Beleuchteter Reichstag

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26.10.2012 | Von:
Klaus Christoph

Deutsche Einheit ohne Ende?

Die gemeinsame Geschichte im geteilten Deutschland, der Umgang damit wie auch ihre Vermittlung sind ebenso Gegenstand erbitterter Debatten wie die deutsche Wiedervereinigung und ihre Folgen, vor allem die angebliche "Subalternisierung" der Ostdeutschen.

Sammelrezension zu:
  • Egon Bahr, Peter Ensikat: Gedächtnislücken. Zwei Deutsche erinnern sich, Berlin: Aufbau 2012, 204 S., € 16,95, ISBN: 9783351027452.
  • Raj Kollmorgen, Frank Thomas Koch, Hans-Liudger Dienel (Hg.): Diskurse der deutschen Einheit. Kritik und Alternativen, Wiesbaden: VS Verlag 2011, 454 S., € 34,95, ISBN: 9783531174716.
  • Saskia Handro, Thomas Schaarschmidt (Hg.): Aufarbeitung der Aufarbeitung. Die DDR im geschichtskulturellen Diskurs, Schwalbach/Ts.: Wochenschau 2011, 207 S., € 22,80, ISBN: 9783899747294.
  • Eunike Piwoni: Nationale Identität im Wandel. Deutscher Intellektuellendiskurs zwischen Tradition und Weltkultur, Wiesbaden: Springer VS 2012, 321 S., € 39,95, ISBN: 9783531187396.

Gedächnislücken

Bahr/Ensikat, GedächtnislückenEgon Bahr/Peter Ensikat, Gedächtnislücken (© Aufbau)
Das Buch von Egon Bahr und Peter Ensikat geht auf aufgezeichnete Gespräche zurück, die beide Autoren ab Frühjahr 2006 miteinander geführt haben. Sie beziehen sich auf eine auch und gerade für Deutschland wichtige zeitgeschichtliche Periode, die gewöhnlich mit dem Oberbegriff "Entspannung" gekennzeichnet wird. Insbesondere geht es um die außerordentlich schwierige, gegen vielerlei Widerstände durchgesetzte "neue Ostpolitik" der sozial-liberalen Koalition unter Kanzler Willy Brandt in den späten 1960er- und frühen 70er-Jahren. Sie setzte gegenüber der DDR und den übrigen Ostblockländern auf einen "Wandel durch Annäherung". Damit verbunden waren die Anerkennung der deutschen Nachkriegsgrenzen im Osten und die Aufgabe des bundesdeutschen Alleinvertretungsanspruchs gegenüber der DDR – unter Beibehaltung des Ziels der deutschen Einheit gemäß dem Auftrag des Grundgesetzes.

Die Besonderheit des Buches ist nicht nur die lockere Erzählform, sondern auch die Herkunft der Diskutanten. Es treffen ein West- und ein Ostdeutscher aufeinander, die zugleich aus sehr unterschiedlichen beruflich-politischen Wirkungsfeldern kommen. Während Egon Bahr, enger Weggefährte Willy Brandts, als wichtiger Konstrukteur und "Macher" der "neuen Ostpolitik" gilt, gehörte der jüngere Peter Ensikat, politisch wach und findig, zu den bekanntesten Theaterleuten und Kabarettisten in der DDR. Allerdings werden die damit verbundenen Erwartungen an einen Dialog mit unterschiedlichen Wahrnehmungen und Positionsbestimmungen nur begrenzt erfüllt. Das hat sicherlich auch mit einer Asymmetrie zu tun, die sich in der wiederkehrenden, keineswegs ironisch gemeinten Bemerkung Ensikats ausdrückt: Während er "Kindertheater gemacht" habe, sei Bahr "mit Weltpolitik beschäftigt" gewesen (68).

