Wer hört heute noch auf Intellektuelle im Zeitalter wachsender Elitenfeindlichkeit? Dies diskutierten am 36. Jahrestag des
Alexander Gallus, er lehrt politische Theorie und Ideengeschichte an der Technischen Universität Chemnitz,
die erste Hochschulpräsidentin in Ostdeutschland, die Kunsthistorikerin Angelika Richter, die seit 2021 die Berliner Kunsthochschule Weißensee leitet,
der Historiker und langjährige Leiter des DDR-Museums, Stefan Wolle,
die Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie-Magazins, Svenja Flaßpöhler,
und der 2025/26 mehrfach preisgekrönte Berliner Schriftsteller Marko Martin.
Der Grafiker und langjährige Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, schickte ein Grußwort. Hier zunächst die drei kürzeren, dann die drei längeren Eingangsthesen, im Anschluss ein Videomitschnitt der Diskussion, zu der das Deutschland Archiv eingeladen hatte:
Klaus Staeck:
„Sand im Getriebe"
Künstler und Intellektuelle, wenn sie ernst genommen werden wollen, sind wie „Sand im Getriebe“, sie dekorieren eine Gesellschaft nicht, sondern gehen ihr geistreich auf den Geist und geben der Politik kräftige, konstruktive Denkanstöße, sind also „Einmischer“ mit einem hehren Ziel: Bürgerinnen und Bürgern zu mehr Nachdenken, Zivilcourage und Mündigkeit zu verhelfen, denn „Einmischung ist Bürgerpflicht“ in einer lebendigen Demokratie. Und da gehört mitunter auch das Schwimmen gegen den Strom (beziehungsweise den Zeitgeist) dazu.
Der Jurist, Grafiker und langjährige Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck (87) im November 2025. Zur Chemnitzer DA-Diskussion über Intellektuelle in der Gegenwart hatte er ein Grußwort geschickt. (© bpb / Holger Kulick)
Der Jurist, Grafiker und langjährige Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck (87) im November 2025. Zur Chemnitzer DA-Diskussion über Intellektuelle in der Gegenwart hatte er ein Grußwort geschickt. (© bpb / Holger Kulick)
Schwierig wird das allerdings, wenn sich kluge Gedanken kaum noch verbreiten lassen, sich kaum noch Medien oder öffentliche Debattenorte dafür finden, wenn das Bedürfnis nach Unterhaltung, Vereinfachung, Populismen und Skandalisierung die Ansprüche auf sachliche Aufklärung und Auseinandersetzung nur noch in kleine Nischen verdrängt.
Dann entmündigt sich eine Gesellschaft quasi selbst. Mit bedrückend unabsehbaren Folgen, die es in der deutschen Vergangenheit leider schon zur Genüge gab. Und das fängt an, wenn kluge Köpfe, Denkanstoßgeber und -geberinnen plötzlich ausgegrenzt werden, Diskussionen mit ihnen verweigert werden, Ausladungen erfolgen, nur weil eine Meinung plötzlich einer Regierung, einem Fernsehrat, einer Hochschulleitung, einer Zeitung oder schlicht dem Mainstream nicht passt. Und wenn „shitstorms“ und sogar Gewaltandrohungen mehr und mehr engagierte Denkanstoßgeber einschüchtern, ja mundtot machen. Intellektuellenfeindlichkeit bedeutet dann auch Diskursfeindlichkeit. Auch das, fürchte ich, markiert ein absehbares Ende von Demokratie.
Svenja Flaßpöhler:
Team „Vernunft" gegen Team „Affekt"?
Intellektuelle sind Störenfriede. Sie öffnen Debattenräume, stören den Konsens, der oft gar keiner ist, sondern nur behauptet wird. Wenn Experten sagen „Das ist doch ein Fakt! Darüber kann man nicht streiten!“, aber mit diesem Sprechakt lediglich eine Debatte unterbinden, indem als Fakt deklariert wird, was eigentlich Gegenstand eines Meinungsstreits sein sollte, intervenieren sie. Und sie intervenieren auch, wenn aus einem Fakt angeblich automatisch – und zwar ohne Debatte – eine bestimmte politische Handlung zu erfolgen hat. Fakten machen keine Politik, Menschen machen Politik.
