Beleuchteter Reichstag

9.4.2020 | Von:
Hans-Peter Häfner

„Was meine Enkel von der Volkskammer im Jahr 1990 erfahren sollen“

Aus der Serie „Ungehaltene Reden“ ehemaliger Abgeordneter des letzten DDR-Parlaments (IV)

Vor 30 Jahren, am 12. April 1990, tagte zum ersten Mal die letzte Volkskammer der DDR. Drei Wochen zuvor war sie erstmals demokratisch gewählt worden. Ihr Ziel war es, die Deutsche Einheit vorzubereiten. Ehemalige Abgeordnete erinnern sich. An dieser Stelle Hans-Peter Häfner (82), der damals den Wahlkreis Suhl für die CDU vertrat. Ihr gehörte der Bergbau-Ingenieur seit 1972 an.

Berlin-Mitte, Palast der Republik am ehemaligen Marx-Engels-Platz. Teilansicht der Fassade, hinter der u.a. die DDR-Volkskammer tagte, noch mit dem DDR-Staatswappen (Hammer und Zirkel) 1990.Berlin-Mitte, Palast der Republik am ehemaligen Marx-Engels-Platz. Teilansicht der Fassade, hinter der u.a. die DDR-Volkskammer tagte, noch mit dem DDR-Staatswappen (Hammer und Zirkel) 1990. (© picture-alliance/akg)

Für meine Kinder und Enkel habe ich prägende Ereignisse aus 82 Jahren meines Lebens aufgeschrieben. Dazu gehört auch die Zeit vom 18. März bis zum 2. Oktober 1990 als CDU-Abgeordneter in der 10. Wahlperiode der DDR-Volkskammer. Es ist die einzige Zeit in der 40-jährigen Geschichte dieses Parlaments, in der es durch freie Wahlen entstanden ist und seinen Namen zu Recht getragen hat. Und es ist für mich die intensivste und wichtigste Zeit in meinem Berufsleben gewesen.

1. Wie ich Abgeordneter wurde

Das war ein Ergebnis der Friedlichen Revolution, die im Herbst 1989 in unserem Teil Deutschlands begonnen hatte. Ich hatte mich seit Anfang Oktober aktiv am Reformprozess der Ost-CDU beteiligt, der ich seit 1972 angehörte. Die CDU hat sich während der Revolution in wenigen Wochen aus der Knechtschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) befreit. Sie wandelte sich glaubhaft für die Bevölkerung in eine demokratische Partei mit neuer Führungsmannschaft und neuem Parteiprogramm.

Ab November 1989 organisierte ich mit Freunden die örtlichen Bürgerversammlungen und die anschließenden Demonstrationen, in denen ebenfalls Reformen und schon bald die Wiedervereinigung gefordert wurden. So kam es, dass ich nach 33 Jahren als Bergmann, Student und Ingenieur im Kalibergbau am 14. Dezember 1989 zum stellvertretenden Bürgermeister in meinem Wohnort Vacha in der Rhön gewählt wurde. Und im Januar 1990 setzte mich aus diesen Gründen der damalige CDU-Bezirksvorstand Suhl auf die dritte Stelle der CDU-Kandidatenliste für die Wahl zur Volkskammer (VK).
Demonstranten beklebten im November 1989 die Wände des Hauses der Volkskammer in Berlin mit auf Tapeten geschriebenen Losungen wie "Demokratie jetzt und hier"Demonstranten beklebten im November 1989 die Wände des Hauses der Volkskammer in Berlin mit auf Tapeten geschriebenen Losungen wie "Demokratie jetzt und hier" (© Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-014, Foto: Ralf Hirschberger)
Ich habe erfahren, dass einen ähnlichen Weg zum Abgeordneten viele meiner "VK"-Kollegen erlebt haben. Und ich konnte mir ausrechnen, dass ich Abgeordneter werde, wenn die CDU 23 Prozent der Stimmen erhält.

