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24.4.2012 | Von:
Gerhard Barkleit

Kaliningrader Identitäten oder die Schizophrenie der Geschichtslosigkeit

Singularitäten und Invarianten

Bei der Suche nach einem Weg, die ideologisch aufgeladene Debatte um die deutsche Vergangenheit der Region zu entkrampfen und zu versachlichen, könnte ein Perspektivwechsel hilfreich sein. Es gibt gute Gründe dafür, die Entstehung der heute als Exklave Russlands existierenden "Kaliningradskaja Oblast'" mit dem früheren Königsberg als wirtschaftlichem und politischem Zentrum als eine Singularität in der Geschichtlichkeit zu begreifen. Vertreibungen im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen haben in der Menschheitsgeschichte schon oft stattgefunden. Das Einmalige und Beispiellose der Vertreibung der Deutschen besteht zum einen in der enormen Anzahl von Betroffenen, zum anderen aber auch in der Rigorosität ihrer Umsetzung – mit dem Ergebnis des kompletten Austauschs der Bevölkerung in der betrachteten Region. Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands führte darüber hinaus zur Ablösung der totalitären nationalsozialistischen Herrschaft durch die nicht minder totalitäre Sowjetdiktatur. Die Vertreibung der Deutschen ging deshalb mit einem ebenso kompletten Austausch von Herrschern und Beherrschten einher. Auf dieses Moment wies auch schon Ruth Kibelka besonders hin.[7] Die drei genannten Eigenschaften – Anzahl der Betroffenen, kompletter Austausch der Bevölkerung, Wechsel der Totalitarismen – und die hohe Geschwindigkeit der Umwandlung einer ganzen Region lassen es gerechtfertigt erscheinen, von einer Singularität in der Geschichtlichkeit zu sprechen. Aus den Naturwissenschaften, insbesondere der Physik, ist bekannt, dass in der unmittelbaren Umgebung von Singularitäten die gültigen Theorien versagen. Warum sollte es nicht auch bei einer Singularität in der Geschichtlichkeit durch einen Wechsel der Perspektive neue Antworten auf alte Fragen geben?

Dieser Perspektivwechsel besteht in der Abkehr von der Konzentration auf die Details eines hoch komplexen und sehr dynamischen Prozesses zugunsten einer Analyse, die gerade das in den Blick nimmt, was sich nicht verändert. Dieses Unveränderliche in einem Umbruchprozess soll im Weiteren als "Invariante" bezeichnet werden. Einige Beispiele für solche Invarianten des betrachteten historischen Ereignisses sind die Landschaft, die Infrastruktur, Industrie und Landwirtschaft sowie Architektur und Denkmale. Die Landschaft wird für die weiteren Überlegungen keine Rolle spielen. Die im Weiteren zu betrachtenden Invarianten stellen ausschließlich materialisierte Ergebnisse menschlichen Handelns dar, die sich auf zweierlei Weise systematisieren lassen – zum einen durch die Art der Aneignung, nämlich durch Gebrauch oder Wahrnehmung, und zum anderen durch die Reichweite, nämlich auf das Individuum oder in die Gesellschaft wirkend.

Wirkten die hier als Invarianten bezeichneten Reste deutscher Kultur auf nachweisbare Art und Weise auf die sowjetischen Neusiedler? Lässt sich diese Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten, so folgen daraus unmittelbar zumindest zwei weitere Fragen. Zum einen gilt es zu klären, auf welche Weise welche Invarianten den einzelnen Bürger und die Gesellschaft prägten. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die Wirkungsmächtigkeit dieser Invarianten ausreichte, um die Entwicklung der Region nachhaltig zu beeinflussen. Das schließt die Frage ein, ob sich die Etablierung der totalitären stalinistischen Diktatur im "Neuland" tatsächlich im Selbstlauf vollzog, schließlich waren die Neusiedler bereits in einem totalitären System sozialisiert worden. Oder standen der Ausformung der Strukturen und Institutionen kommunistischer Herrschaft im ehemaligen Ostpreußen möglicherweise besondere Schwierigkeiten entgegen, die zu signifikanten Unterschieden im Vergleich zur Russischen Föderation führten? Letzteres mag auf den ersten Blick durchaus als eine allenfalls theoretische und für das zentrale Thema zweitrangige Fragestellung erscheinen. Sie zumindest im Hinterkopf zu haben, erscheint jedoch keineswegs als überflüssig. Nicht zuletzt ließe es sich auf empirischem Wege klären, ob die eingangs zitierte These von Jurij Kostjašov zutrifft, dass nicht nur die Herrschenden, sondern auch die Beherrschten das "deutsche historisch-kulturelle Erbe ablehnten".

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei angemerkt, dass eine Konzentration der Fragestellung auf die Wirkung von Invarianten die etwa 130.000 Deutschen unberücksichtigt lässt, die nach Kriegsende im Kaliningrader Gebiet verblieben waren und die allein durch ihre Existenz sowie durch ihre Haltung in Alltag und Beruf bis zu ihrer Abschiebung im Jahre 1948 die Neusiedler ebenfalls beeinflussten.


Fußnoten

7.
Vgl. Ruth Kibelka, Ostpreußens Schicksalsjahre 1944–1948, Berlin 2001, S. 22.

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

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