Beleuchteter Reichstag

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20.9.2012 | Von:
Karl Wilhelm Fricke

Verfolgt unter Hitler und Stalin

Erwin Jöris – Jahrhundertzeuge zweier Diktaturen

II

Nach Hitlers "Machtergreifung" kam, was unter den gegebenen Umständen zwangsläufig kommen musste. Der Jungfunktionär, in seinem Wohnbezirk allseits bekannt durch seine politischen Aktivitäten, wurde bereits am 20. März 1933 in "Schutzhaft" genommen und in das Spandauer Gefängnis eingeliefert, danach in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz in Berlin-Mitte verlegt und bald darauf, am 1. Juli 1933, in das Konzentrationslager Sonnenburg verbracht. Hier traf er auf Gleichgesinnte, Kommunisten und Sozialdemokraten, hier begegnete er dem Publizisten Carl von Ossietzky, dem anarchistischen Dichter Erich Mühsam, dem Gewerkschaftsführer Hermann Duncker und anderen prominenten "Schutzhäftlingen". Nach fast genau einem Jahr, am 15. März 1934, wurde er aus der Haft entlassen.

Auf Weisung der illegalen Parteileitung reiste er im Juni 1934 mit falschem Pass als Wilhelm Weidner über Prag und Warschau nach Moskau, wo er bis Januar 1935 zur Schulung auf die der Internationalen Lenin-Schule in Moskau angegliederte Schule der Kommunistischen Jugend-Internationale geschickt wurde. Sein Deckname hier: Ernst Blindenberg. Daran schloss sich ein Aufenthalt in Swerdlowsk an, wo Jöris zu einem Industriepraktikum verpflichtet und zur Arbeit im Kombinat Uralmasch in der Eisengießerei eingesetzt wurde. Später nahm er eine Arbeit in einer Möbelfabrik auf. Der Arbeitsalltag, die Normentreiberei, die Ausbeutung der Arbeiter und ihre bedrückende soziale Situation raubten ihm bald alle Illusionen vom Sozialismus im Lande Stalins.

Im Juni 1937 wurde er von der Kontrollkommission der Komintern nach Moskau zurückbeordert. Erwin Jöris geriet in den Strudel der Großen Säuberung, die nicht nur die KPdSU heimsuchte. Auch deutsche und andere ausländische Kommunisten im sowjetischen Exil wurden erfasst. Ungezählte wurden erschossen, auch deutsche KP-Emigranten.

Wegen seiner früheren Solidarisierung mit der "trotzkistischen Gruppe" um Heinz Neumann in der KPD wurde Jöris von "den Organen" des NKWD festgenommen, am 16. August 1937, und in der Lubjanka inhaftiert, dem berüchtigten Gefängnis in Moskau. Es war die Zeit des blutigen Massenterrors. Als er sich weigerte, die sowjetische Staatsbürgerschaft zu beantragen, und Kontakt mit der deutschen Botschaft in Moskau aufnahm, wurde Jöris ausgewiesen und am 8. April 1938 vom NKWD über Polen nach Deutschland abgeschoben. Zurück in der Reichshauptstadt, folgte eine kurze Untersuchungshaft bei der Gestapo im Gefängnis Berlin-Moabit. Ironie der Geschichte: Er konnte sich hier sicherer fühlen als beim NKWD. Nach der Entlassung wurde er unter Polizeiaufsicht gestellt. Jöris arbeitete in der elterlichen Kohlenhandlung. Aus der illegalen Arbeit der KPD zog er sich zurück. Seine Erfahrungen in der Sowjetunion hatten ihn der Partei total entfremdet.

1940 wurde Erwin Jöris, der in Deutschland der allgemeinen Wehrpflicht unterlag, zur Wehrmacht eingezogen. Nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion kam er an der Ostfront zum Einsatz, in der Ukraine. Auf dem Rückzug der Wehrmacht, den er als Kraftfahrer einer Sanitätseinheit mitmachte, geriet er am 26. April 1945 während der Endkämpfe um Berlin bei Niederlehme im Raum Königs Wusterhausen in sowjetische Kriegsgefangenschaft. In den letzten Tagen vor der Kapitulation hatte er sich noch eine Beinverletzung durch Granatsplitter zugezogen. Immerhin durfte er wegen dieser Kriegsverletzung bereits im April 1946 aus dem Gefangenenlager Mojaisk bei Moskau nach Berlin heimkehren. Hier arbeitete er wieder in der väterlichen Kohlenhandlung. Der Partei hatte er endgültig den Rücken gekehrt. In die SED hat er gar nicht erst eintreten wollen. Seine Erfahrungen in der Sowjetunion hatten ihn nachhaltig "kuriert".

