Beleuchteter Reichstag

25.5.2021 | Von:
Jalda Rebling
Judith Kessler

Jalda Rebling: Ich bin einfach gerne jüdisch

Die jüdische Kantorin und Schauspielerin Chasan Jalda Rebling, 1951 in Amsterdam geboren und in Ostberlin aufgewachsen, erzählt über ihr Erbe als Tochter des berühmten Künstlerinnenpaares Lin Jaldati und Eberhard Rebling und wichtige Begegnungen und Stationen – über die DDR-Zeit und die Vereinigung der deutschen Staaten bis ins Jetzt – auf ihrem Weg zu der Persönlichkeit, die sie heute ist: eine international anerkannte Spezialistin für jüdische Musik und Geschichte(n) vom frühen Mittelalter bis zur Moderne. Die Fragen stellte Judith Kessler.

Chasan steht für jüdische/r Kantor/in und ist zugleich ein Titel, analog zu Rabbiner/in.
Das Foto zeigt Jalda Rebling.Jalda Rebling, Mai 2021 (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2021)

Gespenster im Gepäck – Auschwitz, Amsterdam, Ost-Berlin

Judith Kessler: Deine Mutter, die Tänzerin und Sängerin Lin Jaldati, und dein Vater, der Pianist und Musikwissenschaftler Eberhard Rebling, der als Kommunist Deutschland verlassen hatte, haben sich 1937 in Amsterdam kennengelernt und verliebt. Sie sind mit jiddischen Liedern zusammen aufgetreten, haben sich nach dem deutschen Überfall dem Widerstand angeschlossen, 1941 ihre Tochter Kathinka bekommen, sind in den Untergrund gegangen und haben dort illegale Hauskonzerte gegeben. Wie ging es weiter?

Jalda Rebling: Lin und ihre Schwester Janny waren ja mit ihren Familien in Bergen in Sommerhäusern untergeschlüpft. Als die Deutschen dann ihren Atlantikwall gebaut haben, mussten sie dort raus und suchten verzweifelt nach einer neuen Bleibe. Einer der Hauptorganisatoren des Widerstands, Jan Hemelrijk, fand im letzten Moment eine Villa im Wald, das „Hohe Nest“, die Eberhard und Bob, der Mann von Janny – die beiden blonden blauäugigen netten Nichtjuden – anmieten konnten. Das Haus wurde zu einer Durchgangsstation für Untergetauchte. Mein Onkel Jakob baute Hohlräume ein, und als das Versteck am 10. Juli 1944 aufflog, waren dort 17 Menschen, und die Häscher brauchten drei Tage, bis sie alle gefunden hatten.[1] Kathinka konnten sie noch bei Freunden unterbringen und Tante Janny trickste die Bewacher aus, so dass mein Vater fliehen und untertauchen konnte.

Judith Kessler: Aber für Lin und Janny begann eine Odyssee durch die Lager Westerbork, Auschwitz und Bergen-Belsen (gemeinsam mit Anne und Margot Frank). Sie wurden befreit, ihr Bruder Jakob und ihre Eltern wurden vergast. Waren das Tabus oder haben eure Eltern mit euch darüber gesprochen? Und wie ist deine Mutter mit diesem Trauma klargekommen?

Jalda Rebling: Sie haben darüber gesprochen, aber es wurden nur die Heldengeschichten erzählt. Über die Atmosphäre der Angst im Haus und über die Lager wurde nicht geredet, da musste man zwischen den Zeilen lesen. Vieles haben wir aus anderen Quellen und viel später erfahren, und da erst verstanden, was Mama alles nicht erzählt hat. Sie ist überhaupt nicht klargekommen damit. Ich hatte eine schwer depressive Mutter. Als kleines Kind war ich viel allein mit ihr und all den Geistern, aber wenn Papa nach Hause kam, sprang sie auf, und rief: „So, und jetzt kochen wir was Schönes!“ Wie zwei verschiedene Personen, nur nach außen immer die starke Frau. Viele wollten oder konnten das nicht verstehen, auch mein Papa nicht.

Judith Kessler: Deine Eltern und deine Schwester kamen nach der Befreiung wieder zusammen, 1951 wurdest du in Amsterdam geboren und ein Jahr später sind sie mit euch in die DDR übergesiedelt. Warum? Und haben sie das bereut?

