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20.9.2012 | Von:
Rainer Eckert

Gewalt und Internationalität

Neue Texte zum ostmitteleuropäischen Revolutionszyklus von 1989/90

Die Revolutionen der Jahre 1989–1991 in Ostmitteleuropa gehören zum Kernbestand der historischen Erinnerung und der Identität Europas. Zahlreiche Publikationen widmen sich dem Phänomen eines Zyklus von Systemumbrüchen, die gegen kommunistische Diktaturen gerichtet waren und die in der Mehrzahl weitgehend friedlich verliefen.

Sammelrezension zu:

  • Martin Sabrow (Hg.): 1989 und die Rolle der Gewalt, Göttingen: Wallstein 2012, 428 S., € 34,90, ISBN: 9783835310599.
  • Bernd Florath (Hg.): Das Revolutionsjahr 1989. Die demokratische Revolution in Osteuropa als transnationale Zäsur (BStU: Analysen und Dokumente; 34), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011, 250 S., € 16,95, ISBN: 9783525350454.
  • Clemens Vollnhals (Hg.): Jahre des Umbruchs. Friedliche Revolution in der DDR und Transition in Ostmitteleuropa (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung; 43), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011, 406 S., € 59,95, IBSN: 9783525369197.
  • Tobias Hollitzer, Sven Sachenbacher (Hg.): Die Friedliche Revolution in Leipzig. Bilder, Dokumente und Objekte, 2 Bde., Leipzig 2012, 816 S., € 39,90, ISBN: 9783865836472.
  • Armin Mitter: "Die Tragödie ist vorbei". Die Alliierten in Berlin 1989/90 (LStU Berlin: Schriftenreihe; 32), Berlin 2011, 125 S., € 1,40 (in Briefmarken an: LStU, Scharrenstr. 17, 10178 Berlin), ISBN: 9783934085374.
  • Francesca Weil: Verhandelte Demokratisierung. Die Runden Tische der Bezirke 1989/90 in der DDR, (HAIT: Berichte und Studien; 60), Göttingen: V&R unipress 2011, 248 S., € 20,90, ISBN: 9783899718812.
  • Stephan Bickhardt (Hg.): In der Wahrheit leben: Texte von und über Ludwig Mehlhorn (Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen; 13), Leipzig: Ev. Verlagsanstalt, 2012, 297 S., € 13,80, IBSN: 9783374030118.
  • Nicole Glocke: Spontaneität war das Gebot der Stunde. Drei Abgeordnete der ersten und einzigen frei gewählten DDR-Volkskammer berichten, Halle/S.: Mitteldeutscher Verlag 2012, 239 S., € 14,95, ISBN: 9783988128988.


1989 und die Rolle der Gewalt

Die ostmitteleuropäischen Revolutionsjahre von 1989 bis 1991 gehören zweifellos zum Kernbestand der historischen Erinnerung und Identität Europas. Diese Erkenntnis bricht sich jedoch nur mühsam Bahn, und so ist jeder Beitrag höchst begrüßenswert, der das Phänomen eines Zyklus von friedlichen, gegen die kommunistischen Diktaturen gerichteten Revolutionen, die Frage nach dem Wunder ihrer weitgehenden Gewaltlosigkeit aufgreift und das revolutionäre Geschehen in vergleichender Perspektive analysiert.
Sabrow, 1989Martin Sabrow (Hg.): 1989 und die Rolle der Gewalt (© Wallstein)
Dazu trägt ein von Martin Sabrow verantworteter Sammelband Erhebliches bei, der in deutscher und in internationaler Perspektive nach der Rolle der Gewalt in den 1989er-Revolutionen fragt. Hier ist die Antwort eindeutig: Auch diese Revolutionen waren mit Gewaltanwendung verbunden, außer in Rumänien dominierte diese jedoch nicht die Ereignisse.

Martin Sabrow wie auch andere Autoren bezeichnen den schließlichen Gewaltverzicht der Diktatoren und der Opposition als "Wunder von 1989", gleichzeitig setzen gerade hier wichtige Fragen an. Für die Entwicklung wird gerade bei Sabrow klar, dass die weit mehr als 70.000 Menschen am 9. Oktober 1989 auf den Straßen Leipzigs den revolutionären Durchbruch brachten. Dies erklärt sich jedoch nur vor dem Zusammenspiel von Ausreisern (Ausreisewilligen bzw. Ausreiseantragstellern), Demonstranten und Oppositionellen. Der Autor führt als vierte Kraft noch die Reformer innerhalb der SED an, doch war von deren Wirken im Herbst 1989 kaum etwas zu spüren. Überzeugender sind dagegen die Ausführungen über die innere Lähmung der SED-Führung und über die Ausstrahlung der christlichen Religion (etwa durch die Bausoldaten, deren Verhalten Holger Nehring beschreibt) besonders auf die Gruppen der Bürgerbewegung. Der Ruf "Keine Gewalt" entzog schließlich der SED die "kulturelle Hoheit" über den "legitimen Einsatz" von Waffen. Welche Rolle der "Anti-Chaos-Reflex" moderner arbeitsteiliger Gesellschaften spielte – wie etwa Andreas Wirsching oder Heinrich August Winkler meinen – wird noch präziser zu ergründen sein. Das gilt auch für die Bedeutung der "Entgewaltung" des 20. Jahrhunderts, die für Sabrow wesentlich für die Erklärung des Gewaltverzichts 1989 ist, und für die These, dass Menschenrechte zur Leitnorm des politischen Diskurses des Westens geworden seien.

