Beleuchteter Reichstag

1.4.2021 | Von:
Sonia Combe

„Hier können die Faschisten nichts unternehmen“

Die französische Historikerin Sonia Combe hat in den 1980er-Jahren unter anderen sechs Jüdinnen in der DDR interviewt. Für die Reihe „Jüdinnen in Deutschland nach 1945“ hat sie sich die Interviews noch einmal angehört und daraus einen Beitrag verfasst. Es ging ihr darum herauszufinden, warum diese Frauen ins Land der Täter zurückgegangen sind.

Das Foto vom 17.11.1952 zeigt zum Monat der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft 1952 die Literaturstunde im Haus der Freundschaft in Berlin-Pankow mit Hedda Zinner. Die bekannte Schriftstellerin Hedda Zinner liest aus ihrem Buch "Alltag eines nicht alltäglichen Landes" vor und berichtet aus dem Leben der Sowjetmenschen.17.11.1952: Zum Monat der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft 1952. Literaturstunde im Haus der Freundschaft in Berlin-Pankow mit Hedda Zinner. Die bekannte Schriftstellerin Hedda Zinner liest aus ihrem Buch "Alltag eines nicht alltäglichen Landes" vor und berichtet aus dem Leben der Sowjetmenschen. (© Bundesarchiv Bild 183-17227-0001)

Dieser Artikel beruht auf Interviews mit jüdischen Zeitzeuginnen, die im Rahmen einer Recherche zur Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit in der ostdeutschen Gesellschaft stattfanden. Die Gespräche führte ich zwischen 1985 und 1989 in der DDR. Unter den damaligen Gesprächspartnerinnen und -partnern waren sechs Frauen, von denen drei während der NS-Zeit im französischen Exil gelebt hatten, zwei weitere waren aus den USA und eine war aus der Sowjetunion zurückgekehrt.[1]

Ich muss erwähnen, mit welcher Geisteshaltung ich in diese Gespräche ging. Als „Babyboomerin“ aus einem Frankreich, in dem die Erinnerung an den Krieg noch sehr lebendig war, aber auch aufgrund meiner familiären Herkunft konnte ich persönlich nicht verstehen, wie die Verstoßenen und Verfolgten des Naziregimes den Wunsch entwickelt hatten, in das Land zurückzukehren, in dem man das Verbrechen an den deutschen und europäischen Jüdinnen und Juden geplant und umgesetzt hatte. Daher wollte ich unbedingt die Motive für ihre Rückkehr verstehen. Der Teil von Deutschland, den ich zuerst kennengelernt hatte, war die Bundesrepublik, wo ich in jedem etwas älteren Menschen einen ehemaligen Nazi sah. Die DDR empfand ich damals als grau, karg und repressiv – kein besonders sympathisches Bild. Ich hatte aber auch Christa Wolfs „Kindheitsmuster“[2] gelesen, und das Buch gefiel mehr sehr gut.

Im Zuge meiner Feldforschung wandelte sich mein Bild von der DDR. Zunächst einmal stellte ich fest, dass in den Achtzigerjahren zwar die niedergeschriebene Meinungsfreiheit eingeschränkt war, das gesprochene Wort aber relative Freiheit genoss. Außerdem war der dortige Alltag nicht so karg, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es dauerte nicht lange, bis ich in die Gruppe „Wir für uns“ eingeführt wurde, die die Soziologin Irene Runge[3] gegründet hatte. Hier trafen sich die Töchter und Söhne der sogenannten Remigrant_innenfamilien jüdischer Herkunft, die mir halfen, meine Wahrnehmung zu ändern. Zwar bereuten auch sie teilweise, dass ihre Eltern nicht in den USA, Frankreich oder Großbritannien geblieben waren. Doch deren Entscheidung, nach dem Krieg nach Deutschland zurückzukehren, war für sie, zu meinem großen Erstaunen, eine Selbstverständlichkeit.

„Hier waren die Kampfgenossen“

Im Januar 1988 lebte Dora Schaul[4] immer noch in der Wohnung, in die sie mit ihrem Ehemann am 31. Dezember 1948 mit „einem Bett fürs Kind und Brettern für die Bücher“ eingezogen war. Ihre Freude über die Wohnung wurde dadurch noch gesteigert, dass ihre vorherige Bleibe eigentlich einer Familie gehörte, die für sie hatte ausziehen müssen: Als jüdische und kommunistische Remigrant_innen waren sie bevorzugt worden. Nach kurzer Zeit begann Dora Schaul, die vor 1933 eine kaufmännische Ausbildung absolviert hatte, eine Journalistenausbildung an einer Parteischule [vermutlich an der Bezirksparteischule Friedrich Engels in Berlin-Mitte] – drei Monate später konnte sie in ihrem Traumberuf arbeiten.