Jalda Rebling: Meine Eltern waren in der Kommunistischen Partei, die war ja eine der Säulen des Widerstands gewesen. Es war die McCarthy-Zeit, mein Papa war Musikredakteur bei der kommunistischen Zeitung „Waarheid“ und hatte gekündigt, weil seine Arbeitgeber wollten, dass er seine Kollegen denunziert. Er also ohne Job, die Frau schwanger und Kathinka mit ihren Kulleraugen musste immer los, um in den Läden anschreiben zu lassen. In der Situation kam Nathan Notowicz, den sie aus dem Widerstand kannten und der inzwischen in Ostberlin war, und bot meinem Vater einen Job an.[2] Für Papa war alles okay, für Lin war es die schwerste Entscheidung ihres Lebens, sie hat es hundertfach bereut, aber öffentlich nie darüber geredet. Ich war ja noch ein Baby, aber Kathinka hat sehr gelitten, sie verlor ihre Freunde, ihre Schule, ihre Sprache.
Das Foto zeigt Lin, Eberhard, Kathinka und Jalda 1952 in Amsterdam 1952 vor der Ausreise in die DDRLin, Eberhard, Kathinka und Jalda 1952 in Amsterdam 1952 vor der Ausreise in die DDR (© Rebling/privat)


Judith Kessler: Aber für die Öffentlichkeit waren deine Eltern quasi (Partei-)Funktionäre, und Exoten…

Jalda Rebling: Wir waren VIPs. Ich konnte mir Sachen erlauben, für die jeder andere von der Schule geflogen wäre. Ich war Hippie, ich hab‘ mich mit meinem Staatsbürgerkundelehrer „gekloppt“. Nichts passierte! Aber ich war auch ein einsames Kind. Wir waren viel in Holland, ich hatte Strumpfhosen, die anderen Kinder nicht… Und im Prinzip bin ich eher unter Erwachsenen aufgewachsen, in einer jüdischen Intellektuellen-Blase. Paul Dessau wohnte um die Ecke, Ernst Hermann Meyer, Hanns Eisler…

Judith Kessler: Ihr wart ein säkular-kommunistisch-jüdischer Haushalt. Hat Jüdisches da eine Rolle gespielt?

Jalda Rebling: Eine große, auch wenn alles Religiöse exotisch war. Die Feiertage waren gemischt, Chanukka mit Sinterklaas und so. Bei vielen Dingen habe ich erst Jahrzehnte später begriffen, wo das herkam. Der berühmte Milchtopf zum Beispiel, in dem man wirklich nur Milch und um Himmels Willen keine Suppe warm machen durfte. Warum, hat mir niemand erklärt. Oder als ich das erste Mal in die Synagoge bin, da habe ich mich fromm angezogen, und alle anderen saßen da in Jeans…

Judith Kessler: Viele Juden und Jüdinnen in der DDR haben ihre Herkunft versteckt. Wie war das bei euch?

Jalda Rebling: Bei uns gab es nichts zu verstecken, uns kannte jeder und explizit eben auch als jüdisch. Lin war die einzige, die jiddische Lieder gesungen hat, meine Eltern waren die ersten, die Liederbücher herausgaben wie „Es brennt, Brüder, es brennt!“. Wir bekamen anonyme Briefe und Anrufe, ich bin von Teenagerboys überfallen und verdroschen worden. Viele Schikanen von Lehrern verstehe ich erst heute als Antisemitismus.

Judith Kessler: Hast du Hetze gegen Israel erlebt? Und haben deine Eltern sich dazu irgendwie positioniert?

Jalda Rebling: Als der Sechstagekrieg losging, sollten alle jüdischen DDR-Intellektuellen eine Erklärung gegen Israel unterschreiben. Zwei haben sich geweigert: Stefan Zweig und Lin Jaldati. Und ich habe mir einen Riesen-Davidstern umgehängt und bin damit zur Schule gegangen. Dann hat mich ein FDJ-nik angepöbelt: „Mach das ab, das ist das Zeichen des israelischen Aggressors.“ Und ich habe geantwortet: „Nein, das sind meine in Auschwitz ermordeten Großeltern.“ Mir ist nichts weiter passiert, ich bin weiter mit dem Stern rumgelaufen. Aber Lin war von Stund an raus aus dem offiziellen Kulturleben, von heute auf morgen, bis 1975.


Erste berufliche Schritte, Israel und die „Tage der Jiddischen Kultur“

Judith Kessler: Du hast nach dem Abitur Schauspiel studiert, warst an diversen Theatern und hast Kinder bekommen…

Jalda Rebling: Ja, ich habe drei Söhne: Jakob, der wie Mamas kleiner Bruder heißt, den sie nicht retten konnte. Er ist beim Radio und Heavy-Metal-Spezialist. Der zweite ist Tobias, heute Musiktherapeut, und der Nachzügler – Joseph – ist Lehrer geworden. Drei tolle Kinder! Meine Mama wurde als Großmutter ganz mütterlich, das, was mir als Kind gefehlt hat, und ich habe mir das sozusagen auf diesem Umweg auch zurückgeholt.

