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Beleuchteter Reichstag

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23.4.2012 | Von:
Peter Löhnert
Emmy Attinger-Goldacker

Dokumentation: Späte Genugtuung

Die Rehabilitierung der Emma Goldacker

Ende Juni 2010 trafen die entsprechenden Unterlagen über den Umweg über die Stiftung Sächsische Gedenkstätten ein. Beim Empfang zeigte Emmy Attinger-Goldacker sowohl Glücksgefühle als auch Anzeichen von Trauer und Wut: Was solange bewusst "still gelegt" war, kochte wieder hoch.

Der Brief enthielt Kopien aus dem Prozess Emma Goldacker. Es handelte sich um 24 Seiten in russischer Sprache, darunter der Arrestbefehl des Chefs der Zentralen Operativgruppe des NKWD von Berlin vom 10. August 1945. Zu diesem Zeitpunkt saß Emmy Goldacker bereits mehrere Wochen in Haft. Der Haftbefehl stützte sich auf den Artikel 58-6 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation, der "Spionage, d. h. Weitergabe, Entwendung oder zwecks Weitergabe vorgenommene Sammlung von Nachrichten, die sich ihrem Inhalt nach als ein besonders schutzwürdiges Staatsgeheimnis darstellen, zugunsten ausländischer Staaten, gegenrevolutionärer Organisationen oder Privatpersonen" unter Strafe stellt und dafür folgendes Strafmaß vorsah: "Freiheitsentziehung nicht unter drei Jahren, verbunden mit völliger oder teilweiser Vermögenskonfiskation; in den Fällen jedoch, in denen die Spionage besonders schwere Nachteile für die Interessen der Union der SSR herbeigeführt hat oder hätte herbeiführen können: Erhöhung bis zur schwersten Maßnahme des sozialen Schutzes – Erschießung oder Erklärung zum Feind der Werktätigen, verbunden mit der Aberkennung der Staatsangehörigkeit der Unionsrepublik und damit der Staatsangehörigkeit der Union der SSR, dauernder Verweisung aus dem Gebiet der Union der SSR und Vermögenskonfiskation". Des Weiteren fand sich bei den Unterlagen das Urteil des Militärtribunals der Berliner Garnison vom 25. September 1945, welches in geschlossener Gerichtsverhandlung in Berlin getagt und die angebliche Delinquentin zu zehn Jahren "Besserungslager" verurteilt hatte, und zwar auf der Grundlage von Artikel 58-2 des russischen Strafgesetzbuches. Dieser befasst sich nicht mit Spionage, sondern mit: "Bewaffneter Aufstand oder Eindringen von bewaffneten Banden in das Sowjetgebiet in gegenrevolutionärer Absicht, Ergreifung der zentralen oder örtlichen Gewalt in der gleichen und insbesondere der Absicht, von der Union der SSR und der einzelnen Unionsrepublik irgendeinen ihrer Gebietsteile gewaltsam abzutrennen oder die von der Union der SSR mit ausländischen Staaten abgeschlossenen Verträge aufzuheben". Als Strafmaß ist hier vorgesehen: Die schwerste Maßnahme des sozialen Schutzes – Erschießen oder Erklärung zum Feind der Werktätigen, verbunden mit der Vermögenskonfiskation, Aberkennung der Staatsangehörigkeit der Union der Unionsrepublik und damit der Staatsangehörigkeit der Union der SSR und dauernder Verweisung aus dem Gebiet der Union der SSR; bei Vorliegen mildernder Umstände ist Herabsetzung bis zu Freiheitsentziehung nicht unter drei Jahren, verbunden mit völliger oder teilweiser Vermögenskonfiskation, zulässig." Schließlich enthielten die Unterlagen noch 21 Seiten handschriftlicher Protokolle von drei Verhören, und zwar aus der Nacht vom 4./5. Juli 1945, Verhörbeginn 23.45, Ende 6:20 Uhr, vom 16. August 1945, Verhörbeginn 10.00, Ende 24.00 Uhr und – ohne zeitliche Angaben vom 29. August 1945. Alle Seiten der Verhörprotokolle hatte Emmy Goldacker gegenzeichnen müssen, ohne Kenntnis der russischen Schrift und Sprache. Natürlich sind aus den Protokollen die äußeren Bedingungen der Durchführung der "Befragungen" nicht erkennbar. Allein die angegebenen Tageszeiten und die Dauer der Verhöre lassen eine gewisse Ahnung davon aufkommen.

Die Seiten waren nicht durchgehend nummeriert. Es war nicht ersichtlich, ob die übersandten Seiten aus einer stärkeren Akte mit verschiedenen Vorgängen herauskopiert waren oder aus verschiedenen Akten. Auch die Vollständigkeit der Akten und die Anzahl der Verhöre zum Prozess Goldacker waren nicht erkennbar. Das könnte Emmy Attinger-Goldacker bewerten – nach so langer Zeit? Außerdem war sichtbar, dass die Akten (oder zumindest die Kopien) einer Bearbeitung unterzogen waren. Die Namen der russischen Akteure waren in den Dokumenten getilgt.

Dokument 2: Arrestbefehl

Arrestbefehl gegen Emma Goldacker.Arrestbefehl gegen Emma Goldacker, 10. August 1945. (© Emmy Attinger-Goldacker)
Arrestbefehl

Ich bestätige

Chef der Zentralen Operativgruppe
des NKWD in Berlin
General-Major
[Name entfernt] [handschriftliche, unleserliche Anmerkungen]

11. August 1945

Beschluss auf Arrest
1945, 10. August in Berlin

Ich, der Untersuchungsrichter der 4. Abteilung der Zentralen Operativgruppe des NKWD in Berlin – Garde-Kapitän (Name entfernt) – habe nach Prüfung der Materialien über Goldacker, Emmi, geboren 1919 in Dessau, Provinz Anhalt, Büroangestellte, Deutsche, des Lesens und Schreibens kundig, ledig, in der Vergangenheit Mitglied des BDM, wohnhaft in Berlin-Britz, Talbergstr. 8b

gefunden,

dass Goldacker E. von Januar 1942 bis 1943 als Sekretärin einer Abteilung des SD diente, im Januar 1943 Kurse für Radio-Operateure und Verschlüsselung im Radio-Institut der SS absolvierte. Schließlich wurde sie in die Türkei delegiert, wo sie umfangreiche Aufgaben als Spionagebotin übernahm. Per Radio wurden verschlüsselte Spionage-Informationen, welche deutsche Agenten gesammelt haben, nach Berlin übermittelt. Zur gleichen Zeit wiegelte sie prominente türkische Funktionäre zu militärischen Aktivitäten gegen die UdSSR auf.

Vom Februar 1944 wirkte sie im Japanischen Konsulat in Wien als Spionage-Agentin, wo sie die Disposition der Japaner in Bezug auf den Krieg mit der UdSSR ermittelte, d. h. eine Straftat gemäß Artikel 58-6 des Strafgesetzbuches der RSFSR verübte und deshalb nach Artikel 146 des Straf- und Verfahrensrecht der RSFSR zu verfolgen ist.

Beschluss

Goldacker, Emmi ist dem Arrest und Durchsuchung zu unterwerfen.

Untersuchungsrichter der 4. Abteilung der ZOG des NKWD in Berlin Garde- Kapitän [Unterschrift]

"Bestätigung" Chef der 4. Abteilung ZOG der NKWD in Berlin
Garde Oberstleutnant [Unterschrift]




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