Die Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie-Magazins, Svenja Flaßpöhler (r.). Sie ist mehrfache Buchautorin und gehört zu den Mitgründern des PEN Berlin. (© bpb / hk)
Die Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie-Magazins, Svenja Flaßpöhler (r.). Sie ist mehrfache Buchautorin und gehört zu den Mitgründern des PEN Berlin. (© bpb / hk)
Intellektuelle werden misstrauisch, wenn sich ein Team „Vernunft“ gegen ein Team „Affekt“ in Stellung bringt. Wer von sich behauptet, nur aus reiner Vernunft heraus zu agieren, belügt sich selbst. Bei näherem Hinsehen nämlich kaschiert ein solcher Mensch nur geschickt eigene Affektlagen und projiziert auf andere, was er oder sie bei sich selbst nicht sehen will. Intellektuelle agieren in einer Gesellschaft, deren Diskurse von Experten dominiert werden, wie Sokrates auf der Agora. Sie nerven durch gute Fragen und notorischen Zweifel. Intellektuelle wissen, dass es die absolute Wahrheit nur als Idee gibt. Wer behauptet, sie zu kennen und damit den Meinungsstreit untergräbt, legt die Axt an die Wurzeln der Politik, wie schon Hannah Arendt formuliert hat. Intellektuelle lieben die Zukunft, deren Offenheit sie gegen alle Statistiken und Prognosen verteidigen, weil sie an die menschliche Freiheit glauben.
Marko Martin:
„Keine Nostalgie bitte!"
Die berechtigte Sorge vor dem wachsenden Einfluss rapper-artig mit den Armen rudernder Youtube/Tiktok-Influencer sollte nicht zu einem nostalgischen Blick auf „die“ Intellektuellen von einst führen – schon gar in Bezug auf so manche Anmaßung des permanent erhobenen Zeigefingers.
Der Schriftsteller Marko Martin ist Autor des Buchs "Freiheitsaufgaben" (Berlin 2025) und erhält im Januar 2026 den Werner-Schulz-Preis in Leipzig. (© bpb / hk)
Der Schriftsteller Marko Martin ist Autor des Buchs "Freiheitsaufgaben" (Berlin 2025) und erhält im Januar 2026 den Werner-Schulz-Preis in Leipzig. (© bpb / hk)
Ich sehe deshalb eher ungute Kontinuität als Bruch – und zwar in der Hybris, über jedes und alles meinungsstark zu schwadronieren, die von Hannah Arendt bereits 1950 als Nazi-Erbe konstatierte Verwechslung von Meinung und Tatsachen nun mehr digitalisiert weiter zu treiben und dies vor allem als Eindeutigkeits-Attitüde wichtiger zu nehmen als Faktenkenntnis und Ambivalenz-Bewusstsein.
Ein kritischer Blick zurück wäre deshalb kein Nachtreten, sondern würde auch die Wahrnehmung der Gegenwart schärfen: Wie viele Intellektuelle hatten den liberalen Westen einst unter Generalverdacht gestellt – und wie ist dies, angereichert mit Rassismus, nun nach rechtsaußen gewandert? Und wie hilflos ist es, eine Art Sartre-Adorno-Habermas-Kult zu pflegen, ohne an jene zu erinnern, die mit ihren damaligen Positionen auch heute noch relevant, das heißt machtkritisch und menschenrechts-wertschätzend, sein könnten, wie Raymond Aron, Albert Camus, Manés Sperber, Ludwig – nicht Herbert – Marcuse, Alexander Solschenizyn, Jürgen Fuchs, André Glucksmann...?
Alexander Gallus:
Intellektuelle als „Orientierungshelfer“
Die Figur des Intellektuellen ist wiederholt abgeschrieben worden und dann doch in revitalisierter Form wieder von Neuem aufgetaucht. Derzeit befinden wir uns erneut in einer Phase, in der intellektuelle Denkanstoßgeber häufig auf dem absteigenden Ast gesehen werden und medial eine zunehmende Ausgrenzung erfahren. Die Neuformierung des Medienwesens, hin zu Social Media mit ihren je eigenen Echokammern, und die Neigung zu identitären Selbstbestätigungsritualen anstelle breiter gesellschaftlicher, kontrovers und doch respektvoll auszutragender Diskussionen bekommen den berufsmäßigen Kritikern nicht gut. Intellektuelle werden dann rasch zu den Totgesagten gerechnet – die aber bekanntlich länger leben. Auch im 21. Jahrhundert dürfte der mittlerweile anpassungserprobte Intellektuelle seinen zwischen Distanz und Einmischung changierenden Platz als „engagierter Beobachter“ finden.
Alexander Gallus (l.) lehrt seit 2013 politische Theorie und Ideengeschichte an der Technischen Universität Chemnitz. Forschungsschwerpunkte seiner Professur sind das deutsche und europäische politische Denken seit der Aufklärung. (© bpb / hk)
Alexander Gallus (l.) lehrt seit 2013 politische Theorie und Ideengeschichte an der Technischen Universität Chemnitz. Forschungsschwerpunkte seiner Professur sind das deutsche und europäische politische Denken seit der Aufklärung. (© bpb / hk)
Bereits das 20. Jahrhundert, dieses unruhige „Zeitalter der Extreme“, lehrt, welche vielfältigen Metamorphosen zwischen Anbiederung und Unabhängigkeit die Geistesarbeiter regelmäßig durchliefen. Dem Bild heldenhafter Einzelkämpfer und rückgratstarker Nonkonformisten, das Intellektuelle gerne von sich selbst zeichnen, entsprachen sie nicht immer. Herausgefordert durch radikale, Unbedingtheit fordernde Ideologien und Systeme arrangierten sich manche mit den Mächtigen, während andere unter ihnen für einen ungebrochenen Freiheitskampf standen.
