Beleuchteter Reichstag

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23.4.2012 | Von:
Fabian Riedel

"Braun" und "Rot" – Akteur in zwei deutschen Welten

Der Jurist Dr. Walter Neye (1901–1989). Eine Fallstudie

Aufstieg zum Dekan

Neyes Erfolg als Dozent und sein Organisationstalent führten dazu, dass er sich der Humboldt-Universität für leitende Tätigkeiten empfahl. Als der amtierende Dekan der Juristischen Fakultät infolge einer Herzerkrankung seine Amtsgeschäfte nicht weiter führen konnte, wählte die Rechtwissenschaftliche Fakultät Walter Neye am 3. August 1950 einstimmig zu ihrem Dekan.[56]

Der neu gewählte Dekan reüssierte durchaus erfolgreich. Ein Gutachten bescheinigt, dass seine Arbeit in den ersten Wochen durchgängig positiv bewertet wurde: "Prof. Neye [hat] eine grundlegende Umgestaltung der Fakultätsarbeit in die Wege geleitet. […] Es ist zu hoffen und zu erwarten, dass durch diese Maßnahmen, sowie durch eine in die Wege geleitete Strukturänderung der Fakultät, die die Gesellschaftswissenschaften mehr in den Vordergrund der Fakultätsarbeit stellen soll, […] die Fakultät sich in absehbarer Zeit zu einem fortschrittlichen Lehrkollektiv von Professoren und Studenten entwickeln wird."[57]

Ab 1950 setzte durch das Pflichtfach Gesellschaftswissenschaften eine Ideologisierung des Jurastudiums ein. Die ideologische Indoktrination der Studenten sowie die parteikonforme Einstellung galten nun als ebenso wichtig wie fachliches Können. Der Anteil von ideologisch geprägten Veranstaltungen umfasste bis zu 40 Prozent der Lehrveranstaltungen.[58] Neye beteiligte sich mit öffentlich wirksamen Auftritten an der ideologischen Indoktrinierung der Bevölkerung: Der "Tagesspiegel" berichtete am 2. Februar 1951 über einen Vortag Neyes, den er auf einer Versammlung der Nationalen Front hielt. Der Vortrag habe mit den Worten geschlossen: "Deutsche an einen Tisch – Ami, go home."

Kampf um das Rektorat

Bis Anfang der 1950er-Jahre hatte sich der Dekan Walter Neye vor allem als ausgezeichneter Pädagoge und entschlossener Reformer innerhalb der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität hervorgetan. Daher wurde er seitens der Universitätsleitung als prädestinierter Kandidat für die Wahl zum Rektor gehandelt. Sie bezeichnete ihn als "weitaus besten Pädagogen, über den wir verfügen."[59] Um den Posten des Rektors der größten und wichtigsten Universität der DDR bemühte sich allerdings noch ein zweiter Anwärter: Jürgen Kuczynski.

Kuczynski galt als weltgewandter und weit über die Grenzen der DDR bekannter Gesellschaftswissenschaftler. 1904 geboren und jüdischer Herkunft hatte er Philosophie, Statistik und Wirtschaft in Berlin, Heidelberg und in Erlangen studiert, wo er 1925 zum Doktor der Philosophie promoviert worden war. 1930 wurde er Mitglied der KPD.[60] Kuczynski arbeitete journalistisch als Wirtschaftsredakteur und von 1933 bis 1936 in der Abteilung Information der KPD-Reichsleitung Deutschland. Von 1936 bis 1939 arbeitete er als Politischer Leiter der KPD in England. Seine Tätigkeit führte Kuczynski regelmäßig nach Paris, wo er mit einigen Führungspersönlichkeiten der späteren DDR, insbesondere mit Walter Ulbricht, Bekanntschaft machte. Ab 1944 wurde Kuczynski wissenschaftlicher Mitarbeiter des United States Strategic Bombing Survey und Oberst der US-Army.[61]
Jürgen Kuczynski.Jürgen Kuczynski (1904–1997), Aufnahme von 1952. (© Bundesarchiv, Bild 183-14097-0002)
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1946 trat Jürgen Kuczynski der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bei. Im selben Jahr übernahm er die Leitung des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeschichte an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin.[62] Im Juni 1947 wurde Kuczynski Gründungspräsident der "Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion", der späteren Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF).

