Beleuchteter Reichstag

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20.9.2012 | Von:
Antonia Ritter

Eine deutsch-deutsche Koproduktion:
die "Orientalische Bibliothek"

Die "OB" ist ein Mosaikstein im innerdeutschen Literaturtransfer. Das konkrete Beispiel zeigt, wie durch die wirtschaftlichen Vorteile deutsch-deutscher Koproduktionen ein geistiger Austausch auf Verlags- und letztlich auch auf gesellschaftlicher Ebene ermöglicht werden konnte, der die physische innerdeutsche Grenze wenigstens teilweise unterminieren konnte.

Logo der "Orientalischen Bibliothek"Logo der "Orientalischen Bibliothek" (© Gustav Kiepenheuer Verlag/C.H. Beck Verlag)
Die Kiepenheuer Verlagsgruppe aus Leipzig und der C. H. Beck Verlag in München brachten in den 1980er-Jahren zwei gemeinsame Buchreihen heraus: die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" und die "Orientalische Bibliothek". Damals herrschten bei einigen Verlagen wie Brockhaus und Reclam, die unter gleichen Namen in beiden Teilen Deutschlands operierten, zwar immer noch Streit und Boykott,[1] doch gehörte die deutsch-deutsche Kooperation bei einzelnen Buchprojekten, Lizenzvergaben und den sogenannten Mitdruckgeschäften sonst längst zum Alltagsgeschäft. Die Koproduktion ganzer Buchreihen bildete jedoch ein seltenes Ausnahmephänomen. Auf welche Art und Weise funktionierte diese Koproduktion zwischen Ost und West, und warum kam sie überhaupt zustande? Und inwieweit gab die Zusammenarbeit Möglichkeiten, durch den materiellen auch einen geistigen Durchlass zu schaffen?

Die "OB" und die "18."

Die "OB", wie die "Orientalische Bibliothek" im Folgenden genannt werden soll, ist eine Buchreihe, die von 1985 bis 1991 im C. H. Beck Verlag erschien und auf ostdeutscher Seite durch die Kiepenheuer Verlagsgruppe und den Verlag Volk und Welt[2] realisiert wurde. (Volk und Welt wird im Folgenden aufgrund seiner hier untergeordneten Rolle nicht weiter betrachtet.) Von der "OB" erschienen 25 Bände, die Autoren sowohl aus dem arabischen Raum als auch aus China und Indien vereinten. Man wollte die weite Welt in die DDR holen – so jedenfalls hat es der Verleger
Roland LinksRoland Links, Aufnahme von 1977 (© Christoph Links)
Roland Links formuliert.[3] Links hatte 1977 die Leitung der neugegründeten Verlagsgruppe Kiepenheuer übernommen, einen Zusammenschluss des Insel Verlags, des Paul List Verlags, der Dieterich'schen Verlagsbuchhandlung mit dem Leipziger Gustav Kiepenheuer Verlag. Erst diese Zusammenlegung versetzte Kiepenheuer überhaupt in die Lage, mit Hilfe der erwähnten Partnerverlage, die sich hauptsächlich auf Literatur aus dem rechtefreien Fundus des mehr oder weniger klassischen "Erbes" spezialisiert hatten, ein derart langfristiges Projekt wie die "Orientalische Bibliothek" zu realisieren. Die sogenannte Erbegruppe gehörte, betrachtet man die Zahl der Veröffentlichungen, zu den mittelgroßen Verlagen in der DDR und zu den kleineren der exportierenden. Schon seit 1980 gab es ein älteres Gemeinschaftsprojekt von Beck und Kiepenheuer, die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts". Nach anfänglichen Schwierigkeiten war die "18." auf Erfolgskurs geraten und hatte damit Anlass zu der Hoffnung gegeben, sich auch mit einer ähnlichen Reihe über den Nahen und Fernen Osten auf dem Markt behaupten zu können.

Friedemann BergerFriedemann Berger, undatierte Aufnahme (© Börsenblatt des deutschen Buchhandels; privat)
Friedemann Berger, Cheflektor bei Kiepenheuer von 1977 bis 1985, und Jürgen Fischer, Lektor bei C. H. Beck, erfüllten sich damit einen Wunsch, da beide eine Leidenschaft für orientalische Literatur hegten. Schon 1980 wurde die Herausgabe einer zuerst "Asiatische Bibliothek" genannten Reihe erwogen. Bis das erste Buch erschien, musste aber noch Überzeugungsarbeit beim Beck Verlag geleistet werden. Prinzipiell war man in München für die Herausgabe, aber es fehlte an Lektoratskapazität. Später lag denn auch diese Arbeit in Leipziger Händen, die Mitarbeiter von Beck segneten die Ergebnisse meist nur noch ab. Gab es doch einmal inhaltliche – ideologische – Probleme, wurde selbst dann noch verständnisvoll reagiert: "Wenn wir noch mehr Nachworte dieser Art in der nächsten Zeit in der Bibliothek des 18. Jahrhunderts oder in der Orientalischen Bibliothek haben werden, dann graben wir ihr selbst das Grab"[4], heißt es in einem Brief aus dem Hause Beck an die Nachfolgerin Friedemann Bergers bei Kiepenheuer, Beate Jahn.

Beide Bibliotheken kann man als Geschwister auffassen. Die Auflage lag jeweils bei durchschnittlich 12.000 Exemplaren, wobei noch 3.000 Exemplare für den Westexport hinzuzurechnen sind. In beiden Reihen wurden entweder zeitlich oder geografisch abseitige Themen behandelt, für die es nur kleine potenzielle Leserkreise gab. Diese Kreise galt es durch Reihen auf sich aufmerksam zu machen und sie an den Verlag zu binden.[5] Besonderer Wert wurde deshalb auf die Gestaltung der Bände gelegt, um so schon vom Äußeren auf die Reihe aufmerksam zu machen. Der einzige Gegensatz bestand darin, dass die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" illustriert wurde, wohingegen die "OB" als Lesebibliothek Gestalt annahm. Da die Gemeinsamkeiten überwogen, können auch Quellen aus den Verlagsarchiven zur "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" für die "OB" als wichtige Zeugnisse angesehen werden.


Fußnoten

1.
Vgl. hierzu u.a. zur Vorgeschichte bei Reclam Anke Schüler, Ein Name, zwei Wege: Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart, http://www.bpb.de/139840.
2.
Simone Barck/Siegfried Lokatis (Hg.), Fenster zur Welt. Der Verlag Volk und Welt in der DDR, Berlin 2003.
3.
Roland Links: "Warum hast du uns nicht gleich gesagt, dass du so einen schönen deutschen Verlag leitest?": Roland Links im Gespräch mit Ingrid Sonntag, in: Siegfried Lokatis/dies. (Hg.), 100 Jahre Kiepenheuer Verlage, Berlin 2011, S. 309–318.
4.
Brief von E.-P. Wieckenberg an Cheflektorin B. Jahn, 17.11.1988, S. 2, Sächs. Staatsarchiv Leipzig (StA-L), Archiv des Gustav Kiepenheuer Verlages (GKV), Nr. 1250.
5.
Links (Anm. 3), S. 315: "Dass Reihen die Leser anziehen, hatte ich bei Volk und Welt gelernt."

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