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29.11.2012 | Von:
Tanja Scheffler

Dresden

Vom schnellen Scheitern der sozialistischen Städtebaukonzepte.
Der Weg zurück zur historischen Stadt

"Dresden – moderne sozialistische Großstadt"

Weitestgehend unbeeindruckt vom lokalen Subkontext wurden in der DDR die Leitlinien für die Stadtgestaltung zentral vorgegeben. In einer kurzen stalinistischen Phase in den frühen 1950er-Jahren wurden der Dresdner Altmarkt und die Ernst-Thälmann-Straße (heute Wilsdruffer Straße) in stark vergrößerten, auf Stand- und Fließdemonstrationen zugeschnittenen Dimensionen im Stil der "Nationalen Traditionen", die an der Elbe natürlich barock interpretiert wurden, neu errichtet.[13] Nach der aus ökonomischen Gründen unter der Devise "Besser, billiger und schneller bauen" ab 1955 propagierten Wende zum industriellen Bauen fiel es den Chefideologen jedoch schwer, die daraus resultierende Architekturästhetik mit spezifisch "sozialistischen" Merkmalen auszustatten, ohne sich zu sehr der im Westen etablierten Moderne anzunähern. Denn diese galt im Zuge der als "Formalismus-Debatte" bezeichneten Kampagne gegen die amerikanischen Einflüsse auf die Kultur als verpönt. Daher kam der Wiederaufbau des Dresdner Stadtzentrums erst einmal zum Erliegen.

Ab 1953 waren verschiedene mehr oder weniger an den Warschauer Kulturpalast erinnernde Hochhaus-Varianten für das als Krönung des Altmarktes vorgesehene "Haus der sozialistischen Kultur" durchgespielt worden.[14] Als parallel zur 1. Theoriekonferenz der Deutschen Bauakademie 1961 endlich die Entscheidung zugunsten eines verglasten Flachbaus fiel (dem späteren "Kulturpalast"), setzte sich mit dem Programm "Dresden – moderne sozialistische Großstadt", das ab 1962 in Angriff genommen wurde,[15] auch an der Elbe die Moderne schlagartig durch. Dresden sollte ein völlig neues Profil als wissenschaftlich-technisches Zentrum der Elektronik und Elektrotechnik bekommen. Daher gehörte zur städtebaulichen Neustrukturierung des Zentrums neben der Ansiedlung eines Robotron-Großforschungszentrums am Pirnaischen Platz auch ein großzügiges, mit Hochhäusern flankiertes Netz aus Verkehrstangenten. Parallel dazu sollte die seit der Stadtgründung etablierte Hauptverkehrsachse zu einem "gesellschaftlichen Erlebnisweg"[16] in Form einer vom Hauptbahnhof zum Platz der Einheit (heute Albertplatz) reichenden Fußgängerzone umgestaltet werden.
Dresden, Stadtmodell 1969Dresden – Altstadt, Stadtmodell, 1969. Im Vordergrund die Prager Straße mit dem Interhotel "Dresden" (Hochhauskomplex) und dem "Haus der Industrie", beide nicht realisiert, an der Südseite des Altmarkts, ganz rechts das Robotron-Areal (© Landeshauptstadt Dresden, Stadtplanungsamt)
Dresden, Innere Neustadt, Modell 1969Dresden – Innere Neustadt, Stadtmodell, 1969. Straße der Befreiung (heute Hauptstraße) und geplantes, aber nicht realisiertes Ensemble rund um den Platz der Einheit (heute Albertplatz) mit 30-geschossiger "Höhendominate" und vorgelagertem Kino, Gebäude der Bezirksparteischule sowie rundem Schauspielhaus (© Landeshauptstadt Dresden, Stadtplanungsamt)
Zusätzlich zum Altmarkt mit dem Kulturpalast waren noch zwei weitere Ensembles an der Prager Straße sowie der Straße der Befreiung in der Inneren Neustadt geplant. Der diesem umfassenden Neubaukonzept – aufgrund des völligen Bruchs mit der überlieferten Stadtstruktur – skeptisch gegenüberstehende Chefarchitekt Herbert Schneider wurde wegen "politisch-ideologischer Unklarheiten"[17] abgelöst. Die letzten in diesen Arealen noch vorhandenen, meist heftig umkämpften, historischen Bauten fielen dann wie die Sophienkirche in den Jahren 1962–1964 einer umfangreichen Kampagne "zur Schaffung der Baufreiheit für den weiteren Aufbau des Stadtzentrums" zum Opfer.[18]

