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Beleuchteter Reichstag

16.9.2020

5. Den Anderen anders wahrnehmen

An der Kleidung und am Auftreten machen Westdeutsche und Ostdeutsche schnell Unterschiede aneinander fest. Abschätzend ist von Arroganz und menschlichen Fassaden die Rede. Aber auch Frauen stellen fest, dass sie in Ost und West ganz unterschiedlichen Rollenbildern entsprechen.

DDR-Bürgerinnen und -Bürger zwischen Verkaufsständen in einem West-Berliner Warenhaus im November 1989DDR-Bürgerinnen und -Bürger zwischen Verkaufsständen in einem West-Berliner Warenhaus im November 1989 (© Oliver Rüther/laif)

      (a) Frauen

      (b) Selbstbewusstsein und Arroganz (Westdeutsche) – Unsicherheit (Ostdeutsche)

      (c) Verhalten und soziales Miteinander

      (d) Arbeit

      (e) Wendehälse

      i

      Gesellschaftspolitischer Kontext

      Die unterschiedliche Sozialisierung, die Ost- und Westdeutsche aufgrund der unterschiedlichen politischen Systeme, dem Arbeitsleben, der Bildungsinstitutionen und der Konsummöglichkeiten genossen hatten, spiegelte sich nicht nur anfänglich in ihrem Auftreten. Diese gesellschaftlichen Unterschiede führten dazu, dass Ost- und Westdeutsche immer wieder über Unterschiede in ihrer Lebensart nachdachten. In den Gesprächen gibt es sowohl differenzierte Überlegungen, inwieweit die Ost- und Westdeutschen anders seien als auch stereotype Bilder von Ossis und Wessis (vgl. Paul und Roth in Dittmar & Paul 2019).

      (a) Frauen

      Die Lebenswelt und das Selbstverständnis der Frau in der BRD und der DDR unterschied sich allein aufgrund der Arbeitsbedingungen, da die DDR-Frau normalerweise Vollzeit arbeitete, die Frau in der BRD häufig reduziert und/ oder primär im Haushalt und für die Familie tätig war. Zudem ergaben sich unterschiedliche Formen der Selbstdarstellung hinsichtlich der mehr oder weniger vorhandenen Konsummöglichkeiten.

      Lena BW-16, Lena (Osten)

      i

      Lena - Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

      Die Ostberliner Sekretärin Lena, 35, beschreibt das westdeutsche Styling und auch ihre Lebensart als Gegenentwurf zu den ostdeutschen Frauen und deren Lebenswelt: Während die DDR-Frau Arbeit und Familie miteinander verband, betrachtet sie die westdeutschen Frauen insofern als defizitärer, als sie entweder einer leichten Arbeit nachgehen oder eben nur eine Seite, d.h. Arbeit oder Familienleben, realisieren (dass die also weeß ick nur büroarbeit machen die arbeiten nich so viel wie wir die ham keen haushalt keene kinder) und alle andern frauen […] hausmütterchen seien.

      Daher sei es erklär-lich, dass die westdeutsche Frau wesentlich mehr auf ihr Äußeres konzentriert und gepflegter sei. Der besondere Drang zur Selbstdarstellung zeige sich sowohl in der Kleidung als auch in der Sprache. Lena entwirft diesen Kontrast nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich, da sie selbst berlinert (z.B. g -> [j]: jeht, jestylt, anjestellter, jespräch; uffallende klunkern anne ohren, och), während die westdeutsche "berufstätige frau die muss halt was darstellen nach außen ebend och und im jespräch wenn die den mund aufmachen und die sprechen hochdeutsch n perfektet hochdeutsch".

