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20.4.2012 | Von:
Claudia Simone Dorchain

Jüdischer Humor in Deutschland

"Ich bin Jude, ich darf das" – in seiner Comedy-Show feiert Oliver Polak mit Witzen über seine Kindheit als Jude in Deutschland und über die deutsche NS-Vergangenheit große Erfolge. Woher kommt das plötzliche Interesse des deutschen Publikums an jüdischem Humor, und welche Erscheinungsformen kennzeichnen diese Unterhaltungsform?

DVD-Cover: "Ich darf das, ich bin Jude" von Oliver Polak"Ich darf das, ich bin Jude". Cover der DVD zum gleichnamigen Comedy-Programm von Oliver Polak. (© Oliver Polak)
Ein dunkelhaariger junger Mann mit blauer Jogginghose betritt das Podium, kneift scheinbar kurzsichtig die Augen zu, fuchtelt nervös mit den Händen und nuschelt schwer verständlich ins Mikrofon: "Ich bin Jude. Ihr müsst trotzdem nur lachen, wenn ihr’s witzig findet."[1] Oliver Polak aus Papenburg im deutschen Norden, dessen Vorfahren ein Konzentrationslager überlebt haben, feiert seit 2006 mit hochgradig ironischen Witzen über seine Kindheit als Jude in Deutschland und über die deutsche NS-Vergangenheit große Erfolge beim deutschen Publikum. Seine gewagten Shows wie "Ich bin Jude, ich darf das" und "Jud süß-sauer", bei denen auch mal KZ-Witze gerissen oder Bofrost-Lieferanten per Laserbeam Schläfenlöckchen angezaubert werden, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Polak bricht mit Tabus, lässt kein Fettnäpfchen der political correctness aus, bringt seine Zuhörer gleichzeitig zum Lachen und zur Schamröte und sagt selbst, dass er es "nur für’s Geld"[2] mache. Doch woher kommt das plötzliche Interesse des deutschen Publikums an jüdischem Humor, oder, wie Polak definiert, an "jüdischer Standup-Comedy", und welche besonderen Erscheinungsweisen sind für diese Unterhaltungsform typisch?

Der Begriff "jüdischer Humor" ist verhältnismäßig jung. Die Literaturwissenschaftlerin Salcia Landmann hat diesen Begriff 1960 in ihrem – rasch zum Bestseller avancierten – Buch "Der jüdische Witz. Soziologie und Sammlung"[3] geprägt. Landmann unterscheidet den "jüdischen Witz" vom "jiddischen Witz". Die Unterscheidung mag nur marginal erscheinen, bedeutet jedoch für Landmann eine einschneidende Veränderung. Unter dem "jiddischen" Witz versteht sie – wie auch ihre Zeit – einen Witz in jiddischer Sprache, wohingegen der "jüdische" Witz meist in Hochdeutsch verfasst werde. Durch die Anwendung des Hochdeutschen werde Landmann zufolge eine neue Ebene des (Selbst-)Verständnisses geschaffen. Der jüdische Witz sei nicht einfach ein vormals "jiddischer" Witz, ins Hochdeutsche übersetzt, vielmehr fände durch die Verwendung des Hochdeutschen eine bewusste Positionierung statt, die eine stärkere kulturelle Identifikation mit Deutschland beweise. Landmanns Theorien wurden in den 1960er- und 70er-Jahren stark kritisiert, und man machte ihr zum Vorwurf, dass sie den jüdischen Witz schädige oder sogar abschaffen wolle. Landmanns bekanntester Kritiker Friedrich Torberg vertrat die Meinung, dass der "jüdische" Witz zugleich auch ein "jiddischer" Witz sein müsse, da in der Übersetzung Spezifisches verloren ginge.[4] Der "jiddische" Witz galt also manchen als die Urform und die einzig authentische Form jüdischen Humors, da mit diesem auch die Sprachebene gewahrt bliebe und zudem durch einige unübersetzbare Ausdrücke des Jiddischen eine Intimität des Verständnisses geschaffen werde, die in der Übersetzung verloren ginge. Wie könnte man auch Begriffe wie "Chuzpé", "Megillah" oder "Shmendrik" adäquat übersetzen? Das kritische Argument, dass mit der Übersetzung ins Hochdeutsche zugleich ein wesentliches Element jüdischen Humors, das von manchen als das Eigentliche verstanden wird, wegfiele, scheint nicht ganz plausibel zu sein, da nicht nur einzelne Begriffe, sondern das kulturelle Assoziationsumfeld dieser Begriffe maßgeblich sind für das Gelingen – und Verstehen – eines Witzes.

Landmann und ihre Kritiker blieben sich nur in einem Punkt einig: Der "jüdische" (oder jiddische) Witz und der "Judenwitz" seien doch gänzlich unterschiedliche Gattungen und dürften nicht verwechselt werden. Während der sogenannte "jüdische" (jiddische) Witz die kulturellen Selbstverständnisse jüdischer Bürger in oft liebenswürdiger Weise ironisiere, betreibe der "Judenwitz" massive Verhöhnung und Diffamierung. Den "Judenwitz" hat Sigmund Freud bereits 1905 in seiner psychoanalytischen Untersuchung zum Verhältnis von Witzen und dem Unterbewussten als brutale Form des Lächerlich-Machens definiert.[5] Freuds Untersuchung traf bereits damals einen neuralgischen Punkt in der Gesellschaft: Der "jüdische Witz" war ein stark diskutiertes Thema, wie einschlägige Monografien beweisen. 1909 verfasste Edmund Edel unter dem Titel "Der Witz der Juden" in Berlin das erste Kompendium jüdischer Witze für den deutschsprachigen Buchmarkt, doch diese umfangreiche Zusammenstellung ging bereits auf weitaus ältere Quellen zurück, so auf "Das Schabbes-Gärtle von unnere Leut" von Itzig Feitel aus Meißen (1832) oder auf "Perobeln und Schnoukes fer unnere Leit" von demselben aus dem Jahr 1852. Was Feitel und andere an Witzen und Scharaden zusammengestellt hatten, wurde erst rund 50 Jahre später durch Kompendien wie jenes von Edmund Edel und durch Zitate jüdischer Witze in Humorzeitschriften wie dem "Kladderadatsch" der Kaiserzeit einem breiten Leserpublikum zugänglich. Freuds Kritik am "Judenwitz" als Ausgrenzungsform ist insofern bezeichnend, als zeitgleich mit dessen größerer Verbreitung auch antisemitische Tendenzen diskutiert wurden.


Fußnoten

1.
Oliver Polak, RTL 2 Fun Club, 13.9.2010, http://www.youtube.com/watch?v=Ellfkr-CqK4&feature=related [6.2.2012].
2.
Ebd.
3.
Salcia Landmann, Der jüdische Witz. Soziologie und Sammlung, Olten 1960.
4.
Friedrich Torberg, Wai geschrien oder Salcia Landmann ermordet den jüdischen Witz. Anmerkungen zu einem beunruhigenden Bestseller, in: ders., PPP – Parodien, Pamphlete, Post Scripta, München 1964.
5.
Sigmund Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unterbewussten, 1905.

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