Judith Kessler: 1979 bist du zum ersten Mal mit deinen Eltern und jiddischen Liedern aufgetreten. Wie kam das?

Jalda Rebling: 1975 hatte Lin ein Comeback in der DDR. Man begann sich wieder für die Vergangenheit zu interessieren und die Enkel für ihre Großeltern. Zum 50. Geburtstag von Anne Frank, die damals noch keine Ikone war, wollte Lin unbedingt ein Programm machen. Mein Vater fragte mich, ob ich aus Annes Tagebuch lesen würde. Ich sagte: „Klar, mach‘ ich“, und Mama: „Dann singst du auch die Lieder mit“. Ich: „Nein, mach‘ ich nicht!“ Ich stelle mich doch nicht neben meine berühmte Mutter! Aber sie hat sich durchgesetzt.
Das Foto zeigt Lin Jaldati und ihre Tochter Jalda Rebling in Berlin 1968.Lin Jaldati und Tochter Jalda Rebling, Berlin 1968 (© Rebling/privat)
Und hinterher haben Freunde gesagt: „Das musst du weiter machen.“ Und dann habe ich mich auf meinen Popo gesetzt und habe angefangen zu lernen. Ich habe bei Muttersprachlern Jiddisch gelernt, war Stammgast in der Gemeindebibliothek, bin zu Gemeindeveranstaltungen gegangen, obwohl wir keine Mitglieder waren und habe mit zwei Musikstudenten, Hans-Werner Apel und Stefan Maass, angefangen, meinen eigenen Weg zu gehen. Mit meinen Eltern und
Das Foto zeigt das Familienensemble Jaldati/Rebling bei einem Auftritt 1984.Das Familienensemble Jaldati/Rebling bei einem Auftritt 1984 (© Rebling/privat)
Kathinka an der Geige waren wir weiterhin unterwegs – viel im Ausland, in den USA und in Israel.

Judith Kessler: Wie war dein erstes Mal Israel?

Jalda Rebling: Es war Dezember 1983, eiskalt und dann, als wir aus dem Flugzeug stiegen: warm, Palmen – „Gehst du mal raus und pflückst 'ne Zitrone!“ – ein Kulturschock! Wir haben in Yad Vashem gesungen, auch zwei Lieder auf Deutsch mit Texten von Erich Fried und Pablo Neruda. Das war das erste Mal, dass in Yad Vashem Deutsch auf der Bühne erklungen ist. Dann ging es in allen möglichen Kellertheatern weiter, wir wurden herumgereicht. Jiddisch war in Israel noch nicht „in“, aber die Bude war trotzdem voll. Die ganze alte Linke lebte ja noch, das war unser Publikum. Die wollten dann Brecht hören, dann hat Papa eben Brecht aus seiner Aktentasche gezaubert… Aber was mich am meisten beeindruckt hat, war die Lebensfreude, die Energie, die Selbstverständlichkeit des Jüdischseins. Wenn ich nicht zwei Kinder gehabt hätte, wäre ich nicht zurückgekommen. Als ich dann wieder in Berlin war, bin ich in eine schwere Depression gerutscht, das hat über ein Jahr gedauert.

Judith Kessler: 1987 hast du die „Tage der Jiddischen Kultur“ in Ostberlin gegründet. Wie kam es dazu?