      Mitschnitt des Interviews mit Lena und Transkription

      Lena (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

      0061 LENA
      (2.0) also bei vielen sahste ja schon anhand der kleidung bei den frauen sahste wie se so zurechtjemacht sind die tragen ja doch mehr makeup im jesicht mehr große uffallende klunkern anne ohren und anne hände anne arme und (2.0) die haare dit is allet anders * jestylt und die hände muß ick sagen bei vielen frauen gepflegter mit langen lackierten fingernäjeln und * da siehste dass die also weeß ick nur büroarbeit machen die arbeiten nich so viel wie wir die ham keen haushalt keene kinder^ * die westfrauen ja eh nich die schaffen sich ihre kinder wenn se berufstätig sind sehr sehr viel später an^ * und alle andern frauen sind hausmütterchen da is och wieder n unterschied zwischen siehste jenau welche westfrau * ne hausfrau ist * die is also doch muß ick sagen doch besser gekleidet wie unsre frauen^ * aber nich so uffallend * kurz und schick elegant^ mehr sportlich^ für alle jelegenheiten immer gleich jekleidet^ * na die berufstätige frau die muss halt was darstellen nach außen ebend och und im jespräch wenn die den mund aufmachen und die sprechen hochdeutsch n perfektet hochdeutsch * und vornehm denn noch dabei * dann sag ick die kommt ausm westen oder der kommt ausm westen mit schlips das isn bankanjestellter ja ((lacht)) oder aber n vertreter der von tür zu tür jeht um seine ware anzubieten * und vielleicht dann noch son kleen diplomatenkoffer wo wir immer sagten dit sind unsre stasianjehörigen die imma mit som koffer spazierengehn ne^ ham ja die meisten außenvertreter ja och alle

      Anton BW 44 (West) über Kleidung, Stil, Selbstbewusstsein im Osten

      i

      Anton - Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

      Während unterschiedliche Kleidung und Stilbewusstsein den Ost- und Westdeutschen insbesondere kurz nach dem Mauerfall auffielen, blieb das Auftreten beider Bevölkerungsgruppen auch noch Jahre nach dem Mauerfall ein wiederkehrendes Thema. Interessanterweise thematisieren beide Seiten das Selbstbewusstsein: So beschreibt der Westberliner Schulleiter Anton den ostdeutschen Kleidungsstil, beispielsweise die originellen Hüte als Zeichen des anderen, ostdeutschen Selbstbewusstsein, da die Westdeutschen sich eher in der Masse duckten.

      Der ostdeutsche Musiker Dirk (31) und Gerda bezeichnen die Westdeutschen als arrogant, "so-n bißel die art dieset dieset* dieset selbstbewußtsein" als eine Unnahbarkeit, so dass man gar nicht mit den Westdeutschen ins Gespräch kommen möchte. Die Wahrnehmung wird als Vorurteil und Fassade entlarvt, eigentlich seien sie ja "ganz nett". Auch Christa, 23, ostdeutsche Studentin, beschreibt "dieset selbstbewußtsein" der Westdeutschen als unangenehm, einerseits, weil sie es als Fassade entlarvt, andererseits weil ihr ein weniger großspuriges Auftreten angenehmer sei. Umgedreht nehmen auch die westdeutschen Brüder Nico (Rechtsrefendar, 30) und Axel (Einrichtungsfacharbeiter, 28) die Ostdeutschen als "arrogant" war, womit sie ihre Unsicherheit kaschierten.

      Mitschnitt des Interviews mit Anton und Transkription

      Anton (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

      0126 ANTON
      na an der kleidung denk ich mal konnte man eh de-de-er bewohna erkennen das is ganz klar nach dem nach dem warenangebot da gabs also wenich das hat sich sichalich angepasst ((Ausatmen)) was mir auffällt wenn ich in den östlichen bezirken spaziern gehe oder rumfahre eh ist das eh sagemal der der mut zur zur aussergewöhnlichen mode_ * eh das fällt mir also eh auf eh * denke stärka als in in westlichen bezirken hier ist man doch eha angepasster und 0127 BL
      Hm