Die Prager Straße

Dank umfassender Trümmerberäumung und "Vergesellschaftung" des Bodens konnte mit der neuen Prager Straße ab 1965 eine städtebauliche und architektonische Großvision in Form einer 700 Meter langen und mehr als 60 Meter breiten, präzise durchkomponierten modernen Stadtlandschaft entstehen. Die 240 Meter lange Wohnzeile trennte die Fußgängerzone von der neuen Nord-Süd-Tangente und gab dem Ensemble ein Rückgrat. Auf der gegenüberliegenden Seite markierte das großformatige Wandbild "Dresden grüßt seine Gäste" am Restaurant "Bastei"
Dresden, Prager Straße 1970Dresden – Prager Straße, Blick vom Hotel "Newa" nach Norden, 1970 (© Landeshauptstadt Dresden, Stadtplanungsamt)
den Beginn der Touristenroute ins Stadtzentrum, durchgängige Pergolen vor den sich daran anschließenden Ladenpavillons und Hotels gaben der Anlage eine klare Struktur. Das Interhotel "Newa", vor allem aber die erst in den 1970er-Jahren am nördlichen Ende der Prager Straße errichteten Gesellschaftsbauten wie das "Rundkino" genannte Filmtheater, das Restaurant "International" und das Centrum-Warenhaus[19] sowie die diffizil durchkomponierten Freiflächen mit mehreren unterschiedlich gestalteten Brunnenanlagen setzten nicht nur städtebaulich, sondern auch architektonisch entscheidende Akzente.

Mit der Ära Honecker hatte sich die "sozialistische Stadt" der Moderne jedoch erledigt. Der Wohnungsbau hatte Vorrang, das Centrum-Warenhaus blieb jahrelang im Rohbaustadium stecken und wurde erst 1978 fertiggestellt. Ein weiterer, die Prager Straße zum Altmarkt hin abschließender Hochhauskomplex mit Interhotel und einem als Tagungszentrum fungierenden "Haus des Lehrers" wurde nicht mehr realisiert und hinterließ auch weiterhin riesige freie Flächen im Zentrum der Stadt.[20]

Trotz der klaren Vorgaben mit vielen industriell hergestellten Bauteilen (umgesetzt vor allem bei den Hotels) zeigen sich bei der Prager Straße auch die in diesen "goldenen Jahren" der DDR noch vorhandenen Spiel- und Freiräume bei der künstlerischen Umsetzung der Bauten. Die aus dem Typ P 27 entwickelte Wohnzeile atmete den Geist der Wohnmaschinen Le Corbusiers: Kleine verglaste Ladenpavillons schoben sich im Erdgeschossbereich zwischen die Pilotis und vernetzten das Gebäude im Einkaufsgeschehen der Fußgängerzone. Der auf dem Dach gelegene Sportraum fungierte mit der sich daran anschließenden Dachterrasse als offener Gemeinschaftsbereich. Der Betonzylinder des Rundkinos stammte aus einem Serienprogramm des Industriebaus, die spannungsreiche Fassadengestaltung aus vertikalen, weiß emaillierten Stahlblechtafeln und einem horizontal davor hängenden, filigranen Stahlstabwerk machten aus dem freistehenden Rundbau jedoch ein architektonisches Kunstwerk. Der Gaststättenkomplex "International" beeindruckte mit einem Faltdach, und das Centrum-Warenhaus hatte dank seiner kristallinen Aluwabenfassade den Charme der weltraum-begeisterten Sixties.

Die "Straße der Befreiung" in der Inneren Neustadt

Aufgrund des ambitionierten Wohnungsbauprogrammes wurde das Bauwesen der DDR in der Ära Honecker immer mehr auf die Anwendung von Typenprojekten, vor allem auf die meist nur "WBS 70" genannte Wohnungsbauserie 70 umgestellt. Auch auf der Neustädter Elbseite waren in den ersten Nachkriegsjahren viele historische Bauten einschließlich des Rathauses gesprengt worden, um Platz für neue städtebauliche Strukturen zu schaffen. Diese abgeräumten Flächen lagen ebenfalls jahrzehntelang brach.
Dresden, Innere Neustadt 1958Dresden – Innere Neustadt, Areal rund um den ehemaligen Neustädter Markt, 1958 (nach den Sprengungen 1950). Links stehen noch das Blockhaus ("Neustädter Wache") und das Gebäude der "Regierung" in der Großen Meißner Straße 15, rechts das freigeräumte Areal der früheren Hauptstraße (© Landeshauptstadt Dresden, Stadtplanungsamt)
Mit dem Beginn des Wohnungsbauprogramms wurde das Areal rund um die Straße der Befreiung (heute Hauptstraße) dann für die Anwendung der WBS 70 umgeplant. Trotzdem orientieren sich die mit vorspringenden Ladenzeilen versehenen Typenbauten an historischen Firsthöhen und Fluchtlinien. Einige Bürgerhäuser, darunter das ehemalige Wohngebäude des romantischen Malers Gerhard von Kügelgen, wurden rekonstruiert und in den mit Bäumen bestandenen Straßenzug mit aufgenommen.[21] Die bei den Bauarbeiten wieder auftauchenden Gewölbekeller des Neustädter Rathauses wurden als "Meißner Weinkeller" in die Laden- und Gastronomie-Zeile integriert. Mit großem Propaganda- und Presseaufwand wurde das Ensemble zum 30. Gründungstag der DDR 1979 eröffnet.

