Beleuchteter Reichstag

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20.9.2012 | Von:
Anke Schüler

Ein Name, zwei Wege:
Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart

Hintergründe der Trennung der Verlagshäuser in den 1950er-Jahren

III

Trotz der Unstimmigkeiten wegen des eingesetzten Treuhänders zwischen der Familie und der DDR-Administration arbeiteten die Verlage zunächst noch zusammen. So wurden etwa Verhandlungen über den Kauf bzw. Verkauf von Reclam-Bändchen von Leipzig nach Stuttgart geführt.[17] Zudem einigten sich die Verlage 1952 bei der Verteilung der Nummern für die "Universalbibliothek". So sollten Doppelungen in der Nummerierung vermieden werden.[18]

Nach und nach dünnte jedoch die Kommunikation der Familie Reclam mit dem Leipziger Verlagshaus immer mehr aus. Angestellte und Mitarbeiter, zu denen immer noch Beziehungen gepflegt wurden, wie etwa Hildegard Böttcher, wurden entlassen. In Stuttgart vermutete man, dass dies geschah, um den Kontakt zur Familie zu unterbinden.[19] Einige Mitarbeiter fanden in Stuttgart eine neue Anstellung. Insgesamt brach die Kommunikation der beiden Verlagshäuser 1952 fast vollständig ab. Dies betraf vor allem den Kontakt auf Führungsebene.

Mit anhaltender Treuhandschaft verschlechterten sich die Beziehungen beider Verlage zunehmend. Da die Stuttgarter Familie die Treuhandschaft nicht anerkannte, weil sie ihrer Meinung nach jeder Rechtsgrundlage entbehrte, begann man Maßnahmen gegen das Leipziger Haus einzuleiten. So ließ man 1952 im Frankfurter Börsenblatt "Reclams Universal-Bibliothek" auf die Liste jener Bücher setzen, deren Einfuhr nach Westdeutschland verboten wurde.[20] Somit durfte die Leipziger Produktion nicht mehr in der Bundesrepublik vertrieben werden. Später meldete Stuttgart außerdem ein Patent auf die Begriffe "Reclam" und "Universal-Bibliothek" an, was eine gerichtliche Verfolgung der Leipziger Reclam-Produkte in Westdeutschland zur Folge hatte.[21]

IV

In Leipzig wurden die Anteile der Familie Reclam, deren Familienmitglieder sich ausnahmslos nicht in der DDR befanden, durch einen Treuhänder verwaltet. Nachdem zunächst Hermann Obluda durch den Rat der Stadt Leipzig als Treuhänder eingesetzt worden war, übernahm diese Aufgabe ab April 1951 die Vereinigung Volkseigener Betriebe Druck (VVB Druck). Sie setzte als Bevollmächtigten jedoch erneut Obluda ein, weshalb sich zunächst wenig veränderte.[22]

1952 jedoch wandelten sich die Besitzverhältnisse im Reclam Verlag entscheidend. Grund hierfür war eine Gesetzesänderung, welche die Anteile der Gesellschafter betraf. Zu diesem Zeitpunkt gehörten noch alle Anteile an der
Reclam-EigentümerDie Eigentümer des Reclam Verlages (© Anke Schüler)
Leipziger Firma Familienmitgliedern. Neben Ernst Reclam, der 17 Prozent der Anteile hielt, waren auch seine Schwester Margarete mit 32,9 und sein Sohn Heinrich mit 10,2 Prozent der Anteile am Verlag beteiligt. Elisabeth "Liselotte" Reclam, die Frau des verstorbenen Hans Emil Reclam, sowie dessen Kinder Rolf, Ruth und Ilse hielten jeweils weniger als ein Zehntel der Anteile, ebenso wie Ernst Reclams Tochter Annemarie Klinckhardt.[23] Alle Anteile wurden zunächst treuhänderisch verwaltet, da die Eigentümer sich in Westdeutschland befanden.

Mit der Verordnung zur Sicherung von Vermögenswerten vom 17. Juli 1952 wurden die Vermögenswerte von Personen, die nicht in der DDR lebten, und solchen, die die DDR unangemeldet verlassen hatten, neu betrachtet. Laut § 1 der Verordnung war das "Vermögen von Personen, die das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik verlassen, ohne die polizeilichen Meldevorschriften zu beachten oder hierzu Vorbereitungen zu treffen, […] zu beschlagnahmen." Und in § 6 der Verordnung hieß es: "Das im Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik befindliche Vermögen von Personen deutscher Staatsangehörigkeit, die ihren Wohnsitz oder ständigen Aufenthalt in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands oder in den von den westlichen Besatzungsmächten besetzten Sektoren Berlins haben, wird in den Schutz und die vorläufige Verwaltung der Organe der Deutschen Demokratischen Republik übernommen. Dasselbe gilt für juristische Personen, die ihren Sitz in dem genannten Gebiet haben."[24]