      0128 ANTON
      und geht so mehr in: mainstriem und also ich sehe eh * auffälligere sachen in in den östlichen bezirken

      0129 BL
      bezieht sich jetz dis jetz auf jugendliche oder ehm ältere?

      0130 ANTON
      eh na ältere nich sagen wa bis: so bis fümmundreissich etwa also so junge und und und jung mittelalterliche eh generation:

      0131 BL
      denn grade hier so an-na schule also ich find das is jeda sehr individuell angezogen und

      0132 ANTON
      ja ne individuell geklei individualität

      0133 BL
      Hm

      0134 ANTON
      mein ich damit auch nich also einfach mal so-n bischen: pepp mal ürgendwas ganz andres auch also weiß ich xxx ich hab selten so viele hüte gesehn wie im im prenzlauer berg wenn ich da rumlaufe oder in in pankow oda schrille klamotten eh mehr als hier eh nach meim dafürhalten

      0135 BL
      vielleicht selba geschneidat oda so

      0136 ANTON
      ja nach meim dafürhalten nich ümma besondas passend aber einfach den mut zu haben mal was ganz andres anzuziehn

      0137 BL
      Hm

      0138 ANTON
      und das denk ich is einfach-n: n: ausdruck von anderem bewusstsein das also viele da mitgebracht haben_ mehr selbstbewusstsein ich denk ma hier * duckt man sich doch eher in die masse

      (b) Selbstbewusstsein und Arroganz (Westdeutsche) – Unsicherheit (Ostdeutsche)


      Dirk und Gerda BW 02 (Osten)

      Dirk und Gerda (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

      0166 GERDA
      also ick finde sie sind sehr höflich * und sehr hilfsbereit * wenn de off jemanden droff zugehst ooch wenn er zu anfang arrogant is oder so oder du den ` eindruck hast viele machens ja auch schon durch die kleidung wa ((unverständlich))

      0167 DIRK
      ja dis is ooch e bißel die art

      0168 GERDA
      du stufst ja die leute so automatisch ein

      0169 DIRK
      ick sag ja dis is so-n bißel die art dieset dieset* dieset selbstbewußtsein oder * und du hast den eindruck mensch den * den würd ick nich mal nach de straße fragen da würde der mich soo angucken und wenn man den denn fragt is der ganz nett is n doofes beispiel jetzt ja^ (0.3) oder oder sowat ja^ dit is dit wat ick meine dieset dieset (1.0) ((unverständlich)) die erscheinung einfach so sag ick mal so

      0170 GERDA
      wobei unsre vorurteile n bißchen größer manchmal sind

      Nico, & Alex, BW-029 (Westen) W über O: Arroganz aufgrund von Unsicherheit

      Nico (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

      0292 NICO
      ja * nee is ja auch richtig so * sie versuchen oftmals über dinge zu reden von den sie einfach keine ahnung haben vielleicht kann man dit 'so sagen^ und * um sich das nich anmerken zu lassen das das sie für gewisse sachen keine ahnung haben * wird sehr viel arro'ganz manchmal auch aufjefahren is vielleicht das richtije wort ja * sie kommen mir manchmal sehr 'arrogant aber ooch 'hilflos vor (1.2) (1.0) sie wissen man muß zu gewissen dingen ne position und ne meinung haben 'haben aber keine * is aber peinlich sie nich zu haben also 'mach ich mir eine * ist oftmals sehr unausgegoren * wenn man wenn man über 'politische entwicklungen spricht ja^ * was ich ja selten mache dadurch daß ich halt wenig wenig umgang * mit ehemaligen de-de-er bürgern habe (1.0) sehr unausgegorn oft

      0293 AXEL
      ja aber diese arroganz die se da an den tach lejen dit is meistens * nur n schutz den se aufbauen * also wirklich sehr* meistens noch sehr unbeholfen sind also * zum anfang halt * da