Jalda Rebling: 1984 waren wir beim ersten europäischen Jiddisch-Festival in Zürich. Tolle Leute, aus Belgien, USA… aber wo waren die aus Warschau oder Bukarest? Wo die Texte der ermordeten jüdisch-sowjetischen Dichter? Und ich dachte, dass wir so etwas in Berlin brauchen. Ich habe mit vielen offiziellen Leuten geredet, Eugen Golomb in Leipzig, von dem habe ich viel gelernt, dann mit Helmut Aris in Dresden, der mir zu verstehen gegeben hat, dass ich mir als Frau solche Projekte nicht anmaßen soll. Ich habe keinen Ort gefunden! Aber dann hat Mütterchen Zufall geholfen und wir kamen im neuen „Theater unterm Dach“ im Ernst-Thälmann-Park unter. Jürgen Rennert und ich haben alle herangeholt, die damals jiddische Literatur oder Gedichte übersetzt oder gesungen haben und ein Programm zusammengestellt. Rennert hat ein Heftchen gemacht, wo die Titelseite auf Jiddisch mit hebräischen Buchstaben geschrieben war. Das fanden wir damals alle toll. Die hebräische Schreibmaschine und das Heftchen habe ich noch.
Das Foto zeigt die Schreibmaschine mit hebräischen Buchstaben, auf der 1987 das Programmheft der ersten „Tage der Jiddischen Kultur“ geschrieben wurde.Auf dieser Schreibmaschine mit hebräischen Buchstaben wurde 1987 das Programmheft der ersten „Tage der Jiddischen Kultur“ geschrieben. (© Judith Kessler)
Die drei Abende waren innerhalb von zwei Stunden komplett ausverkauft. Dann meldete sich Peter Merseburger vom Westfernsehen, und dann kam auch noch die „Aktuelle Kamera“. Am nächsten Tag standen wir auf Seite eins im Neuen Deutschland und haben es nicht verstanden. Tja, Honecker wollte nach Amerika und anerkannt werden… Und so kamen wir in die UNESC0-Weltkulturdekade. Das hat uns nach dem Fall der Mauer das Festival gerettet, das dann noch bis 1997 stattfand.


Aufbruchstimmung in der „Wende“-Zeit

Judith Kessler: 1988 starb deine Mutter, ein Jahr später fiel die Mauer. Wie hast du das alles erlebt?

Jalda Rebling: In der Woche, als Mama starb, habe ich auch meine erste Schallplatte produziert, sefardische Romanzen, ironischerweise mit dem Titel „Ir me quiero“ – Ich will fort. Ich weiß nicht, wie ich diese ganze Zeit überstanden habe. Ich habe für Papa gesorgt, für die Kinder, bin umgezogen, in die Gethsemanestraße. Aber es war auch ein Aufbruch und ein Neuanfang für mich, tolle neue Leute im Prenzlauer Berg, tolle Nachbarn. Und dann ging es los nebenan in der Kirche, und ich war sofort wieder mittendrin. Mit dem, was man heute Bürgerbewegung nennt, hatte ich ja schon vorher zu tun. Alles Alternative spielte sich in der DDR meist in den Kirchen ab. Ich hatte daher auch nie Probleme damit, in Kirchen zu singen. Damals gab es dort die Friedenskonzerte, und Polizei und Stasi immer drumherum, und irgendwo dazwischen meine Teenagerkinder… Dann kam der 9. Oktober ‘89. Jom Kippur. Ich komme aus der Synagoge, gehe in die Gethsemanekirche, singe, und dann plötzlich der Ruf: „Sie sind weg!“ Die Staatsmacht zog ab. Das war das Ergebnis der Demonstrationen in Leipzig.

Am 4. November ging es weiter mit der berühmten Demo auf dem Alex. Ich geriet in eine Gruppe, die schrie „Deutschland den Deutschen…“. Ich habe Panik bekommen, bin nach Hause und dann saßen wir oben bei den Nachbarn und sagten: „So, das war’s jetzt!“ Wir hatten ja keine Ahnung, dass fünf Tage später die Mauer fiel. Am 9. November selbst waren wir in Lauffen am Neckar für ein Konzert mit sefardischer Musik. Ich gehe auf die Bühne, um denen was von 1492 zu erzählen, und der Moderator sagt: „Wir haben heute Abend besondere Gäste, die ganz besonders sind, denn sie werden bald keine besonderen Gäste mehr sein.“ Und ich denke, was redet der denn da? Und er: „Die Regierung der DDR hat soeben die Grenze geöffnet.“ Es gab ja noch keine Handys, wir sind sofort nachts zurück, quer durch Deutschland. Wir wussten doch nicht, was das bedeutet. Meine Kinder in Berlin, Bürgerkrieg? Morgens um sechs waren wir in Berlin. Und da zogen sie wieder unter meinem Fenster vorbei: „Deutschland den Deutschen“…. Für uns war das alles auch angstbesetzt. Vieles hat sich dann relativiert. Aber als die Alliierten abzogen, hatte ich wieder so einen Moment.

Judith Kessler: Wie ging es bei dir beruflich weiter im vereinten Deutschland?

Jalda Rebling: Wir haben weiter unsere Musik gemacht, mit den Westberlinern bekamen wir dann auch ein ganz neues Publikum. Aber als in dieser Zeit alle anfingen, Klezmermusik als Gedenken zur Pogromnacht 1938 zu spielen, dachte ich, was soll das, was haben die armen Ostjuden mit diesem deutschen Datum zu tun? Ich begann zu suchen, was es eigentlich an deutsch-jüdischer Kultur gibt und habe auch viel gefunden, aber wenig Musik.