III

Mit seiner Frau Gerda, geborene Schütze, die er im August 1949 geheiratet hatte, wollte er sich in Lichtenberg, seinem alten Berliner Bezirk, ein Leben zu zweit aufbauen – freilich ohne jedes politische Engagement.

Das Schicksal fügte es anders. Nach einer Denunziation als "Verräter" durch einen früheren Genossen wurde er nach eigenem Bekunden am 19. Dezember 1950 in Ost-Berlin vom sowjetischen MGB festgenommen – gut ein Jahr nach Gründung der DDR, die eigentlich "sein" Staat hätte sein müssen.
Erwin Jöris 1949Erwin Jöris, erkennungsdienstliches Foto von der Verhaftung am 19. Dezember 1949, aufgenommen in der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen (© MEMORIAL Deutschland e.V., http://www.gulag.memorial.de/; Erwin Jöris)
Nach monatelanger Untersuchungshaft in den MWD-Gefängnissen des Berliner Ostens, in Karlshorst, Hohenschönhausen und zuletzt in Lichtenberg, wurde ihm hier eröffnet, dass er in Moskau am 26. Mai 1951 durch eine "Troika" des MGB – ein dreiköpfiges Sondergericht der Geheimpolizei – in "besonderer Beratung" durch ein administratives Fernurteil – nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches der Föderation der Russischen Sowjetrepubliken (RSFSR) und nach Gesetz Nr. 10 des Alliierten Kontrollrats wegen "Spionage" und "Verrats von Antifaschisten" zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden sei. Ein absurder Schuldspruch. Strafe als justizielles Unrecht.

So sah Erwin Jöris die Sowjetunion wieder. Im Gefangenen-Waggon per Eisenbahn via Brest-Litowsk, Moskau und Wologda erreichte er in einem Sammeltransport die Zwangsarbeitslager-Region Workuta, wo er für die nächsten Jahre in den Kohlenschächten 9 und 10 schwere körperliche Arbeit unter Tage zu leisten hatte. Er stand sie durch. Hart zu arbeiten war er gewohnt. Obwohl der Stalinismus als Epoche in der Sowjetunion Geschichte zu werden begann, war seine Zeit in der Zwangsarbeit noch nicht zu Ende. Im Juni 1953 wurde er noch in das Lager Suchobeswodnoje verlegt. Erst am 12. Dezember 1955, kurz nach dem legendären Moskaubesuch Konrad Adenauers, war ihm die Heimkehr nach Deutschland vergönnt.

Er verließ Ost-Berlin, wo seine Frau während seiner Haft auf ihn gewartet hatte, und übersiedelte mit ihr nach Köln. Hier arbeitete er in einer Kühlmaschinenfabrik bis zum Rentenalter. Hier lebt er bis heute – seit 2005 ist er verwitwet.

IV

Mit seinem Schicksal hat er sich Erwin Jöris bis hinein in die jüngste Zeit bewusst auseinandergesetzt. Ressentiments gegenüber den Russen empfindet er nicht. Als er nach dem Umbruch in Russland Gelegenheit erhielt, noch einmal dorthin zu reisen, zögerte Jöris nicht. Ende Juli/Anfang August 1995 weilte er mit einer Delegation ehemaliger Workuta-Häftlinge und Historiker unter der Leitung von General a.D. Günter Kießling und Horst Hennig in Moskau und Workuta.[5] Hier konnte er sich aus den Archiven der Geheimpolizei vor Ort seine Verfolgungsakten beschaffen und seine vollständige juristische Rehabilitierung durch die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation erwirken. Für den damals 83-Jährigen eine besondere Genugtuung.

Auf die Frage, wie er die schweren Zeiten der Unfreiheit im nationalsozialistischen Deutschland, im stalinistischen Russland und speziell im Archipel GULag durchzustehen vermochte, gab Erwin Jöris seinem Biografen eine ebenso schlichte wie überzeugende Antwort: "Ich habe das alles nur überlebt, weil ich den Willen hatte, das zu durchleben. Oft habe ich nicht mehr daran geglaubt, aber ich habe gekämpft … Ich habe versucht, Lebensmut zu beweisen, auch für die anderen, die das nicht konnten. Nicht mehr konnten."[6] Man darf ihm das glauben. Und wünscht ihm viel Gutes für die Zeit, die dem Hundertjährigen noch bleibt.

Fußnoten

5.
Einen Bericht über diese Reise veröffentlichte Wolfgang Schuller in der Festschrift zum 85. Geburtstag von Horst Hennig: Gerald Wiemers (Hg.), Erinnern als Verpflichtung, Leipzig 2011, S. 177–108.
6.
Zit.: Petersen (Anm. 4), S. 501. – Der Lektüre seines Buches verdankt d. Vf. einige biografische Daten und Details zu Erwin Jöris, speziell zu seiner Verurteilung.

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