      0294 NICO
      dit durschaut man halt

      0295 AXEL
      jaja dis hat man mitjekriegt ne^ * dis is also son arroganter hund weil * in wirklichkeit der * 'total unsicher war * mittlerweile würd ick sagen ((unverständlich))

      Christa BW 08 (Osten) O über W: Selbstbewusstsein: großkotzig vs. Zurückhaltend

      Christa (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

      0096 CHRI
      is schon möglich aber * is irgendwo * die leute sind mir ebend och janz die sind ebend weitaus 'selbstbewußter is mir uffjefalln und oftmals ebend sind se ebend selbstbewußt und * ham eignlich jar nich so den 'grund dazu und und * unsre leute hier also zumindest 'meine bekannten oder so * die sind doch * mehr zurückhaltend und und nich so * naja nich so 'großkotzich und * mir eigntlich 'anjenehma_

      0097 OL
      hm_ * hm_

      0098 CHRI
      obwohl^ wenn man mit diesen: * leuten die nun we:ß ick nich ausn alten bundesländern oder so wenn man die denn 'näher kennenlernt und so (0.2) die die könn vielleicht och janz nett sein und so * dit is vielleicht so * wurde vielleicht och so 'anerzogen und dieset selbstbewußtsein und und

      0099 OL
      da trügt (ja o:ch) dann vielleicht o:ch der erst oder so hm_

      (c) Verhalten, soziales Miteinander


      Ilona BW 41 (West) "die sind netter; die sind (.) natürlicher offener"

      i

      Ilona - Situativer Kontext und Sprache

      Die Westberliner (Lichtenrade) Kindergärtnerin und Heilpraktikerin Ilona, 44, erzählt, dass sie aufgrund ihrer Tätigkeit als Heilpraktikerin ausgesprochen viele Kontakte zu Ostdeutschen und auch einige ostdeutsche Freunde habe. Sie ist begeistert von der ostdeutschen Art und zeichnet ein sehr positives Bild der Ostdeutschen Natürlichkeit und Herzlichkeit, die ihr mehr liege als das westdeutsche Auftreten, "die mit ihren KLUNkern […] KLAPpern. Ilona spricht natürlich hochdeutsch und konzipiert eine Liste der positiven Eigenschaften der Ostdeutschen, die viel viel naTÜERlicher viel EINfacher viel HERZlicher seien.

      Ausschnitt des Interviews mit Ilona und Transkription

      Ilona (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

      Ilona
      und eh denke die sind einfach eh auch noch nich so eh (6.3) so drauf aus eh sich viel anzuSCHAFfen und zu eh eh mit ihren KLUNkern zu zu KLAPpern. sondern die sind viel viel naTÜERlicher viel EINfacher viel HERZlicher.

      Um
      hmhm, (2)

      Ilona
      ich hab eh inzwischen ja etliche kontakte drüben die eh die sind einfach/ die sind ANDers als hier.

      Um
      ja. versuch mal noch mehr zu beschreiben. also ich find das sehr intressant; weil (.) dis gibt es unter JUNgen leuten AUCH das (.) gef/ also das da/ ich hab halt selber eigentlich nur (.) EInen freund aus ostberlin aber (.) ja da merk ich auch das er anders is; aber es gibts eben auch/ immer wenn du so hörst ja (.) ich hab jemand kennengelernt aus=m osten oder so oder ick hab freunde im osten, die sind ANDers; die sind netter; die sind (.) natürlicher offener eh versuch/

      Ilona
      beSCHEIdener auf jeden fall auch;

      Um
      hmhm;

      Micha BW 03 (Osten) O über W -> "sehr viel Fassade"

      i

      Micha - Situativer Kontext und Sprache

      Der Ostberliner Micha, Facharbeiter und LKW-Fahrer, 33, beschreibt die Westdeutschen über das Wort "Fassade", was er gleich drei Mal verwendet. Die Fassade beschreibt Micha als fragil, ein "jewisses kartenhaus wat eigentlich ooch sehr schnell zusammenbrechen kann". Michas Sprache steht für seine Bodenständigkeit, er berlinert (och, ick, nu), verwendet eine einfache Hauptsatzstruktur und macht keine Umschweife (z.B. ich bin bescheuert). Diese Direktheit steht im klaren Gegensatz zur beschriebenen Inszenierung der Westdeutschen und beinhaltet eine gewisse Systemkritik, indem er sich mit Wörtern "sogenannt" den Wohlstand infragestellt und ihn als dekadent und unvernünftig, indem man sich aus vor lauter Geld und Langeweile selbst in Gefahr.

