Beleuchteter Reichstag

10.2.2021 | Von:
Andreas Förster

Totenschädel in Gotha

Kolonialkulturgut in ostdeutschen Museen

Immer breiter wird das Thema Kolonialismus und koloniales Erbe auch in den neuen Ländern diskutiert. Davon sind auch kleine Museen und Sammlungen in Schössern betroffen, die nun fürchten, durch Raubkunst in die Schlagzeilen zu geraten. Ein Einblick in Sammlungen im Schloss Friedenstein in Gotha und in das Naturalienkabinett der sächsischen Kleinstadt Waldenburg.

Blick auf das zwischen 1643 und 1654 erbaute Schloss Friedenstein in der historische Residenzstadt Gotha in Thüringen.Blick auf das zwischen 1643 und 1654 erbaute Schloss Friedenstein in der historische Residenzstadt Gotha in Thüringen. (© picture-alliance)

Ein langer Flur führt in das Zentraldepot der naturkundlichen Sammlung von Schloss Friedenstein in Gotha. In einem fensterlosen Raum lagern hier in Dutzenden fest verschlossenen Schränken auch die völkerkundlichen oder – wie man heute sagt – ethnografischen Objekte, die das Adelshaus Sachsen-Coburg und Gotha über Jahrhunderte aus aller Welt zusammentragen ließ. Neonlicht flammt auf, als Thomas Fuchs, der die Ethnografika-Sammlung betreut, den Schalter neben der Tür betätigt. Geradezu steht ein Tisch, auf ihm liegen drei Totenschädel. Köpfe, die vor 150 Jahren Menschen im heutigen Indonesien abgeschlagen worden sind. Hoffentlich nach ihrem Tod, denkt man unwillkürlich.

Fuchs, ein großgewachsener, gelassener Mann, der nicht viel Worte macht, beruhigt: „Wir gehen davon aus, dass die Menschen schon tot waren, wahrscheinlich erhängt worden sind, bevor man ihnen den Kopf abtrennte“, sagt er. Still ist es in dem Depotraum, nur aus der Klimaanlage kommt ein leises Summen. Es ist ein seltsames Gefühl, hier zu stehen, auf die Knochenschädel zu starren, auf die leeren Augenhöhlen, die bloßliegenden Zahnreihen, die ein groteskes Grinsen vorspiegeln. Unheimlich fühlt sich das an, und irgendwie falsch.

Falsch habe es sich auch für ihn angefühlt, als er die Schädel das erste Mal sah, erzählt Tobias Pfeifer-Helke. „Das war vor fast zwei Jahren, als ich Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein wurde und mir im Zentraldepot einen Überblick verschaffen wollte über den dort lagernden Sammlungsbestand. Als wir einen verschlossenen Holzschrank öffneten, lagen dort die Schädel.“ Natürlich sei das jetzt kein völlig überraschender Fund gewesen, fügt der 49-jährige Vogtländer hinzu. Denn dass zu den Ethnografika des Hauses auch eine – gleichwohl jahrzehntelang nicht ausgestellte – Schädelsammlung gehöre, sei bekannt. „Aber wenn man plötzlich davor steht und sieht, dass auf einigen der Köpfe sogar Jahreszahlen oder Namen geschrieben stehen, dann beschleicht einen doch ein seltsames Gefühl. Und der Wunsch, mehr zu erfahren darüber, wie diese Schädel nach Gotha gelangten, und über die Menschen, zu denen sie einst gehörten.“

Diese Fragen soll in den kommenden anderthalb Jahren ein Forschungsprojekt klären, dass die Gothaer Stiftung zusammen mit dem Schweizer Ethnologen Adrian Linder und einem indonesischen Institut durchführt. Das Institut erforscht die Geschichte der Dayak, der indigenen Bevölkerung auf der Insel Borneo. Borneo ist die größte Insel Asiens und besteht heute aus den drei Staaten Indonesien, Malaysia und Brunei. Im frühen 19. Jahrhundert hatten die Kolonialmächte Großbritannien und die Niederlande die Insel unter sich aufgeteilt. Die insgesamt 30 indonesischen Schädel, die in den 1860er Jahren in die herzogliche Sammlung in Gotha gelangten, stammen vermutlich alle aus dem damals niederländisch besetzten Teil der Insel.