Die Tour d'horizon beginnt – nach einem kurzen Rückblick auf das Elternhaus beider Erzähler während der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges – mit Bahrs Journalistentätigkeit in den frühen 50er-Jahren, noch ganz bestimmt vom Klima des Kalten Krieges, während Ensikat seine ersten schauspielerischen Gehversuche macht, verbunden mit politischen Repressionserfahrungen, aber doch in dem Bewusstsein, letztlich im "besseren Deutschland" zu leben. Wichtige weitere Stationen sind der Mauerbau in Berlin 1961 und der Beginn einer pragmatischen, (zunächst?) auf ein "geregeltes Nebeneinander" der beiden deutschen Staaten zielenden Politik, die nach Lage der Dinge die Sowjetunion als östliche Führungsmacht vorweg einbezieht, im Verlauf der 70er-Jahre neben der DDR auch andere Ostblockländer. Die sich im folgenden Jahrzehnt abzeichnenden Veränderungen – etwa in Gestalt der polnischen "Solidarnosc" und schließlich der "friedlichen Revolution" in der DDR – werden im letzten Teil diskutiert, einschließlich einiger deutsch-deutscher Probleme nach der Wiedervereinigung. Hier findet das Gespräch eher auf Augenhöhe statt.

Zum Reiz des kurzweiligen Buches gehören interessante, personengebundene Episoden – vor allem im Zusammenhang mit Bahrs Tätigkeit als Unterhändler der "neuen Ostpolitik", die über weite Strecken aus Geheimdiplomatie bestand. Kritisch ist – abgesehen davon, dass die Wahl des Buchtitels "Gedächtnislücken" nicht unmittelbar einleuchtet – zweierlei anzumerken: Bahrs Rückblick erweckt gelegentlich den Eindruck, als bestehe zwischen der "neuen Ostpolitik" und dem Zusammenbruch der DDR eine direkte Verbindungslinie (vgl. etwa S. 41). Das ist zu relativieren, auch wenn es hier durchaus historische Zusammenhänge gibt, zum Beispiel im Blick auf die menschenrechtsunterstützende Wirkung der "Schlussakte von Helsinki" als (späterer) Bestandteil des Ost/West-Entspannungsprozesses. Entsprechendes gilt für die von Bahr angedeuteten Wiedervereinigungsintentionen der "neuen Ostpolitik". Sie haben zweifellos eine Rolle gespielt, angesichts der realen, am Status quo der Blöcke orientierten Machtverhältnisse aber wohl eher als Visionen.

Zweitens hätte man sich an den Stellen, an denen unterschiedliche Einschätzungen der beiden Akteure sichtbar werden, etwas mehr Klarheit und argumentativen Aufwand gewünscht. Das gilt beispielsweise für den Gesprächsteil über den "Prager Frühling" und dessen Auslöschung durch Staaten des Warschauer Pakts. Während Ensikat hier von großen Hoffnungen und deren brachialer Zerstörung berichtet, zeigt Bahr sich eher zurückhaltend (65f). Offenbar hatte für ihn 1968 ein anderer Gesichtspunkt Priorität, nämlich dass beides, die Reformexperimente im Realsozialismus wie auch ihre gewaltsame Beendigung, die Planungsarbeiten zur "neuen Ostpolitik" erschwerten. In anderen Worten: Die Frage, ob sich in beiden Punkten bestimmte Aporien der "neuen Ostpolitik" ausdrücken, wäre diskussionswürdig gewesen.

Diskurse der deutschen Einheit

Kollmorgen u.a., DiskurseRay Kollmorgen u.a. (Hg.), Diskurse der deutschen Einheit (© Springer VS)
Der von Raj Kollmorgen, Frank Thomas Koch und Hans-Liudger Dienel herausgegebene Sammelband über "Kritik und Alternativen" zur deutschen Einheit nimmt den Faden an der Stelle auf, an der die Rekonstruktion der "neuen Ostpolitik" des Buches von Egon Bahr und Peter Ensikat endet: bei den Problemen der deutschen Wiedervereinigung. Deren Besichtigung findet allerdings nicht nur in der Rückschau statt und auch nicht in lockerer Gesprächsform, sondern mit einem dezidiert wissenschaftlichen Anspruch. 15 Autoren analysieren in 13 Einzelbeiträgen die deutsche Wiedervereinigung als (primär) ostdeutschen Transformationsprozess, und zwar unter dem Blickwinkel der formierenden Gestaltung von Diskursen über Ostdeutschland und die deutsche Einheit.

