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Beleuchteter Reichstag

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23.4.2012 | Von:
Lutz Sartor

Die "Hungerdemonstration" in Olbernhau am 18. Juli 1946

4. Der Protest in Olbernhau

Die Demonstration[30]

Am 18. Juli 1946 erschien ein weibliches Mitglied der SED bei der Ordnungspolizei in Olbernhau und teilte mit, dass sie soeben in einem Grünwarengeschäft erfahren habe, "dass um 10.00 Uhr eine Frauendemonstration vor der Kommandantur der Roten Armee stattfinden solle. Gefordert werden sollen Brot und Kartoffeln."[31]

Gegen 11 Uhr versammelten sich in der Tat etwa 300–400 Frauen vor der Kommandantur. Der Polizei gelang es nicht, die Versammlung aufzulösen. Ein Teil der Demonstrantinnen kam aus der Wachsblumenfabrik, wo auf Nachfrage von vier Beschäftigten vom Betriebsleiter Otto Meyer wie auch vom Betriebsobmann Oskar Otto die Teilnahme an der Demonstration genehmigt worden war, da wegen Stromausfalls die Produktion ohnehin ruhte.[32]

Kurze Zeit später erschien der sowjetische Kommandant aus Marienberg und bat einige Frauen zu sich, um ihre Anliegen zu erfahren. Die Frauen brachten folgende Punkte vor: Es seien keine Kartoffeln vorhanden; die berufstätigen Frauen klagten, dass sie nicht nach Lebensmitteln anstehen könnten, und forderten das Bereithalten von Lebensmitteln für diesen Kundenkreis; es wurde schließlich die ausreichende Belieferung mit Kleidung, Schuhwerk und Wäsche verlangt. Der folgende Punkt findet sich bezeichnenderweise nur in der Darstellung der sowjetischen Behörden: die illegale Selbstversorgung mit Lebensmitteln und Waren durch die Leitung der Bürgermeisterei.[33]

Der Kommandant erklärte, dass ab dem 1. August die Lebensmittelrationen erhöht würden. Daraufhin war die Demonstration beendet. Vom Kommandanten wurde zudem angeordnet, dass ein von der Kommandantur beschlagnahmtes Lebensmittellager der Stadtverwaltung zur Verteilung freigegeben würde.

Kurz nach dem Kommandanten erschien ein Kapitän der "Sonderstelle Marienberg" der Sowjetischen Militäradministration (SMA) und nahm nach Ermittlungen drei Frauen fest. Dabei handelte es sich um drei der vier Frauen, die in der Wachsblumenfabrik um die Genehmigung zur Teilnahme an der Demonstration nachgesucht hatten.[34]

Vom stellvertretenden Bürgermeister Max Müller, der bei der Demonstration zugegen war, und dem Leiter der Ordnungspolizei, Löschner, wurden sogleich Vermutungen über tiefere Ursachen des Protestes geäußert. Es seien "Feinde des Wiederaufbaus" am Werk, der "Ursprungsherd" sei "der ehemalige Mittelstand", "unter den Frauen waren sehr viel[e] ehemalige Mitglieder der NSDAP oder mindestens die Männer" hätten der Nazipartei angehört. Als "Inspirator" wurde die Leitung der LDP in Olbernhau angesehen.[35] Gegen sie wie auch gegen die Leitung der Wachsblumenfabrik richteten sich die Ermittlungen der deutschen Behörden.

Noch am Abend der Demonstration fand eine Versammlung der weiblichen Mitglieder der SED statt. Der Saal war mit ca. 600 Frauen völlig überfüllt. Der größte Teil war angeblich keine Mitglieder, sondern soll nur aus Neugierde erschienen seien. Störungen "durch die Elemente, die sich am Vormittag bei der Demonstration hervorgetan hatten", endeten mit dem Erscheinen des sowjetischen Kommandanten. Die Versammlung verlief dann in "geordneten Bahnen".[36] Weiterhin wird berichtet, dass Offiziere der Roten Armee der Stadtverwaltung Olbernhau befahlen, "auf schnellstem Wege Lebensmittel für die Bevölkerung" heranzuschaffen. Insbesondere sollen Kartoffeln beschafft werden.


Fußnoten

30.
Vgl. in StA-D 11376, Nr. 100: Übersetzung des Befehls Nr. 248 des Chefs der Sowjet-Militäradministration für das Bundesland Sachsen, 9.8.1946, Bl. 233 (Original: Bl. 232); Bericht des stellv. Bürgermeisters Max Müller v. 17.8.1946, Bl. 248; Bericht der Ordnungspolizei Olbernhau v. 19.7.1946, Bl. 249f. (Für den Hinweis auf diese Archivalien dankt d. Vf. Klaus-Jochen Arnold, Hannover.)
31.
Bericht der Ordnungspolizei Olbernhau (Anm. 30), Bl. 249.
32.
Zeugenaussage v. 29.7.1946, ebd., Bl. 251.
33.
Dies wurde von den kommunalen Amtsträgern sofort heftig bestritten: Erklärung des Bürgermeisters Max Richter und des Leiters der Kartenstelle, Franz Jonas, v. 17.8.1946, ebd., Bl. 247.
34.
Bericht der Ordnungspolizei Olbernhau (Anm. 30).
35.
Bericht des stellv. Bürgermeisters (Anm. 30).
36.
Bericht der Ordnungspolizei Olbernhau (Anm. 30), Bl. 249r. Das Folgende ebd.

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