      Mitschnitt des Interviews mit Micha und Transkription

      Micha (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

      0131 MICHA
      jo * also ick hab ick hab ja gleich von vornherein jesagt * wie sie die fraje je * es is würklich sehr viel * fassade ja^ * es wird 'viel wert uff fassade jelegt von 'außen * wenn man hinterguckt hinter die leute (1.0) um sich zu belustjen oder was jeht imma die stufe etwas höher * ooch im sport is dis zum beispiel * sport is ja ooch ne art kultur wenn man so will (0.9) um sich auszudrücken * naja und dann ham wa hier äh die ham geld die ham langeweile und dann müssen se ebend vom berg springen so unjefähr is dit (0.1) ja^ * ((unverständlich)) jumping springen ja^ * nu dis is faszinierend aber ick (0.7) die sajen ja selber äh ick * ich b ich bin bescheuert und ich spring * vom berg * runter mit so-n seil ja^ * also welcher normale mensch ((Ausatmen)) äh setzt sich soner 'jefahr aus^ * von vornherein ja^ (2.0) ja

      0132 FK
      ja

      0133 MICHA
      und daß se eigentlich äh sehr hart arbeiten müssen für ihre fassade für ihren sogenannten wohlstand * den se sich imma einreden wollen * ja^ * so seh ich das

      0134 FK
      hm

      0135 MICHA
      dis is eijentlich och n * n jewisses kartenhaus wat eigentlich ooch sehr schnell zusammenbrechen kann * dit hat-s jaa geschichtlich imma wiederr bewiesen ja^

      (d) Arbeit

      Das Feld der Arbeit bietet unendlich viele Diskussions- und Abgrenzungsmöglichkeiten zwischen Ost- und Westdeutschen. Der ökonomische Erfolg der BRD im Gegensatz zur DDR, die keine Arbeitslosigkeit im westdeutschen Sinne kannte und die Umgewöhnung an das für Ostdeutsche neue und anders funktionierende Arbeitssystem der BRD führte dazu, dass sich die Ostdeutschen neben der Umgewöhnung auch noch mit dem Vorurteil konfrontiert sahen, sie seien "arbeitsscheu" (z. B. Roth in Dittmar/Paul 2019, vgl. aber auch Publikationen mit provokanten Titeln wie die des westdeutschen Soziologen Roethe (1999) "Arbeiten wie Honecker und Leben wie Kohl"). Einen Ausschnitt zu Erfolg und Misserfolg in der Arbeitswelt unter den gleichen vorurteilsbelasteten Einstellungen zeigen die Beispiele des westdeutschen Sprechers Aldi und der ostdeutschen Kinderärztin Kira.

      Alfred BW 33 (West)

      i

      Alfred - Situativer Kontext

      Der westdeutsche Sprecher Alfred, 53, Angestellter der Discounterkette Aldi, beschreibt seine Erfahrungen mit den Ostdeutschen, mit denen er zusammengearbeitet hat, wobei er ein ausgesprochen negatives, vorurteilsbelastetes Bild der Arbeitsmoral der Ostdeutschen, mit denen er zusammengearbeitet hat, entwirft. Unhinterfragt stellt er den westdeutschen Arbeitsethos als non plus ultra dar, wobei seiner Meinung nach die Ostdeutschen von den Westdeutschen lernen sollten: "die mußten sich ja an unser arbeitsklima ge''wö::hnen". Gerade hinsichtlich der Tätigkeit im Supermarkt stellt sich natürlich die Frage, inwieweit die Ostdeutschen tatsächlich "fachlich jesehn [..]also schlecht [warn]". Sprachlich ist interessant, dass auch der Westdeutsche Alfred leicht berlinert (g -> [j] jemacht, jewachsen).

