Beleuchteter Reichstag

counter
20.9.2012 | Von:
Franziska Galek

Das große Volkstanzbuch von Herbert Oetke

Eine deutsch-deutsche Editionsgeschichte in fünf Akten

3. Akt: Eine schwere Geburt – doch das Buch erscheint

Die Zeit vom Vertragsabschluss im Frühjahr 1977 bis zur Veröffentlichung des Buches zum Jahreswechsel 1982/83 ist die mittels Schriftverkehr am ausführlichsten überlieferte Phase dieser Editionsgeschichte. Für die Bearbeitung des Manuskripts, die Überprüfung sämtlicher Quellen und bibliografischer Angaben wie auch für die Noten- und Bildauswahl musste ein Fachmann gewonnen werden, da der Verlag die Arbeiten nicht selbst durchführen konnte. Man traf schließlich mit dem Tanzwissenschaftler Kurt Petermann, dem bisher größten Fürsprecher Herbert Oetkes, eine vertragliche Übereinkunft über die Ausführung sämtlicher anstehender Arbeiten.[25]

Mit der Übernahme dieser Aufgaben änderte sich das Verhältnis zwischen Oetke und Petermann – aus dem einstigen Förderer wurde nun der Kritiker. Schon nach der Durchsicht des ersten Kapitels schrieb Petermann an den Verlag: "Das Oetke-Manuskript ist sortiert und ich habe mit der Redaktion des Textes begonnen. Jetzt weiß ich erst, auf welch problematisches Unternehmen ich mich da eingelassen habe. Ich mußte Herbert Oetke nach Durchsicht des Kapitels Reifentanz einen Brief schreiben, der die wichtigsten Probleme der Überarbeitung enthält. Stilistische und orthographische Fragen habe ich hier gar nicht erwähnt, sondern ich habe ihn nur in Kenntnis gesetzt, daß sein Manuskript einer grundsätzlichen Überarbeitung bedarf."[26]

Die Liste seiner Beanstandungen war lang. Fast alle Mängel betrafen die unwissenschaftliche Arbeitsweise des Autors, wie beispielsweise fehlende Belege durch Fußnoten und unvollständige Quellenangaben, das unkommentierte, seitenweise Zitieren anderer Forscher sowie die Fehlinterpretation einiger Originaltexte.[27] Da sich die briefliche Verständigung zwischen Hamburg und Leipzig als sehr schwierig und zeitaufwendig erwies, ging Petermann dazu über, die seiner Meinung nach notwendigen Korrekturen ohne detaillierte Rücksprache mit dem Verfasser, aber im Einvernehmen mit dem Verlag durchzuführen. In einem Brief an Wandrey meinte Petermann über Oetke: "Ich bat ihn vorsichtshalber um Mitarbeit, nehme aber an, daß er nur auf wenige Fragen, die ich in dem Brief angeschnitten habe, befriedigende Antwort geben kann und werde also auf mich selbst gestellt die Überarbeitung in meinem Sinne vornehmen."[28]

Die redaktionelle Bearbeitung war durch die Überprüfung sämtlicher Originalquellen, die Bildbeschaffung und Melodieauswahl sehr aufwendig und zog sich insgesamt über zwei Jahre hin. Im Frühjahr 1981 reiste Herbert Oetke schließlich nach Leipzig um sein Manuskript, welches er seit mehreren Jahren nicht gesehen hatte, für den Druck zu autorisieren. Dort musste er feststellen, dass "starke Kürzungen, aber auch Änderungen im Text vorgenommen wurden".[29] Das Vorwort war gekürzt, das Nachwort entfernt und anstelle seines Schriftenverzeichnisses eine 400-seitige Auswahlbibliografie von Kurt Petermann gesetzt worden. Um den Druck jedoch nicht weiter zu verzögern und die Bemühungen Petermanns für sein Manuskript nicht gering zu schätzen, unterzeichnete Oetke die Abnahmeerklärung, ohne den zweiten Band mit Notenbeispielen, Bibliografie und Register eingesehen zu haben.[30]

Herbert Oetke, Der deutsche Volkstanz, Band 2Herbert Oetke, Der deutsche Volkstanz, Band 2 (© Henschelverlag)
Nach weiteren Verzögerungen wurde das Buch schließlich im Frühjahr 1983 ausgeliefert. Ein Ereignis auf das Herbert Oetke 17 Jahre lang gewartet hatte und das den Höhepunkt des vorliegenden Dramas markiert. Mit Erschrecken musste er nach Durchsicht des fertigen Buches feststellen, dass sein Gutachter plötzlich als Urheber des zweiten Bandes auf dem Titelblatt erschien, obwohl der Notenanhang wesentlicher Bestandteil von Oetkes Manuskript und seiner lebenslangen Sammelleistung war.[31]