Bemerkenswert sind weiterhin die Ausführungen Rüdiger Bergiens über die "Kapitulation" der SED-Funktionäre, denen das Motiv des "Klassenkampfes" abhanden gekommen war, Jens Giesekes Schilderung des "entkräfteten Tschekismus" und Heiner Bröckermanns Analyse des Verhältnisses der Nationalen Volksarmee zur Gewaltanwendung. Die drei Autoren sind sich dabei einig, dass – wenn es nicht zu einem schleichenden Prozess der Delegitimierung des kommunistischen Herrschaftsanspruchs gekommen wäre – die SED zweifellos die (bewaffneten) Kräfte gehabt hätte, die Revolution blutig und schnell niederzuwerfen. Die Fragen, ob sich daraus ein langwieriger Bürgerkrieg entwickelt und wie sich der Westen verhalten hätte, müssen offen bleiben.

Auch für Detlef Pollack ist die Frage der Friedfertigkeit in den Freiheitsrevolutionen von 1989 von zentraler Bedeutung. Allerdings sieht er die entscheidenden Verdienste in der DDR bei deren Machthabern und hält das Theorem der "politischen Spiritualität" für die Erklärung des Verhaltens der Demonstranten für überflüssig. Weiterhin beschäftigt sich Bernd Schäfer mit der SED und der "chinesischen Lösung" (also der Möglichkeit, die Proteste nach dem Vorbild Pekings vom Juni 1989 gewaltsam niederzuschlagen), Edward Hamelrath beschreibt Gewalteskalation und Sicherheitspartnerschaft in Dresden, und Walter Süß analysiert erneut den friedlichen Ausgang des 9. Oktobers in Leipzig. Gerade hier wird deutlich, dass nochmals untersucht werden muss, ob an diesem Abend 70.000 Menschen auf den Straßen Leipzigs waren oder Zehntausende mehr, wie in letzter Zeit wieder Karl-Dieter Opp ausführt.

Im internationalen Teil des Sammelbandes von Martin Sabrow beschäftigt sich Manfred Görtemaker mit dem friedlichen Umbau der europäischen Ordnung und der Bonner Politik, die er als defensiv, behutsam und vom Osten getrieben beschreibt. Anregend ist Peter Haslingers Meinung, dass die Etikettierung der Revolution von 1989 als "friedliche" zwar richtig sei, sie jedoch nur retrospektiv anzuwenden wäre, da der revolutionäre Verlauf durchaus erhebliches Gewaltpotential geborgen hätte.

Włodzimierz Borodziej weitet den Blick auf Polen und auf dessen Repressions- und Oppositionsgeschichte seit 1944. Zu wenig beachtet wurde dabei bisher – das wird hier deutlich –, dass die polnische Opposition gegen den Staatssozialismus auf lange personelle Kontinuitäten zurückblicken konnte. Das schildert der Autor genauso beeindruckend wie den Übergang der Opposition zur Akzeptanz der Alternativlosigkeit evolutionären Wandels. Dieser unterminierte ab 1976 die Diktatur zusehends und ermöglichte den verhandelten Übergang zur Demokratie.

Anschließend beschreibt Peter Ulrich die rumänische Revolution 1989/90 als den Sonderfall eines gewaltsamen Aufstandes, der auch in dem ungeheuren Hass begründet läge, der sich im Land angestaut hatte, und in der Gewaltversessenheit der kommunistischen Führer. Neu ist Ulrichs Schilderung der Auseinandersetzungen um die Revolution in Rumänien in den vergangenen 20 Jahren. Bedauerlich ist dabei, dass hier intellektuell und moralisch immer noch die "sinnstiftende" Gewalt und nicht Freiheit als Erinnerungsort im Zentrum stehen. Trotzdem erlebt gerade jetzt die rumänische Revolutionsforschung einen Aufschwung, wobei besonders der Gegensatz zwischen der Gewalterinnerung und dem Blick auf den friedlichen Ablauf der Revolution in anderen kommunistischen Staaten anregend wirkt.

