Mittlerweile wäre er 100 Jahre alt. Aus diesem Anlass ehrte Mitte Januar 2026 die Berliner Volksbühne den DDR-Philosophen Wolfgang Heise, mit Reden, Zitaten, Anekdoten und künstlerischen Beiträgen prominenter Zeitgenossen. Heise, der zu DDR-Zeiten an der Berliner Humboldt-Universität lehrte, war kein strenger Verfechter des Marxismus-Leninismus, sondern machte vielen DDR-Intellektuellen Mut, sich Freiräume zu erkämpfen, und animierte in seinen Vorlesungen Studierende, sich unabhängig von den ideologischen Vorgaben der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zu machen, der er selbst als Mitglied angehörte.
Zu seinen Schülern gehörten unter anderem die Dissidenten Rudolf Bahro und Wolf Biermann, aber er beriet auch Künstler und Künstlerinnen wie Volker Braun, Heiner Müller, Christa Wolf, Heidrun Hegewald, Otto Niemeyer-Holstein und Ronald Paris. Auch der langjährige Bundestagspräsident und Ost-SPD-Mitbegründer Wolfgang Thierse lernte bei Heise und war zeitweise dessen wissenschaftlicher Assistent. In der BerlinerExterner Link: Volksbühne hielt Thierse nun eine Gedenkrede auf den widerständigen Philosophen, der bereits 1987 im Alter von 62 verstarb. Die Gedenkveranstaltung stand unter einem Motto Heises: „Aufbruch in die Utopie: Für die Ewigkeit ist gar nichts".
„Eingeladen zu dieser Geburtstagsfeier für einen schon so lange Verstorbenen, für Wolfgang Heise, habe ich nach langer Zeit wieder in seine Bücher und Texte geschaut, habe alte Vorlesungsmitschriften gesucht (leider habe ich zu wenige aufgehoben), habe noch einmal die höchst lesenswerte Skizze zu Heises Biografie des Philosophen Gerd Irrlitz gelesen, nachdem ich 2014 schon das Vergnügen hatte, Heises Schriften im Brecht-Haus mit den Herausgebern vorstellen zu dürfen – und habe dies mit meinen lebendig gebliebenen persönlichen Erinnerungen verglichen.
Wolfgang Heise gehört dauerhaft zu meinen besseren Erinnerungen an die DDR. Das ist wohl auch deshalb so, weil es auch die Erinnerung an eine, an seine Konflikt- und Leidensgeschichte ist.
„DDR-Geschichte nicht schwarz in schwarz malen“
Eine Erinnerung, an der ich festhalte, damit der Rückblick auf die DDR nicht allzu billig, einseitig, missmutig wird, und man nicht ganz vergisst, dass es in diesem am Schluss so schmählich misslungenen Staatswesen nicht weniger Intelligenz und Kreativität gegeben hat als anderswo. Dass man deren Geschichte nicht schwarz in schwarz malt, sondern die Grautöne in ihren verschiedenen Schattierungen nicht übersieht und die Farbtupfer auch nicht.
Es gab ein richtiges Leben im falschen System. Die intellektuelle Geschichte der DDR war nicht ganz so einlinig und einfältig, wie sie von machen im Rückblick gemacht wird. Es gab in ihr lebendiges, widerborstiges Denken, Widerspruchs-Denken. Wolfgang Heise ist – neben anderen, von denen hier aber nicht die Rede sein kann – dafür ein Beispiel. So jedenfalls habe ich es erlebt, habe ich ihn erlebt.
Ich war von 1964 bis 1975 an der Berliner Humboldt-Universität, zunächst als Student der Kulturwissenschaft und Germanistik, dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Ästhetik. Vorlesungen habe ich damals gehört in einem Hörsaal, dessen Stirnseite in großen Buchstaben das Lenin-Zitat schmückte: „Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist.“ Ich habe diese Losung als Drohung empfunden. Die Vorlesungen zu M-L (zum Marxismus-Leninismus, um mich den Jüngeren verständlich zu machen), die ich da gehört habe, waren eher geisttötend als anregend.
Heises Kontrastprogramm
Ganz anders Heises Vorlesungen! Ich erinnere mich an seine Vorlesungsreihe „Zur modernen bürgerlichen Philosophie“ (zu der übrigens nicht nur Studenten kamen, sondern zum Beispiel auch Ronald Paris, der ein beeindruckend-treffendes Portrait von Heise gemalt hat). Da sprach einer leise, aber in durchaus drängendem Duktus, nicht flotte ideologische Urteile fällend, sondern kritisch-differenziert würdigend und so zum Mitdenken einladend.