4. Akt: Oetke kämpft um Richtigstellung in einer Neuauflage

Der Erkenntnis Oetkes, seines geistigen Eigentums öffentlich beraubt worden zu sein, folgt im vierten Akt die dringende Forderung nach Richtigstellung in Form einer Neuauflage des zweiten Bandes. In einer Flut von Briefen wandte sich der Autor in den Monaten nach dem Erscheinen an den Henschelverlag. Während es ihm anfänglich noch darum ging, seine Urheberschaft auf dem Titelblatt korrigieren zu lassen, waren es bald allerlei Fehler im Notenanhang, in der Bildauswahl und im Register, die der Autor beanstandete und seinem Bearbeiter zur Last legte. So beschwerte sich Oetke beispielsweise: "Text und Melodie stimmen nicht überein, weil Dr. Petermann einen Text bringt, der nicht aus meinem Original stammt. Ist das nun Besserwisserei oder wieso fühlt er sich berufen als 'Gutachter' Zensur zu üben?"[32]

Da Oetke trotz aller Bitten um eine Stellungnahme vom Verlag nichts Konkretes hörte, drohte er mit Vertragskündigung, auf die er nur durch den Druck einer korrigierten Nachauflage zu verzichten bereit wäre.[33] Das retardierende Moment dieser dramatischen Rekonstruktion drückt sich in Oetkes fester Vorstellung einer bald erscheinenden korrigierten Nachauflage aus, die jedoch ganz und gar illusionär war.


Fußnoten

25.
Vgl. Horst Wandrey, Antrag des Cheflektorats zum Vertragsabschluß mit Dr. Kurt Petermann, Berlin 30.7.1979, HArch, 1147.
26.
Kurt Petermann, Brief an Wandrey (Henschelverlag), Leipzig 13.9.1979, UB/TAL, NL Kurt Petermann, 13.
27.
Vgl. Kurt Petermann, Brief an Oetke, 13.9.1979, UB/TAL, ebd.
28.
Petermann an Wandrey (Anm. 26).
29.
Herbert Oetke, Brief an Petermann, Hamburg 19.5.1981, UB/TAL, NL Herbert Oetke, 109.
30.
Vgl. Herbert Oetke, Erklärung, Hamburg 31.3.1981, UB/TAL, ebd.
31.
Herbert Oetke, Brief an Wandrey (Henschelverlag), Hamburg 20.2.1983, UB/TAL, NL Herbert Oetke, 107.
32.
Herbert Oetke, Brief an Wandrey (Henschelverlag), Hamburg 9.8.1983, S. 3, UB/TAL, ebd.
33.
Vgl. Herbert Oetke, Brief an Wandrey (Henschelverlag), Hamburg 1.12.1983, UB/TAL, ebd.

Publikation zum Thema

Ein Loch in der Mauer: Blick nach Ost-Berlin, Februar 1990.

Das Loch in der Mauer

Auch nach dem Mauerbau bestand ein innerdeutscher Literaturaustausch fort. Ein Kolloquium in Leipzig befasste sich mit der Mauer in der Literatur, mit Ablegern gleicher Verlage in Ost und West und der Beobachtung von Literaturkontakten durch die Staatssicherheit. Weiter...

Zum Shop

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

NEU: Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausstellung + Film

Die Mauer. Sie steht wieder!

Was wäre, wenn die Mauer Berlin erneut halbieren würde? 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert das Deutschland Archiv der bpb mit 30 Bildmontagen und einem Film von Alexander Kupsch an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 25. - 28. Jan. 1949
    Mit der 1.Parteikonferenz (Ersatzparteitag) beginnt die Stalinisierung der SED als Kader- und Kampfpartei nach sowjetischem Vorbild. Diese »Partei neuen Typus« versteht sich als »bewusste Vorhut der Arbeiterklasse« mit dem Politbüro als Führungsspitze und... Weiter
  • 25. Januar - 18. Februar 1954
    Die Berliner Außenministerkonferenz (Dulles , Molotow, Eden, Bidault) kann sich in Deutschland- und Sicherheitsfragen nicht einigen. Eden empfiehlt ein 5-Punkte-Programm zur Wiedervereinigung, das mit den USA und Frankreich abgestimmt ist: 1. kontrollierte... Weiter
  • 25. Januar 1955
    Die Sowjetunion erklärt den Kriegszustand mit Deutschland für beendet. Sie behält sich jedoch weiterhin alle Rechte und Pflichten vor, die sich aus den alliierten Verträgen über Deutschland als Ganzes ergeben. - Die osteuropäischen Staaten folgen diesem... Weiter
  • 25. Januar 1955
    Die Sowjetunion beendigt den Kriegszustand mit Deutschland. Weiter
  • 25. Januar 1985
    Der Bundestag beschließt einstimmig, dass alle Entscheidungen des Volksgerichtshofs nichtig sind; denn es habe sich um ein »Terrorinstrument zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Willkürherrschaft« gehandelt. Damit wird klargestellt, dass der am 24. 4.... Weiter
  • 25. Januar 1987
    Elfte Bundestagswahl: Die CDU/CSU erzielt ihr bisher schlechtestes Ergebnis (44,3 Prozent) seit 1949 (31 Prozent), doch verbucht die FDP Zugewinne (9,1 Prozent), sodass sich die christlichliberale Regierungskoalition behauptet. Die SPD (Spitzenkandidat... Weiter
  • 25. Januar 1990
    Da die Planwirtschaft vor dem Kollaps steht, beschließt die Regierung Modrow, für Handel, Handwerk und Dienstleistungen die volle Gewerbefreiheit einzuführen. Geregelt wird auch die Beteiligung von Ausländern an staatseigenen Betrieben (in der Regel bis zu 49... Weiter