Ihr französisches Exil hatte sie verlassen, weil „die Mehrheit der Kameraden ziemlich schnell in die SBZ [Sowjetische Besatzungszone] zurückgekehrt ist […]. Wohin auch sonst? Ich hatte keine Familie mehr… Natürlich habe ich mit der Rückkehr nach Deutschland etwas gezögert, aber in der SBZ waren die Kampfgenossen.“

Im September 1988 traf ich die Schriftstellerin, Journalistin und Dramaturgin Hedda Zinner.[5] Sie war als Erste – im August 1945 – nach Deutschland zurückgekehrt. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Fritz Erpenbeck gehörte sie zu den deutschen Kommunist_innen, die nach dem Wunsch der sowjetischen Behörden das kulturelle Leben in Berlin wiederaufbauen sollten. Begeistert erinnerte sie sich an jene Zeit. Sie bekannte sich auch zum sozialistischen Regime, das es ihr ermöglichte, von Autor_innenrechten zu leben und ein soziales Netz aufzubauen. Ein Hausfrauenleben hätte sie sich niemals vorstellen können. Die Rückkehr nach Berlin, wo sie bis 1929 gelebt hatte, und die Entscheidung, nach Ostdeutschland zu gehen, waren für sie und ihren Mann reine Pflichterfüllung, wenn nicht gar Teil einer Mission. Immer wieder betonte sie, in welchem Zustand des Elends und der Verzweiflung sie Berlin vorgefunden hatte. Und dann sagte sie diesen Satz, der mich, wie ich zugeben muss, sehr nachdenklich machte: „Ich war zurückgekehrt, um dem deutschen Volk zu helfen, das so viel gelitten hatte.“ Das ließ ich sie noch zweimal wiederholen. Für Hannah K.[6] , die ich im September 1987 traf, gab es nur eine Möglichkeit. Sie hatte sich als sehr junge Frau der kommunistischen Partei angeschlossen, wo sie dann auch ihren Mann kennengelernt hatte. Zusammen waren sie 1933 nach Frankreich ausgewandert, um sich in der Besatzungszeit der Résistance anzuschließen. 1944 war sie festgenommen und nach Ravensbrück deportiert worden. Vielleicht war es eher die Entscheidung ihres Mannes als ihre eigene, nach dem Krieg in die SBZ zu gehen, doch sie stellte das nicht infrage: „Ich gehe nie mehr von hier weg!“, sagte sie – was sie aber nicht davon abhielt, das Herz auf der Zunge zu tragen und sich über das Führungspersonal lustig zu machen, mit dem sie ständig persönlich zu tun hatte. Sie vermittelte eine erstaunliche geistige Unabhängigkeit und setzte große Hoffnungen in Michail Gorbatschow, den Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU).

„Ich war hier zu Hause!“

Rosi von Wroblewsky[7] , Mutter von zwei Kindern, hatte in der Emigration in Frankreich ihren Mann verloren. Auch sie traf ich im September 1988. Sie bestand darauf, heimgekehrt zu sein, und tatsächlich stammte sie ja aus jenem Teil Berlins, der nach dem Krieg zu Ostberlin geworden war. Sie erzählte von ihrer Schule, dem Sophien-Gymnasium, wo sie eine hervorragende Bildung genossen hatte. Allerdings war sie nicht sofort zurückgekehrt, da sie sich zunächst vergewissern wollte, dass es in jenem Teil Deutschlands keine Faschisten gab. [Das Wort Faschist verwendete sie gemäß dem DDR-Sprachgebrauch, wodurch der Nationalsozialismus in gewisser Weise banalisiert wurde.] Bald nach ihrer Rückkehr fand sie eine „gute Arbeit“.
Sie bereute ihre Entscheidung nicht. Möglicherweise hatte die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) sie dazu angeregt, nach Deutschland zurückzukehren – die Partei hatte ihre patriotische Ader entdeckt und zog es vor, nicht zu viele Ausländer_innen in ihren Rängen zu haben. Das war weniger ein Zeichen von Ausländer_innenfeindlichkeit und Antisemitismus in der Partei, sondern vielmehr der reinste Opportunismus gegenüber der Wählerschaft. Möglicherweise – das ist eine meiner Hypothesen – gab es auch Instruktionen aus Moskau, dass die deutschen Kommunist_innen in die DDR gehen sollten, um dort ein neues sozialistisches Deutschland aufzubauen. Ursula Katzenstein,[8] die ich wie Irene Runge im Mai 1988 traf, erzählte von den Gründen für ihre Rückkehr. Für sie war es, genauso wie für Irene Runges Eltern, praktisch zwingend, die USA zu verlassen, denn mitten im Kalten Krieg war man dort nicht gut beraten, Kommunistin oder auch nur Sympathisantin der Kommunisten zu sein. Die Hinrichtung von Ethel und Julius Rosenberg, zwei US-amerikanischen Staatsbürgern jüdischer Herkunft, die wegen Spionage für die Sowjetunion im Juni 1953 angeklagt wurden, hatte die Katzensteins entscheidend beeinflusst. Es mag noch andere Gründe gegeben haben, insbesondere die Einsamkeit nach dem Weggang der Freunde, aber die Hexenjagd in der McCarthy-Ära war eine unleugbare Realität.