Und da kamen meine Spezialisten für mittelalterliche Musik ins Spiel – Susanne Ansorg, eine fantastische Fidelspielerin, Stefan Maass und Hans-Werner Apel, die ihre Gitarren inzwischen gegen Lauten getauscht hatten. Mit ihnen war ich ja schon früher auf sefardische Musik gestoßen, und nun haben wir Sachen entwickelt, die hatten die Leute vorher noch nie gehört. 1993 haben wir außerdem mit Burkhart Seidemann das „Jiddische Liedtheater“ im Hackeschen Hoftheater Berlin gegründet. Auch da waren tolle Leute dabei, Franka Lampe, Mark Aizikovitch und andere. Es war eine Aufbruchstimmung auch hinsichtlich jüdischer Themen, es gab jüdische Künstlergruppen wie „Meshulash“, experimentelle Gottesdienste in der Oranienburger Straße, und ich habe mich immer mehr ins europäisch-jüdische Mittelalter vertieft und mich bei interreligiösen Projekten engagiert.

Der Weg zur Kantorin

Judith Kessler: Wie bist du als säkulare „Kulturjüdin“ dazu gekommen, dich auf das religiöse Judentum einzulassen?

Jalda Rebling: In dem Czernowitz-Programm über Rose Ausländer, Paul Celan und Itzik Manger, das wir im Hoftheater gemacht haben, gab es ein Stück, in dem es genau um die Frage geht: Was bedeutet Tora?[3] Für mich ist jede Art von jüdischer Musik Tora und umgekehrt. Die eigentliche Tora sind ja nicht die Buchstaben, sondern der leere Zwischenraum, und in dem ist unsere ganze x-tausendjährige Geschichte und Erfahrung drin. Es gibt diesen Midrasch,[4] der sagt, bevor die Welt geschaffen wurde, waren die Buchstaben schon da. Sie waren „otiojot“ – Zeichen – und die waren schwarze Flamme auf weißem Feuer. Die Buchstaben sind nur die Form für die eigentlichen Geschichten dahinter. Das ist für mich Tora. Da bin ich wieder bei Celan, Manger und Ausländer und ihrer wunderschönen Poesie: „Ich will wohnen im Menschenwort.“

1993 war ich auf Long Island zu einer Bar Mizwa[5] und da standen plötzlich zwei Frauen auf der Bima[6] . Und der Himmel stürzte nicht ein! Ich war total geplättet. Und dachte: Moment mal! Das will ich auch! Parallel in Berlin beim „Kiddusch-Kreis“ saßen plötzlich lauter Frauen mit Kippa[7] und ich dachte, was ist das denn?! Die fragten: „Willst Du mitmachen?“ Klar wollte ich. Dann wollte eine plötzlich wissen, ob das Baby auf meinem Arm Junge oder Mädchen sei. „Ein Junge? Nein, dann kannst du hier nicht mitmachen.“ Damit war dieser Ort für mich erledigt.

Aber da gingen die egalitären G'ttesdienste in der Oranienburger Straße los. Esther Kontarsky hat mir Tora-Lesen beigebracht und ich habe gelernt wie blöd. Und das, was ich gelernt habe, habe ich auf meine frühe Musik angewandt. Ich habe versucht herauszubekommen, wie der Nussach[8] funktioniert. Ich bin zu allen möglichen Leuten hin, und keiner konnte mir das richtig erklären. Dann rief mich plötzlich die Frau aus der Kultusabteilung der Gemeinde an und sagte: „Wir brauchen noch jemanden für die Hohen Feiertage, würdest du das machen?“ Ich habe sofort ja gesagt. Und nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, dachte ich: Oh Gott, was hast du getan, du hast doch überhaupt keine Ahnung! Dann bekam ich Kassetten von Chasan Jack Kessler mit der ganzen Liturgie drauf. Es war faszinierend, wie sorgfältig er mit dem Text umging, und plötzlich habe ich verstanden. In den Ferien habe ich dann Fachliteratur und vier verschiedene Machsorim[9] mitgenommen, und als die Ferien um waren, hatte ich es kapiert – die Phrasen, die Struktur, wann der Nussach wechselt. Das einzige, was ich nicht wusste: warum. Also habe ich angefangen, ganz vorsichtig E-Mails an Jack Kessler zu schreiben und nach der dritten oder vierten sagte der: „Komm nach Amerika!“ Ich dachte, oje, ich Ossikind nach Amerika, ich werde mich zu Tode blamieren…

Aber ich bin gefahren. Und so bin ich im berühmten Elat Chayyim[10] gelandet, und dort habe ich wirklich gelernt, was Nussach ist. Als ich das erste Mal ein Blatt in der Hand hatte, wo das alles strukturiert draufstand, habe ich geheult. Die Anderen haben überhaupt nicht verstanden, was mit mir los war. Aber viel wichtiger war, dass ich dort mein Judentum gefunden habe. Da war plötzlich die Fröhlichkeit da, die ich aus den Liedern meiner Mama kannte, aber in den Synagogen nicht gefunden habe. Joy to be a jew!

