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24.4.2012 | Von:
Stefan Troebst

"Osten sind immer die Anderen!"

"Mitteleuropa" als exklusionistisches Konzept

Im Zuge des Epochenjahrs 1989 hat "Europa" den "Osten" immer weiter nach Osten abgedrängt, während der Westrand des "früheren" Osteuropa in die "Mitte" gerutscht ist. Die Rede von der Mitte bedingt zwangsläufig die Ausgrenzung dessen, was nicht mittig ist. Dies trifft auch und gerade für den Mitteleuropa-Diskurs der 1980er-Jahre und seine Nach-"Wende"-Fortsetzung zu – wobei nun zunehmend "Europa" die "Mitte" ersetzt.

I.

1997 hat die polnische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" dem politischen Philosophen Leszek Kołakowski aus Anlass seines 70. Geburtstages eine ungewöhnliche Ehrung zu Teil werden lassen: Sie verlieh ihm den Titel "król Europy Środkowej", krönte ihn also zum "König von Mitteleuropa".[1] Auch wenn nicht ganz klar ist, wie ernst gemeint diese Thronproklamation war, haben sie viele Polen durchaus ernst genommen. Denn Kołakowskis Denken und Person verkörperten genau das, was Milan Kundera in seinem berühmten Essay von 1984 benannt hatte – einen occident kidnappé, also den von Stalin widerrechtlich "entführten" Teil des "Westens" namens Europe centrale.[2] Der Umstand, dass der "König" dieses Teils Europas, also Kołakowski, seit 1968 ins britische Exil gezwungen war, änderte dabei nichts an seiner Legitimität und an seinem Regierungsprogramm: Aufklärung, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, Marktwirtschaft und Demokratie.

Warum indes deutsche und österreichische Protagonisten der 1980er- und 90er-Jahre ungeachtet der großdeutsch-Naumannschen Konnotationen samt nationalsozialistischer Instrumentalisierung den ideologisch aufgeladenen "Mitteleuropa"-Begriff statt des neutraleren Regionalterminus "Zentraleuropa" verwendeten, ist im Nachhinein schwer verständlich. Denn sowohl das tschechische "Střední Evropa" als auch das polnische "Europa Środkowa" können sowohl mit Mittel- als auch mit Zentraleuropa übersetzt werden. Lediglich zu vermuten ist, dass im Deutschen die "Mitte" eine stärkere emotionale Aufladung aufweist und damit höhere identifikatorische Wirkung entfaltet als das lateinisch-technizistische "Zentrum".[3]

Auch wenn der liberale Vordenker Kołakowski selbst das All Souls College in Oxford nach 1989 nicht mehr gegen seine polnische Heimat eintauschte, wurde sein politisches Programm jetzt umgehend wirkungsmächtig. Dies allerdings nicht unter dem Rubrum "Mitteleuropa" – die 1989 gegründete Central European Initiative bzw. Mitteleuropäische Initiative reicht heute zwar von Sardinien bis ins Donbass-Gebiet, ist aber ein anämisches Gebilde von 18 Staaten –, sondern unter dem historischen Begriff Visegrád.
Visegrád-Gipfel 2007.Die Präsidenten der "Visegrád-Staaten" (V4) Polen, Tschechiens, Ungarns und der Slowakei, Lech Kaczynski, Václav Klaus, László Solyom und Ivan Gasparovic (v.l.), bei ihrem Gipfeltreffen am 20. September 2007 in Kestzhély (Ungarn). (© picture-alliance/AP)
Auf der am ungarischen Donauknie gelegenen Burg Visegrád hatte 1335 ein historisches Treffen der ungarischen, böhmischen und polnischen Könige stattgefunden. Die drei, nach der "samtenen Scheidung" der Slowaken von den Tschechen dann vier Visegrád-Staaten Polen, Ungarn, Tschechische Republik und Slowakei (V4) verstehen sich als "eigentliches" Mitteleuropa – bzw. verstanden sich zumindest bis zu ihrem Beitritt zur NATO 1999 als solches. Dabei überwog die gemeinsame Abgrenzung nach außen die Gemeinsamkeiten nach innen, fällt es doch einer Gruppe in aller Regel leichter, ihre Außengrenze zu definieren – also das, was sie nicht sein will –, als zu verdeutlichen, was sie im Innersten zusammenhält. Nicht zuletzt daher die ewige Diskussion, ob die Türkei zur Europa gehöre oder – aktueller, ob der Ukraine eine EU-Beitrittsperspektive eröffnet werden solle oder nicht.

