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24.4.2012 | Von:
Gerhard Barkleit

Kaliningrader Identitäten oder die Schizophrenie der Geschichtslosigkeit

Sieben Beispiele sollen zeigen, wie sich die Befragten in den Interviews an ihre erste Begegnung mit der neuen Heimat und mit den Resten einer fremden Kultur erinnerten.

1. Die Finanzökonomin Anna A. Kopilova kam 1950 in das Kaliningrader Gebiet und zeigte sich bei ihrer Ankunft von der Architektur der Bauwerke besonders beeindruckt: "All das war interessant, unbekannt und beeindruckend". Geradezu euphorisch schilderte sie ihre erste Begegnung mit dem
Ostseeband Cranz.Rückbesinnung heute: Ostseeband Cranz im ehemaligen Ostpreußen, Region Kaliningrad. (© Gerhard Barkleit)
Ostseebad Cranz: "Welche Schönheit! Was für eine Luft!" Die Häuser beschrieb sie als außergewöhnlich, vor allem wegen der Fußwege, die zu ihnen führten, und der Vorgärten, die sie umgaben. "Wir verliebten uns in jedes Haus", fasste sie ihre Eindrücke zusammen.[10]

2. Auf die Frage, ob es eine Kirche gab, antwortete der 1947 gekommene Landwirt und spätere Hauptagronom Afanasij S. Ladynin mit seiner Erinnerung an die ihm unbekannte Ostertradition des Glockenläutens. Als es mittags "um 12 Uhr läutete, dachten wir, es brennt". In der Kirche habe es viele Ikonen und einen Altar gegeben. Sie wurde dann "außer Betrieb genommen und die Religion verboten".[11]

3. Nach seinem Verhältnis zu den "Denkmalen der Vergangenheit, der Kultur und Architektur" befragt, antwortete der 1947 in das ehemalige Haselberg gekommene Militär und Parteifunktionär Jurij M. Fedenevoj, dass ihm die deutsche Architektur gleichgültig gewesen sei. Am Wiederaufbau der zerstörten Häuser sei niemand interessiert gewesen, zumal es auch keinerlei Ressourcen dafür gegeben habe. Außerdem fielen ihm zu dieser Frage die noch von den Deutschen errichteten Denkmale russischer Soldaten zur Erinnerung an die Kriege von 1813 und 1914 sowie die Friedhöfe ein. Die Wohnungen der Umsiedler "seien komplett mit deutschem Inventar ausgestattet gewesen – Möbel, Geschirr und teilweise auch die Kleidung", kann er sich erinnern.[12]

4. Der 1945 nach Kaliningrad gekommene Lehrer Petr J. Nebicovyi ging in seinem 30-seitigen Interview auf eine Reihe der hier Invarianten genannten Gegenstände aus den Bereichen Infrastruktur und Denkmale ein. Auf die Frage, in welchem Zustand sich die Straßen befanden, antwortete er, dass dort, wo es keine Kämpfe gegeben habe,
"Hirsch" KaliningradDas Wohn- und Geschäftshaus "Hirsch" in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg: ein eindrucksvolles Beispiel für eine Invariante. (© Gerhard Barkleit)
"die Straßen in einem ausgezeichneten Zustand" gewesen seien. Besonders beeindruckten ihn damals offensichtlich die in Deutschland überall anzutreffenden Privatwege. Es habe "sehr viele private Wege" gegeben, die "nicht sehr groß" gewesen seien und "zu einzelnen Gebäuden oder einzelnen Siedlungen sowie abgelegenen Gehöften" führten.[13]

Er klagte darüber, dass die Wälder heute nicht mehr in dem vorbildlichen Zustand seien, wie es bei den Deutschen die Regel war. Darüber hinaus, so stellte er bedauernd fest, sage man wohl zu Unrecht, dass Kaliningrad eine Stadt der Gärten sei. Während die Deutschen Grünanlagen anlegten, "legten wir unlängst sogar die Axt an die Gärten" und holzten ab.[14] Zu den Denkmalen der deutschen Architektur zählte Nebicovyi auch die Friedhöfe, denen die Deutschen große Aufmerksamkeit schenkten und die in einem ausgezeichneten Zustand gewesen seien. Weiterhin nannte er ein Bismarck-Denkmal und eines für Kaiser Wilhelm als Beispiele dafür, dass deutsche "Helden" durch sowjetische ersetzt worden seien, sowie das Friedländer und das Brandenburger Tor.[15]