In jedem Fall sind es Zeiten der Krise und des beschleunigten Wandels, in denen verstärkt die Stunde von Intellektuellen schlägt. Sie sind dann besonders gefordert. Melden sie sich erfolgreich zu Wort und finden Resonanz, legitimieren sie ihre eigene Rolle, die in keinem Gesetz, in keiner DIN-Norm und in keiner Ausbildungsordnung festgeschrieben ist. In Phasen der Verunsicherung und Orientierungssuche blühen im Idealfall ihre Zeitdiagnosen auf und sind ihre gesellschaftstherapeutischen Rezepturen gefragt. Diese beruhen mal auf Überzeugungskraft, mal auf fachlicher Expertise. Einordnende Übersicht wird von ihnen ebenso erwartet wie die Verknüpfung vielfältiger Problembündel im Rahmen eines haltgebenden Wertegerüsts. Wie auch immer Intellektuelle sich ihre Autorität und Reputation sichern, dürften sie doch nicht ohne Urteilskraft und den Mut zu harter Stellungnahme auskommen. Eine stabile, unnachgiebige Haltung ist in ihrem Fall gefragt, weniger hingegen eine klare Parteibindung oder ideologischer Starrsinn.
Eine besondere Herausforderung für altgediente intellektuelle Akteure stellt der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit dar, wie ihn vor allem Jürgen Habermas in den vergangenen Jahren in pointierter Form beklagt hat. Wie affin und kompetent müssen Intellektuelle in Sachen Social Media sein? Gibt es hier womöglich einen Typenwandel, dem sie allzu sehr mit einer Verfallsklage begegnen? Braucht es stattdessen nicht mehr Klarsicht für den Übergang vom „universellen“ zum „vernetzten“ Intellektuellen? Können Letztgenannte als neue Stabilisatoren der Demokratie fungieren, oder müssen die intellektuellen Präzeptoren aus den Zeiten früherer Gatekeeper-Medien ihre Einflusssphären zurückgewinnen, um – so paradox das klingt – von einem herausgehobenen Standort aus die demokratische politische Kultur produktiv in Schwingung zu versetzen?
Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass das Internet die Rolle der Intellektuellen grundlegend verändert, gerade weil es traditionelle Autoritätsstrukturen aufbricht und in Richtung einer dezentralen, partizipativen Öffentlichkeit drängt. Das sorgt für Pluralisierung und womöglich sogar Demokratisierung. Das Internet bietet Individuen die Möglichkeit, sich selbst zu informieren, sich zu vernetzen und die eigenen Interessen zu vertreten, was zu einer Dezentralisierung von Macht und Einfluss führt. Es vereinfacht aber auch die Arbeit von Populisten und Verschwörungstheoretikern. Traditionelle (redaktionelle) Wächterpositionen brechen vielfach weg, und das Internet ermöglicht es jedem, Informationen zu verbreiten und Meinungen zu äußern, wodurch die Kontrolle über die Wissensvermittlung nicht mehr ausschließlich bei anerkannten Intellektuellen liegt, die sich erst einen Ruf in Feldern der Literatur, Kunst oder Wissenschaft hart erarbeiten und festigen mussten, um überhaupt öffentlich Gehör zu finden.
Statt solchen Tendenzen vonseiten der Intellektuellen mit kulturpessimistischem Gejammer zu begegnen, könnten sie den neuen Öffentlichkeitsraum gleichfalls nutzen, um stärker zu interagieren und kollaborativ an Projekten zu arbeiten, um wichtige Anliegen der eigenen Wissensproduktion und Urteilsbildung in kollektiver Weise zu forcieren – und so die Grenzen teilgesellschaftlicher „Blasen“ zu durchstechen. Es konkurrieren also positive mit negativen Konsequenzen des Medienwandels. Es ist noch nicht in Bronze gegossen, wie die Intellektuellen letztlich dabei abschneiden werden. Deren Wahrnehmung bleibt – wie schon früher – insgesamt ambivalent. Auf der einen Seite werden sie als notwendige Stimme des kritischen Denkens angesehen, die das gesellschaftliche Gefüge prüfen, schützen und voranbringen. Auf der anderen Seite werden sie oft als distanziert, abgehoben und technokratisch wahrgenommen. Populisten nutzen dies, um intellektuelle Positionen als elitäre, wenig authentische und gefühlskalte Experten und/oder Moralapostel abzuwerten.