"Diskurse" werden dabei (entsprechend den neueren diskursanalytischen/handlungstheoretischen Ansätzen) nicht als bloß symbolische, vom "Materiellen" getrennte Interaktionen verstanden, sondern als soziale, zum Beispiel Macht und Herrschaft legitimierende Praktiken. Dazu sollen die jeweiligen Diskursfelder und -formierungen zumindest in Teilen durch Kontextanalysen untermauert oder ergänzt werden. Ziel ist es, jene diskursiven Praxen "zukunftsorientiert zu problematisieren". (11) Dem entspricht die Aufteilung des Bandes in zwei etwa gleich große Teile: Analyse und Kritik "hegemonialer Diskurse" und "Alternative Ansätze zum Vereinigungsprozess und seiner Kommunikation".

Selbstredend wird diese aufwändige Unternehmung nicht voraussetzungslos angegangen. Zentrale Prämisse ist, dass sich die bisherigen Einheitsstrategien in wesentlichen Teilen als unrealistisch und problemverschärfend herausgestellt hätten. Das krisenhafte Geschehen drücke sich in den gegenwärtigen Einheitsdiskursen darin aus, dass die "Vollendung der Einheit" von den meisten Beobachtern (einschließlich politisch Verantwortlicher) in die weite Zukunft verschoben und in den Zwischenbilanzen mehr oder weniger deutlich von einer Herstellung gleicher Lebensverhältnisse in Ost und West abgerückt werde. Gleichzeitig würden stärker regionale Differenzierungen vergleichend in den Blick genommen und die Aufmerksamkeit für experimentell bestimmte Vorhaben zunehmen (9), und zwar im Rahmen der für die Bundesrepublik als ganze (und darüber hinaus) geltenden ökonomischen, ökologischen und demografischen Umbruchprozesse.

In den einzelnen Beiträgen wird diese Kritik anhand verschiedener "Diskursfelder" entfaltet. Den Anfang macht Raj Kollmorgen mit einer Darstellung des sozialwissenschaftlichen Diskurses zur deutschen Einheit, in dem die "Ostdeutschland- und Vereinigungsforschung" bezogen auf einzelne Themenfelder kritisch gesichtet werden. Ähnliches geschieht in der nachfolgenden Analyse des politischen Raums anhand der "Jahresberichte der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit" und der auf Ostdeutschland bezogenen "Leitbilder von Parteien" (Frank Thomas Koch). Zum ersten Teil des Bandes gehören weiterhin eine ebenfalls qualitativ und quantitativ bestimmte Analyse der massenmedial geführten Diskurse über Ostdeutschland und die deutsche Einheit (Raj Kollmorgen und Torsten Hans), weiterhin eine Untersuchung sogenannten Wenderomane als Bestandteil des literarisch-belletristischen Diskurses (Wolfgang Gabler) sowie ein Beitrag zur Rolle massenmedial vermittelter Bilder im Vereinigungsprozess (Benjamin Nölting, Carolin Schröder, Sören Marotz).