Für die Mitglieder der Familie Reclam bedeutete dies, dass Ruth Conrad, die laut Unterlagen bereits am 15. September 1948 die DDR unangemeldet verlassen hatte, nach § 1 enteignet wurde. Auch Ernst Reclam wurde auf Basis dieses Gesetzes enteignet, da sein Verlassen der DDR als illegal bewertet wurde. Später wurden rückwirkend auch Liselotte und Ilse Reclam enteignet. Lediglich die Anteile von Margarete, Heinrich und Rolf Reclam sowie von Annemarie Klinckhardt wurden nach § 6 der Deutschen Investitionsbank zur Verwaltung übergeben, da diese sich ordnungsgemäß aus der DDR abgemeldet hatten. Eine vollständige Überführung des Verlags in Volkseigentum war durch die verbleibenden Familienanteile im Fall Reclam nicht möglich.[25]

Dennoch wurde der Leipziger Reclam Verlag im Mai 1953 für einige Wochen zum volkseigenen Betrieb erklärt. Es scheint, als sei diese Überführung über Jahre angestrebt worden. So war im Februar 1953 zunächst diskutiert worden, ob Reclams Steuerschuld, die mit über drei Millionen Mark angegeben wurde, hierfür genutzt werden könne. Die Idee, das Betriebsvermögen durch den volkseigenen Sektor laut Rundverfügung Nr. 304 zu kaufen und die Steuerschulden mit dem aktiven Anlagevermögen zu verrechnen, war jedoch wieder verworfen worden. Stattdessen hatte die VVB Druck am 23. April 1953 einen Vertrag mit dem Rat des 2. Stadtbezirkes Leipzig geschlossen, durch den die VVB Druck alle Vermögensanteile und Verbindlichkeiten der Firma Reclam übernahm. Dadurch wurde das aktive Vermögen des Betriebes in Volkseigentum überführt und der Verlag als selbstständiger Rechtsträger der Vereinigung Volkseigener Verlage angeschlossen (VVV). Er wurde fortan unter der Firmierung VEB Philipp Reclam jun. Leipzig geführt. Gleichzeitig wurde der technische Betrieb vom Verlag getrennt und ebenfalls zum volkseigenen Betrieb erklärt. Grundlage hierfür war ein Erlass des Ministeriums für Leichtindustrie, die Erste Einkommenssteuerverordnung vom 5. März 1953. Danach fielen Steuerdelikte künftig unter das Wirtschaftsrecht und konnten schärfer geahndet werden. Gefängnisstrafen und Vermögenseinzug waren möglich.[26]

Letztlich war der Verlag jedoch nur sechs Wochen lang volkseigen. Mit den Ereignissen um den 17. Juni 1953 nahm die DDR-Regierung einige Maßnahmen zurück, darunter auch die Verordnung zur Einkommensversteuerung. Die Überführung des Verlags war damit ohne Rechtsgrundlage und wurde rückgängig gemacht.
125-Jahr-Feier des Reclam VerlagesBlumenschmuck zur 125-Jahr-Feier des Reclam Verlages in Leipzig, 1. Oktober 1953 (© Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart/Gerhard Treblegar, TEKA-Film Studio Leipzig)
Der Verlag wurde erneut zum Treuhandbetrieb unter staatlicher Verwaltung. Die Steuerschulden bis zum 31. Dezember 1951 wurden dem Verlag erlassen.[27]

Das Ende der Treuhandschaft wurde schließlich durch die Verordnung zur Sicherung von Vermögenswerten eingeleitet und am 19. Mai 1954 vollzogen. Die Verwaltung der bestehenden Gesellschafteranteile, welche nicht enteignet wurden, übernahm die Deutsche Investitionsbank.[28] Damit wurde die vom Rat der Stadt Leipzig ausgeübte treuhänderische Verwaltung hinfällig und endete.[29] Die Deutsche Investitionsbank beauftragte die VVB Druck mit der Leitung des Verlages.[30]


Fußnoten

17.
Vgl. Briefwechsel zwischen Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart, 1950–1951, RAL, Mappe 1-28.
18.
Vgl. Brief von Reclam Leipzig an die VVB Druck, 1.7.1952, RAL, Akte 56.
19.
Vgl. Brief von Dr. Koch u. Dr. Vierling an Ernst Reclam, 22.5.1951, Reclam Archiv Stuttgart (RASt), Ordner "Passau".
20.
Vgl. Erklärung Reclam Leipzig an den Börsenverein Leipzig, o.D, RAL, Mappe 1-28.
21.
Vgl. Max (Anm. 1), S. 58.
22.
Registerkarteneintrag: HRA 392, Eintrag 11, 20.9.1951, StadtAL.
23.
Vgl. StadtAL, Priv Firm Paket 46 Nr. 1627, Bl. 29. Die Daten beziehen sich auf den Stand vom 31.3.1953. – Das Folgende ebd.
24.
Vgl. GBl. DDR 1952, Nr. 100, 17.7.1952.
25.
StadtAL, Priv Firm Paket 46 Nr. 1627, Bl. 1 u. 5.
26.
Vgl. Carmen Laux, Philipp Reclam jun. Leipzig: "Eine Prestigefrage des Leipziger Buchhandels". Die Entwicklung des Verlages in den Jahren 1945–1953, unveröff. Mag.-arb. Univ. Leipzig 2010, S. 170–173.
27.
Vgl. ebd.
28.
Vgl. Übergabeprotokoll, StadtAL, Priv Firm Paket 46, Nr. 1627, Bl. 1.
29.
Schreiben des Rates der Stadt Leipzig, 11.5.1954, ebd., Bl. 18.
30.
Vgl. Übergabeprotokoll (Anm. 28).

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