Es gibt eine Tendenz, zu vergessen, dass Paranoia keineswegs ein Privileg des Generalsekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), Josef Stalin, war. Sie existierte auf beiden Seiten, und genau daran erinnerte mich dieses Interview mit Ursula Katzenstein. Mit den Verbrechen Stalins kannte ich mich gut aus, doch die Intensität des Kalten Krieges in jener Zeit war mir nicht mehr ganz präsent. Später musste ich feststellen, wie ähnlich in mancherlei Hinsicht die Akten der US-amerikanischen Sicherheitsbehörde FBI über die deutschen Flüchtlinge, die sich in den USA aufhielten, jenen des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR – der Stasi – waren: Sie strotzten vor nutzlosen Details, und die Agenten vergaßen nie, die jüdische Herkunft der überwachten Personen zu erwähnen.[9]

„Ich habe weggeschaut“

Eine meiner ersten Fragen hatte sich auf die Beziehung dieser Frauen zum Judentum bezogen – nicht zur Religion [in dieser Hinsicht wusste ich, woran ich war; die meisten von ihnen waren säkulare Jüdinnen], sondern zu möglichen spezifischen Gefühlen im Zusammenhang mit ihrer Rückkehr als Jüdinnen.

Hedda Zinner und Ursula Katzenstein wichen sofort aus. Ich war aber auch bei beiden Gesprächspartnerinnen nicht besonders hartnäckig. Lieber fragte ich Hedda Zinner, wie sie im sowjetischen Exil darauf reagiert hatte, dass bei den stalinistischen Säuberungen 1937 und 1938 in der Sowjetunion deutsche Kamerad_innen aus der KPD verschwanden. Ursula Katzenstein fragte ich indes, wie sie und ihr Mann, die beide in den USA studiert und ihre Ausbildung bei dem Psychiater und Kinderpsychologen Bruno Bettelheim absolviert hatten, ihren Beruf in der DDR hatten ausüben können.

Auch Hannah K. wich der Frage aus, allerdings auf eine andere Art und Weise: „Es gab hier so viel aufzubauen! Ich habe weggesehen.“ Sie versuchte zu vergessen, dass sie von Menschen umgeben war, die Hitler gefolgt waren, und sah stattdessen nur gleichgesinnte Kamerad_innen, die aus der Emigration zurückgekehrt waren. Sie lebte in einer Blase, in einem Teil von Pankow, in dem sich etliche weitere Remigrant_innen niedergelassen hatten. Fühlte sie sich als Jüdin? Aber gewiss. Sie kam aus einer religiösen Familie, aber sie selbst übte die jüdische Religion nicht aus. Sie trat sehr jung in die KPD ein, heiratete einen ebenfalls jüdischen „Genossen“. Nahm sie ihn deshalb zum Mann? „Aber natürlich nicht! Obwohl es praktisch war, dass es so keinen Konflikt mit den Eltern gab.“

In Frankreich kam dann ihr Kind zur Welt. Hatte sie den Eindruck, als Jüdin und Widerstandskämpferin doppelt bedroht zu sein? Als Jüdin nicht, sagte sie. Nur als Widerstandskämpferin – als solche wurde sie schließlich auch verhaftet, was sie vor Auschwitz rettete. In den Räumen der Gestapo lief ihr Ehemann ihr über den Weg, der auch gerade verhaftet worden war. Sie flüsterte ihm eine falsche Nachricht zu, damit er unter Folter nicht dazu gebracht werden konnte, den wahren Aufenthaltsort des Kindes preiszugeben, denn das Kind war wie sie selbst in Frankreich: „Yeled ist in der Schweiz.“ Ich fragte sie erstaunt: „Yeled? - das hebräische Wort für Kind? Konntest du also Hebräisch, Hannah?“ „Nein“, sagte sie etwas irritiert. „Yeled, das ist so ähnlich wie Schalom, jeder weiß, was das heißt.“
Tief in ihrem Gedächtnis hatte sie einige hebräische Ausdrücke gespeichert, die sie gewiss bei einem kurzen, inzwischen vergessenen Aufenthalt in einer zionistischen Organisation aufgeschnappt hatte. Ich fragte sie, ob ihr Junge beschnitten worden war. In der Besatzungszeit wäre das in Frankreich ein Zeichen starker Identifikation mit dem Judentum gewesen. Er war beschnitten, allerdings wohl wegen einer Infektion der Vorhaut. Zumindest habe sie dies in einem Telegramm an ihren Mann so geschrieben.