Gleich wieviel auf Zweifeln und Zweideutigkeiten beharrt wird, gibt es doch gute Gründe, weshalb wir Intellektuelle heute weiter benötigen und sie nicht allzu leicht als historisches Phänomen der Vergangenheit übereignen sollten. Obwohl sich die Medienlandschaft und die Art der gesellschaftlichen Auseinandersetzung verändert haben, bleibt die Notwendigkeit für eine kritische und reflektierte Stimme bestehen. Intellektuelle können komplexe Probleme analysieren und verschiedene Perspektiven aufzeigen, die über vereinfachte Darstellungen hinausgehen. Sie vermögen es, Debatten anzuregen, neue Ideen einzubringen und dazu beizutragen, gesellschaftliche Entwicklungen zu hinterfragen und zu gestalten. In einer zunehmend komplexen Welt können Intellektuelle Orientierungshilfe leisten, indem sie Zusammenhänge erklären und zur Meinungsbildung beitragen. Gerade durch die Verbindung von Kunst, Literatur, Wissenschaft und Politik können sie gesellschaftliche Diskurse gestalten, indem sie Fragen stellen, die weit über das Offensichtliche hinausgehen. Oder, um es ein für allemal festzuhalten: Der Intellektuelle ist tot! Es lebe der (beziehungsweise die) Intellektuelle!
Stefan Wolle:
„Zeit der Narren". Ein Rückblick auf Intellektuelle in der DDR
1. Zunächst ein Blick tief zurück in die DDR-"Geistesgeschichte": Im Jahr 1975 erschien im Buchverlag Der Morgen in Ost-Berlin der historische Roman „Der König und sein Narr“ von Martin Stade. Der tragische Held dieser Geschichte ist der Universalgelehrte Jakob Paul Gundling (1673 bis 1731), der tatsächlich in der Zeit des preußischen Soldatenkönigs gelebt und gewirkt hat. Der Roman beginnt damit, dass der Gelehrte unter König Friedrich I. eine geachtete Stellung einnimmt. Der prunksüchtige König ist den Wissenschaften und Künsten sehr gewogen. Doch als dessen sparsamer Sohn, Friedrich Wilhelm I., den Thron besteigt, verliert Gundling über Nacht Lohn und Brot. Er ist gezwungen, bei Hofe die untergeordnete Anstellung eines Vorlesers anzunehmen. Der neue König erniedrigt ihn auf jede denkbare Weise. Während der Gelage des berüchtigten Tabakskollegiums zwingt ihn der König, sich bis zur Bewusstlosigkeit zu betrinken, oder er sperrt ihn in einen Bärenzwinger und weidet sich an dessen Todesangst.
Der Historiker Stefan Wolle (2.v.l.) war 18 Jahre Wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zur Geschichte der DDR, auch für die bpb. (© bpb / hk)
Der Historiker Stefan Wolle (2.v.l.) war 18 Jahre Wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zur Geschichte der DDR, auch für die bpb. (© bpb / hk)
Andererseits braucht der neue König den Gelehrten Gundling als seinen besten Berater sowie als repräsentative Gestalt gegenüber fremden Herrschern und eben auch zur Belustigung seiner Zechgenossen. Er holt ihn sogar nach einer gelungenen Flucht mit Gewalt nach Berlin zurück, erhöht seine Besoldung und überhäuft ihn mit Titeln und Ämtern. So wird Gundling Präsident der Akademie der Wissenschaften und tritt gleichzeitig offiziell das Amt des Hofnarren an. Ob die Leser das Buch als Parabel verstanden haben, ist nicht überliefert. Jedenfalls wurde es viel gelesen und erlebte bis zum Ende der DDR insgesamt acht Auflagen. In dem 1981 im Westen von Frank Beyer gedrehten Fernsehfilm ist die Analogie völlig eindeutig. Der Film wurde in der DDR demzufolge weder gezeigt noch von den Medien zur Kenntnis genommen
2. Die kommunistischen Diktaturen brauchten die Intellektuellen mehr noch als die Potentaten der Barockzeit. An die Stelle des Gottesgnadentums war als Legitimation die geschichtliche Notwendigkeit im Sinne des Historischen Materialismus getreten. Das Bewusstsein, Teil einer gesetzmäßigen Entwicklung zu sein, gab den Anhängern der kommunistischen Idee die innere Kraft, sich über alle Widersprüche und Zweifel hinwegzusetzen.
Das klingt sehr abstrakt, hatte aber unmittelbare und schwerwiegende Auswirkungen auf die Rolle der Wissenschaft, Literatur und Kunst im Sozialismus. Das geschriebene Wort, auch das bildnerische, musikalische oder filmische Kunstwerk, wurde von der Staatsmacht ungeheuer ernst genommen. So wie die Macht der Kirche auf das Alpha und Omega, den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets gestellt war, basierte auch die kommunistische Macht auf dem geheiligten Wort, das heißt auf kanonischen Texten. Der Kommunismus gehört insofern zu den großen Schriftreligionen der Geschichte.