Michael Pullmann gelingt es in seinem Beitrag über die "Umbruchszeit" in der Tschechoslowakei eine neuartige Perspektive auf das Thema Gewalt zu gewinnen. In überzeugender Weise zeigt er, dass die Diktatoren auch in den Jahren seit 1968 Gewalt anwandten, allerdings in "geordneten" bzw. "zivilisierten" Bahnen. Dies akzeptierten viele Tschechen und Slowaken als legitime Gewalt, die sie solange duldeten, wie ihnen die Herrschaft ein gesichertes Leben zu garantieren schien. Gleichzeitig blieben die Bürgerrechtler als "gemeinschaftsfremd" isoliert; das änderte sich erst, als die Staatspartei wieder zum Mittel illegitimer Gewalt – gegen friedlich demonstrierende Studenten – griff. Jetzt wurden die Dissidenten kurzzeitig von der Bevölkerung unterstützt handlungsmächtig, und ihre "Ideologie der Gewaltlosigkeit" verhalf der Samtenen Revolution zum Sieg.

Für Bulgarien gelingt es Stefan Troebst, deutliche Unterschiede zum revolutionären Geschehen in den anderen Staaten des sowjetischen Imperiums herauszuarbeiten. Theoretisch überrascht dabei, dass Troebst im Gegensatz zum inzwischen weitgehenden durchgesetzten Terminus "Revolution" den Begriff der "Wende" gebraucht. Dabei argumentiert er überraschend und wenig überzeugend damit, dass dies eine Rückübersetzung des bulgarischen Begriffs "promjana" wäre – doch könnte nicht der Begriff der Krenzschen "Wende" nicht aus dem Deutschen ins Bulgarische übernommen worden sein? Das kommunistische Regime in Bulgarien war insgesamt im hohen Maß gewaltbereit und -erfahren. Doch richtete sich diese Gewalt zuerst gegen die ethnische Minderheit der Türken. In diesem Konflikt trat zum Jahreswechsel 1988/89 die Überdehnung der Kontroll- und Steuerungsfähigkeit des Regimes offen zutage, während sich eine politische Opposition zu diesem Zeitpunkt erst zaghaft zu formieren begann. Jetzt verlor der innere Zirkel der kommunistischen Partei an Zusammenhalt, und eine Palastrevolution folgte. Dies führte zum Sturz des Diktators, bedeutete aber noch nicht das Ende der Diktatur. Die Durchsetzung der Demokratie erfolgte schließlich weiterhin "im Schatten" des Konflikts mit den bulgarischen Türken, und erst ab 1992 kann Bulgarien als "befriedet" gelten.

Jugoslawien war das Land in (Süd-)Osteuropa, das in seiner realsozialistischen Phase seinen Bürgern die größten Freiheiten ließ; und trotzdem war hier der Systemwechsel mit Zerfallskriegen und Hunderttausenden Opfern verbunden. Den Gründen dafür geht Marie-Janine Calic nach. Sie zeigt, dass sich das jugoslawische Selbstverständnis stark auf das Militärische stützte, dass aber die Elemente struktureller Gewalt nicht über das im Ostblock "Übliche" hinausgingen. 1989 traten die Kommunisten in den Teilrepubliken zwar friedlich von der Macht ab, doch begannen jetzt Eigeninteressen der Teilrepubliken zu dominieren, und die Einteilung in Freund oder Feind erfolgte nach ethnischen Kriterien. Das führte zu brutalen militärischen Auseinandersetzungen, die jedoch nicht zwangsläufig aus dem Ende des Realsozialismus abzuleiten sind. Gleichzeitig wird hier, wie auch am Beispiel der Sowjetunion, deutlich, dass der politische Wandel ab 1989 eine unkontrollierbare Dynamik entfalten konnte.

So kann für die Sowjetunion Jan C. Behrends zeigen, dass hier, wie schon im Zarenreich, Herrschaft auf Gewalt beruhte. Dies stellte erstmals Michail Gorbatschow zur Disposition und ermöglichte dadurch die Selbstauflösung des Imperiums 1991 ohne Bürgerkrieg. Dies war ein einmaliger Glücksfall der Weltgeschichte, da die Gewalt in der postsowjetischen Zeit wieder nach Russland zurückkehrte. Behrends gelingt es zu zeigen, dass der Gewaltverzicht ein erhebliches Verdienst Gorbatschows ist, der jedoch gleichzeitig das Moskauer Diktatursystem erhalten wollte. Dieser offenkundige Widerspruch lässt sich nur dadurch erklären, dass es für die sowjetische Führungsspitze einfach unvorstellbar war, dass das sozialistische Staatssystem wieder von der politischen Weltkarte verschwinden könnte.



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