„Obwohl ich Jüdin war, fühlte ich mich als Deutsche“

Dora Schaul, die bei Kriegsende einen kleinen Jungen zur Welt gebracht hatte, musste bei der gleichen Frage lachen: Aber natürlich war das Kind nicht beschnitten worden! Sie stammte aus einer alteingesessenen, assimilierten Berliner Familie. Obwohl sie zu Pessach und Jom Kippur, den beiden wichtigsten Festen, in die Synagoge gingen, waren ihre Eltern nicht religiös. Auch ihr Ehemann war Jude und, genau wie sie, Kommunist und Atheist. Die Rückkehr nach Deutschland war eine Art Pflichterfüllung: „Ich war zwar Jüdin, aber ich fühlte mich als Deutsche und dachte, dass die Deutschen sich ändern könnten.“
Und wie nahm die Bevölkerung sie nach ihrer Rückkehr auf? „Es war schon so, dass wir uns anhören mussten: Ihr, ihr hattet ja das schöne Leben in Frankreich, während wir im Krieg waren.“ Doch das Elend in Deutschland war damals so groß, dass sie eine Art Mitleid verspürte, auch wenn sie keineswegs vergessen hatte, was geschehen war. Sie erinnerte sich, dass sie häufig erwähnt hatte, dass sie Jüdin war – Antisemitismus erlebte sie in der DDR nie, ebenso wenig ihr Mann und ihr Sohn.
Aber was war 1953, als Stalin anfing, seinen Antisemitismus zu zeigen? Sie war der Meinung, dass Walter Ulbricht, Generalsekretär des Zentralkomitees (ZK) der SED, die Menschen jüdischer Herkunft geschützt hatte, und dass man dafür sorgte, dass sie unauffälligere Tätigkeiten ausübten. Der Antisemitismus sei aus der UdSSR gekommen – in der KPD habe es ihn nicht gegeben und in der SED selbstverständlich auch nicht. Sie war der Auffassung, es liege am sowjetischen Antisemitismus, dass man in der DDR nicht genug darüber gesprochen habe, was den Juden während des Krieges zugestoßen war. Sie kommentierte: „Das hätte man den Deutschen stärker ins Bewusstsein rufen müssen.“
Allerdings war sie auch der Meinung, dass inzwischen zu viel darüber geredet wurde. Es war das Jahr 1988 und die DDR bereitete sich gerade auf den 50. Jahrestag der sogenannten Kristallnacht am 9. November 1938 vor. Durch die Agitation rund um das Gedenken erinnerte sie sich wieder an ihre Familie, die sie mit 19 Jahren verlassen hatte und die später deportiert worden war. „Heute mache ich mir Vorwürfe, dass ich nichts für sie getan habe. Ich hatte das verdrängt, und jetzt kommt es wieder hoch.“ Mit ihren Enkelkindern sprach sie über diese Vergangenheit; mit ihrem Sohn hatte sie sich nicht die Zeit dafür genommen. Sie freute sich, dass die Enkelkinder sich für dieses Thema interessierten.

„Nicht sehr jüdisch, nicht besonders deutsch. Aber Kommunistin…“

Rosi von Wroblewsky betonte besonders, dass sie in ‚ihren Teil‘ Berlins zurückgekehrt war. Im Hinblick auf die politischen Gründe wies sie mehrfach darauf hin, es sei ja auch genau der Teil der Stadt, den die Faschisten am schnellsten verlassen hätten. Aus Angst vor den Sowjets! Gab es etwa keine Altnazis in der DDR? Bei dieser Frage zögerte sie: „Die echten Faschisten sind weggegangen und die alten Nazis können hier sowieso nichts unternehmen […]. Ich habe mir den Teil der Stadt ausgesucht, in dem ich keine Menschen mehr treffen muss, die mit den Faschisten zusammengearbeitet haben […].
Zunächst kannte ich niemanden. Das war nicht besonders angenehm, aber ich war zu Hause.“ Auf die Frage, ob sie in der DDR Antisemitismus erlebt hatte, antwortete sie so direkt wie kategorisch: „Judenhasser gibt es vielleicht, aber die können sich hier nichts mehr erlauben!“ Sie räumte allerdings ein, dass sie nach wie vor misstrauisch war: „Lieben kann ich dieses Volk nicht. Die haben meine Mutter und meinen Bruder umgebracht […]. Sie meiden mich und ich meide sie auch.“ Fühlte sie sich als Jüdin, wollte ich wissen. „Ich fühle mich nicht sehr jüdisch und nicht besonders deutsch. Aber ich bin Kommunistin, jawohl …“, sagte sie. In dieser Antwort ist die Sehnsucht nach einem Kommunismus zu spüren, von dem sie geträumt hatte und der vielleicht nicht den realen Verhältnissen entsprach. Sie war froh, dass ihr Sohn sich der Gruppe „Wir für uns“ angeschlossen hatte, in der sich die Kinder von Remigrant_innen trafen.