2. Wahl und Wahlergebnis

Aber Prognosen sagten der SPD mehr als 50 Prozent und der CDU nur 11 Prozent voraus. Es ist anders gekommen, in meinem Wahlkreis Suhl wählten 50,4 Prozent CDU, und es zogen sieben Abgeordnete der CDU aus Südthüringen in die Volkskammer. Der Wahlkampf und die Wahl selbst verliefen unter lebhaftester Beteiligung der gesamten Bevölkerung, die graue DDR wurde bunt mit Millionen Wahlplakaten.

Ein Wähler in der DDR musste 79 Jahre alt sein, um vorher schon einmal frei und geheim gewählt zu haben. Alle Jüngeren erlebten freie Wahlen erstmalig. Entsprechend hoch mit 93,3 Prozent war die Wahlbeteiligung – so eine hohe Rate wurde nie wieder erreicht.

Nach dem erst im Februar neu verfassten Wahlgesetz waren nur noch 400 statt bisher 500 Abgeordnete zu wählen. Jeder Wähler hatte nur eine Stimme, es gab keine Sperrklausel. Es bewarben sich 24 Parteien oder Listenvereinigungen. In die Volkskammer gelangten 17 Parteien, die sich in sieben Fraktionen sammelten. Weil sie vorbehaltslos die Wiedervereinigung versprach, hat die „Allianz für Deutschland“, ein Bündnis aus CDU, Demokratischem Aufbruch (DA) und Deutsche Soziale Union (DSU), 48 Prozent der Stimmen erreicht. Damit war der Auftrag der Wähler klar vorgegeben:

Das Parlament soll in freier Selbstbestimmung den Beitritt der DDR in die Bundesrepublik verhandeln und nach § 23 des Grundgesetzes die staatliche Einheit Deutschlands herstellen. Alle Menschen in der ganzen Welt dachten damals, dass dafür mehrere Jahre gebraucht werden. So auch wir neu gewählten Volkskammer-Abgeordneten.

3. Alltag in Berlin

Wir fuhren an jedem Dienstag um 4 Uhr mit dem Zug, später mit dem Auto, nach Berlin. Der Montag war der Arbeit im Wahlkreis vorbehalten. Es gab keine sitzungsfreien Wochen, wir tagten täglich, manchmal auch am Sonntag. Jeder Arbeitstag begann um 9 Uhr und endete selten vor Mitternacht, manchmal auch später. Den Sitzungssaal hatten die 163 CDU-Abgeordneten im Gebäude des heutigen Außenministeriums, das bis April 1990 vom Zentralkomitee der SED genutzt wurde.

Je zwei Abgeordnete teilten sich ein Büro gemeinsam mit ihren zwei Mitarbeitern, welche wir ab Mai 1990 beschäftigen durften. Heimwärts ging es frühestens am späten Freitagnachmittag. Untergebracht wurden wir im ehemaligen Bettenhaus von Stasi-Angestellten in der Ruschestraße neben dem Hauptsitz des damals entmachteten Ministeriums für Staatssicherheit in der Normannenstraße. Vier Abgeordnete teilten sich zwei Schlafräume und eine Duschkabine mit einer Toilette. Das Hauspersonal war noch von der alten Dienststelle. Ein Festnetz-Telefon gab es nur im Büro, ein Fax-Gerät gab es noch nicht.

Dafür wurden alle unsere 39 Plenartagungen live im Fernsehen übertragen, meist mit Einschaltquoten von mehr als 50 Prozent. Solche Verhältnisse sind heute unvorstellbar. Und für unsere Arbeit wurden wir von Böswilligen in Ost und West als „Laienspieler“ diffamiert, weil uns parlamentarische Erfahrungen fehlten. Dabei hatten wir in der DDR ja keinen Mangel an Politprofis. Aber denen haben wir ganz bewusst das Feld nicht überlassen, sie hatten das Land trotz ihrer unbegrenzten Macht in den Ruin geführt.

