelle Kompetenz kam sie zu einer feministischen Synthese, die sich als befruchtend für die Frauenliteratur der DDR erwies. Mit deren profiliertesten Vertreterinnen war sie befreundet und darüber einig, dass die Emanzipation nicht in weiblicher Separation, sondern in gelebter Konfrontation mit Männern stattfinden müsse. Zugleich bestand sie darauf, dass Gleichberechtigungsgesetze und der Eintritt der Frauen in die Arbeitswelt nicht genügten. Emanzipation bedürfe auch mehr kultureller Auseinandersetzung mit privaten Geschlechterverhältnissen, als sie bislang in der DDR stattfand.
„Ein Blitz aus heiterem Himmel“ – eine Idee von Edith Anderson
Mit der Anregung zu der dem Rostocker Hinstorffverlag 1971 vorgelegten, aber erst 1975 erschienenen Anthologie „Blitz aus heiterem Himmel“
In Gotthold Glogers Geschichte wacht ein LPG
Obwohl sich auch im Westen Männer mit feministischen Fragen beschäftigten, erschien die von Anderson herausgegebene Anthologie dort 1980 als eine um die Beiträge der Männer abgespeckte Version unter dem Titel „Geschlechtertausch“.
Zitierweise: Sabine Kebir, „ Schwindende Illusionen und trotzige Selbstbehauptung. Edith Andersons Synthese von amerikanischem und DDR-Feminismus", in: Deutschland Archiv, 23.3.2026, Link: www.bpb.de/573878 (ali).