Immer weniger Menschen nutzen Tageszeitungen. Aus Kostengründen und aus Misstrauen. Wie ein Leipziger Forschungsprojekt mit Bürgerjournalismus Vertrauen zurückgewinnen möchte und auf strukturelle Defizite der Medienöffentlichkeit reagieren will. Eine Initiative aus Sachsen.
Verachtung für Medien und sogar offener Hass auf eine unabhängige Presse haben besonders in rechtspopulistischen Kreisen (weltweit) Hochkonjunktur. Aktuell ist das insbesondere in den USA zu erleben, wo Präsident Donald Trump Journalist/-innen wahlweise als „hässlich“, „dumm“ oder gar als „Schweinchen“ diffamiert. Das Weiße Haus hat für das Medien-Bashing sogar eine eigene Webseite angelegt, auf der aus Regierungssicht missliebige Medien an den Pranger gestellt werden. Derartige Aktionen richten sich vornehmlich gegen die zentrale Funktion von Journalismus, als „vierte Gewalt“ die gesellschaftlichen Verhältnisse kritisch zu begleiten, staatliches Handeln zu hinterfragen und Missstände aufzudecken.
Auch hierzulande, besonders im Osten Deutschlands, wurde das Misstrauen gegen traditionelle Medien mittels abfälliger Narrative wie „Lügenpresse“ oder „Mainstream-Medien“ in den vergangenen Jahren gezielt geschürt, wobei die Parole "Lügenpresse" zunächst von der rechtsextremen NPD propagiert worden war, dann die Pegida-Bewegung erreichte und vor allem in rechtspopulistischen Kreisen Verbreitung fand. 2014 wurde "Lügenpresse" sogar zum "Unwort des Jahres" in Deutschland gekürt.
Dennoch robustes Medienvertrauen, aber zunehmende Medienvermeidung
Insgesamt aber, und dies belegen zahlreiche Studien unabhängig voneinander, erweist sich das Medienvertrauen der Deutschen als robust. So gaben 2024 in der bundesweiten 10. Mainzer Langzeitstudie zum Medienvertrauen rund 47 Prozent der Befragten an, dass sie etablierten Medien eher oder vollkommen vertrauen, wenn es um wichtige Dinge geht (2023: 44 Prozent). Dabei fällt auf, dass Bürgerinnen und Bürger aus Ostdeutschland (ohne Berlin) ein etwas geringeres Vertrauen aufweisen (43 Prozent) als diejenigen aus Westdeutschland (47 Prozent).
In den parteipolitischen Lagern ist Medienvertrauen besonders unterschiedlich stark ausgeprägt. Parteianhänger der Linken und der Grünen bekunden zu 71 Prozent ein "hohes Vertrauen" in Medien, bei Anhängern von SPD und CDU/CSU sind es 60 beziehungsweise 48 Prozent. Unter den Parteianhängern und -anhängerinnen der AfD dagegen sind es nur 15 Prozent, beim BSW 27 Prozent. Interessant dabei ist, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nach wie vor die Mediengattung ist, der am meisten vertraut wird. Der Berichterstattung von Lokalzeitungen vertrauen in der aktuellen Erhebung 56 Prozent (Vorjahr: 59 Prozent). Das Vertrauen in überregionale Tageszeitungen liegt bei 55 Prozent (Vorjahr: 52 Prozent).
Ein starkes Misstrauen gegenüber klassischen Medien verspürt dagegen laut Demokratie-Monitor 2025 der Universität Hohenheim rund ein Fünftel der Bevölkerung, ein im internationalen Durchschnitt vergleichsweiser niedriger Anteil. Ein relativ neues Phänomen ist dabei noch gar nicht abschließend erfasst: Das Medienvertrauen der Deutschen gerät auch unter Druck, weil durch die vielfache Verwendung von KI zur Bild- und Texterstellung das Misstrauen der Nachrichtenkonsumenten zusätzlich wächst, wie Mitte Februar 2026 auch das ZDF erfahren musste, als nicht gekennzeichnetes KI-Material in einem Nachrichtenbeitrag aus New York über Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE Verwendung fand und heftige öffentliche Reaktionen hervorrief.
Dennoch: Der langfristige Rückzug vieler Menschen aus der klassischen Mediennutzung ist seit Jahren empirisch belegt. Zwar informieren sich laut Reuters Institute Digital News Reportweiterhin über 90 Prozent der Bevölkerung regelmäßig über aktuelle Ereignisse, doch die Bindung an journalistische Angebote nimmt ab, teilweise aus Kostengründen, denn bei steigenden Lebenshaltungskosten streichen Haushalte oft (die ebenfalls teurer gewordenen) Zeitungsabonnements zuerst.