Ich hatte gleich in unserer ersten Fraktionssitzung gesucht, ob ich gleichgesinnte Bekannte erkenne. Und siehe da, ich entdeckte drei weitere Mitstreiter, die früher so wie ich zur Studentengemeinde an der Bergakademie Freiberg gehörten. Es waren Dr. Heinrich Douffet, Ulrich Klinkert und mein Vertrauensstudent Martin Clemens, aus meiner Sicht alles couragierte Sachsen. Ich fand das einen bemerkenswert hohen Anteil, der unterstrich, woher unsere Prägung kam. Als Studierende hatte uns unser engagierter Studentenpfarrer Cornelius Kohl zu christlichen und gleichzeitig kritisch und sozial denkenden Menschen mit Zivilcourage erzogen.
Die an der neuen DDR-Regierung beteiligten Parteien unterzeichnen in der Volkskammer in Berlin die Koalitionsvereinbarung. V.l.n.r.: Rainer Eppelmann, Markus Meckel, Lothar de Maiziere, Hans-Wilhelm Ebeling und Prof. Dr. Rainer Ortleb.Die an der neuen DDR-Regierung beteiligten Parteien unterzeichnen in der Volkskammer in Berlin die Koalitionsvereinbarung. V.l.n.r.: Rainer Eppelmann, Markus Meckel, Lothar de Maiziere, Hans-Wilhelm Ebeling und Prof. Dr. Rainer Ortleb. (© Bundesarchiv Bild 183-1990-0412-019, Foto: Klaus Oberst)
In der Volkskammer war ich Mitglied im Haushaltsausschuss und im Petitionsausschuss. Die wichtigste Aufgabe hatten wir mit der Bearbeitung des DDR-Haushaltes für das II. Halbjahr 1990, erstmalig nun in D-Mark. Die überzogenen Forderungen der Ministerien von mehr als 70 Milliarden D-Mark mussten auf die zugebilligten 63 Milliarden D-Mark reduziert werden.

Wir haben richtigerweise im Sozial- und im Bauministerium nicht reduziert, dafür im Verteidigungsministerium überproportional gekürzt. Den Protest des Ministers Rainer Eppelmann hat mein Kollege Reiner Krziskewitz abgebügelt mit der Frage, ob die Armee die Verteidigungsbereitschaft etwa gegen die Schweiz oder Schweden aufrechterhalten will, weil alle anderen Nachbarn mit uns befreundet sind.

In der CDU-Fraktion war ich Sprecher für den Südthüringer CDU-Arbeitskreis und Mitglied in den Arbeitskreisen Haushalt, Petitionen und Bauwesen. Einen Redebeitrag habe ich in den Plenartagungen nicht gehalten. Da waren andere ehrgeiziger, dafür wurde mir bestätigt, dass ich 1979 in der DDR-Zeit erfolgreich einem Anwerbeversuch der Stasi abgewehrt hatte.

4. Dunkles Kapitel

Es gehört zu der unrühmlichen Geschichte der Volkskammer, dass schon im März 1990 Bürgerrechtler den Vorwurf erheben konnten, dass IM der Stasi als Abgeordnete gewählt wurden.

Vor ihrer Wahl ließen sich Sabine Bergmann-Pohl und Lothar de Maizière überprüfen, es wurde keine Belastung festgestellt. Der Stasi-Untersuchungs-Ausschuss unter Leitung des Abgeordneten Joachim Gauck fand im September 1990 heraus, dass 55 Abgeordnete in sechs Kategorien mehr oder weniger belastet waren.