Diesbezüglich hatten die Mitteleuropa-Aktivisten des Kalten Krieges und der "friedlichen" bzw. "verhandelten Revolutionen" des Jahres 1989 klare Vorstellungen: "Es muss eine Grenze geben", postulierte Václav Havel als tschechischer Präsident im Vorfeld der NATO-Osterweiterung und meinte damit diejenige zum postsowjetisch-ostslawischen Raum, also zu Belarus, zur Ukraine und vor allem zur Russländischen Föderation, aber auch die zum kriegszerissenen Ex-Jugoslawien sowie zu einem imaginären "Balkan" insgesamt.[4] Damit schloss er unmittelbar an Kunderas ebenso dezidiert wie doppelsinnig post-habsburgische Mitteleuropa-Konzeption an, die ebenfalls "Osteuropa" und "Südosteuropa" ausschloss. "Mitteleuropa" war in dieser Sicht westkirchlich, liberal, bürgerschaftlich – eben "europäisch", im Unterschied zur "eurasischen" und "balkanischen" Peripherie. Neben der integrativ-inklusionistischen Komponente war die exklusionistische Dimension des Mitteleuropa-Konzepts also unverkennbar. Die unausgesprochene Begründung war dabei eine kulturell-zivilisatorische wie "abendländische", die wesentlich auf negativen Stereotypen basierte. Positive Selbstbilder wie etwa das einigende Band eines romantisch verklärten Slaventums oder eine weit über die Orthodoxie hinaus reichende kyrillomethodianische Tradition, wie sie beide bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein kultiviert wurden, kamen nun nicht mehr zum Tragen.

Mit Blick auf die repressive Periode sowjetischer Hegemonie sowie auf den unmittelbar aus der skizzierten Mitteleuropa-Konzeption abgeleiteten Anspruch der Visegrád-Staaten auf bevorrechtigte Aufnahme in den Europarat, die NATO und ultimativ in die EU ist bzw. war dies ein verständlicher politischer Reflex. Dennoch ist dieses maßgeblich durch die Namen Kundera und Havel repräsentierte exklusionistische und für die – mit Tomáš Masaryk und Miroslav Hroch – "kleinen Nationen" der Region typische Mitteleuropa-Verständnis in der Perspektive der geistesgeschichtlichen Tradition Polens und Ungarns mit ihren imperialen Elementen eine verengende und somit unhistorische.

Dies sei in historischer wie historiografischer Hinsicht am Beispiel der Konzeption europäischer Geschichtsregionen erläutert, wie sie der Wiener Historiker kroatisch-polnischer Herkunft Oskar Ritter von Halecki in seinem US-amerikanischen Exil in den 1940er- und 50er-Jahren entwickelt hat. Sein Kernstück ist dabei ein transnationales, multiethnisches, vielsprachiges und plurireligiöses "Ostmitteleuropa", das von der Ostsee bis an Adria, Ägäis und Schwarzes Meer reicht – ein Regionalisierungsmuster, das zeitversetzt auch in der ungarischen Geschichtswissenschaft auf fruchtbaren Boden gefallen ist und auf die öffentliche Debatte ausgestrahlt hat.


Fußnoten

1.
Jerzy Piątek, Filozof, król Europy Środkowej [Ein Philosoph, König Mitteleuropas], http://wiadomosci.polska.pl/specdlapolski/article.htm?id=141436 [12.4.2012].
2.
Milan Kundera, Un occident kidnappé oder die Tragödie Zentraleuropas, in: Kommune 2 (1984) 7, S. 43–52. Der Nach-»Wende«-Neologismus Europe médiane hat sich im Französischen gegen Europe centrale nicht durchsetzen können, und dies ungeachtet intensiver Bemühungen von Historikern. Vgl. etwa Maria Delaperrière et al. (eds.), Europe médiane. Aux sources des identities nationales, Paris 2005.
3.
Paradigmatisch Erhard Busek/Emil Brix, Projekt Mitteleuropa, Wien 1986, u. Erhard Busek/Gerhard Wilfinger (Hg.), Aufbruch nach Mitteleuropa: Rekonstruktion eines versunkenen Kontinents, Himberg 1986, sowie Karl Schlögel, Die Mitte liegt ostwärts. Mitteleuropa, die Deutschen und der verlorene Osten, Berlin (W.) 1986. Vgl. dazu die polnischen, ungarischen und tschechischen Perspektiven bei Hans-Werner Rautenberg (Hg.), Trauma oder Traum? Der polnische Beitrag zur Mitteleuropa-Diskussion (1985–1990), Marburg/L. 1991; Hans-Peter Burmeister u. a. (Hg.), Mitteleuropa – Traum oder Trauma. Überlegungen zum Selbstbild einer Region, Bremen 1988, u. Martin Schulze Wessel, Die Mitte liegt westwärts. Mitteleuropa in tschechischer Diskussion, in: Bohemia 29 (1988), S. 325–344.
4.
Klaus-Peter Schwarz, Vor dem NATO-Gipfel in Prag. Jenseits des früheren Eisernen Vorhangs, in: FAZ, 20.11.2002, S. 7.

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