Gedruckte Tageszeitungen verlieren so kontinuierlich an Reichweite, digitale Bezahlangebote werden nur von einer Minderheit genutzt. Nur rund 13 Prozent der Deutschen zahlen derzeit für Online-Nachrichten; in Ostdeutschland liegt der Anteil darunter, viele schrecken die "Bezahlschranken" schon für einzelne Artikel ab. Nachrichtenvermeidung ist daher kein Randphänomen mehr, sondern betrifft breite Bevölkerungsschichten.
Immer stärker reduzierter Lokaljournalismus
Parallel dazu schrumpft die lokale Medienlandschaft. In Deutschland existieren noch rund 330 Tageszeitungstitel, doch die Zahl publizistisch eigenständiger Redaktionen ist deutlich gesunken. Wurden 2011 im Durchschnitt jeden Tag rund 18,8 Millionen Tageszeitungen verkauft, lag die verkaufte Auflage dieser Zeitungen zuletzt nur bei gut zehn Millionen Exemplaren. Besonders der Lokaljournalismus steht unter Druck: Bundesweit werden Redaktionen zusammengelegt, Inhalte zentral produziert, die Präsenz vor Ort geht verloren. In vielen ländlichen Regionen gibt es faktisch nur noch einen Anbieter, teils mit stark eingeschränkter lokaler Berichterstattung. Wo Journalismus früher sichtbar war, bleibt heute oft nur Termin- und Servicekommunikation, einzig kostenlose Wochenwerbezeitungen finden noch Leser und Leserinnen.
Diese strukturelle Ausdünnung trifft auf ein Publikum, das sich keineswegs grundsätzlich von Information abwendet, wohl aber von etablierten Medien, die im Gegenzug zunehmend damit experimentieren, neue journalistische Zielgruppenangebote zu etablieren - so jüngst etwa die Berliner Zeitung mit einer Variante einer Wochenzeitung, die sich unter dem Titel "Ostdeutsche Allgemeine" auf vermeintlich ostdeutsche Sichtweisen fokussiert.
Aber Studien zeigen: Medienmüdigkeit und Medienmisstrauen sind nicht auf bestimmte Alters-, Bildungs- oder Milieugruppen beschränkt. Und sie sind auch weniger ideologisch als subjektiv erfahrungsbasiert.
Forschung als Ausgangspunkt
Genau an diesem Punkt setzt ein neues Praxis- und Forschungsprojekt der Universität Leipzig an, in Kooperation mit dem Deutschen Journalisten-Verband Sachsen (DJV) und gefördert durch die VolkswagenStiftung: Externer Link: „Bürger machen Journalismus“.
Es ist hervorgegangen aus der Vertrauensforschung des Zentrums Journalismus und Demokratie der Universität Leipzig (JoDem). Projektleiterin Judith Kretzschmar führte im Rahmen dieser Forschung mit ihrem Team zahlreiche qualitative Interviews mit Bürgerinnen und Bürgern in ganz Sachsen. Ein zentrales Ergebnis dieser Forschung: Vertrauen in Medien wächst dort, wo Menschen journalistische Arbeit verstehen und persönlich erfahren. Pauschales Misstrauen korreliert häufig mit Distanz – räumlich, sozial und kommunikativ. Kretzschmar formuliert es so: „Bürgerinnen und Bürger, die Journalistinnen und Journalisten kannten, hatten deutlich mehr Vertrauen. Dieser persönliche Kontakt ist entscheidend.“
Die Forschung zeige zudem, dass vielen Menschen grundlegende Journalismuskompetenz fehle: Wissen darüber, wie Themen entstehen, wie recherchiert wird, welche Zwänge Redaktionen prägen und wo die Grenzen journalistischer Arbeit liegen. Kritik speist sich häufig aus Unkenntnis – nicht aus Desinteresse. Der Projektansatz „Bürger machen Journalismus“ übersetzt diese Erkenntnisse in die Praxis. Dabei arbeiten bis 2029 fortlaufend in allen sächsischen Landkreisen kleine Gruppen aus jeweils etwa fünf Bürgerjournalistinnen und -journalisten gemeinsam mit einer professionellen Journalistin beziehungsweise einem Journalisten über drei Monate an eigenen Beiträgen.