      Auschnitt des Interviews mit Alfred und Transkription

      Alfred (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

      0184 ALFRED
      und dann kam die ersten ostler zu uns arbeiten^

      0185 UM
      hm^

      0186 ALFRED
      * und da hattn wir * glaub7 oder8 nach und nach so eingestellt^ * und na^ na mit denen ham wir dann auch so einige trübe erfahrungen jemacht^ die mußten sich ja an unser arbeitsklima ge''wö::hnen (0.9) (2.0) wu wurden dann schnell nach einer woche krank oder nach zwei wochen und warn auch noch gleich zwei oder drei wochen krank^ * und eh dann hat man also gemerkt daß die * der belastung nicht jewachsen warn und natürlich nich dem druck und dem tempo

      0187 UM
      Hm

      0188 ALFRED
      überhaupt nich

      0189 UM
      Hm

      0190 ALFRED
      und fachlich jesehn warn sie also schlecht

      0191 UM
      hmhm^

      0192 ALFRED
      sehr schlecht muß ich sagn

      0193 UM
      hmhm^

      0194 ALFRED
      * die ham nich viel drauf jehabt * und eh die ham also dann so in der probezeit nach drei monaten^ muß ich sagn * denn von den 8 ist eine einzige übriggeblieben die war gut die ham wir als kassiererin übernommen

      0195 UM
      hmhm^

      0196 ALFRED
      und die jungen leute im alter zwischen 22 und 30 die sind dann alle wieder * gegangen worden wie man so sagt

      Kira BW 12 (Osten)

      i

      Kira - Situativer und sprachlicher Kontext

      Als ostdeutsche Kinderärztin mit einem anderen Selbstwertgefühl ausgestattet entwirft Kira, 36, ein ganz anderes Bild der arbeitenden Bevölkerung. Sie arbeitet häufig im Notdienst in Westberlin, wo sie viel Zuspruch erhält. Zudem übt sie scharfe Kritik am System, es gäbe keine Kinderärztinnen und die Männer, die diesen Beruf ausüben, wäre es keine Herzensangelegenheit, im Gegensatz zum Osten "und der hat sich aufn hintern jesetzt um dit werden zu dürfen". Mit großem Selbstbewusstsein entwirft sie daher als Gegenbild die leidenschaftlichen Kinderärzte bzw. -ärztinnen. Kira ist auch wieder ein Zeugnis dafür, dass in Ostberlin berlinert wird und VertreterInnen aller sozialen Klassen (zumindest leicht) berlinern konnten (g -> [j], jearbeitet, jesetzt etc.).

      Ausschnitt des Interviews mit Kira und Transkription

      Kira (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

      0353 KIRA
      wenn ick notdienst hab ick hab ja fast also ick hab noch nich einmal mit ner frau zusammen jearbeitet * sind immer männer^

      0354 OL
      hmhm^

      0355 KIRA
      wer bei uns kinderarzt jeworden is^ der wollte kinderarzt werden *

      0356 OL
      ja_

      0357 KIRA
      und der hat sich aufn hintern jesetzt um dit werden zu dürfen (0.3) wer drüben kinderarzt jeworden is der hat ke:ne andre stelle gekricht weil dit sind freiwillig ist det niemand jeworden * also ja wat heißt dit is villeicht och jeschwindelt * aber det gros derer die dort pädiater jeworden sind sinds jeworden weil se ne andre stelle nich bekommen ham und HALT in diese ausbildung jerutscht * und dit sind wesentlich mehr männer