Der zweite Teil des Bandes wird eingeleitet mit einem Beitrag zur deutschen Einheit im Spiegel von Bevölkerungsumfragen, denen, als relativ eigenständigem Diskurs, mögliche Korrektivfunktionen etwa gegenüber offiziell-politischen Diskursen zugetraut werden (Thomas Hanf, Reinhard Liebscher, Heidrun Schmidtke). Auch die nachfolgende Untersuchung nimmt einen empirischen Befund zum Ausgangspunkt, nämlich die nach wie vor breitflächige Selbsteinschätzung Ostdeutscher als "Bürger zweiter Klasse". Sie wird in Beziehung gesetzt zu Mechanismen der "Missachtung Ostdeutscher nach der Vereinigung" (19), die auf ganz unterschiedlichen Feldern wirksam sind und mit denkbaren Gegenstrategien konfrontiert werden (Kollmorgen). In den anschließenden Beiträgen werden einzelne, auf die deutsche Einheit bezogene Projekte vorgestellt, so zu einem Online-Dialog (Rafael Wawer, Daniela Riedel) und zu lokal gebundenen Aktivitäten wie etwa die Einrichtung von Planungszellen (Hans-Liudger Dienel). Der Schlussbeitrag von Rolf Reißig lässt sich als zusammenfassend programmatischer Überblick über die Gesamtthematik lesen.

Der Grundtenor des Sammelbandes wird bestimmt durch die Kritik an einem Einheitsmodell, das sich im bloßen Nachbau der Alt-Bundesrepublik erschöpft und faktisch eine "Subalternisierung der Ostdeutschen" (301ff) einschließt. Schlussfolgernd geht es den Autoren nicht um einen modellhaft-fertigen Gegenentwurf, sondern um ein Plädoyer für zukunftsbezogene, ostdeutsche Ressourcen stärker berücksichtigende Öffnungsprozesse, die politisch gestützt werden sollen. Wie ein entsprechend modifizierter Entwicklungspfad konkret aussehen könnte, bleibt demgemäß eher offen – von den Projektbeschreibungen und damit verbundenen punktuellen Erfahrungen einmal abgesehen. Anderes gilt für die innovativen Überlegungen Kollmorgens zur möglichen Überwindung der diagnostizierten "Subalternisierungsmechanismen" (345ff). Freilich leidet nicht nur bei ihm die Lesbarkeit der Beiträge gelegentlich unter zu formelhaften Sprachfiguren (z.B. 367f) oder manieriert wirkenden Begriffs- und Satzkonstruktionen (z.B. 10).

Die meisten Autoren des Bandes kommen aus Ostdeutschland, zum Teil institutionell verankert und lose vernetzt im "Innovationsverbund Ostdeutschlandforschung". Damit dürfte zu tun haben, dass insbesondere beim Thema der Missachtung Ostdeutscher eigene Betroffenheit spürbar ist und wohl auch das erkenntnisleitende Interesse mitbestimmt. Sieht man auf den ganzen Band, ist ein Desiderat offenkundig, nämlich dass in dieser doch so breit angelegten Kritik des "Einheitsdiskurses" ein wichtiges, im Übrigen auch die beklagte "Subalternisierung" berührendes "Diskursfeld" ausgeklammert bleibt: der Umgang mit den deutsch-deutschen Vergangenheiten einschließlich ihrer internen Interdependenzen. Nicht zuletzt erschwert diese Leerstelle das Verständnis eines ostdeutschen Spezifikums: dass der DDR-Sozialismus – zumal in der Rückschau – weder durchgängig noch samt und sonders negativ bewertet wird und sein Scheitern vor allem von Intellektuellen nicht als Beleg für das Scheitern utopischen Denkens überhaupt hingenommen werden möchte. Das entsprechende ambivalente Bewusstsein findet seinen wohl dichtesten Ausdruck in dem Nachwende-Gedicht Volker Brauns "Das Eigentum", das den subtilen Beitrag von Wolfgang Gabler einleitet (167). Kurz: Eine Diskursanalyse zu den deutsch-deutschen Vergangenheiten – auch als selbstreflexive Bewegung – hätte dem zweifellos wichtigen Buch mitsamt seinem verständigungsorientierten Anspruch gut getan.



Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1990
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