Der 71-jährige Schweizer Ethnologe Linder, assoziierter Forscher am Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern, ist ein exzellenter Kenner der indonesischen Geschichte. Jahrelang lebte er selbst auf der Insel. Er wird zusammen mit dem Leiter des Dayak-Instituts, dem indonesischen Wissenschaftler Marko Mahin, Archive und Bibliotheken durchforsten, um den geschichtlichen Hintergrund der makabren Museumsexponate sowie den Weg zu dokumentieren, auf dem sie aus Südostasien in die Thüringer Residenzstadt gelangten.

Schädel als Trophäen aus Borneo

Erste Erkenntnisse haben die Forscher schon gewonnen: Sie glauben, dass die Mehrzahl der Gothaer Schädel von Freiheitskämpfern aus Borneo stammen, die im antikolonialen Banjar-Krieg (1859–1863) gegen die niederländischen Truppen kämpften, gefangengenommen und exekutiert worden sind. „Es war ein blutiger Krieg, der von beiden Seiten mit großer Brutalität geführt wurde und an dem auch Söldner aus der Schweiz und Deutschland auf Seiten der Kolonialmacht kämpften“, sagt Linder. Damals sei es üblich gewesen, den besiegten Aufständischen den Kopf abzutrennen, weil die Militärregierung dafür auf Anweisung der niederländischen Königin Kopfprämien zahlte. Möglicherweise seien deshalb über deutsche Söldner auch die Schädel als Trophäen in die herzogliche Sammlung nach Gotha gelangt. „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen haben mindestens sechs Deutsche, die damals in Borneo waren, die Schädel dem Herzog übereignet“, erklärt Linder. „Die meisten stammten aus Militärspitälern in Batavia und Sulawesi und wurden von einem Gothaer Stabsarzt und einem Kapitän aus Jena mitgebracht.“

Auf einigen Schädeln sind neben den Jahreszahlen auch die Namen der Opfer vermerkt. Vier davon konnten bereits als Rebellen identifiziert werden, die nach Prozessen hingerichtet worden sind. In niederländischen Archiven sind die Gerichtsakten zu den Verfahren noch vorhanden, sogar Fotos der Opfer finden sich darin. „Die Aufgabe unseres Instituts in dem Projekt ist es, hier in Indonesien nach den Nachfahren der hingerichteten Rebellen zu suchen sowie nach Hinweisen, mit denen sich auch die weiteren Opfer identifizieren lassen“, sagt Marko Mahin vom Dayak-Institut. Man werde dazu in die Bibliotheken und die Archive gehen, aber auch in den Dörfern die Menschen nach überliefertem Wissen befragen. „Die Erinnerung an den Banjar-Krieg ist bei den Indonesiern noch sehr präsent und lebendig“, sagt Mahin. „Die Menschen auf dem Land zeigen Besuchern bis heute die Einschusslöcher in den Bäumen, sie bewahren die Gewehrkugeln auf, mit denen damals auf ihre Verwandten gefeuert wurde.“

Diese Aufnahme entstand 2010 auf Schloss Friedenstein in Gotha. Eine Diplomrestauratorin arbeitet an einem 3000 Jahre alten ägyptischen Sarkophag. Der äußere und innere Sarg einer Frau aus dem 10. bis 7. Jahrhundert vor Christi konnte mit Hilfe von Spenden und Sponsoren wiederhergestellt werden. Der Sarkophag ist Teil der kostbaren Ägyptensammlung des Museums, für die der Naturforscher Ulrich Jasper Seetzen (1767-1811) den Grundstein legte. Seetzen sammelte im Auftrag des Gothaer Herzogshauses Anfang des 19. Jahrhunderts mehr als 3500 Altertümer aus Ägypten und dem Orient.Diese Aufnahme entstand 2010 auf Schloss Friedenstein in Gotha. Eine Diplomrestauratorin arbeitet an einem 3000 Jahre alten ägyptischen Sarkophag. Der äußere und innere Sarg einer Frau aus dem 10. bis 7. Jahrhundert vor Christi konnte mit Hilfe von Spenden und Sponsoren wiederhergestellt werden. Der Sarkophag ist Teil der kostbaren Ägyptensammlung des Museums, für die der Naturforscher Ulrich Jasper Seetzen (1767-1811) den Grundstein legte. Seetzen sammelte im Auftrag des Gothaer Herzogshauses Anfang des 19. Jahrhunderts mehr als 3500 Altertümer aus Ägypten und dem Orient. (© picture-alliance, ZB / Martin Schutt)
Das Forschungsprojekt der Stiftung Schloss Friedenstein wird vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste (DZK) in Magdeburg gefördert. Die Magdeburger Einrichtung ist sowohl national als auch international der zentrale Ansprechpartner in Deutschland, wenn es um Fragen zu unrechtmäßig entzogenen Kunst- und Kulturobjekten geht.