„Hier, zwischen dem Volk von Theresienstadt und Auschwitz“

Wenn man diese kurz vor dem Ende der DDR dokumentierten Äußerungen mit jenen von Anna Seghers im April 1947 vergleicht, wird deutlich, dass die emotionale Last im Vergleich zu damals abgenommen hatte. Anna Seghers[10] sprach damals von einem „Volk der kalten Herzen“,[11] das sie angetroffen habe. Am 16. Juni desselben Jahres gestand sie ihrer Freundin Clara [vermutlich Clara Porset], die sie während des Exils in Mexiko kennengelernt hatte, ihre Nächte seien mit verschwundenen Freunden bevölkert. Sie äußerte ihr Unverständnis dafür, wie eindeutig die Deutschen ihre Hände in Unschuld wuschen, und schrieb an Lore Wolf am 1. November 1947, sie erinnere sich an die „Auslöschung der Lieben meiner Jugend“. Ihre Mutter, die mit 62 Jahren aus Mainz deportiert worden war, fand keine ausdrückliche Erwähnung. Am 28. Juni 1948 gestand sie dem befreundeten Philosophen Georg Lukacs, dass sie wieder weggehen wollte.[12] Wie wir heute wissen, tat sie es aber nicht.
Da ist aber auch jener getragen formulierte Brief von Dita (Beatrice) Zweig,[13] der Ehefrau des Schriftstellers Arnold Zweig, an Nahum Goldmann, der am 18. Juni 1949 geschrieben wurde und den ich im Nationalarchiv in Jerusalem lesen konnte: „[…] Ich sterbe hier langsam zwischen dem Volk von Theresienstadt und Auschwitz. A. [Arnold] ist hier hochgeehrt, hat ganz gute Einnahmen und behauptet, ein deutscher Schriftsteller zu sein. […] wären niemals fortgegangen, wenn die Not uns nicht gezwungen hätte, und die Engländer voriges Jahr ganze Gruppen aus ihren Wohnungen in 24 Stunden geschmissen hätten. Wir können schaffen und unserem Volk noch lange nützen, wenn wir wieder auf den Carmel[14] zurückkönnen, genug Einkommen haben und A. genügend Ehre, wie hier, wo er ein großer Mann ist. […] Wir ziehen bald nach dem Osten, wo schon die Eindrücke tödlich sind u. Lebensmittel knapp, teuer in der ganzen Stadt. […] Das Klima hier macht mir dauernd Schwindel u. Schwäche, in Eretz [Israel] war ich 14 Jahre gesund. […] Thomas und Heinrich Mann, Feuchtwanger schreiben auch deutsch u. leben nicht hier, zwischen Trümmern u. entsprechenden Menschen ohne Reue u. Einsicht. […] Ich muss schnellstens zurück, obwohl es auch dort sehr schwer ist. […] Hier ist nicht zu leben, nur zu verdienen, zu vegetieren, sich zu quälen u. zu sterben. Ich muss als Jude unter Juden leben.”[15] Ein bedeutender Unterschied zwischen Beatrice Zweig und Anna Seghers ist, dass Beatrice und ihr Mann Arnold zu keinem Zeitpunkt Kommunist_innen waren. Arnold Zweig, der Autor von „Der Streit um den Sergeanten Grischa“, war als linker Zionist nach Palästina ausgewandert. Er stand dem jüdischen Philosophen Martin Buber nahe, der sich für einen binationalen jüdisch-arabischen Staat einsetzte. Enttäuscht von den schlechten Aussichten auf eine Lösung des jüdisch-arabischen Konflikts kehrte Zweig nach Deutschland zurück. Anna Seghers und meine Interviewpartnerinnen in der DDR waren bereits vor dem Krieg Mitglieder der KPD gewesen. In ihrem Streben nach Emanzipation hatte die kommunistische Identität die jüdische ihrer Jugend überlagert. Bedeutete dies aber, dass sie ihre Jüdischkeit leugneten? Meine Frage war sehr direkt. Sie haben geantwortet und ihre Jüdischkeit nicht verdrängt, aber beiseitegeschoben. Wie schon erwähnt, formulierte Rosi von Wroblewsky es so: „nicht sehr jüdisch und nicht besonders deutsch. Aber ich bin Kommunistin, jawohl…“ Sie war es auch, die den Hintergrund ihrer Denkweise etwas allgemeiner auf den Punkt brachte: Die Faschisten, also jene, die sich mit dem Naziregime eingelassen hatten, hätten ja offensichtlich die Sowjetische Besatzungszone beziehungsweise die DDR verlassen. Und wenn es in der lokalen Bevölkerung doch noch welche gäbe, könnten sie nun nichts mehr ausrichten – davon war sie überzeugt.

Man konnte ihr nur Recht geben. Zumindest standen sie nicht an der Spitze des Staates, wie in der Bundesrepublik, und man lief in der Sowjetzone oder später in der DDR nicht Gefahr, auf der Straße unbeschwert und erhobenen Hauptes daherkommende Altnazis zu treffen, wie es die Ehefrau des bekannten Literaturkritikers, Autors und Publizisten Marcel Reich-Ranicki fürchtete, die „trotz aller Erfolge ihres Mannes niemals das Gefühl verlor, in Gefahr zu sein, weil der Kommissar des Ghettos, das sie überlebt hatten, unbehelligt in Köln als Rechtsanwalt arbeitete.“[16] Manchmal kamen sogar aus der sowjetischen Gefangenschaft ehemalige Folterknechte zurück und erhielten eine Rente als „Opfer des Kommunismus“. Viele von ihnen starben friedlich im eigenen Bett.
Während es im Osten, wo die alten Antifaschisten nun an der Macht waren – und Rechnungen zu begleichen oder aufgrund der Lage der Dinge einfach in dieser Hinsicht viel weniger zu tun hatten –, „schnell und konsequent“[17] zur Sache ging, zog sich die Entnazifizierung im Westen lange hin. Nach den Nürnberger Prozessen, so die Einschätzung, sei ‚die Sache‘ erledigt gewesen zu sein. Vor allem ist zu erwähnen, dass nur die Sowjets die Remigrant_innen ermunterten, in ihre Zone zurückzukehren, während die Westalliierten eher die Tendenz hatten, sie daran zu hindern.
Es war bekannt, dass diese Menschen bei der Bevölkerung nicht wohlgelitten waren, da sie, insbesondere als Jüdinnen und Juden, das schlechte Gewissen der Nation verkörperten. Zweifellos war das im Osten nicht anders, doch man konnte nicht offen darüber sprechen. Egal ob sie Jüdinnen waren oder nicht, blieben die Remigrantinnen genau wie die Remigranten ohnehin unter sich und bildeten eine verschworene Gemeinschaft von Exilheimkehrer_innen.

