Beleuchteter Reichstag

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23.4.2012 | Von:
Fabian Riedel

"Braun" und "Rot" – Akteur in zwei deutschen Welten

Der Jurist Dr. Walter Neye (1901–1989). Eine Fallstudie

Bewerbung an der Humboldt-Universität zu Berlin

Der Beginn von Neyes bemerkenswerter Wissenschaftskarriere fiel in eine für ihn günstige Zeit, denn in der sowjetischen Besatzungszone herrschte erheblicher Akademikermangel. Auch aufgrund der Entnazifizierungsmaßnahmen in der SBZ stand an den Universitäten wenig Lehrpersonal zur Verfügung. Nur wenige Juraprofessoren konnten aufgrund ihrer NS-Vergangenheit die Lehre fortführen. Die Entnazifizierung in der SBZ wurde angeblich schnell und konsequent umgesetzt. Die DDR-Geschichtsschreibung hat die Entnazifizierung jedoch pauschalisiert und glorifiziert: Insgesamt sollen in der SBZ bis 1948 ca. 870.000 Personen überprüft und 520 734 infolge der Entnazifizierung entlassen worden sein.[42] Diese Zahlen sind jedoch deutlich zu hoch angesetzt: Man geht heute von ungefähr 200.000 Entlassungen im Zuge der Entnazifizierung in der SBZ aus.[43]

Walter Neye.Walter Neye in seiner Zeit an der Berliner Humboldt-Universität. (© Humboldt-Universität zu Berlin, Porträtsammlung)
Trotz der widrigen Umstände bewarb sich Walter Neye 1946 an der Humboldt-Universität für einen Lehrauftrag im Fach "Bürgerliches Recht", den er für das folgende Wintersemester 1946/47 erhielt.[44] In einem Fragebogen der Universität zur Feststellung der politischen Zugehörigkeit zum NS gab Neye an, dass seine Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus "stets scharf ablehnend" gewesen sei.[45] Auch im folgenden Sommersemester 1947 erhielt Neye einen Lehrauftrag im "Bürgerlichen Recht, Allgemeiner Teil", sowie einen weiteren Lehrauftrag für ein "Bürgerlichrechtliches Repetitorium."[46]

Neyes Tätigkeit als Repetitor war ein wichtiges Einstellungskriterium. In dem Personalbogen vom 30. November 1946 äußerte er sich daher erstmals ausführlicher zu seiner Dozententätigkeit und zu dem Grund, weshalb er ab 1935 nicht mehr als Repetitor arbeitete: "Von 1925–1935 laufend Abhaltung von Kursen. Die Hörerzahl belief sich pro Kursus im Durchschnitt auf 60–80. Die Examenserfolge der Hörer waren gut. […] Seit der Zeit des Studiums überzeugte demokratische und fortschrittliche Einstellung, die sich nie geändert hat. Aus diesem Grunde auch etwa 1935 Einstellung der […] Dozententätigkeit, trotz der durch die Lehrtätigkeit erzielten inneren Befriedigung und dem dadurch gewährleisteten beachtlichen Einkommen."[47]

Dagegen scheint die Universität über Neyes geringe wissenschaftliche Forschungstätigkeiten hinweggesehen zu haben. Neyes Doktorarbeit war die einzige wissenschaftliche Veröffentlichung, die er bei seiner Bewerbung an der Universität benannt hatte.[48] Weitere wissenschaftliche Abhandlungen legte er nie vor. Dennoch scheint dies als nicht entscheidend bewertet worden zu sein. Auch in der Folgezeit veröffentlichte Neye lediglich ein einziges juristisches, 1949 erschienenes Lehrbuch mit dem Titel: "Bürgerliches Recht in logischer Anwendung (Klausurenlehre), Teil 1: Dingliche Ansprüche". Inhaltlich traf Neyes Werk nicht nur auf Zustimmung, da es den politischen Maximen der DDR nicht genügte. Sein Lehrbuch wurde als Beispiel extremen Rechtsformalismus nach 1958 stillschweigend aus dem Verkehr gezogen.

Das Werben der Universitäten Rostock und Berlin

Auf der Suche nach einer geeigneten Lehrkraft wandte sich die Universität Rostock Mitte August 1947 an die Deutsche Zentralverwaltung für Volksbildung (DVV) und an den Prorektor der Berliner Universität.[49] Neye wurde als "besonders geeignete Lehrkraft" und "früher gesuchter Repetitor für das erste juristische Staatsexamen" bewertet und für den Lehrbetrieb vorgeschlagen. Daraufhin teilte Neye der Universität Rostock mit, dass er sich in Berlin habilitieren wolle und folglich eine größere wissenschaftliche Arbeit abfassen müsse. Die Universität Rostock bot Neye umgehend einen Ruf als außerordentlicher Professor für Bürgerliches Recht an, ohne dass er eine Habilitationsschrift zu verfassen habe. Neye "erklärte sich grundsätzlich nicht abgeneigt." Er telegrafierte jedoch später: "Erhalte voraussichtlich Lehrstuhl in Berlin. […] [Habe aber] Interesse an sechswöchigen konzentrierten Gastvorlesungen und Übungen." Da das Semester in Rostock bereits begonnen hatte, ließ die Universität sich auf eine Gastdozentur Neyes im Wintersemester 1947/48 ein.