Der Gelehrte nahm in Zeiten der Inquisition wie in der kommunistischen Diktatur eine hochgeachtete Stellung ein. Im Mittelalter war es vom theologischen Collegium zum Scheiterhaufen oft nur ein kleiner Schritt. Gleichzeitig kamen die neuen Ideen und die Kritik durchgängig aus den Reihen des gelehrten Klerus. Die Kleriker waren zudem die Einzigen, die der Macht wirklich gefährlich werden konnten, weil sie des Schreibens und Lesens kundig waren und Zugang zu Wissen hatten.
Auch die Ideologen der kommunistischen Zeit waren der Obrigkeit stets verdächtig, so sehr sie sich auch bei den Machthabern anbiederten. Stalin hat viele Künstler und Wissenschaftler erschießen oder in seinen Lagern verhungern und erfrieren lassen. Gleichzeitig hielt er selbst über gefährdete Außenseiter oft seine schützende Hand. Er prägte 1932 den Topos, Schriftsteller seien „Ingenieure der Seele“. Auch als die Worte des „größten Humanisten aller Zeiten“ im Sowjetblock nicht mehr zitiert wurden, blieb der Anspruch erhalten. Die Vorstellung, Schriftsteller würden wie Ingenieure am Zeichenbrett den Neuen Menschen konstruieren, hatte etwas Großartiges. Gleichzeitig aber fügte die Idee vom Seeleningenieur die Schöpfer von Kunstwerken in ein System von Befehl und Gehorsam ein. Sie waren Soldaten an der ideologischen Front des Klassenkampfes. Wer sich hier bewährte, konnte mit hohen Ehren und materiellen Gratifikationen rechnen, wer versagte, wurde zum Verräter.
3. Als sich spätestens 1948 die Teilung Deutschlands abzeichnete, hatten sich die Intellektuellen zu entscheiden. In der Sprache der SED lautete die Alternative: Hier der erste deutsche Friedensstaat, dort die Wiedergeburt des deutschen Faschismus.
Es war die Zeit der Rückkehr aus dem Exil. Einige berühmte Schriftsteller und Schriftstellerinnen, wie etwa Thomas Mann, versuchten, eine Art Äquidistanz zu wahren, manche entschieden sich für den Westen, viele aber kamen in die junge DDR. Hier wurden sie gebraucht, vom Publikum geliebt und von der Staatsmacht gefördert. Davon konnte in den Westzonen und der späteren BRD lange Zeit keine Rede sein. Bücher, Theaterstücke und Filme im antifaschistischen Geist waren in der DDR Legion – und es gab einige hervorragende Werke darunter. Die Ablehnung rechter Tendenzen war sicherlich ehrlich und gewiss auch ehrenwert. Doch hinter der großen Geste, „schaut her, was für vorbildliche Antifaschisten wir sind“, konnte man sich auch wunderbar verstecken. Die Einordnung des Aufstandes vom 17. Juni 1953 als „faschistischer Putsch“ ist bezeichnend, ebenso wie die Behauptung, er sei vom Westen organisiert worden. Auch der monströse Begriff des „antifaschistischen Schutzwalls“, wie die SED-Propaganda die Mauer nannte, hatte seinen Sinn. Er besagte: Aus dem Westen droht der Faschismus, und deswegen dürfen wir nicht zimperlich sein, wenn es darum geht, den sozialistischen Staat zu schützen. Man kann dies bei Hermann Kant und anderen nachlesen.
4. Der andere zentrale Mythos der DDR-Kultur resultierte aus dem Anspruch, dass auch auf geistigem Gebiet die Arbeiterklasse im Bündnis mit den anderen werktätigen Schichten eine führende Rolle einnehmen müsste. In der Tat bemühte man sich von Anfang an um die Verbreitung von Kunst und Kultur in der Bevölkerung. Schon in den Fünfizigerjahren des 20. Jahrhunderts entstanden nach sowjetischem Vorbild Kulturhäuser mit Bibliotheken, Schachklubs, Volkstanz- und Laienspielgruppen. Das Volkslied, regionale Tänze, Bräuche und Traditionen, wie das Bemalen von Ostereiern, standen hoch im Kurs. Doch fast alle wichtigen Künstler und Literaten entstammten bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Schichten. Trotz aller Bekundungen zur Arbeiter- und Bauernmacht waren ihnen die realen Arbeiter und Bauern so fremd wie Aliens von einem fremden Planeten. So fehlte es an literarischen Werken, die den Kampf um die Normerfüllung oder die Einführung neuer Produktionsmethoden priesen.