So beschreibt es Hanna K., die indessen die „anderen“ gar nicht wahrnahm. Selbst wenn sich alle Gesprächspartnerinnen ohne zu zögern zu ihrer jüdischen Herkunft bekannten, stellte sich doch die Frage nach ihrer Haltung zur Politik des Völkermordes im sogenannten Dritten Reich, für die es damals in der DDR keine Gedenkstätte und auch keine Gedenkveranstaltungen gab. Hatte man dieses Thema vielleicht unterschätzt und gewissermaßen in der kollektiven Erinnerung durch den institutionellen Antifaschismus aufgelöst?

Eine Überlebensstrategie

Hedda Zinner begnügte sich mit dem Kommentar, in der DDR entwickelten sich die Dinge. In ihrem letzten Buch, „Selbstbefragung“, erzählt sie 1989, wie sie es bei ihrer Ankunft in der UdSSR 1935 vermied, die Verfolgung der Jüdinnen und Juden in Deutschland zu betonen: „Ich war sonst gar nicht dafür, dass man die Judenverfolgungen besonders hervorhob, weil dadurch die Akzente verschoben wurden – was mit Kommunisten, Sozialdemokraten, Zigeunern, überhaupt geschah, war nicht weniger entsetzlich…“[18] Ob dies immer noch ihre Haltung war, als sie ihr Buch Jahre später überarbeitete, ließ sie offen. Fest steht, dass zwischen 1935 und den Achtzigerjahren ein Ereignis von größter Tragweite stattgefunden hatte: der Völkermord.

Wenn man vom de facto offiziellen Antisemitismus der UdSSR einmal absieht, passt dieses Schweigen auch dazu, dass es damals im Osten wie im Westen zur kommunistischen Kultur gehörte, das Leid der Jüdinnen und Juden nicht so sehr in den Vordergrund zu stellen. Das war keine Besonderheit der DDR, sondern bei vielen Kommunist_innen jüdischer Herkunft in Frankreich und andernorts zu beobachten. Es war nur besonders erstaunlich, diese Einstellung auch auf deutschem Boden zu beobachten. Es gibt Grund zu der Annahme, dass eine derartige Distanzierung Teil einer mentalen Überlebensstrategie war. Die nachträglichen Gewissensbisse von Dora Schaul deuten darauf hin: Während die DDR im Herbst 1988, am 50. Jahrestag der Ereignisse vom 9. November 1938, der sogenannten Kristallnacht gedachte, fühlte sie sich an ihre Eltern erinnert, die sie, so kam es ihr vor, durch ihre Emigration nach Frankreich verlassen hatte.

Eine Angst, die niemals im Bewusstsein angekommen ist

Als ich mich mit diesen Frauen traf, gab es in der westlichen Welt auf einmal eine ganze Welle „jüdischer Erinnerungen“, darunter auch Claude Lanzmanns Dokumentarfilm „Shoah“ von 1985. Auch in der DDR gab es kurz vor der ‚Wende‘ ein neues Interesse an jüdischer Geschichte. Die Gruppe „Wir für uns“ entstand in diesem kulturellen Klima. Sie hatte das Ziel, die Defizite bei der Vermittlung jüdischer Geschichte und Kultur zu beheben.

Die von mir befragten Remigrantinnen hatten tendenziell eine positive Haltung gegenüber dieser Initiative. Sie waren allesamt nahezu 80 Jahre alt oder sogar noch älter. Und so war es auch schwierig, die in ihnen schlummernde jüdische Identität wieder zu erwecken. Nach wie vor hielten sie trotz allem und vor allem an ihrer Entscheidung fest, in ein sozialistisch gewordenes Deutschland zurückgekehrt zu sein. Dort hatten sie ihre berufliche Erfüllung gefunden und Förderung erhalten – ganz im Sinne des emanzipatorischen Projekts und der Sozialpolitik der DDR. Darüber hinaus hatten sie die Vorteile im Zusammenhang mit ihrem Status als „Opfer des Faschismus“ genossen. Die Entschädigungspolitik der DDR, insbesondere gegenüber den Jüdinnen und Juden, war unübersehbar: Sie kamen leichter an eine Wohnung, ein Auto, bekamen eine bessere medizinische Versorgung und ihre Kinder erhielten Studienplätze, die nicht an Vorbedingungen geknüpft waren.