      (e) Wendehälse

      Nach dem Fall der Mauer wurden Personen als "Wendehals" bezeichnet, die zu DDR-Zeiten das politische System unterstützt hatten, in der Wendezeit sich aber gegen das politische System der DDR und auf die Seiten der Demonstranten stellten. Dies betraf nicht nur führende DDR-Politiker und Funktionäre, sondern auch kleinere Unterstützer des politischen Systems. Ganz allgemein gelten Personen als Wendehälse, die ihre politische Gesinnung an der politischen Lage des Landes orientieren bzw. an der Frage, was vorteilhaft für sie ist. "Wendehals" wurde zu Wendezeiten im privaten wie in der Presse zu einem geflügelten Wort.

      Vera BW 19

      i

      Vera - Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

      Mit dem Begriff "Wendehals" bezog man sich nicht nur auf die politische Führungselite der DDR, die versuchte, nach der Wende die Zeiten opportunistisch zu nutzen. Auch im Privaten traf man auf Wendehälse. So bezeichnet Vera einen Bekannten als Wendehals, da dieser sich "völlig verändert hat um hundertachtzig grad jedreht zu ostzeiten war er sa ick mal 'der kommunist und zu westzeiten eh is er jetze na ja * 'der westler". Dieses aus politischer Sicht chamäleonartige Verhalten führt zum Bruch, einen Wendehals kann man Vera nicht als Freund bezeichnen.

      Ausschnitt des Interviews mit Vera und Transkription

      Vera (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

      0029 OL
      man sagt ja daß sich das 'wahre gesicht einiger personen innerhalb des bekanntenkreises oder auch familienkreises sich gewandelt hat und sich jetzt nach der wende * eh einige so richtig eh erst ihr wahres gesicht gezeigt ham *? konntest du die erfahrung auch machen * daß sie * diese sogenannten wendehälse sag ick mal jetzt so^?

      0030 VERA
      tja also (2.0) nun ja also ehm * direkt wendehälse ja also einer im bekanntenkreis schon der hat sich ürgendwie (2.0) der gehört im prinzip nich mehr zum freundeskreis der hat sich so rauskristallisiert der is im prinzip jetzt einzelgänger jeworden in meinen augen her der is zwar schon n bißchen älter aber * da besteht halt auch nich mehr der kontakt dazu weil er sich wie jesagt völlig verändert hat um hundertachtzig grad jedreht zu ostzeiten war er sa ick mal 'der kommunist und zu westzeiten eh is er jetze na ja * 'der westler der allet kann und * wie jesagt kontakt der kontakt bricht dadurch ab daß man sich so * verändert hat oder so is nich mehr die freundschaft die früher ma war und freundschaften von außerhalb die bestehen dann nich (mal) kontakt reißt ab also * man muß sich seine neuen freunde suchen und wenns richtje freunde sind dann halten die auch jetze noch zusammen * och wenn ürgendwat jetzt passiert so is also * wahre freunde erkennt man in der not sagt man ja immer so schön und die: denk ick ma hab ick zu größten teil behalten oder freundschaft ausjebaut gefestigt * so in der art


Die Mauer. 1961 bis 2021

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13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

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Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

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Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

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Der Tag in der Geschichte

  • 17. September 1961
    Wahlen zum 4. Bundestag: Die CDU/ CSU verliert ihre absolute Mehrheit, die SPD überschreitet mit ihrem Kanzlerkandidaten Willy Brandt die 35-Prozent-Marke, die Gesamtdeutsche Partei (GDP) erleidet eine schwere Niederlage. Wahlgewinner ist die FDP, die mit... Weiter
  • 17. September 1982
    Ende der sozialliberalen Koalition: Bundeskanzler Schmidt kündigt vor dem Bundestag das Regierungsbündnis auf, das sich in einer Dauerkrise befindet. Die vier FDP-Minister Genscher, Lambsdorff, Baum und Ertl treten zurück. Schmidt bildet als... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

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