Parallel dazu erhielt Neye für dasselbe Semester einen Lehrauftrag der Berliner Humboldt-Universität für "eine Übung im Bürgerlichen Recht" und für "ein Repetitorium des Bürgerlichen Rechts".[50] Gleichzeitig beantragte die Humboldt-Universität am 29. September 1947 bei der DVV, Neye unverzüglich zum Professor mit vollem Lehrauftrag zu ernennen. Als Begründung hierfür gab die Fakultät neben Neyes Qualifikation als Repetitor an, es sei "Dr. Neye ein Ruf an die Universität Rostock angetragen worden. Die Fortführung seiner Lehrtätigkeit an der Universität Berlin kann unter diesen Umständen Dr. Neye nur im Falle einer Ernennung zum Professor mit vollem Lehrauftrag zugemutet werden."[51] Schließlich wurde Neye am 21. Oktober 1947 von der DVV zum Professor mit vollem Lehrauftrag für Bürgerliches Recht in Berlin ernannt.

Während seiner Gastvorlesungen ließ Neye den Dekan in Rostock wissen, dass er "trotz seiner Berufung an die Berliner Universität geneigt sein würde, einem etwaigen Ruf nach Rostock folge zu leisten; dies könne allerdings natürlich nur für ein Ordinariat geschehen, da er ja bereits an der – soviel grösseren und bedeutungsvolleren – Universität Berlin Extraordinarius sei." Am 8. Dezember 1947 beschloss die Universität Rostock, Neye "unter Zurückstellung erheblicher, grundsätzlicher Bedenken" als Ordinarius vorzuschlagen.[52] Neye dankte für das Angebot, nahm es zunächst jedoch nicht an. Er erhielt daraufhin am 8. April 1948 eine Berufungsurkunde der Universität Rostock zum Ordentlichen Professor.

Zwischenzeitlich sagte Neye der Rostocker Universität am 20. März 1948 für das kommende Semester ab, da "aufgrund einer nochmaligen Rücksprache des Rektors der Berliner Universität mit dem Präsidenten der Zentralverwaltung entschieden sei, dass er in Berlin bleiben müsse." Infolge nochmaliger Verhandlung räumte die Universität Rostock Neye eine Frist bis Mitte Mai 1948 zur Annahme des Rufes ein. Bereits am 16. April 1948 schrieb die DVV an die Landesregierung Mecklenburgs, dass Neye in Berlin "wegen Weggang Professor [Heinrich] Mitteis" unentbehrlich sei.[53] Daraufhin sagte Neye der Universität Rostock am 13. Mai endgültig ab.

Die Berliner Fakultät beschloss schließlich am 9. August 1948, Neye zum Ordentlichen Professor vorzuschlagen, da er "eine Berufung als Ordinarius an die Universität Rostock erhalten hat und der Fortgang von Prof. Neye angesichts der schwierigen Personallage der Fakultät eine empfindliche Lücke darstellen würde."[54] Am 20. Oktober 1948 wurde Neye schließlich zum Ordentlichen Professor mit einem Lehrstuhl für Bürgerliches Recht und Zivilprozessrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin ernannt.

Die Politabteilung (PA) gab infolge der Berufung Neyes eine Stellungnahme mitsamt Charakteristik ab. Neye sei durch seine Mitgliedschaft im NSRB ein "Mitläufer des Naziregimes" und daher "politisch nur geringfügig belastet". Seine "klare antifaschistische Haltung" mache ihn zu einem "bürgerlich relativ fortschrittlichen Demokraten." In Anbetracht der "schwierigen Personallage der Fakultät" und Neyes "ungewöhnlicher Lehrerfolge" sei die Entscheidung "tragbar" und werde befürwortet.[55]


Fußnoten

42.
Alexander Sperk, Entnazifizierung und Personalpolitik in der sowjetischen Besatzungszone Köthen/Anhalt, Dößel 2003, S. 16f, 45ff.
43.
Clemens Vollnhals (hg.), Entnazifizierung. Politische Säuberung und Rehabilitierung in den vier Besatzungszonen 1945–1949, München 1991, S. 52f.
44.
Rektor HU Berlin, Schreiben, 30.9.1946, HUB-UA, PA Neye, Bd. I, Bl. 19.
45.
HU Berlin, Fragebogen, ebd., Bl. 6.
46.
Rektor HU Berlin, Schreiben, 5.2.1947, ebd., Bl. 21.
47.
Personalbogen (Anm. 8).
48.
Jahresverzeichnis (Anm. 7), S. 73.
49.
Dekan Universität Rostock, Schreiben, 9.9.1948, HUB-UA, PA Neye, Bd. I, Bl. 46ff.
50.
Rektor HU Berlin, Schreiben, 20.8.1947, ebd., Bl. 28.
51.
Rektor HU Berlin, Schreiben, 29.9.1947, ebd., Bl. 30.
52.
Universität Rostock, Schreiben, 9.9.1947, ebd., Bd. II, Bl. 19.
53.
DVV, Schreiben, 16.4.1948, ebd., Bl. 27.
54.
Rektor HU Berlin, Schreiben, 9.8.1948, ebd., Bd. I, Bl. 38.
55.
PA, Stellungnahme, 19.1.1949, ebd., Bd. II, Bl. 42f.

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