Darüber hinaus hatten sie in den 1980er-Jahren das beneidenswerte und tatsächlich viel beneidete Privileg, ins Ausland reisen zu dürfen – einschließlich Israel, damit sie dort Familienmitglieder treffen konnten. Was die Fehler des DDR-Regimes betraf, waren sie keineswegs naiv, doch jede einzelne von ihnen fürchtete sich spürbar vor einer Renaissance des Nationalsozialismus. Diese Angst prägte sie für den Rest ihres Lebens, und auf diese Weise wurden sie auch wieder zu Jüdinnen.

Eine Kommunistin konnte aufhören, Kommunistin zu sein; eine Jüdin hatte solche Spielräume nicht. Das einzige Thema, bei dem die sonst so zurückhaltende Hedda Zinner im Gespräch mit mir etwas heftiger wurde, war das Erstarken der Neonazis „drüben“ in der Bundesrepublik, von dem damals die Rede war. Ihrer Auffassung nach gab es so etwas in der DDR nicht. Über eine rechtsradikale Skinhead-Szene, die in den 1980er-Jahren von der Stasi beobachtet wurde, wusste sie nichts oder wollte sie nichts wissen. Keine einzige dieser Frauen ist heute noch am Leben. Mit ihnen ist auch die kommunistische Identität verschwunden, wie sie sie in jener DDR erlebten, die ich als den letzten Ort der „jüdisch-deutschen Symbiose“ analysieren durfte – jenen Ort also, an dem der Widerspruch zwischen dem Universalismus auf der einen Seite und der Einzigartigkeit einer jüdischen Existenz andererseits überwunden werden konnte. Die Wahrnehmung der Rückkehr eines Antisemitismus, wie wir ihn heute in Deutschland und in anderen europäischen Staaten erleben, ist diesen mutigen Frauen erspart geblieben.

Zitierweise: Sonia Combe, „Hier können die Faschisten nichts unternehmen“, in: Deutschland Archiv, 31.3.2021, Link: www.bpb.de/330704.