Hier sollte Abhilfe geschaffen werden. Am 24. April 1959 tagte im Kulturpalast des VEB Elektrochemisches Kombinat in Bitterfeld eine Autorenkonferenz. Parteichef
Die neuen Werke sollten realistisch und kritisch sein, aber nicht zu realistisch und vor allem nicht zu kritisch. Ansonsten gab es massiven Ärger. 1965 veröffentlichte die Literaturzeitschrift Neue Deutsche Literatur (NDL) unter dem Titel „Der Rummelplatz“ Auszüge eines Romans von Werner Bräunig. Die Geschichte spielt unter den Bergarbeitern der „Wismut“, die für die Sowjetunion im Erzgebirge Uran förderten. Dort herrschten raue Sitten. Die Wismut-Kumpel soffen, hurten und prügelten sich. Das passte überhaupt nicht in das idealisierte Bild des sozialistischen Realismus. Es half Bräunig auch nicht, dass er der Vorzeigeproletarier der Bewegung der schreibenden Arbeiter war. Die Kritik an Werner Bräunig auf dem 11. Plenum des SED-Zentralkomitees 1965 glich einer öffentlichen Hinrichtung. Er zerbrach daran, versank im Alkoholismus und veröffentlichte nie wieder längere Texte. Erst 2007 erschien das komplette Romanfragment aus seinem Nachlass und wurde zum Bestseller.
5. Nach Honeckers Amtsantritt am 3. Mai 1971 sollte es für die Geistesschaffenden keine Tabus mehr geben. Manche Schriftsteller suchten nun das Einvernehmen mit der SED-Führung, um den Wandel zu befördern. Einer aber verweigerte sich jedem Kompromiss: der ewige Störenfried Wolf Biermann. Man hat darüber diskutiert, ob es aus der Sicht des SED-Politbüros falsch oder richtig war, den zeitkritischen Liedermacher vor die Tür zu setzten. Wie die SED-Führung auch immer gehandelt hätte, sie konnte angesichts der Umstände nicht mehr richtig handeln. Anders ausgedrückt: Eine Diktatur kann keine Fehler machen, weil sie der Fehler ist.
Man hat die
Die Partei praktizierte eine geschickte Taktik der Schadensbegrenzung. Zunächst differenzierte sie zwischen prominenten Protestlern, die sie höflich und vorsichtig ersuchte, von ihrem Standpunkt abzurücken, und unbedeutenderen DDR-Bürgern, die sie wegen des gleichen Vergehens verhaften und für Jahre ins Gefängnis stecken ließ. Dann begann die Welle der Ausreisen.
6. Anders als viele Dichter und Künstler in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn waren die Dichter und Künstler der DDR niemals die Sprecher der politischen Opposition. Kaum einer ihrer Repräsentanten fand den Weg in die Keller der kirchlichen Gemeinderäume, wo Bürgerrechtsgruppen unter beträchtlichem Risiko agierten.
Stunde von Intellektuellen in der DDR am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz. Die Schriftstellerin Christa Wolf appelliert an die SED und die Demonstrierenden. (© wir-waren-so-frei.de / Thomas Wiesenack)
Stunde von Intellektuellen in der DDR am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz. Die Schriftstellerin Christa Wolf appelliert an die SED und die Demonstrierenden. (© wir-waren-so-frei.de / Thomas Wiesenack)
Erst als die Massen bereits auf den Straßen waren, versuchten Schriftsteller und Theaterleute, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. So organisierten Schauspieler und andere Mitarbeiter des Deutschen Theaters am
Mehrere Schriftsteller kamen bei dieser Gelegenheit zu Wort und sie erhielten viel Beifall. „… es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation“, begann Stefan Heym am 4. November 1989 seine Rede. Es waren nicht die Schriftsteller, die das Fenster aufgestoßen hatten – aber sie fanden die richtigen Worte, und die Menschen jubelten ihnen zu.
Gut drei Wochen nach der Demonstration – inzwischen war die Mauer gefallen – forderten Bürgerrechtler, SED-Reformer und Künstler, darunter die Schriftstellerin Christa Wolf und ihr Kollege Volker Braun, mit dem Appell „Für unser Land” dazu auf, die DDR als „sozialistische Alternative zur Bundesrepublik“ zu bewahren. Noch einmal wurden die alten Illusionen aufgewärmt, doch die Bevölkerung hatte keine Lust mehr auf sozialistische Experimente. Sie wählte am 18. März 1990 mit der CDU jene Partei, die ihnen einen schnellen Anschluss an die Bundesrepublik und vor allem die D-Mark versprach. So ging die große Stunde der Kunstschaffenden im Herbst 1989 folgenlos vorbei. Es war ihr erster und letzter Triumph, aber auch ein Abschied von ihrer einstigen Bedeutung. Die Revolution des Volkes war nicht ihre Revolution. Die Menschen wollten mehrheitlich das sozialistische System und den Staat der DDR überwinden. Das „Narrenschiff“, wie
Angelika Richter:
„Wenn Freiheit nicht mehr die Freiheit der Andersdenkenden ist". Künstler und Künstlerinnen als Intellektuelle heute. Wenn Freiheit nicht mehr die Freiheit der Andersdenkenden ist
Aus welcher Perspektive spreche ich? Als im Osten sozialisierte und im Westen professionalisierte feministische Kunst- und Kulturwissenschaftlerin – und als eine der wenigen amtierenden Präsidentinnen mit ostdeutschem Hintergrund einer (Kunst-)Hochschule in Deutschland – äußere ich mich vor allem zur Bedeutung von intellektuellen Künstler/-innen der Gegenwart, möchte aber auch den traditionellen Begriff des/der Intellektuellen hinterfragen.