Er gilt als einer der wichtigsten Philosophen der DDR, Peter Wolfgang Heise (1925 - 1987). Er habilitierte 1963 zum Thema Entwicklungstendenzen der modernen bürgerlichen Philosophie in Deutschland. Er wurde Ordentlicher Professor für Geschichte der Philosophie an der Sektion Ästhetik und Kunstwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 1963 bis 1964 war er Leiter der Fachrichtung Philosophie. Wegen seines Eintretens für Robert Havemann wurde er 1964 als Prorektor für Gesellschaftswissenschaften entpflichtet. Von 1965 bis 1966 war er Dekan der Philosophischen Fakultät. Während des Prager Frühlings 1968 wechselte er in den Bereich Ästhetik/Kulturtheorie beziehungsweise das Institut für Ästhetik. Ab 1972 war er ordentlicher Professor für Geschichte der Ästhetik. Als korrespondierendes Mitglied gehörte er der Akademie der Wissenschaften an und wurde 1982 mit dem Nationalpreis der DDR für Wissenschaft und Technik III. Klasse geehrt. (© Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften / Wikipedia)
Er gilt als einer der wichtigsten Philosophen der DDR, Peter Wolfgang Heise (1925 - 1987). Er habilitierte 1963 zum Thema Entwicklungstendenzen der modernen bürgerlichen Philosophie in Deutschland. Er wurde Ordentlicher Professor für Geschichte der Philosophie an der Sektion Ästhetik und Kunstwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 1963 bis 1964 war er Leiter der Fachrichtung Philosophie. Wegen seines Eintretens für Robert Havemann wurde er 1964 als Prorektor für Gesellschaftswissenschaften entpflichtet. Von 1965 bis 1966 war er Dekan der Philosophischen Fakultät. Während des Prager Frühlings 1968 wechselte er in den Bereich Ästhetik/Kulturtheorie beziehungsweise das Institut für Ästhetik. Ab 1972 war er ordentlicher Professor für Geschichte der Ästhetik. Als korrespondierendes Mitglied gehörte er der Akademie der Wissenschaften an und wurde 1982 mit dem Nationalpreis der DDR für Wissenschaft und Technik III. Klasse geehrt. (© Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften / Wikipedia)
Ich erinnere mich an seine beiden Aufsätze, die uns Studenten erregt und angeregt haben: „Hegel und das Komische“ (in Sinn und Form 1964) und „Über die Entfremdung und ihre Überwindung“ (in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie 1965). Beide Texte rührten an unterschiedliche ideologische Tabus und waren auch und gerade deshalb wichtiger Diskussionsstoff.
Ich erinnere mich an Heises Vorlesungen und Seminare zur klassischen deutschen Ästhetik und vor allem auch an seine Präsenz in der Arbeitsgruppe Ästhetik unseres Instituts, in der Heise ab 1967/68 – aus der institutionalisierten Philosophie, dem Philosophie-Institut, verdrängt beziehungsweise geflüchtet – eine universitäre Heimstatt gefunden hatte. Das fand ich immer beeindruckend, ja fast einschüchternd: Heises Art der Beteiligung an unseren Diskussionen, seine assoziative Kreativität, seine Differenzierungslust, sein immenses kultur- wie philosophiehistorisches Wissen, seine improvisierten Kurzvorträge (man hätte mitschreiben sollen).
Heise personifizierte auf – mich jedenfalls – überzeugende Weise, was an lebendigem, kritischem, produktivem marxistischen Denken möglich war – jenseits von Katheder-Marxismus, jenseits von M-L-Katechismus, jenseits von Marxismus als Herrschafts- und Rechtfertigungsideologie! Und das immer im halblauten oder leisen Widerspruch zu den jeweiligen politischen Verordnungen und ideologischen Bevormundungen.
Verweigerung der Unterwerfung
Ich erinnere an 1968: Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings wurden wir gedrängt, einer Begrüßungserklärung zum Truppeneinmarsch zuzustimmen, keinen Ärger zu machen, um die Zukunft, die Existenz unseres Instituts nicht zu gefährden. Unterwerfung aus Kollegialität! Heise aber weigerte sich und meldete sich krank - nachdem er vier Jahre zuvor als Einziger dem Partei-Ausschluss Robert Havemanns nicht zugestimmt hatte.
Als ich 1974 wieder einmal zum Eintritt in „die Partei“, in die SED also, gedrängt wurde, sagte Heise zu mir im Vorübergehen und ganz leise: „Tu’s nicht, Wolfgang, es ist nichts für dich.“ Wir blickten uns kurz an, und ich verstand sofort. Diese solidarische Bemerkung bleibt mir unvergesslich. Sie verriet viel über Heises Leiden an seiner Partei.
1976 dann, anlässlich der „
„Anständig bleiben“
Der Schriftsteller Volker Braun bei der Ehrung des Philosophen Wolfgang Heise am 18. Januar 2026 in der Volksbühne mit einem Gedicht, unter einem Foto Heises mit dem Dramatiker Heiner Müller. Müller und Braun gehörten beide zu seinen Schülern. (© Archiv der Akademie der Künste Berlin & bpb/Kulick)
Der Schriftsteller Volker Braun bei der Ehrung des Philosophen Wolfgang Heise am 18. Januar 2026 in der Volksbühne mit einem Gedicht, unter einem Foto Heises mit dem Dramatiker Heiner Müller. Müller und Braun gehörten beide zu seinen Schülern. (© Archiv der Akademie der Künste Berlin & bpb/Kulick)
Heise blieb, im Unterschied zu Anderen, in der DDR und wurde eine Schlüsselfigur des intellektuellen Lebens in Berlin-Ost, ein Gesprächspartner vieler kritischer Geister, wirksam unterhalb der Öffentlichkeit oder genauer gesagt: innerhalb dieser DDR-spezifischen, informellen Halböffentlichkeit – am Rande der SED, deren Mitglied er bis zu seinem Tod geblieben ist.
„
Heise ist nicht so berühmt und im Westen nicht so bekannt geworden wie der vielzitierte Heiner Müller, vielleicht, weil er nicht so zynisch sein konnte und sein wollte wie dieser.
Von
Zitierweise: Wolfgang Thierse, „Ein anständiger Mensch in unanständigen Zeiten“, in: Deutschland Archiv vom 20.02.2026. Link: www.bpb.de/575587. Alle im Deutschlandarchiv veröffentlichten Beiträge sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
Ergänzend:
Wolfgang Engler:
Filme von
Matthias Zwarg,
Wolfgang Thierse,