Jürgen Kuczynskis zweifelsfrei hervorragenden persönlichen Voraussetzungen für den zu besetzenden Rektoratsposten standen vornehmlich politische Motive der SED-Führung entgegen: Der überzeugte Kommunist Kuczynski brachte das DDR-Regime regelmäßig mit aufrührerischen wissenschaftspolitischen Veröffentlichungen gegen sich auf. Sein Ansehen war damals zwar – im Vergleich zu seinen schweren Zerwürfnissen mit der DDR-Führung in späteren Jahren – noch relativ unbeschädigt, doch betrachtete man ihn schon damals wegen seines eigenwillig-selbstbewussten Wesens mit Vorbehalt.[63] Dennoch galt seine Loyalität zeitlebens der kommunistischen Partei: "Niemals, nicht einen Tag, nicht eine Minute habe ich den Eintritt in die Partei bereut. […] Aus der Partei auszutreten hätte mir geschienen, wie aus der Menschheit auszutreten".[64]

Der Antizionismus der kommunistischen Bewegung unter Stalin wurde Anfang der 1950er-Jahre zunehmend auch in der DDR propagiert. Für Kuczynski führte das zu unmittelbaren Konsequenzen: Auf Beschluss des SED-Politbüros wurde er am 13. Juni 1950 von seiner Funktion als Präsident der DSF enthoben, denn für die Kämpfer gegen "Kosmopolitismus" und "Zionismus" war es untragbar, dass Kuczynski als Westemigrant und "Nichtdeutscher" die Leitung der DSF ausübte. Walter Ulbricht hingegen teilte Kuczynski unter Verleugnung der wahren Umstände mit, dass "die Gesellschaft jetzt so gewachsen sei, daß ein Politbüromitglied an der Spitze stehen muss." Kuczynski selbst machte für diese außerordentlich kränkende Entlassung seine jüdische Abstammung in einer Zeit wachsenden Antisemitismus unter Stalin verantwortlich.[65] Da er kein Zionist war, muss ihn die Erkenntnis, aus diesen Gründen in Ungnade gefallen zu sein, besonders hart getroffen haben.


Fußnoten

56.
Rektor HU Berlin, Schreiben, 5.10.1950, ebd., Bd. I, Bl. 70.
57.
Gutachten, 6.11.1950, ebd., Bd. II, Bl. 54.
58.
Rainer Schröder/Fred Bär, Zur Geschichte der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, in: Kritische Justiz 19 (1996), S. 458.
59.
HU Berlin, Schreiben, 2.4.1952, HUB-UA, PA Neye, Bd. II, Bl. 56.
60.
Matthew Stibbe, Jürgen Kuczynski and the Search for a (Non-Existent) Western Spy Ring in the East German Communist Party in 1953, in: Contemporary European History 20 (2011) 1, S. 66.
61.
Jürgen Kuczynski, Memoiren. Die Erziehung des J. K. zum Kommunisten und Wissenschaftler, Berlin/Weimar 1975, S. 398ff.
62.
Agnieszka Brockmann, 70.000 Bücher und 100 Meter Nachlass. Die Sammlung Kuczynski in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Berlin 2004, S. 24. Das Folgende ebd.
63.
Horst Haun, Kommunist und »Revisionist«. Die SED Kampagne gegen Jürgen Kuczynski (1956–1959), Dresden 1999, S. 162.
64.
Kuczynski, Memoiren (Anm. 61), S. 198.
65.
Haun (Anm. 63), S. 161.

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