Beleuchteter Reichstag

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20.6.2012 | Von:
Peter Wurschi
Leonard Schmieding

"Hallo?! – Hier kommt die DDR"

Bericht über das Halbtagesseminar "Somewhere – Das Land hinter dem Zaun" mit Thüringer Schülern

"Was fällt euch denn zur DDR ein?" – Zögern, Scharren, Blicke nach unten. Seit 2009 wird für Thüringer Schulen das Halbtagesseminar "Somewhere" angeboten. Zwar ersetzt das Seminar nicht den Besuch eines historischen Ortes, aber die Arbeit mit externen Experten im Klassenzimmer eröffnet den Schülerinnen und Schülern durchaus neue Einblicke in "Das Land hinter dem Zaun".

Es ist kalt, es ist dunkel, es ist viel zu früh. Wie zwei Vertreter in "Sachen Geschichte" schälen wir uns aus dem Auto, schnappen die Klappbox, in der alle Utensilien für ein halbtägiges Geschichtsseminar verstaut sind und machen uns auf die Suche nach dem Klassenzimmer. Jenem Zimmer, in denen müde, skeptische, erwartungsfrohe und neugierige Augenpaare auf uns warten und in dem wir zusammen die nächsten Stunden uns einem vergangenen Land näheren wollen: "Hallo?! Hier kommt die DDR."

Seit 2009 bietet die Stiftung Ettersberg – Europäische Diktaturforschung/Aufarbeitung der SED-Diktatur/Gedenkstätte Andreasstraße (Weimar) in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen und in Zusammenarbeit mit der Lehreinheit Geschichtsdidaktik am Historischen Seminar der Universität Leipzig das Halbtagesseminar "Somewhere – Das Land hinter dem Zaun" in Thüringer Schulen an. Ausgangspunkt für diese Initiative war der häufig genannte Wunsch von Lehrerinnen und Lehrern, das Thema DDR im Unterricht zu vertiefen, indem sie einen außerschulischen Lernort besuchen und dort mit Expertinnen und Experten einen Aspekt der DDR-Geschichte intensiv behandeln. Da vielen Klassen die Zeit zur Planung und Durchführung solcher Veranstaltungen fehlt, konnte diesem Wunsch nur selten entsprochen werden. Insofern versucht "Somewhere" dieser Schwierigkeit entgegenzuwirken und kommt an die Schule. Zwar ersetzt das Seminar nicht den Besuch eines historischen Ortes als außerschulischen Lernort, stattdessen übt es aber seinen Reiz durch die Anwesenheit von externen Experten im Klassenzimmer aus.

Das Seminar ist kostenfrei, einzig einen zusammenhängenden Tag mit freier Zeiteinteilung müssen die Schulen bereitstellen. Um einen vielfältigen und fächerübergreifenden Zugang zur DDR-Geschichte anzubieten, kann "Somewhere" zu zwei Schwerpunkten gebucht werden: Zum einen bietet es eine Auseinandersetzung mit Jugendkulturen, genauer: mit den jugendlichen Subkulturen Punk und HipHop an, zum anderen nähert es sich dem Thema DDR auch über Wirtschaftsfragen. Die DDR ist nicht nur ein Thema für den Geschichtsunterricht, vielfältige Zugangsmöglichkeiten zu diesem nicht mehr existierenden Land ergeben sich, wenn die Schülerinnen und Schüler über die Alltagserfahrungen der Menschen die Spur aufnehmen. Für die Schulen wiederum ist es von Vorteil, das Seminar in Geschichte, Literatur, Sozialkunde, Wirtschaft und Recht bzw. Musik und Kunsterziehung verbuchen zu können. Dies erhöht die Chance, – auch den "Geschichtsreisenden" – einen ganzen Schultag zur Verfügung zu stellen. Hier soll es um einen Bericht zu einem Seminar mit dem Schwerpunkt der Jugendkulturen gehen.

8.00–9.00 Uhr: Block I

Wir setzen die Klappkiste ab und bauen die Technik auf. Die Schülerinnen und Schüler glucksen. Zwei neue, zwei andere Gesichter wollen sich heute mit ihnen beschäftigen. Wir fangen an, mit der ganz naiven Frage: Was fällt euch denn zur DDR ein? – Zögern, Scharren, Blicke nach unten. Einer meldet sich: NVA!? – Herrlich, das Land mit dem AKF oder Aküfi (Abkürzungsfimmel) hat seine Spuren hinterlassen: LPG, FDJ, MfS, VEB, ABV, BRD – Stück für Stück füllt sich die Tafel und Schulwissen, wie auch Familiengedächtnis tragen Früchte. Von Arbeit und Grenze erzählen die Schüler, von früher, von Brigade und Kollektiv, von Disko und Freizeit, Schule und Jugendweihe. Auch von Stasi und Repression, von Kirche und Demonstration bekommen wir zu hören, oft ungeordnet, vieles nebeneinander, manches miteinander vermischt. Deutlich scheinen hinter den Aussagen, hinter der Sprache der Schülerinnen und Schüler die familiären Zuordnungen durch. Spannend wird es, wenn einzelne gar in die Sprache ihrer Großeltern verfallen, wenn sie von damals erzählen. Doch die Erinnerung ist da. Oft auch mit kritischen Blick von neuen Quellen, dem Schulwissen oder Filmen vermischt, immer gepaart mit der Neugier, mehr aus/von der DDR zu erfahren.