Stasi, Suhl, MfS-Bezirksverwaltung, 4.12.1989"Stasi raus - es ist aus!"; ein Suhler Bürger sprayt in der Nacht vom 4. auf den 5. Dezember 1989 auf die Hauswand der Suhler Stasi-Zentrale, zuvor hatten rund 3000 Demonstranten die Suhler Bezirksverwaltung des MfS besetzt. (© Reinhard Wenzel)
Günther Krause hat mir 2020 bestätigt, dass aus unserer CDU-Fraktion 25 Abgeordnete darunter waren. Ich kann bis heute nicht begreifen, weshalb sich diese Personen zur Wahl stellten und dann die Wahl auch angenommen haben. Ihnen musste von Beginn ihrer Stasi-Mitarbeit an bewusst gewesen sein, dass sie nicht unschuldig waren, denn sie hatten heimlich Unrecht begangen. Ich vermute, dass sie der letzten Lüge ihres Stasi-Führungsoffiziers aufgesessen waren, dass ihre Akte angeblich vernichtet worden sei.

Zu den unerfreulichen Ereignissen zählt auch der Proteststurm, der sich DDR-weit erhoben hat, als wir Volkskammerabgeordneten uns im Mai 1990 erstmalig Diäten genehmigten. Die 3600 (Ost)Mark waren offenbar in der damaligen Zeit unangemessen. Wir haben in der Öffentlichkeit viel Prügel dafür bezogen.

5. Leistungen in der Parlamentsarbeit

Das Parlament begann seine Arbeit in der zweiten Sitzung am 12. April 1990 mit einer Erklärung aller sieben Fraktionen zur deutschen Schuld am Holocaust und den östlichen Nachbarvölkern. Darin hieß es unter anderem:

„...Das erste frei gewählte Parlament der DDR bekennt sich im Namen der Bürgerinnen und Bürger dieses Landes zur Mitverantwortung für Demütigung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Frauen, Männer und Kinder. Wir empfinden Trauer und Scham und bekennen uns zu dieser Last der Deutschen Geschichte... Wir haben die furchtbaren Leiden nicht vergessen, die Deutsche im Zweiten Weltkrieg den Menschen in der Sowjetunion zugefügt haben. Diese von Deutschland ausgegangene Gewalt hat schließlich auch unser Volk selbst getroffen. Wir wollen den Prozess der Versöhnung unserer Völker intensiv fortführen. Unser Anliegen wird es daher sein, Deutschland so in ein gesamteuropäisches Sicherheitssystem zu integrieren, dass unseren Völkern Frieden und Sicherheit garantiert sind....“ (Quelle: https://www.ddr89.de/vk/vk_Erklaerung.html )

Außerdem bat die Volkskammer um Entschuldigung für die Teilnahme der DDR an der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 und für ihre diskriminierende Politik gegenüber dem Staat Israel. Das Parlament erklärte feierlich, die entstandenen deutschen Grenzen zu allen Anrainerstaaten ohne Bedingungen anzuerkennen. Diese Erklärung vom 12. April 1990 erhielt in den folgenden sechs Monaten Bedeutung, weil sie das Vertrauen unserer Nachbarvölker und ihre Zustimmung zur Wiedervereinigung von uns Deutschen sehr befördert hat.

Für die Verhandlungen zur deutschen Einheit war Eile geboten, denn auch nach dem 18. März nahm der Flüchtlingsstrom aus der DDR in den Westen zunächst nicht ab. Zudem war die unsichere Lage in der UdSSR bedrohlich. Keiner wusste, wie lange Gorbatschow an der Macht bleibt, immerhin standen noch 380.000 Soldaten der Roten Armee und 120.000 russische Zivilibeschäftigte und Familienangehörige in der DDR. Unser Ministerpräsident Lothar de Maizière hat in seiner Regierungserklärung deshalb einerseits den Grundsatz genannt: keine Sturzgeburt zur Einheit. Andererseits: verhandeln so schnell wie möglich, doch so gut und zukunftsfähig wie nötig. Es ging mir sehr nahe, als er von den Brüdern und Schwestern in der Bundesrepublik forderte, dass die Teilung nur durch Teilen überwunden werden kann.