Ich habe alles aufgesaugt, was es zu lernen gab, und habe selbst angefangen zu unterrichten. Denn das, was ich über mittelalterliche Musik wusste, war wieder für andere neu. Unsere Musik ist keine westliche, sondern modale, östliche Musik. Der Maquam, der Modus der arabischen Musik, ist uns verwandt… Also eigentlich bin ich nach Elat Chayyim gegangen, um zu lernen, wie der Nussach funktioniert, damit ich für die mittelalterliche Literatur Musik finde. Und zurückgekommen bin ich mit der Smicha[11] , was gar nicht die Absicht war.


Judentum darf Spaß machen

Judith Kessler: Du hast vier Jahre im ALEPH Cantorial Program studiert und 2007 die Smicha als Chasan – die Ordination als Kantorin – bekommen. Seitdem leitest du in etlichen Ländern G‘ttesdienste zu Feiertagen, Workshops, bist Dozentin unter anderem an der European Academy for Jewish Liturgy[12] in London und dort inzwischen Director of studies. Aber du hast auch in Berlin eine Gemeinde gegründet…

Jalda Rebling: Ja, viele haben gefragt, ob wir nicht etwas Eigenes machen wollen oder ob ich sie verheiraten kann. Und so haben Anna und ich 2007 „Ohel Hachidusch“– „Zelt der Erneuerung“ – als Verein gegründet.[13] Das war die erste egalitäre, basisdemokratische Gemeinde in Deutschland und Mitglied der Alliance for Jewish Renewal (ALEPH).[14] Ich wurde bei ALEPH zwar traditionell ausgebildet, aber auch darin, flexibel zu sein und mich auf jedes Set einzulassen. Bei uns heißt das: Es sind alle willkommen, die lernen, diskutieren und kreativ mit ihrem Judentum umgehen wollen, egal, ob junge Familien, Queer-People oder Regenbogenfamilien. Zu uns kommen daher sehr viele Leute, die in den Gemeinden keinen Platz finden. Bei uns braucht niemand Angst haben, etwas falsch zu machen. Aus Fehlern kann man lernen und Judentum darf Spaß machen.
Das Foto zeigt Jalda, Anna und die Tora von „Ohel Hachidusch“. Die Torarolle stammt ursprünglich aus Europa und gelangte nun dank einer Spende aus den USA wieder hierher zurück.Jalda, Anna und die Tora von „Ohel Hachidusch“. Die Torarolle stammt ursprünglich aus Europa und gelangte nun dank einer Spende aus den USA wieder hierher zurück. (© Judith Kessler)


Frauenpositionen und Machtstrukturen

Judith Kessler: Inwiefern hat sich die Rolle von Frauen in der jüdischen Gesellschaft in puncto Gehört- und Gesehenwerden verändert? Und siehst du auch Rückschritte?

Jalda Rebling: Als wir 2004 das erste schwule Paar verheiratet haben, habe ich gedacht, dass das in zehn Jahren kein Thema mehr ist. Von wegen! Ich denke manchmal, dass das moderne orthodoxe Judentum viel weltoffener und progressiver ist als das liberale Judentum. Da bewegt sich einfach mehr.

Seit meiner Smicha habe ich den Eindruck, ich weiß zu viel, ich kann widersprechen. Es gibt zu viel Unwissen. Viele haben ein festgefügtes Bild vom Judentum und meinen, so und so muss das aussehen. Aber es gibt kein Richtig oder Falsch. Einerseits machen wir Menschen Mut, ihr Judentum selbstbestimmt zu leben. Andererseits sind wir vielen Juden oder Funktionären zu feministisch und zu demokratisch. Auch die jüdische Welt ist männlich dominiert. Es gibt Machtstrukturen, die einen fassungslos machen. Es sind ja hauptsächlich Frauen, die in den Ring steigen und die Sache nach vorn bringen, und denen werden pausenlos Steine in den Weg gelegt. Dabei geht es nicht um Gott oder Menschen, es geht um Macht und Geld. Auch in der Gesamtgesellschaft sehen wir doch, dass Frauen wieder mehr um ihre Rechte und LGBTQ-Menschen um Selbstverständlichkeiten kämpfen müssen. Ich spüre so eine allgemeine Unsicherheit darüber, was da eigentlich passiert in der Gesellschaft. Es fühlt sich manchmal an wie in der untergehenden DDR – allen ist klar, dass sich etwas ändern muss, aber keiner weiß so richtig, wie und wo es hingeht.