Hatte sich das DZK in den vergangenen Jahren insbesondere auf den Kunstraub der Nationalsozialisten konzentriert, also auf die den deutschen Jüdinnen und Juden und aus den besetzten Ländern geraubten Sammlungsbeständen, so hat sich zuletzt der Fokus der Einrichtung erweitert. Und zwar auch auf solche Objekte, die aus früheren Kolonien nach Deutschland gelangt sind. Denn jahrhundertelang hatten europäische Militärs, Wissenschaftler und Kaufleute Kultur- und Alltagsobjekte, aber auch menschliche Überreste – sogenannte human remains – aus den damaligen Kolonien in ihre Heimatländer mitgebracht.

Auch hierzulande lagern viele solcher Objekte in den Depots und Ausstellungsvitrinen von Museen und Universitäten. Wie sie dorthin gelangten, ob sie gekauft, getauscht oder geraubt worden sind, wird immer häufiger kritisch hinterfragt.

Seit Anfang 2019 gibt es im DZK deshalb den Fachbereich „Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“. Er fördert Forschungsprojekte zur Provenienz – also Herkunft – solcher kritischen Sammlungsbestände und baut eine Datenbank auf, in die die Projektergebnisse einfließen sollen. Darüber hinaus bietet das DZK Hilfe und Vermittlung bei allen Fragen zur möglichen Restitution von Objekten an.

Derzeit fördert der Magdeburger Fachbereich insgesamt 23 Forschungsprojekte. Der überwiegende Teil davon ist langfristig angelegt, das heißt, diese Projekte können ein bis zwei Jahre dauern und dann eventuell noch verlängert werden. Nur fünf Forschungsvorhaben gehen laufen über einen kurzfristigen Zeitraum von ein bis fünf Monate. Insgesamt sind vom DZK in den letzten zwei Jahren rund 2,6 Millionen Euro an für Museen und Universitäten für Provenienzforschungsprojekte mit kolonialem Kontext bereitgestellt ausgereicht worden.

Zwar beziehen sich die meisten Förderanträge auf Sammlungsobjekte, die aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika stammen. „Aber zuletzt hat die Vielfalt der Antragsteller und der Antragsthemen zugenommen“, sagt Fachbereichsleiterin Larissa Förster. „Daran lässt sich auch ablesen, dass das Thema Kolonialismus und koloniales Erbe immer breiter diskutiert und aufgearbeitet wird.“

So gehört zu den neuen vom DZK geförderten Projekten neben dem der Gothaer Stiftung Schloss Friedenstein auch ein gemeinsames Forschungsvorhaben von vier kleineren ostfriesischen Museen, die sich der Herkunftsgeschichte von Objekten aus der einstigen deutschen Kolonie in China widmen. Das Deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven hingegen untersucht mit der finanziellen Förderung aus Magdeburg die Rolle des Schifffahrtsunternehmens Norddeutscher Lloyd, auf deren Reichspostdampferlinien aus nach Ostasien, Australien und in dieder Südsee Kulturobjekte nach Deutschland verbracht wurden, deren Aneignung häufig unrechtmäßig erfolgte. Und im Münchner Museum Fünf Kontinente nehmen deutsche Forscher gemeinsam mit kamerunischen Wissenschaftlern sowie Mitgliedern einstiger Herkunftsgemeinschaften die über 200 Gegenstände umfassende Sammlung des Offiziers und Afrikaforschers Max von Stetten unter die Lupe. Von Stetten war in der frühen Phase der Inbesitznahme Kameruns durch das Deutsche Kaiserreich Führer der Polizeitruppe und anschließend bis 1895 als Kommandeur der sogenannten Schutztruppe tätig. Außerdem war der Sammler an mehreren sogenannten Strafexpeditionen in leitender Position beteiligt.