Somewhere-ErgebnisseArbeitsergebnisse (© Stiftung Ettersberg)
Wir bündeln das Wissen, stellen an der Tafel Zusammenhänge her, die Klasse wirft Fragen auf: Wieso heißt es "Freie Deutsche Jugend", wenn es doch gar nicht so frei gewesen sein soll? Warum durften unsere Eltern nicht die Musik hören, die sie hören wollten? Und warum hat die Staatssicherheit das alles so interessiert? In diesen ersten Diskussionen entwickeln die Schülerinnen und Schüler das Spektrum ihrer Fragen für das Seminar. Im Dialog mit uns als Experten zu Jugendkulturen in der DDR formulieren sie ihr Erkenntnisinteresse und stellen sich somit ihre Aufgaben selbst. Wir leiten sie dabei lediglich an, stellen das Quellenmaterial und stehen für Nachfragen zum größeren Zusammenhang zur Verfügung.

Den Block I schließt dann ein multimedialer Vortrag von Peter Wurschi ab, der den Schülerinnen und Schülern ein Überblickswissen über die Geschichte der DDR und den darin eingewobenen (Jugend-)Generationen bietet. Für das Verständnis dieses oftmals monolithisch wahrgenommenen Stücks Geschichte ist es unabdingbar, die Zeiten der 40-jährigen Existenz auseinanderzunehmen wie auch auf die unterschiedlichen Sozialisationen in der DDR einzugehen. Die DDR war in den 50ern und 60ern eine andere, als in den 1970er- und 80er-Jahren. Die Menschen wuchsen verschieden auf, hatten andere Konflikte zu bestehen und auch die Jugendsubkulturen differenzierten sich ab den Achtzigern schneller und deutlicher aus.


Über 1.000 Schüler nahmen bisher an dem Halbtagesseminar teil. Dabei hat sich unsere Konzeption, den Teilnehmern einen Zugang zur Geschichte zu vermitteln, der sich hauptsächlich aus Bezügen zu ihrer eigenen Lebenswelt speist, als nachhaltig herausgestellt. Struktur, Ablaufplan und Methodik gehen auf. Natürlich ist es den anbietenden Institutionen bewusst, dass ein Schultag eine intensive Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte nicht ersetzen kann, doch besteht der Wille, Interesse für dieses Land zu entwickeln und neben die vielen Erzählungen aus Familie, Nachbarschaft und Heimatort noch weitere zu setzen. Immer wieder treffen wir auf ausgesprochene Zurückhaltung der Schülerinnen und Schüler sich eine Meinung zur DDR zu bilden: "Ich war nicht dabei" oder "Ich kann dazu nichts sagen", sind beliebte Sätze, die das Thema seitens der Schülerinnen und Schüler rahmen.

So entsteht aus den mitgebrachten Quellen, also Zeitzeugenberichten, Faksimiles von Original-Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), Fotos und weiteren Textdokumenten eine neue, oftmals unbekannte Welt. Diese mit den familiären Erinnerungen abzugleichen überfordert die Schülerinnen und Schüler oft.

Doch nicht belehrend oder wertend ist das Seminar, es lässt immer wieder Raum für eigene Überlegungen, für eigene Wertungen und die stete Weiterentwicklung von eigenen Leitfragen. Auf diese Weise bedient es das geschichtsdidaktische Gebot nach Multiperspektivität: Nicht nur setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit einer Vielzahl von unterschiedlichen historischen Akteuren auseinander und analysieren ihr Denken und Handeln; sie kommen dabei zu durchaus kontroversen Ergebnissen und setzen diese abschließend miteinander in Bezug.

Spannend allerdings ist eine Beobachtung. Bei der anfänglichen Assoziationsübung, "Was wisst ihr über die DDR?" kommt nach und nach vieles zu Tage, der Begriff SED fällt zumeist nicht, oder wenn, dann sehr spät oder nur aufgrund von Nachfragen. Es bleibt hier festzustellen: Vieles hat sich eingeprägt in den Köpfen der Nachgeborenen, über vieles wird geredet aus der Zeit der DDR, über die Struktur der Herrschaft und die Bedeutung der "Partei" dabei jedoch offensichtlich nicht. Die SED ist aus dem kollektiven Gedächtnis der Nachgeborenen verschwunden.



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