Judith Kessler: Wie nimmst du die Dynamik der letzten fünf Jahre – Flüchtlingsdiskussion, die aktuelle Antisemitismusdebatte usw. – wahr und wie schützt du dich mental vor diesen Zumutungen?

Jalda Rebling: Ich mache einfach weiter und lasse mich nicht beirren. Was ich meiner Mama wirklich zu verdanken habe, ist dieses spirituelle Moment: „Geh einfach los! Mach!“ Gott – oder wer immer – wird für den Rest sorgen. Wenn ich zurückblicke, haben die meisten Dinge in meinem Leben so begonnen. Ich habe mir meine Lehrer gesucht, nicht umgekehrt, und ich gehe auch mit der heutigen Situation so um. Antisemitismus ist ja nichts neues, der war immer da, solange ich denken kann. Ich habe das in meiner DNA, die nervöse Hand meiner Mutter, die nach meinem kleinen Händchen greift, sobald sie einer fremden Person gegenüberstand, oder dass ich mit ihr einkaufen gehen musste, weil sie sich allein nicht aus dem Haus getraut hat. Das war immer da. Es wird jetzt nur viel mehr darüber berichtet, es gibt Publikationen, Studien, Behörden und Vereine, die sich mit nichts anderem beschäftigen, als Statistiken zu erstellen.


Jalda, Anna und Wittbrietzen

Judith Kessler: Du lebst und arbeitest mit Anna Adam zusammen. Sie ist Malerin, Bühnenbildnerin, Konzeptkünstlerin und hat ein ähnliches Erbe in dem Sinne, dass auch ihre Mutter Auschwitz überlebt hat. Erzähl uns etwas über eure Beziehung.

Jalda Rebling: Wir sind schon 28 Jahre zusammen und haben 2009 geheiratet. Mein jüngster Sohn Joseph ist mit zwei Mamas aufgewachsen. Wir haben uns gegenseitig aus der Depression gezogen. Wir hatten sehr ähnliche Traumata und auch sonst viel gemein als Künstlerinnen und Jüdinnen. Die gemeinsame Erfahrung und dass man viele Dinge nicht erst erklären musste, hat uns geholfen. Ich bin sehr dankbar dafür, den Weg mit Anna zusammen gehen zu können. Wer weiß, ob es uns ohne einander noch gäbe. Aber gemeinsam sind wir stolze, fröhliche und selbstbewusste Jüdinnen.[15]

Judith Kessler: Ich kenne in Deutschland nicht Viele, die solch ein freudvolles, unzerknirschtes Verhältnis zu ihrem Jüdischsein haben. Wie gelingt das?

Jalda Rebling: Wir haben das zusammen geschafft. Als Anna ihr Satireprojekt „Feinkost-Adam“ gemacht hat, haben wir viel darüber gelernt, wie die Leute oder bestimmte Gutmenschen „ticken“ und wie weit ritualisiertes Gedenken und Abwehr gehen. Mit unseren Projekten wehren wir uns dagegen, auf die Shoah und die Opfer-Rolle reduziert zu werden. Wir versuchen, das Aggressive an den gegenseitigen Schuldzuweisungen aufzuknacken und auf satirische oder spielerische Art mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel stehen wir mit Annas „Happy Hippie Jew Bus“[16] auf Märkten oder besuchen Schulen. Und weil der bunt und lustig aussieht und mit lauter skurrilen Objekten bestückt ist, die „irgendwie“ jüdisch, aber nicht unbedingt „politisch korrekt“ sind, sind die Leute auch neugierig, verlieren ihre Ängste, fangen an, zu fragen und eben auch zu lernen. Das funktioniert nicht nur in der Fußgängerzone, sondern auch in einem Boxklub mit muslimischen Kids, wenn man versucht, Gemeinsamkeiten zu entdecken, und Unterschiede nicht als Dramen inszeniert. Wir müssen uns aufeinander zubewegen. Reb Zalman hat gesagt: So wie jeder Mensch eine Leber, Nieren oder Drüsen hat, braucht diese Welt auch eine Kultur wie unser kleines Judentum. Und ich bin einfach gerne jüdisch.

