Beleuchteter Reichstag

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20.4.2012 | Von:
Claudia Simone Dorchain

Jüdischer Humor in Deutschland

Da der "Judenwitz" also inakzeptabel ist, der "jüdische" Witz jedoch, wie die Landmann-Debatte beweist, sehr umstritten bleibt, blieb es lange Zeit recht still um diese Facette des Humors in Deutschland.
Ephraim Kishon mit Ehefrau Sarah.Ephraim Kishon mit seiner Gattin Sarah, der "besten Ehefrau von allen", bei der Verleihung des "Ordens wider den tierischen Ernst" in Aachen, 1978. (© picture-alliance/AP)
Lediglich der in Israel lebende gebürtige Ungar Ephraim Kishon hatte in der Nachkriegszeit seinen Weg auf deutsche Belletristiklisten – und in viele Wohnzimmer – geschafft, insbesondere mit seinen lebensnahen ironischen Familienschilderungen von der "besten Ehefrau von allen" und dem rothaarigen Sohn Amir, der die Geduld der liebenden Eltern zuweilen gewaltig strapazierte.[6] Doch auch Kishon ging in einem seiner satirischen Essays der Frage, was eigentlich jüdischer Humor sei, vergeblich nach und blieb die Antwort schuldig. Mit jüdischem Humor konnten viele Deutsche jahrzehntelang nichts anfangen, lediglich Allan Stewart Konigsberg, besser bekannt als der US-Regisseur und Filmkomiker Woody Allen war manchen Intellektuellen bekannt, und dies auch oft nur im Rahmen eines sehr spezifischen Verständnisses von Humor im Spiegel von Großstadtmythen, Neurosen und Lustängsten – Themen, die humoristische Aspekte haben, aber so "allzu menschlich" sind, dass sie auch interkulturell und interreligiös gelten. Woody Allens Humor macht sich nicht über die Mitmenschen lustig, sondern über die Absurdität des Lebens, insofern kann man ihm eine gewisse philosophische Note nicht absprechen.
Woody Allen am Set zu "To Rome with Love".Woody Allen in Rom am Set zu seinem Film "To Rome with Love", der im Laufe des Jahres 2012 anlaufen wird. (© picture-alliance/AP)
Ein typischer Allen-Witz schlägt einen Bogen vom Höchsten zum Niedrigsten, weckt hohe Erwartungen, um sie brüsk abfallen zu lassen, er beginnt bei Universalien und bricht sie herunter auf Bagatellen, etwa so: "Nicht nur gibt es keinen Gott, sondern versuchen Sie mal, am Wochenende einen Klempner zu bekommen."[7]

Wenn man nun Woody Allens Art von Humor als charakteristisch für den jüdischen Humor und zudem als philosophisch betrachtet, so stünde der jüdische Humor kategorisch der antiken Philosophenschule der Zyniker nahe, welche ähnlich unvoreingenommen hohe Erwartungen, namentlich an Religion und ethische Werte, brüskierten. Doch stimmt das? Widerspruch zum zynisch-agnostischen Witz regt sich gerade heute beim zeitgenössischen Regisseur Dani Levy, der dem "Zeit-Magazin" sagte, Komödien gehörten "in den Bereich der Erlösung".[8] Hierbei erinnert Levy an die prinzipielle Ähnlichkeit von Komödie und Tragödie, indem er betont, dass zum Verfassen von satirischen ähnlich tragischen Stücken eine profunde Kenntnis der Gesellschaft und ihrer herrschenden Regeln gehöre, indem beide Genres das Scheitern ihrer Hauptfiguren darstellten, einmal humorvoll – in der Komödie –, dann wieder schmerzvoll-leidhaft – in der Tragödie. Die relative Nähe von Scherz und Leiden ist hierbei keine neue Idee Levys und auch keine Besonderheit des jüdischen Humors, sondern war als Gedanke bereits zu Platons Zeiten ein Allgemeingut. Im platonischen Dialog "Das Gastmahl", der die Liebe und die Rolle der Künste thematisiert, diskutiert Sokrates nach dem Bericht des Aristodemos über die Begabung des Schriftstellers und behauptet in einem provokanten Satz, dass ein guter Komödiendichter auch unbedingt ein guter Tragödiendichter sein müsse und umgekehrt.[9] Denn, so argumentiert Sokrates, die Extremzustände der menschlichen Seele lägen immer nah beieinander, und so könne Lachen in Weinen übergehen und Weinen in Lachen, und wer ein guter Beobachter und Seelenkenner sei (das hält er für die conditio sine qua non eines guten Schriftstellers), kenne die Bedingungen für beides. Ähnlich argumentiert heute auch Levy, wobei er dem jüdischen Humor eine Spezialbedeutung zukommen lässt, die Sokrates freilich nicht im Blick hatte: Levy bezeichnet den jüdischen Humor als "Loser-Humor"[10], der von Unterdrückten berichte, die sich mittels Humors eine situative Erleichterung der Unterdrückung, ja sogar – in Levys Terminologie – eine Art von Erlösung verschafften.


Fußnoten

6.
Vgl. Ephraim Kishon, Im nächsten Jahr wird alles anders. Ausgewählte Satiren, München 1967.
7.
Woody Allen, Das Beste von Allen, Reinbek 2007, S. 12.
8.
"Komödien gehören in den Bereich der Erlösung". Der Schweizer Regisseur und Schauspieler Dani Levy erzählt, warum Humor am interessantesten ist, wenn er dunkel ist, in: Zeit-Magazin, 14/2010.
9.
Platon, Symposion, 174a – 223d.
10.
"Komödien …" (Anm. 8).

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