Damit hatten die Planer ein ganz im Zeitgeist liegendes Ensemble geschaffen. Denn sie hatten mit der Köpckestraße aus einer kleinteiligen Struktur geschwungener Gassen eine vierspurige Verkehrsachse geformt und mit der Straße der Befreiung eine neue imposante Fußgänger-Magistrale errichtet, die die barocken, auf den Platz der Einheit als "Point de vue" ausgerichteten Blickachsen aufnimmt und so optisch bereits von Weitem das Ende des "gesellschaftlichen Erlebnisweges" markiert. Außerdem war es ihnen durch den Wiederaufbau in Plattenbauweise gelungen, sämtliche Merkmale der Bürgerstadt (individuell gestaltete, meist auf schmalen Parzellen stehende und senkrecht gegliederte Bauten) durch eine neue "sozialistische" Architektursprache (Typenbauten als Symbol für die angestrebte soziale Gleichheit) zu ersetzen.

Obwohl der Einkaufsboulevard auch von den Einheimischen gut angenommen wurde – er wird in Anlehnung an ein Kügelgen-Zitat zum historischen Straßenzug bis heute als "schönste und freundlichste Straße" Dresdens bezeichnet
Dresden, Innere Neustadt 2008Dresden – Hauptstraße in der Inneren Neustadt, 2008 (© Wikimedia)
–, bilden die integrierten barocken Bürgerhäuser die Keimzelle der sich seit der "Wende" ausbreitenden Bestrebungen, die Plattenbauten nach und nach durch historisierende Neubauten zu ersetzen. Dies lenkt den Blick auf die "Anschlussprobleme" zwischen dem Ensemble und seinem historischen Umfeld. Da das Typensystem nicht auf die Parzellenstruktur modifizierbar war, wird der Boulevard durch zwei weitestgehend geschlossene Gebäudezeilen flankiert, die historische Querstraßen überbauen und den Zugang in die dahinter liegenden Viertel nur durch Aussparungen im Erdgeschossbereich ermöglichen.

Dies war zu DDR-Zeiten sicherlich erwünscht. Denn die Plattenbauten schotteten die Fußgängerzone – ähnlich wie in einem Potemkinschen Dorf – von dem dahinter liegenden, völlig ruinösen Quartier um die Rähnitzgasse und die (damals in Friedrich-Engels-Straße umbenannte) Königstraße ab. Bereits in den 1970er-Jahren entstanden erste Modernisierungskonzepte für dieses Areal, wurden aber nicht realisiert. Daher hatte sich in den seit Jahren als Sanierungskandidaten gehandelten – und deshalb auch nach und nach entmieteten – barocken Bauten eine jugendliche Subkultur des "Schwarzwohnens" etabliert, durchmischt mit systemkritischen Künstlerkreisen, darunter die Obergrabenpresse um A. R. Penck. Als die seit langem geplante "Komplexsanierung" ab 1988 endlich in Gang kam, waren viele der Bauten bereits so abbruchreif, dass einzelne Gebäude wie das Café Donnersberg bis auf die Gewölbe abgetragen und in enger Anlehnung an den Vorgängerbau in einer Mischung aus Backstein und Stahlbeton wiederaufgebaut wurden. Nach 1989 wurde das gesamte Quartier dann aufwändig saniert, stadträumlich abgetrennt ist es aber weiterhin.


Fußnoten

13.
Werner Durth u.a., Architektur und Städtebau der DDR, Bd. 1, Frankfurt a. M./New York 1998, S. 302–355.
14.
Susann Buttolo, Keine falsche Feierlichkeit, kein hohles Pathos. Der Dresdner Kulturpalast als kultureller Mittelpunkt der Stadt, in: Kil (Anm. 12), S. 88–111, u. dies., Der Dresdner Kulturpalast – Vom Werden eines besonderen Baudenkmals und den anhaltenden Versuchen seiner Destruktion, in: Mark Escherich (Hg.), Denkmal Ost-Moderne. Aneignung und Erhaltung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne, Berlin 2012, S. 198–211.
15.
Sonderausgabe "Dresden – moderne sozialistische Großstadt", Sächsische Zeitung, 13.2.1962, weiterentwickelt zu: Rat der Stadt Dresden, Generalbebauungsplan und Generalverkehrsplan der Stadt Dresden, Dresden 1967.
16.
Generalbebauungsplan (Anm. 15), S. 28.
17.
StadtA DD, Stadtverordnetenversammlung, Nr. 311.02.1/1, Akte 58, zit.: Lerm, Ein neues Dresden (Anm. 11), S. 611.
18.
Lerm, Abschied (Anm. 6), S. 224 u. 228f.
19.
Vgl. Tobias Michael Wolf, Bautyp DDR-Warenhaus?
20.
Tanja Scheffler, Die Prager Straße in Dresden. Die schleichende Zerstörung der Ostmoderne durch die "europäische Stadt", in: Escherich (Anm. 14), S. 180–197, hier 182f.
21.
Ebd., S. 184.

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