In der Geschichte gibt es kein Vorbild für die ab 1. Juli wirksam gewordene Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion. Es war der erste große Vertrag zur Einheit. Ziemlich abrupt ist damit von der sozialistischen Planwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft gewechselt worden. Viele haben damals und bis heute die Privatisierung der Treuhandanstalt kritisiert. Sie sollten daran denken, dass es unsere osteuropäischen Nachbarn viel schwerer hatten, weil sie solche Hilfe nicht erhielten. Uns ist es denen gegenüber recht gut gegangen. Trotz mancher Fehlentscheidungen in der Treuhand wurde die ehemalige DDR nicht zum Armenhaus Deutschlands, vergleichbar mit Sizilien in Süditalien und auch nicht zu einem Oligarchen-Unwesen wie in Russland. Beides hätte durchaus entstehen können.

Als zweiten wichtigen Vertrag in den Verhandlungen zur Wiedervereinigung hat die Volkskammer dem Einigungsvertrag zugestimmt. Mit etwa 2.000 Einzelfallregelungen sorgte er dafür, dass aus den Hoffnungen und Wünschen der Menschen der DDR Ansprüche und vor allem Rechte geworden sind. So hat es zehn Jahre später Lothar de Maizière gesagt. Die Verhandlungsführer Wolfgang Schäuble und Günther Krause sowie eine beeindruckend hohe Zahl von Beamten in den Ministerien haben dafür in kurzer Zeit intensive gute Arbeit geleistet.
Wolfgang Schäuble, Bundesminister des Innern und DDR-Staatssekretär Günther Krause unterzeichnen am 31. August 1990 im Kronprinzenpalais in Berlin den EinigungsvertragWolfgang Schäuble, Bundesminister des Innern (links) und DDR-Staatssekretär Günther Krause (rechts) unterzeichnen am 31. August 1990 im Kronprinzenpalais in Berlin den Einigungsvertrag (© Bundesregierung, B 145 Bild-00046825, Foto: Klaus Lehnartz)

Ein weiterer wichtiger Vertrag – allerdings ohne Mitarbeit der Volkskammer – war der am 12. September in Moskau abgeschlossene Zwei-plus-Vier-Vertrag. Er hat in vollem Einvernehmen mit allen unseren europäischen Nachbarn Deutschland die volle, uneingeschränkte Souveränität zurückgegeben.

Meist schon vergessen ist, was in der Volkskammer außer den genannten großen Verträgen noch alles beschlossen wurde. Es sei hier nur ohne Anspruch auf Vollständigkeit genannt: Reduzierung der Arbeitsstunden-Woche von 43,75 auf 40 Stunden, Anhebung der Mindestrente von 330 auf 495 Mark, die Durchschnittsrente ist mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 auf 654 D-Mark und am 1. Juli 1991 auf 864 D-Mark gestiegen. Das Recht auf einen Kita-Platz und Kinder- und Erziehungsgeld in gleicher Höhe wie im Westen wurde Gesetz. Ein bitter nötiges Sofortprogramm für den Bau von Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen wurde verabschiedet.

Mit dem Kommunalgesetz und dem Kommunalwahlgesetz haben wir den unseligen Zentralismus abgeschafft und erste freie Kommunalwahlen sowie handlungsfähige Kommunalverwaltungen ermöglicht. Mit dem Ländereinführungsgesetz haben wir die 1952 in der DDR abgeschafften Bundesländer wieder geschaffen. So konnte unsere Heimat auch wieder ihre alten Namen tragen.

Die gesamte Rechtsprechung wurde demokratisiert, Legislative, Exekutive und Rechtsprechung wieder klar getrennt. Verwaltungsgerichte, Finanzgerichte, Sozialgerichte und Arbeitsgerichte wurden eingerichtet und ein Netz von Arbeitsämtern flächendeckend geschaffen. Für Ärzte und Anwälte wurde die Niederlassungsfreiheit wieder eingeführt.