Eine Mumie im sächsischen Waldenburg

Auch in die kleine sächsische Stadt Waldenburg, die eine halbe Autostunde von Zwickau entfernt liegt, fließen Fördergelder des Magdeburger DZK. Hier befindet sich eines der ältesten Museen seiner Art in Deutschland, das Naturalienkabinett Waldenburg. „Wir sind ein ursprünglich fürstliches Privatmuseum, das 1845 von dem Fürsten Otto Victor I. zu Schönburg-Waldenburg gegründet wurde, der zu einem der wichtigsten Adelsgeschlechter im damaligen Sachsen neben den Wettinern gehörte“, erklärt die Museumsleiterin Fanny Stoye. „Im Kern besteht unser Haus aus einer barocken Wunderkammer, die zum Teil einzigartige Naturalien, Kunstwerke und Kuriositäten aus der im 17. und 18. Jahrhundert von der berühmten Leipziger Apothekerfamilie Linck angelegten Sammlung umfasst. Später wurde diese von der Fürstenfamilie noch erweitert, vor allem um Naturalien und Ethnografika.“

Blick in die historische Sammlung im Naturalienkabinett von Museum Waldenburg, das Foto entstand 2018.Blick in die historische Sammlung im Naturalienkabinett von Museum Waldenburg, das Foto entstand 2018. (© picture-alliance, ZB / Jan Waitans)

Eine Wunderkammer ist dieses seit 1948 in städtischem Besitz befindliche Naturalienkabinett mit seiner wunderbaren Unsortiertheit in der Tat. In einem langgestreckten Saal im Obergeschoss des 1845/46 errichteten Museumsbaus stehen in einzelnen, durch Zwischenwände separierten Abteilen gläserne Vitrinen mit naturkundlichen, medizinischen, technischen, geologischen und ethnografischen Exponaten. Die ganze wissenschaftliche Welt der Aufklärung in einem Raum sozusagen. Zu sehen sind Mineralien, ausgestopfte Vögel, Fossilien, archäologischen Artefakte, Spirituspräparate von Schlangen, Fischen und missgebildeten Föten, eine Schmetterlings- und Käfersammlung sowie wissenschaftliche Instrumente aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Der riesige Kiefernknochen eines Wals hängt an der Wand, aber auch Gemälde und präparierte Wildtierköpfe. Sogar eine ägyptische Mumie in ihrem prächtig gestalteten Sarg ist ausgestellt.

Insgesamt 50.000 Objekte enthält die Sammlung, sie ist – ein Wunder – trotz Krieg und Besatzung in ihrem ursprünglichen Bestand nahezu geschlossen erhalten geblieben. Selbst die Präsentation in den Vitrinen und die weißen Pappkärtchen mit den handschriftlichen Objektbezeichnungen sind noch so, wie sie die 1945 geflohene und anschließend enteignete Fürstenfamilie hinterlassen hat. Das Naturalienkabinett mitsamt seiner Ausstellung steht daher auch seit einigen Jahren unter Denkmalschutz.

Einige der Sammlungsobjekte, insbesondere die nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 ins Haus gelangten Ethnografika, sind nun aber in den Fokus der Museumsleiterin gerutscht. Die aus Leipzig stammende Fanny Stoye war 2018 nach Waldenburg gekommen, nachdem sie sich einige Jahre im Zeppelin-Museum am Bodensee mit Provenienzforschung befasst hatte. „Damals kochte im Zusammenhang mit der Gestaltung des Humboldt-Forums in Berlin gerade die Diskussion um Kolonialkunst und deren umstrittene Herkunft hoch“, erzählt sie. „Da kam mir der Gedanke, mir auch mal die Quellen anzuschauen, aus denen die vom Fürsten in der Kaiserzeit gesammelten Exponate stammen. Und so stieß ich darauf, dass einige dieser Objekte brenzlig waren, insbesondere jene, die von evangelischen Missionen als Zuwendung nach Waldenburg kamen.“

Rund 150 Ethnografika hat Fanny Stoye bislang identifiziert, die sich Missionen wie die Herrnhuther Brüdergemeinde, die Basler und die Leipziger Mission oder die Rheinischen Missionsgesellschaft sich unter ungeklärten Umständen angeeignet und später der fürstlichen Sammlung übergeben hatten. „Diese Objekte stammen zum Beispiel aus Borneo, Südamerika, Indien, Nordeuropa, Neuseeland, verschiedenen afrikanischen Ländern, aber auch aus China“, sagt sie. Dabei handele es sich unter anderem um Körperschmuck, rituell genutzte Objekte und Skulpturen.