Fußnoten

1.
Die Interviews mit Dora Schaul, Rosi von Wroblewsky und Hannah K. (der volle Name wird auf Wunsch der Familie nicht publiziert) wurden in französischer Sprache geführt.
2.
Christa Wolf, Kindheitsmuster, Berlin/Weimar 1976. Der Roman verwebt Autobiografisches mit Fiktionalem, er gehört zu den wichtigen literarischen Werken, die in Deutschland über das Leben im Nationalsozialismus erschienen sind. Christa Wolf wurde 1929 in Landsberg an der Warthe geboren (heute Gorzów Wielkopolski in Polen); sie ist 2011 in Berlin verstorben.
3.
Irene Runge wurde 1942 in New York als Tochter jüdischer Emigranten geboren. Ihre Familie remigrierte 1949 in die DDR. Von 1983-1989 war sie aktives Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Ostberlin, und 1986 gründete sie dort gemeinsam mit anderen die Gruppe „Wir für uns - Juden für Juden“.
4.
Dora Schaul, die 1913 in Berlin als Dora Davidsohn geboren wurde, flüchtete vor dem NS-Terror zunächst nach Holland und überlebte in Frankreich, wo sie sich der Résistance anschloss. Ihr erster Ehemann Alfred Benjamin verunglückte tödlich bei einem Fluchtversuch von Frankreich in die Schweiz. Dora Schaul gelang die Flucht aus einem französischen Internierungslager vor der Deportation in ein KZ. Sie arbeitete als Renée Fabre in Lyon bei deutschen Dienststellen. Schaul tarnte sich als Elsässerin und beschaffte sich in der Feldpost Informationen über Bewegungen der deutschen Truppen. Außerdem konnte sie eine fast komplette Liste der Gestapoangehörigen zusammenstellen. In dieser Liste tauchte erstmalig der Name von Klaus Barbie auf, der als Lyoner Gestapo-Chef wegen seiner Grausamkeiten „Schlächter von Lyon“ genannt wurde und schließlich 1987 in Frankreich der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Gegen Ende des Krieges war Dora Schaul allein als antifaschistische Résistance-Kämpferin unter den Nationalsozialisten in Lyon tätig. Dora Schauls Eltern und ihre Schwester wurden im Vernichtungslager Lublin-Majdanek ermordet. Sie selbst war bei Kriegsende noch in Frankreich, von dort aus ging sie 1946 in die SBZ und heiratete Hans Schaul. Sie verstarb 1999 in Berlin. An ihrem letzten Wohnhaus in Berlin-Treptow-Köpenick ist seit 2009 eine Gedenktafel angebracht. Im französischen Brens gibt es seit 2006 die Route Dora Schaul; diese Straße führt am dortigen ehemaligen Fraueninternierungslager vorbei.
5.
Hedda Zinner wurde 1905 in Wien geboren. Dort besuchte sie von 1923 bis 1925 die Schauspiel-Akademie. Sie debütierte am dortigen Raimundtheater. Anschließend hatte sie verschiedene Engagements an Bühnen in Deutschland. 1929 arbeitete sie als Schauspielerin in Berlin. Sie trat in die KPD ein und schrieb für die Rote Fahne und für die Welt am Abend. 1933 emigrierte sie nach Wien und Prag und gründete dort das Kabarett „Studio 1934“. Im April 1935 ging sie mit ihrem Ehemann Fritz Erpenbeck nach Moskau. Im Exil wirkte sie vor allem als Schriftstellerin. Im Dezember 1936 wurde ihr die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. 1945 kehrte sie nach Berlin zurück und arbeitete in der DDR als freiberufliche Schriftstellerin und Regisseurin, sie trat 1946 in die SED ein. Hedda Zinner verstarb 1994 in Berlin.
6.
Hanna K. (ihr Name wird auf Wunsch ihrer Familie nicht publiziert) war nach ihrer Internierung im KZ psychisch und physisch zerstört. Sie hatte keinen Beruf erlernt und war zunächst in einem DP-Camp. Dennoch wurde sie fast 80 Jahre alt.
7.
Rosi von Wroblewsky wurde 1904 in Berlin geboren. Sie arbeitete bis 1933 bei Ullstein, war seit 1931 Mitglied der KPD und ging 1933 mit ihrem Mann ins französische Exil. Dort kam 1939 ihr Sohn Vincent zur Welt, der heute ein bekannter Übersetzer und seit 1993 Präsident der Sartre-Gesellschaft in Deutschland ist. Sein Vater hat im Exil aktiv in der Résistance gegen die Deutschen gekämpft. Er verstarb 1944 in Moutier-Rozeille. Rosi von Wroblewsky ging 1950 mit ihren Söhnen Vincent und Clément in die DDR, nach Ostberlin. Dort arbeitete sie als Übersetzerin und war SED-Mitglied. Sie verstarb kurz nach der sogenannten Wende.
8.
Ursula Katzenstein wurde 1916 als Ursula Pacyna geboren. Ursula Pacyna flüchtete als Kommunistin und wegen ihrer jüdischen Herkunft vor den Nationalsozialisten nach Frankreich. Dort wurde sie im Lager Rieucros interniert, wo sie ihren späteren Ehemann Alfred Katzenstein kennenlernte, der ehemaliger Spanienkämpfer war. Beide konnten 1941 in die USA fliehen. Von dort gingen sie im Zuge der McCarthy-Ära 1954 in die DDR. Dr. Ursula Katzenstein gilt als Begründerin der Werkstätten für Rehabilitation in der DDR. Sie setzte eine völlig neue Herangehensweise in der Arbeit mit psychisch Kranken und körperlich und geistig beeinträchtigten Menschen durch. Heute erinnert an sie eine Gedenktafel an ihrem Wohnhaus, in dem sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1998 lebte, in der Pankower Kavalierstr. 6.
9.
Siehe FBI-Dossier zu Gerhard Eisler, eingesehen in der Tamiment Library, New York, im März 2008.
10.
Anna Seghers wurde im Jahr 1900 in Mainz als Netti Reiling geboren. Sie erlangte 1920 das Abitur und studierte danach in Köln und Heidelberg Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie. Ihre Promotion erhielt sie 1924 an der Universität Heidelberg mit einer Arbeit über Juden und Judentum im Werk Rembrandts. Nach ihrer Heirat hieß sie Netty Radványi. Ihre ersten Erzählungen veröffentlichte sie unter dem Künstlerinnennamen Seghers. 1928 trat sie in die KPD ein. Sie floh vor den Nazis zunächst nach Frankreich und ging schließlich ins Exil nach Mexiko. Sie war eine hochgeachtete deutsche Schriftstellerin, die von 1952 bis 1978 Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR war.
11.
Anna Seghers, Hier im Volk der kalten Herzen. Briefwechsel 1947, hrsg. von Christel Berger, Berlin 2000.
12.
Das Lukacs-Archiv in Budapest, besucht im September 2011, war im Jahr 2019 unter der Regierung Orban geschlossen worden.
13.
Beatrice Zweig, genannt Dita, wurde 1892 Berlin geboren. Die Malerin war verheiratet mit dem Schriftsteller Arnold Zweig, mit dem sie zwei Söhne hatte. Sie verstarb 1971 in Ostberlin.
14.
Der Carmel ist ein Gebirge, an dessen nördlichem Abhang Haifa liegt.
15.
Anna Maria Jokl-Fond, ARC 4°1542, Jerusalem, israelisches Nationalarchiv.
16.
Dominik Rigoll, Staatsschutz in Westdeutschland. Von der Entnazifizierung zur Extremistenabwehr, Göttingen 2013, S. 23.
17.
Wolfgang Benz, Demokratisierung durch Entnazifizierung und Erziehung, in: Bundeszentrale für politische Bildung/bpb (Hg.), Informationen zur politischen Bildung, Heft 259, Deutschland 1945-1949, Bonn 2005, www.bpb.de/10067, zuletzt aufgerufen am 15.3.2021.
18.
Hedda Zinner, Selbstbefragung, Berlin 1989, S.16-17.
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