6. Nikolaj I. Čudinov, seit 1945 im Kaliningrader Gebiet und nach seiner Militärzeit in der Landwirtschaft tätig, erwähnte vor allem landwirtschaftliches Gerät der Deutschen, wie Pflüge und Eggen, die jedoch vor allem von Litauern sofort in Besitz genommen worden seien. In den deutschen Wohnungen seien ihm besonders die Gardinen an den Fenstern aufgefallen, so genannte Stores, die beiseite geschoben werden konnten. Obwohl "alles für uns ungewohnt war", scheinen ihm die Betten am meisten imponiert zu haben: "Das Bett war so, dass man sowohl längs, als auch quer darin liegen konnte", erinnerte er sich. Andererseits sei es sehr niedrig gewesen: "Bei uns braucht man ja fast eine Leiter, um sich schlafen zu legen."[16]

6. Alevtina V. Zeloval'nikova, eine seit 1947 in Kaliningrad lebende Lehrerin und Komsomolfunktionärin, ging in ihrem Interview ganz systematisch auf das ein, was hier als Invarianten bezeichnet wird. Als Erstes betonte sie, dass "die Stadt sehr sauber" war und sie von den gepflasterten Gehwegen besonders beeindruckt gewesen sei, auf denen sich keine Pfützen bildeten. Ihre Unzufriedenheit mit dem Zustand von Sauberkeit und Ordnung in Kaliningrad brachte sie mit einem Witz auf den Punkt, der "nicht von ungefähr" eines Tages in Umlauf gebracht worden sei und sich in freier Übersetzung etwa so erzählen lässt: Die Deutschen drohten mit der Rücknahme von Königsberg. Die Russen reagierten recht gelassen und konterten, dass sie ohne Weiteres in der Lage seien, nach Königsberg auch aus Berlin eine Stadt zu machen, die man nicht mehr wieder erkennt. Das Zweite, woran sie sich erinnere, seien die Blumen: "Die ganze Stadt versank in Blumen. Jedes Haus besaß einen Vorgarten mit Blumen und Ziersträuchern. […] Man kann sagen, dass jeder dieser Vorgärten ein kleines Kunstwerk war." Als Drittes habe sie der Umstand beeindruckt, dass sie im ganzen Kaliningrader Gebiet nicht ein einziges Holzhaus gesehen habe.

Die pädagogische Direktorin der Schule, an der sie als Lehrerin arbeitete, habe sich "zusammen mit ihrem Mann in einer zweistöckigen deutschen Villa niedergelassen, deren Ausstattung noch komplett vorhanden war". Das dort vorgefundene Kristall und andere hochwertige Gebrauchsgegenstände haben sie in den ersten Nachkriegsjahren verkaufen und mit dem Erlös Lebensmittel erwerben können.[17]

7. Vladimir D. Fomin, 1946 in das Kaliningrader Gebiet gekommen und als Abteilungsleiter in der Bernsteinfabrik "Jantar" tätig, betonte die Schönheit der Stadt Königsberg und erinnerte sich insbesondere an die zahlreichen Denkmale – Skulpturen aus Bronze – sowie großflächige Reliefs. Es sei "nicht nötig" gewesen, "die deutschen Denkmale abzutragen", betonte er.[18]


Fußnoten

10.
Ebd., t. 1/12, str. 54.
11.
Ebd., t. 1/12, str. 54.
12.
Ebd., t. 1/2, str. 47f u. 41.
13.
Ebd., t. 1/11,str. 24f.
14.
Ebd., t. 1/11, str. 27.
15.
Ebd., t. 1/11, str. 28.
16.
Ebd., t. 1/8, str. 23.
17.
Ebd., t. 1/2 str. 64 f.
18.
Ebd., t. 1/16, str. 31 f.

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