Diese Leistungen beweisen, dass die Volkskammer – wo immer es in der Kürze der Zeit möglich war – viele Fehler der SED-Diktatur weggeräumt hat, Ordnung im Land gehalten hat und so gleichberechtigte Verhandlungen mit dem Partner Bundesrepublik über den Beitritt erreichen konnte. Unser Ministerpräsident Lothar de Maizière hat sich dafür als redlicher Anwalt aller Menschen in der DDR mit ganzer Kraft (und oft darüber hinaus) eingesetzt.

6. Der Beitrittsbeschluss

Die Volkskammer hat vom 22. August um 9.00 Uhr bis zum 23. August um 3.00 Uhr getagt und um den lange umstrittenen Termin zum Beitritt der DDR zum Bundesgebiet gerungen. Kein Bundeskanzler Kohl, kein Präsident Bush sen. und kein Präsident Gorbatschow und kein anderer auf der Welt, nur wir 400 Volkskammer-Abgeordneten konnten beschließen, gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland beizutreten. So hatte es die „Allianz für Deutschland“ den Menschen in der DDR vor der Wahl im März versprochen. Und so wurde das Versprechen nach nur unvorstellbar kurzer Zeit von 157 Tagen eingelöst und nach nur 199 Tagen mit dem Tag der Einheit am 3. Oktober 1990 auch Realität.

Der Beitrittsbeschluss hatte folgenden Wortlaut:

„Die Volkskammer erklärt den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit Wirkung vom 3. Oktober 1990. Sie geht dabei davon aus, dass die Beratungen zum Einigungsvertrag zu diesem Termin abgeschlossen sind, die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen einen Stand erreicht haben, die die außen- und sicherheitspolitischen Bedingungen der deutschen Einheit regeln, die Länderbildung so weit vorbereitet ist, dass die Wahl zu Länderparlamenten am 14. Oktober 1990 durchgeführt werden kann.“

Lange war in den Beratungen der Fraktionsvorsitzenden, die während der mehrfachen Auszeiten im Plenarsaal stattfanden, neben dem Termin 3. Oktober strittig, wie man die damals noch offenen vier Bedingungen für den Beitritt (Abschluss des Einigungsvertrages, Abschluss des Zwei-plus-Vier-Vertrages, Länderbildung und Landtagswahlen) so formuliert, dass die handelnden nationalen und internationalen Personen nicht unter Druck gesetzt werden. Ich hörte zu und konnte ihnen den vermittelnden Satzteil vorschlagen, der im obigen Text unterstrichen ist. So ist er auch in den Beschluss eingegangen. Über diesen meinen Beitrag zum historischen Beitrittsbeschluss freue ich mich heute noch, er ist die wesentlichste Tat in meiner Volkskammerzeit gewesen. Ich habe sie mir auch am 2. Oktober 1990 noch mit Unterschrift vom Vizepräsidenten Dr. Reinhard Höppner bestätigen lassen, damit mir meine Enkel das auch glauben können.
Die Abgeordneten der Volkskammer stimmen mit Handzeichen während der Abstimmung am 23. August 1990 für den Beschluss zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990. Die nach langen Auseinandersetzungen um unterschiedliche Beitrittstermine gefällte Entscheidung erfolgte mit 294 Ja - gegen 62 Nein-Stimmen.Die Abgeordneten der Volkskammer stimmen mit Handzeichen während der Abstimmung am 23. August 1990 für den Beschluss zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990. Die nach langen Auseinandersetzungen um unterschiedliche Beitrittstermine gefällte Entscheidung erfolgte mit 294 Ja - gegen 62 Nein-Stimmen. Der Autor dieses Beitrags, das "MdVK" (= Mitglied der Volkskammer) Hans-Peter Häfner ist in der sechsten Reihe (von hinten gezählt) vage zu erkennen (mit dunklem Haar und dunklem Jacket). (© picture-alliance/dpa)