Judith Kessler: Ihr lebt inzwischen nicht mehr in Berlin, sondern in Wittbrietzen bei Beelitz und habt in der Dorfschule einen Ort „Makom – Kunst & Schule“ geschaffen.[17] Wie läuft‘s auf dem Land?

Das Foto zeigt Jalda Rebling und Anna Adam in Wittbrietzen im Mai 2021.Jalda Rebling und Anna Adam in Wittbrietzen, Mai 2021 (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2021)
Jalda Rebling: Hier wussten alle von Anfang an, dass wir jüdisch und ein Paar sind. Inzwischen wissen auch alle, dass wir keine Bratwurst essen. Die Wittbrietzener sind tolerant, unheimlich aktiv und solidarisch mit allen Dorfbewohnern. Hier hat auch die AfD keine Chance. Wir machen wie alle anderen bei allem mit, und die Leute besuchen unsere Veranstaltungen oder bringen Kuchen vorbei, wie zur Familie. Demnächst werden wir ein Konzert mit Süßkint von Trimberg, dem jüdischen Minnesänger aus dem Mittelalter, hier in der Kirche geben – eine 800 Jahre alte Kirche ist der perfekte Raum dafür, da kommt Trimberg her und da klingt es nach ihm! Zurzeit mache ich Video-Interviews mit den Wittbrietzenern, die hier im Haus zur Schule gegangen sind. Aber wenn ich will, hole ich mir die große weite Welt her. Ich sitze hier in meinem Kabüffchen, wir haben einen virtuellen Minjan[18] oder ich halte Online-Vorträge und bin mit Leuten verbunden, die am anderen Ende der Erde sitzen, während ich auf meinen Dorfplatz gucke. Das ist großartig. Ich habe das erste Mal im Leben das Gefühl, angekommen zu sein, und Anna auch.[19]

Zitierweise: "Jalda Rebling: Ich bin einfach gerne jüdisch", Interview mit Jalda Rebling, in: Deutschland Archiv, 25.5.2021, Link: www.bpb.de/333642

Hier erfahren Sie mehr zu Jalda Rebling >>

Fußnoten

1.
Von Roxane van Iperen, die das Haus vor einigen Jahren gekauft und seine Geschichte recherchiert hat, gibt es eine lesenswerte Doppelbiografie der Schwestern: Ein Versteck unter Feinden. Die wahre Geschichte von zwei jüdischen Schwestern im Widerstand, Hamburg 2020.
2.
Eberhard Rebling wurde Chefredakteur der Zeitung Musik und Gesellschaft, später war er Professor und Rektor der Hochschule für Musik, Mitbegründer der Singebewegung, Mitglied der Volkskammer und bis zu seinem Tod 2008 Mitglied der SED/PDS/die Linke.
3.
Im engeren Sinne ist es der erste Teil des Tanach, der hebräischen Bibel, bestehend aus den fünf Bücher Moses.
4.
Midrasch ist die Auslegung religiöser Texte im rabbinischen Judentum.
5.
Die Feier zur religiösen Mündigkeit, Bar bzw. Bat Mizwa – das steht für Sohn bzw. Tochter der Pflicht.
6.
Die Bima ist das Lesepult in der Synagoge, an dem aus der Tora gelesen wird.
7.
Die zur Ausübung der Religion gebräuchliche Kopfbedeckung, die ursprünglich nur von Männern getragen wurde.
8.
Die Art, wie in der jüdischen Liturgie gebetet und gesungen wird.
9.
Gebetbücher für die Feiertage.
10.
siehe auch: elatchayyim.org.
11.
Ordination als Rabbiner*in oder Kantor*in.
12.
Siehe auch: eajl.org.
13.
Siehe auch: ohel-hachidusch.org.
14.
Siehe auch: aleph.org.
15.
Kathinka Zeuner hat 2012 den Film „Jalda und Anna – Erste Generation danach“ darüber gedreht, wie die beiden gemeinsam die Vergangenheit bewältigen und ihre Freude am Judentum entdecken. Siehe dazu katinka-zeuner.de.
16.
Näheres zum Bus und den Projekten von Anna Adam unter happy-hippie-jew-bus.de und anna-adam.de.
17.
makom-kunstundschule.de
18.
Quorum von mindestens zehn Erwachsenen, das zur Durchführung eines Gottesdienstes nötig ist.
19.
Informationen über Jalda Reblings Projekte und ihre CDs erhält man auf ihrer Webseite: jalda-rebling.com.
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