Aufgewachsen in einer Diktatur, habe ich die gnadenlose Reglementierung und Schließung von Denkräumen erlebt und die Unterdrückung eines offenen, wilden Denkens. Heute erfahren wir eine massive Krise des Wissens, der Wissenschaft und der Wahrheit. Wissen ist überall und überall verfügbar, aber unfassbar prekär. Kritisches Denken und Analysieren wird zum Störfaktor, erfährt heute – durch KI, durch das „Narrativ von der fiskalischen Alternativlosigkeit“ (Aysel Yollu-Tok) und eine konservativ bis reaktionäre, rechtsextreme Kultur- und Wissenschaftspolitik gerade im Kunst- und Wissenschaftsbereich – massive Angriffe. Und das im Namen der Freiheit.
Die Kunsthistorikerin Angelika Richter ist die erste Hochschulpräsidentin in Ostdeutschland, sie leitet seit 2021 die Berliner Kunsthochschule Weißensee. Zuvor lehrte die gebürtige Dresdenerin in Halle, Leipzig und Weimar. Neben Gegenwartskunst gehören zu ihren Schwerpunkten kulturwissenschaftliche Geschlechterforschung, die Kunst und Kultur Osteuropas (insbesondere der DDR) sowie die Geschichte von Performance- und Medienkunst. (© bpb / hk)
Die Kunsthistorikerin Angelika Richter ist die erste Hochschulpräsidentin in Ostdeutschland, sie leitet seit 2021 die Berliner Kunsthochschule Weißensee. Zuvor lehrte die gebürtige Dresdenerin in Halle, Leipzig und Weimar. Neben Gegenwartskunst gehören zu ihren Schwerpunkten kulturwissenschaftliche Geschlechterforschung, die Kunst und Kultur Osteuropas (insbesondere der DDR) sowie die Geschichte von Performance- und Medienkunst. (© bpb / hk)
Insbesondere die Formen des demokratischen, kreativen Wissens wie Gender Studies, Postcolonial Studies, die freien Künste, die stets Normatives und Machtstrukturen kritisch hinterfragen und nach alternativen Antworten suchen, andere Zukünfte aufzeigen, erfahren Verbote, ideologische Zuschreibungen und Destabilisierungen. Das gleiche gilt auch für deren Institutionen. Dafür müssen wir nicht nach Ungarn, Italien, in die Türkei, nach Dänemark oder in die USA schauen. Es reicht der Blick auf Prozesse im eigenen Land: zum Beispiel auf das Verbot, zu Gendern – als ob vom Gendern eine der größten Gefahren für die Gesellschaft ausginge – über geplante förderrechtliche Sanktionsmaßnahmen gegen Projekte der Unterzeichnenden des Statements von Lehrenden an Berliner Universitäten durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Anfang des Jahres – und die damit einhergehende Dämonisierung und Kriminalisierung von Wissenschaftler/-innen, deren Grundgesetzestreue von der Bundesministerin angezweifelt wurde – bis hin zur gezielten Anfrage der AfD in Sachsen-Anhalt nach Listen von Lehrstühlen und Seminaren der Postcolonial Studies oder ihre Forderung nach „Wissenschaft statt Manipulation – Genderpolitik an Hochschulen einstellen“.
Inmitten dieser Bedrohungen – in der „Meinungsfreiheit zur Lizenz für Hassrede“ wird - so die ehemalige Verfassungsrichterin Susanne Baer-, in dem Wissenschaftsfreiheit umgedeutet wird in eine individualisierte Version von Wahrheit und in der Freiheit nicht mehr die Freiheit der Andersdenkenden ist – und aus einer globalen Perspektive interessiert mich „Denken“ immer mehr als ein dialogischer, kooperativer und interdisziplinärer Akt.
Und, hier kommen die Künstler/-innen ins Spiel: Vom Universalgelehrten der Renaissance über die Avantgarde-Künstler/-innen bis zu den forschenden Künstler/-innen der Gegenwart reicht eine kontinuierliche Bewegung: Künstler/-innen sind Handwerker/-innen UND Denker/-innen ihrer Kunst. Spätestens mit den modernen Avantgarden Anfang des 20. Jahrhunderts und der Konzeptkunst der Nachkriegszeit wird das Denken selbst zur künstlerischen Praxis im Medium von Handlung, Sprache, Idee und Bild. In der fragmentierten, mediatisierten Öffentlichkeit der Gegenwart hat sich die Figur des/der Intellektuellen pluralisiert, auch in der Kunst selbst.