Im Museum zeigt Fanny Stoye einige dieser Gegenstände. Da ist zum Beispiel eine etwa 30 Zentimeter lange Holzkeule mit kunstvoll geschnitztem Griff, ein sogenannter Patu, Standeszeichen eines neuseeländischen Maori-Häuptlings. „Wir haben uns kundig gemacht, auch schon Kontakt zu einem Museum in Neuseeland aufgenommen, das die Geschichte der Maori erforscht“, erzählt sie. „Dabei erfuhren wir, dass sich ein Maori-Häuptling nie von seinem Patu getrennt hätte, es niemandem verschenkt, verkauft oder gegen etwas anderes eingetauscht hätte. Wie gelangte also ein christlicher Missionar in den Besitz des Patus, bevor er es an die fürstliche Familie weitergab?“

In einer Glasvitrine liegen kunstvoll geschmiedete Schmuckringe, die Massai-Frauen aus Ostafrika an den Ohren trugen. „Diese Ohrringe wie auch andere Schmuckobjekte hat der Dresdner Missionar Bruno Gutmann, der am Kilimandscharo bei den Massai tätig war, dem Naturalienkabinett geschenkt. Das haben wir herausgefunden“, erklärt die Museumsleiterin. „Aufgrund historischer Schilderungen, wie die Massai unter Zwang und Gewalt solchen Schmuck abgeben mussten, um zum Beispiel getauft zu werden, stellt sich für uns die Frage, ob wir diese Gegenstände weiterhin kommentarlos in der Ausstellung liegen lassen können.“ Das gelte ebenso für die aus Lappland stammende Zaubertrommel eines samischen Schamanen. „Es ist kaum vorstellbar, dass ein solch rituelles Objekt freiwillig an einen christlichen Missionar übergeben worden ist.“

Auch wenn in den Sammlungsakten der Fürstenfamilie immer von einem mildtätigen Werk der Missionen gesprochen werde, lasse sich das heute mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr in Deckung bringen, sagt Fanny Stoye. „In den vergangenen zwei, drei Jahren haben Historiker damit begonnen, die Missionsarbeit kritisch zu untersuchen. Und sie haben dabei den gewalttätigen und kolonialen Kontext beleuchtet, in dem diese Missionsarbeit erfolgte.“

Beginnendes Forschungsprojekt

Das Museum Waldenburg mit dem Naturalienkabinett.Das sächsische Museum Waldenburg mit dem Naturalienkabinett. (© picture-alliance, ZB / Jan Woitas)
Das müsse ihr Museum im Blick haben, wenn es nun in dem vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste geförderten Forschungsprojekt die Umstände untersucht, unter denen die ausgewählten 150 Sammlungsobjekte aus Missionsstationen in das Waldenburger Naturalienkabinett gelangten.

Hat sie dafür auch die Rückendeckung der Stadt, der das Museum ja gehört? Fanny Stoye wiegt den Kopf. „Als ich in den Stadtrat ging und den Forschungsantrag an das DZK vorstellte, wurde lange hin und her diskutiert“, sagt sie. „Eine der Fragen war: Müssen wir jetzt alles zurückgeben? Nein, sagte ich, denn der weit überwiegende Teil der Sammlung ist unproblematisch. Und bei Objekten, die damals geraubt oder unter Zwang abgenommen wurden, gibt es heute keinen juristischen Anspruch auf eine Rückführung. Aber ich sagte den Stadträten auch, dass wir uns bei sensiblen Objekten auf eine Position einigen müssen, also ob wir das Original notfalls zurückgeben und durch eine Replik im Museum ersetzen wollen.“

Besorgt gewesen seien die Stadträte ebenfalls über die mögliche Außenwirkung des Forschungsprojekts, erzählt die Museumschefin. Wird unsere Stadt jetzt schlecht gemacht in der Öffentlichkeit, weil wir uns so lange nicht um das Thema gekümmert haben, hätten sie gefragt. „Auch da konnte ich sie beruhigen. Ich sagte ihnen, wir stellen uns mit dem Projekt als kleines Museum einer kleinen Stadt einer Diskussion, der viele andere große Häuser ausweichen“, sagt Fanny Stoye und lacht. „Das wird richtig großes Kino.“

Zitierweise: Andreas Förster, "Totenschädel in Gotha“, in: Deutschland Archiv, 11.02.2021, Link: www.bpb.de/326830. Der Beitrag erschien in einer kürzeren Fassung am 4.2.2021 auch in der Frankfurter Rundschau. Alle Beiträge im Deutschland Archiv sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar.

Mehr zum Thema im bpb-Dossier (Post)kolonialismus und Globalgeschichte und im Themenheft Kolonialismus der bpb-Redaktion "Aus Politik und Zeitgeschichte".


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