7. Fazit

Was ist noch festzuhalten aus der Volkskammerzeit? Dr. Reinhard Höppner hat es so gesagt: Der Fall der Mauer glich dem Bruch eines Staudammes. Wir standen vor der Aufgabe, nicht zu jammern, dass man das Wasser hätte langsamer ablaufen lassen müssen, sondern Sandsäcke zu schleppen, damit nicht alles überschwemmt wird. Und dann das Land wieder urbar machen. Das hat die Volkskammer geschafft, nicht fehlerfrei, aber engagiert und erfolgreich. Die Volkskammer hat ein gutes, großes Kapitel in der deutschen Geschichte des Parlamentarismus geschrieben. Und ich kann sagen: Ich bin dabei gewesen.

Aufgeschrieben in Vacha in der Rhön, am 3. April 2020 von Dr.-Ing. Hans-Peter Häfner, MdVK a.D. , MdL a.D.

Zitierweise: "Was meine Enkel von der Volkskammer im Jahr 1990 erfahren sollen“, Hans-Peter Häfner, in: Deutschland Archiv, 9.4.2020, Link: www.bpb.de/307586.

Weitere "Ungehaltene Reden" ehemaliger Parlamentarier und Parlamentarierinnen aus der ehemaligen DDR-Volkskammer werden in den nächsten Wochen folgen. Es sind Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar.


In dieser Reihe bereits erschienen:

- Sabine Bergmann-Pohl, "Ein emotional aufgeladenes Parlament"

- Hinrich Kuessner „Corona führt uns die Schwächen unserer Gesellschaft vor Augen“

- Klaus Steinitz, "Eine äußerst widersprüchliche Vereinigungsbilanz"

- Richard Schröder -"Deutschland einig Vaterland"

- Maria Michalk, "Von PDS-Mogelpackungen und Europa?" (ab 20.6.)

- Markus Meckel, "Eine Glücksstunde mit Makeln"

- Hans-Peter Häfner, "Brief an meine Enkel"

- Konrad Felber, "Putins Ausweis"

- Walter Fiedler, "Nicht förderungswürdig"

- Hans Modrow, "Die Deutsche Zweiheit"

- Joachim Steinmann, "Antrag auf Staatsferne"

- Christa Luft, "Das Alte des Westens wurde das Neue im Osten"

- Dietmar Keller, "Geht alle Macht vom Volke aus?"

- Rainer Jork, "Leistungskurs ohne Abschlusszeugnis"

- Jörg Brochnow, "Vereinigungsbedingte Inventur"

- Gunter Weißgerber, "Halten wir diese Demokratie offen" (folgt)

- Hans-Joachim Hacker, "Es gab kein Drehbuch"

- Marianne Birthler - "Das Ringen um Aufarbeitung und Stasiakten"

- Stephan Hilsberg - "Wem wir zu danken haben" (folgt)

- Reiner Schneider - "Bundestag - Volkskammer 2:2" (folgt)

- Stefan Körber - "Ausstiege, Aufstiege, Abstiege, Umstiege" (folgt)

- Jürgen Leskien - "Wir und der Süden Afrikas" (folgt)

- Volker Schemmel - "Es waren eigenständige Lösungen" (folgt)

- Steffen Reiche - "Rückblick und Ausblick" (folgt)

- Carmen Niebergall - "Eine persönliche Bilanz" (folgt)

- Martin Gutzeit, "Gorbatschows Rolle und die der SDP - Drei Vorgeschichten" (folgt)

- Susanne Kschenka - "Und weiter?" (folgt)

- Jens Reich - Revolution ohne souveränes historisches Subjekt (folgt)

- Wolfgang Thierse - "30 Jahre später - Trotz alldem im Zeitplan" (folgt)

- u.a.m.

Mehr zum Thema:

- Die Wahlkampfspots der Volkskammerwahl

- Die Ergebnisse der letzten Volkskammerwahl

- Film-Dokumentation "Die letzte Regierung der DDR"


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