In den globalisierten Kunstszenen von heute treten Künstler/-innen zunehmend als Forschende, Essayist/-innen, Aktivist/-innen und oftmals als Hybrid aus allem auf. Viele Künstler/-innen sind intellektuelle Akteur/-innen, sie denken sowohl über Kunst als auch durch Kunst: Kunst ist Erkenntnispraxis. Einschub: Die vier künstlerischen Hochschulen Berlins gehen demnächst in eine Erprobungsphase für die sogenannte hybride Promotion. Unser ursprüngliches, vom Senat jedoch abgelehntes Anliegen aber war das Promotionsrecht für eine rein künstlerische Forschung, da wir Kunst als eine eigene, alternative Erkenntnis- und Wissensform verstehen.
So arbeiten zahlreiche Gegenwartskünstler/-innen theoretisch: Mit Theorie als Material und als künstlerische Methode. Hito Steyerl analysiert in ihren Videoarbeiten und Essays das Verhältnis der Ästhetik der Bilder, Technologie und Macht. Andrea Fraser seziert in performativen Essays die ökonomischen und institutionellen Strukturen des Kunstsystems. Walid Raad entwickelt in seinem Projekt The Atlas Group eine fiktive Archivpraxis, die Geschichtsschreibung selbst infrage stellt. Die intellektuelle Kunst der Gegenwart operiert oft forschend, kollektiv und politisch. Bekannte, vor allem männliche Namen aus Deutschland sind beispielsweise: Christoph Schlingensief, Hans Haacke, Klaus Staeck, Ai Weiwei, Alexander Kluge oder Harun Farocki, für mich relevant sind vor allem auch Denker/-innen wie Susan Sontag oder Linda Nochlin, die 1971 mit ihrem Essay „Why have there been no great women artists?“ maßgeblich die kunsthistorische Kanonisierung und damit jahrhundertelange Aus- und Einschlüsse hinterfragte, Donna Haraway als Gründerin einer feministischen posthumanen Theorie („A Cyborg Manifesto“, 1985) oder Legacy Russell, die mit Strategien der Störung und des Fehlers (im Internet) binäre Strukturen von gender, race und sexuality subvertiert („Glitch Feminism“, 2020).
Gruppen wie „Forensic Architecture“ oder „The Otolith Group“ verbinden künstlerische Produktion mit investigativer Recherche. Kunst wird hier zur kritischen Infrastruktur, sie produziert Wissen über Politik, Gewalt und Erinnerung. (Intellektuelle) Künstler/-innen sind also niemals nur Beobachter/-innen, sondern Teil eines epistemisch-politischen Netzwerks.
Hier – und das ist für mich eine zukunftsweisende Tendenz – geht es also weniger um eine singuläre Positionierung einer einzelnen künstlerisch-intellektuellen Person, sondern um Formen der Zusammenarbeit für größere gesellschaftliche Wirksamkeit und Sichtbarkeit, um bestehende Diskurse, Praxen und Strukturen zu kritisieren. Die intellektuelle Geste in der Kunst zeigt sich heute nicht als Distanz, sondern als kreative und mutige Handlung, die sich einmischt, protestiert und Gegenentwürfe aufzeigt. Und, ganz entscheidend: Globale Perspektiven verschieben das intellektuelle Zentrum. Künstler/-innen wie Kader Attia, Otobong Nkanga, Danh Vo oder Wael Shawky zeigen, dass sogenannte intellektuelle Avantgarden nicht länger als rein westliche wahrgenommen werden können. Ihre Arbeiten untersuchen Kolonialgeschichte, Materialität, Migration und kulturelles Gedächtnis – und formulieren dabei alternative Wissensformen. Intellektualität in der Kunst wird dekolonial und vielstimmig als ein Denken, das im Austausch von Perspektiven und gemeinsam entsteht.
Das Surplus der Kunst ist: Komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge werden nicht nur sprachlich vermittelt, sondern in sinnliche, erfahrbare Formen übersetzt. Kunst übernimmt so eine epistemische Funktion, die weder Wissenschaft noch Medien leisten können: Sie denkt und entwirft mit Bildern, Räumen, Körpern – sie ist Praxis kritischer Weltaneignung und produktive Zumutung. Die Figur des/der Intellektuellen in der Kunst verkörpert nicht Autorität oder eine in sich geschlossene disziplinäre Expertise, sondern sie ist Forscherin, Übersetzerin und Vermittlerin. Sie verkörpert Freiheit zum wirklichen Denken und Handeln. Damit verschiebt sich das Verhältnis von Kunst und Denken grundlegend: Kunst ist heute nach wie vor Gegenstand der Theorie – sie ist selbst aber auch Theorie in Aktion.
Demokratie und damit Meinungs-, Wissenschafts- und Kunstfreiheit braucht Verbündete. Sie braucht globale Netzwerke von mutigen, verantwortungsvollen und kreativen Akteur/-innen – egal, ob sie sich als Wissenschaftler/-innen, Philosophi/-innen, Autor/-innen oder Künstler/-innen verstehen – gerade auch für solidarische Allianzen mit dissidentischen Denker/-innen und Handelnden in heutigen Diktaturen!