Beleuchteter Reichstag

8.3.2021

Vita von Marguerite Marcus

Das Foto zeigt Marguerite Marcus in ihrer Praxis.Marguerite Marcus in ihrer Praxis (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2021)

Marguerite Marcus, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Familientherapeutin, kam 1959 als jüngstes von vier Kindern in Berlin zur Welt. Die Wurzeln ihrer Familie kann sie bis in das 17. Jahrhundert in Mitteldeutschland zurückverfolgen: Einer ihrer Vorfahren bekam im 18. Jahrhundert einen Schutzbrief, um sich als Schneider in Bernburg an der Saale niederzulassen. Die Urgroßeltern väterlicherseits kamen Mitte des 19. Jahrhunderts von Halle nach Berlin. Die anderen Großeltern stammten aus Posen, Hammelburg und Genesen (auch Provinz Posen – damals deutschsprachig). Sie alle lebten vor und während des Ersten Weltkriegs schon in Berlin.

Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs konnte Marguerite Marcus‘ Mutter, Ingeborg Baumann, mit 17 Jahren nach England flüchten. Ihre Eltern Mieze und Richard[1] wurden 1943 bei der sogenannten Fabrikaktion deportiert und in Auschwitz ermordet. Ihre Namen sind auf der Spiegelwand[2] in Berlin-Steglitz zu finden.

1947 heiratete Ingeborg in Paris ihre Jugendliebe aus Berlin: Gerhard Marcus, welcher zuvor der Judenverfolgung durch Flucht nach Frankreich und schließlich in die Schweiz entkommen war. Das Paar bekam in Frankreich zwei Söhne, bevor es 1951 nach Berlin zurückkehrte und dort 1955 und 1959 Eltern von zwei Töchtern wurde.

Die Familie von Marguerite Marcus ist liberal-religiös. Sie selbst, wie auch ihre Familie, ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, in der ihre Mutter 35 Jahre lang der Repräsentantenversammlung angehörte; gemeinsam mit Jeanette Wolff, Heinz Galinski und Hans Rosenthal. Marguerite Marcus besuchte das Französische Gymnasium und studierte Medizin an der Freien Universität Berlin. Später bildete sie sich im Bereich Familien- und Traumatherapie fort. Während ihres Studiums war sie Mitglied in einer der ersten jüdisch-feministischen Gruppen, dem „Schabbeskreis“, und besuchte zweimal die Sommeruniversität für jüdische Studien in Heidelberg. Dort traf sie Prof. Rabbinerin Eveline Goodman-Thau,[3] mit der sie seitdem eine enge Freundschaft verbindet.

Als junge Ärztin hat sie 1988 den 1. internationalen Kongress für Medizin und Halacha in Berlin mitorganisiert.[4] Sie engagierte sich bei AMCHA Deutschland, einem Verein, der psychologische Hilfe für Überlebende des Holocaust in Israel leistet, war Mitgründerin der psychosozialen Beratungsstelle esra e.V. und interviewte Überlebende für die Shoah Foundation. Gemeinsam mit dem Rechtsanwalt und späteren Richter am Verfassungsgerichtshof des Landes Berlin, Meinhard Starostik (1949-2018), dem Vater ihrer Kinder, war sie während des Bürger_innenkriegs in Ex-Jugoslawien bei La Benevolentija e.V.[5] aktiv. Etwa zur gleichen Zeit war sie im Gründungs-Vorstand und in der Jury der Stiftung Zurückgeben, dessen Beirat sie noch heute angehört. Nach der Jahrtausendwende war sie am Aufbau des Jüdischen Frauen-Netzwerks und des ersten egalitären Minjans[6] in Berlin beteiligt. Seit 2007 ist sie Mitorganisatorin des jüdischen Lernfestivals Limmud, sie ist Mitglied bei Masorti und Ohel HaChidusch Berlin[7] und nimmt aktiv an Tagungen des Bildungswerkes des Zentralrats der Juden in Deutschland e.V. und des Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment der ZWST[8] teil. In diesem Rahmen diskutiert sie über Antisemitismus an Berliner Schulen und über die Vermittlung der Shoah.

1998 eröffnete Marguerite Marcus die Gemeinschaftspraxis „Problem-los-gelassen, Praxis für systemische Beratung und Therapie“. Ihr Schwerpunkt dort liegt auf der Familientherapie mit Holocaustüberlebenden und deren Familien, der Angehörigen der Zweiten und Dritten Generation. Sie ist auch als Fachärztin für Kinder und Jugendmedizin tätig. 2017 übernahm sie über den Verein Flüchtlingspaten Syrien e.V. eine Patinnenschaft für einen syrischen Jugendlichen. Marguerite Marcus hat zwei Söhne, Milan (geb. 1997) und Miro (geb. 1999). Sie lebt in Berlin-Wilmersdorf, besucht vorwiegend die Synagoge am Fraenkelufer (Friedrichshain-Kreuzberg) und engagiert sich seit 2019 bei der Reformgemeinde Beit Haskala.

Publikationen (Auszug): Kontaminiertes Geld, in: Nea Weissberg und Jürgen Müller-Hohagen (Hg.), Beidseits von Auschwitz. Identitäten in Deutschland nach 1945, Berlin 2015. Sowie in beratender Funktion bei: Es war einmal ein Töpfchen, dem israelischen Kinderbuchklassiker von Alona Frankel aus dem Jahr 1975, erschienen in Berlin 2020.

Interview mit Marguerite Marcus >>

Fußnoten

1.
Jeweils ein Stolperstein für Richard Baumann (1885-1943), https://www.stolpersteine-berlin.de/biografie/1372 und ein Stolperstein für Marie Baumann (geb. Zlotnitzki, 1887-1943), www.stolpersteine-berlin.de/de/biografie/1373 wurden am 07.3.2009 an ihrem Wohnort Mariendorferstr. 3 bzw. am Steglitzer Damm verlegt, zuletzt aufgerufen am 17.2.2021.
2.
Informationen zu 3.361 Gedenktafeln an historischen Orten in Berlin, www.gedenktafeln-in-berlin.de/nc/gedenktafeln/gedenktafel-anzeige/tid/spiegelwand/ und „Welcome to Steglitz-Zehlendorf“, http://www.welcome-to-steglitz-zehlendorf.de/kiezentdecker/de/die-routen/damals-war-alles-anders/die-spiegelwand.php, zuletzt aufgerufen am 22.2.2021.
3.
Eveline Goodman-Thau wurde1934 in Wien geboren. Sie ist Rabbinerin sowie Professorin für jüdische Religions- und Geistesgeschichte. Zudem hat sie die Hermann-Cohen-Akademie für Religion, Wissenschaft und Kunst in Buchen (Odenwald) gegründet und ist deren Direktorin sowie der Hebraic Graduate School of Europe.
4.
The USC Shoah Foundation, https://sfi.usc.edu/, zuletzt aufgerufen am 22.2.2021.
5.
Benevolencija Deutschland e.V. unterstützt seit 1994 La Benevolencija Sarajevo, die humanitäre Organisation der Jüdischen Gemeinde der bosnischen Hauptstadt, https://benevolencijadeutschland.jimdofree.com/, zuletzt aufgerufen am 22.2.2021.
6.
Mindestzahl von zehn Beter_innen, die notwendig ist, um einen G'ttesdienst in der Synagoge abhalten zu können.
7.
Ohel Hachidusch e.V., https://www.ohel-hachidusch.org/, zuletzt aufgerufen am 17.2.2021.
8.
Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. (ZWST), https://zwst-kompetenzzentrum.de/, zuletzt aufgerufen am 4.2.2021.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Deutschland Archiv