Sie recherchieren eigene Themen, führen Interviews, schreiben Texte und veröffentlichen diese. Begleitet wird die Arbeit durch Workshops zu journalistischen Grundlagen, zum Pressekodex und zu Recherchemethoden. Insgesamt sind rund 70 Gruppen geplant, sodass am Ende etwa 350 Bürgerinnen und Bürger bürgerjournalistisch tätig gewesen sein werden.
Das Projekt richtet sich bewusst an den ländlichen Raum. In den Großstädten Leipzig, Dresden und Chemnitz existieren bereits zahlreiche Medien- und Beteiligungsangebote. In vielen ländlichen Regionen hingegen ist Öffentlichkeit fragmentiert. Kretzschmar spricht hier nicht von „medialen Wüsten“, sondern von „medialen Ozeanen“: einem Überangebot ungeordneter Informationen ohne redaktionelle Struktur. Die Coaches des Projekts sind erfahrene Journalistinnen und Journalisten, vielfach mit lokaljournalistischem Hintergrund. Sie wurden über Aufrufe des DJV Sachsen, Fachmedien und persönliche Netzwerke gewonnen. Kriterien waren mehrjährige Berufserfahrung, regionale Verankerung sowie die Bereitschaft, mit medienskeptischen Positionen dialogisch umzugehen.
Erste Erfahrungen
Das erste Pilotprojekt läuft seit dem Jahreswechsel in Zwenkau, einer Kleinstadt mit knapp 10.000 Einwohnern südlich von Leipzig. Die Teilnehmenden sind zwischen 18 und 71 Jahre alt, mehrheitlich Frauen. Sie bringen eigene Themen ein – etwa zur Abwanderung aus ländlichen Räumen, zur Nachfolge in Handwerksbetrieben oder zu kommunalen Infrastrukturprojekten. Gearbeitet wird in Workshops und Redaktionsrunden, begleitet durch eine Coachin. Veröffentlicht werden die Beiträge auf dem Projektblog Externer Link: www.buergerjournalismus-sachsen.de sowie über Kooperationen mit DieSachsen.de und einzelnen lokalen Medien. Voraussetzung ist stets die Einhaltung journalistischer Standards; darüber wachen die Coaches. Neben einem zweiten Pilotdurchgang in Delitzsch kommen derzeit Folgeprojekte in Zittau, Görlitz, Weißwasser, Bautzen, Hoyerswerda, Kamenz, Radebeul, Meißen und Großenhain in Gang.
Das Projekt ist zugleich ein Forschungsinstrument. Vor und nach der Teilnahme werden Einstellungen zu Medien erhoben, Gruppendiskussionen geführt und Coaches interviewt. Ziel ist es, zu untersuchen, ob und wie sich Mediennutzung, Vertrauen und Selbstwirksamkeit verändern. Es geht nicht um Reichweiten- oder Erfolgsnachweise, sondern um Erkenntnis. „Wir haben keine Erfolgsverpflichtung“, sagt Kretzschmar. „Uns interessiert, was die Teilnahme mit den Menschen macht.“ Jeder, der Einblicke in journalistische Arbeit gewinnt und dieses Wissen weiterträgt, sei bereits ein Gewinn.
Bürgerjournalistische Projekte wie dieses sind keine Alternative zum professionellen Journalismus. Sie sind ein Symptom für strukturelle Defizite in der Medienöffentlichkeit – und ein Versuch, diese erfahrbar zu machen. Sie reagieren auf eine Situation, in der journalistische Präsenz vor Ort schwindet, während Erwartungen an Medien steigen. Das Projekt soll sichtbar machen, dass Medienmisstrauen nicht allein ein Problem der „Haltung“ ist, sondern auch eines der Struktur: Wo Journalismus nicht mehr erlebt wird, kann er kaum Vertrauen erzeugen. Öffentlichkeit entsteht nicht allein durch Verfügbarkeit von Informationen, sondern durch Verständlichkeit, Nähe und Erfahrung. Oder, in den Worten von Projektleiterin Judith Kretzschmar: Interner Link: „Vertrauen entsteht durch Verstehen.“
Zitierweise: Susanne Tenzler-Heusler, „Mediale Wüsten“, in: Deutschland Archiv vom 11.03.2026. Link: www.bpb.de/576112. Alle im Deutschlandarchiv veröffentlichten Beiträge sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
Die studierte Germanistin, Rechts- und Kommunikationswissenschaftlerin Susanne Tenzler-Heusler war von 2002 bis 2009 Pressesprecherin der Leipziger Buchmesse. Seit September 2009 arbeitet sie in ihrer eigenen Agentur „brandvorwerk-pr“ und unterstützt den Buchkinder Leipzig e.V. bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.